The Americans 3x02

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Schon zum zweiten Mal in dieser Staffel hatten das Autorenduo Joe Weisberg und Joel Fields sowie Regisseur Daniel Sackheim die kreativen Zügel ihres Babys The Americans in der Hand - und das zahlt sich in Baggage noch etwas mehr aus als schon in der Auftaktepisode. Hier werden mehrere separate Geschichten erzählt, die aber alle irgendwie miteinander zusammenhängen. Gewürzt wird das Ganze mit einer Prise realhistorischer Ereignisse, den Zuckerguss liefern die Schauspieler mit einigen hervorragenden Auftritten.
It always changes
Der Titel der Episode ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen, wenngleich er natürlich auch im übertragenen Sinne verstanden werden kann. Schwere ethisch-moralische und emotionale Last haben schließlich sämtliche Akteure zu tragen. Was sie dabei jedoch nur langsam realisieren: Sie partizipieren an einem Spiel, das keine Gewinner kennt. Wie unmenschlich die Spionageaktivität sein kann, das zeigt uns diese exzellente Serie Woche für Woche. Die neue Episode zeigt dabei gleich mehrmals, was der Kalte Krieg mit den Menschen gemacht hat, die ihn auf kleinster Ebene ausgefochten haben.
Es ist wahrlich erschreckend, mit welcher Beiläufigkeit Philip (Matthew Rhys) und Elizabeth (Keri Russell) ihre Opfer (in diesem Fall: das Opfer eines Belauschten) entsorgen. Hier gehen Autoren, Regisseur und auch der Sounddesigner aber noch einen Schritt weiter. Die Szene, in der die beiden russischen deep cover-Agenten der Leiche von Annelise mehrere Knochen brechen, um sie in einem Koffer verstauen zu können, ließ mich erschaudern. Für diese Aufnahmen waren im Übrigen eine Puppe, eine Schlangenfrau und natürlich Schauspielerin Gillian Alexy selbst im Einsatz.
Weil Philip diesen Job nicht alleine erledigen kann, meldet er sich zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt bei Elizabeth. Sie versucht da nämlich gerade, die Bedenken ihrer Tochter Paige (Holly Taylor) hinsichtlich einer von ihr vermuteten Affäre Philips zu zerstreuen. Überhaupt wird die Beziehung zur Tochter zum immer größeren Problem des Ehepaar Jennings, da sie nun beginnt, sich für das Leben ihrer Eltern und die weltpolitische Lage zu interessieren - zwei Dinge, die untrennbar miteinander verbunden sind.

So ist es denn auch wenig überraschend, dass der Streit zwischen den Ehepartnern um die richtige Umgangsweise mit ihrer Tochter weiter eskaliert, bevor Elizabeth am Ende einen emotionalen Punktsieg für sich verbuchen kann. Philip möchte unbedingt verhindern, dass Paige in das wahre Leben ihrer Eltern eingeweiht und dem Wunsch des Center nach einer Ausbildung seiner Tochter zur „second-generation illegal“ entsprochen wird. Elizabeth, die schon immer von stärkerer Vaterlandsliebe und größerem Pflichtbewusstsein erfüllt war, hat den entgegengesetzten Standpunkt. Sie will den Vorgaben ihrer Befehlsgeber Gehorsam leisten.
When I was called, my mother didn't hesitate
Diese Disparität zwischen Assimilation und Distanz zum Klassenfeind zwischen Philip und Elizabeth bildet den dramatischen Kern von The Americans. Da ist es eine logische Schlussfolgerung, diesen Konflikt auf die richtige Erziehung ihrer Kinder zu übertragen - was „richtig“ in diesem Kontext auch immer heißen mag. Von ihrem Mentor Gabriel (Frank Langella) und einem Traum von ihrer Mutter mit einer Extraportion Motivation ausgestattet, gelingt Elizabeth am Ende ein emotionaler Appell für ihre Sichtweise. Philip kann da nur noch mit einem betretenen Schweigen antworten. Innerlich weiß er vielleicht schon, dass er der Willenskraft seiner Ehefrau nichts entgegenzusetzen hat.
Elizabeth' Ehrgeiz wird auch im Umgang mit dem unerwarteten asset Yousaf Rana (Rahul Khanna) offenbar, dem Mörder von Annelise. Ihn wollen sie und Philip nutzen, um an die Namen der CIA Afghan Group zu kommen, die Elizabeth in der Auftaktepisode der dritten Staffel im Kampf mit FBI-Agent Frank Gaad (Richard Thomas) verloren hatte. Ihre dabei erlittenen Schmerzen spielen auch in Baggage wieder eine kleine Rolle - sie kann nämlich nicht zum Arzt gehen, weil sie vermutet, dass das FBI in Krankenhäusern und Praxen ihr Phantombild verteilt hat.
Diese erhöhte Vorsicht hält sie denn aber nicht davon ab, eine riskante Aktion zu wagen. Gemeinsam mit Philip überwacht sie Yousaf bei dessen Treffen mit seinen Kontaktleuten von der CIA (zumindest behauptet er, sie seien von dort). Sie verfolgen die Gruppe zu einer Sportbar, machen Aufnahmen von den Nummernschildern der entsprechenden Fahrzeuge und begeben sich schließlich in die gleichen Räumlichkeiten wie ihre Zielobjekte. Philip nimmt die angespannte Situation gar zum Anlass, einen kleinen Witz zu reißen: „We should do this more often.“ („Wir sollten das öfter tun.“)

Beim feinen Humor von The Americans muss man öfter zweimal hinhören, um etwas davon mitzubekommen. Eine amüsante Szene ereignet sich auch in der Küche von Familie Jennings, als sich Paige beim Zeitungsstudium darüber echauffiert, dass die amerikanische Regierung ihre Ausgaben für Universitätsstipendien zurückfahren will und die entstandene Lücke von Unternehmen der Privatwirtschaft geschlossen werden sollen. Ihr Bruder entgegnet darauf nur fröhlich: „I'm going to Coca Cola College.“ („Ich gehe dann auf die Coca-Cola-Hochschule.“)
This isn't a prison for innocent people
Das wären dann aber auch schon alle comic relief-Momente dieser Episode gewesen. Die übrigen Handlungsstränge sind nämlich eher vom düsteren Ausblick ihrer Protagonisten gekennzeichnet. Stan Beeman (Noah Emmerich) hat eine Nahtoderfahrung, weil sich Oleg Burov (Costa Ronin) dazu berufen fühlt, die Ehre von Nina Sergeevna (Annet Mahendru) mit Waffengewalt zu verteidigen. Danach startet er erneut einen Versuch, seine Noch-Ehefrau Sandra (Susan Misner) zurückzugewinnen, die mit dem gemeinsamen Sohn Matthew im Haus ihres neuen Freundes lebt.
Erfolg hat Stan nicht: „I'm not coming back because you almost got shot.“ („Ich komme nicht zu dir zurück, weil du beinahe erschossen worden wärst.“) Sowohl Emmerich (der schon in der Telefonzellen-Szene brilliert) als auch Misner liefern hier herausragende schauspielerische Leistungen ab. Bei der Arbeit bekommt Beeman indes die Aufgabe, eine per Frachtkiste in die USA transportierte Überläuferin eines russischen Forschungsinstituts (aka eines verlängerten Arms des KGB) zu eskortieren.
Zum ersten Mal in dieser neuen Staffel taucht Nina Sergeevna auf. Sie sitzt in einer Gefängniszelle ohne sanitäre Einrichtungen in Moskau und wartet darauf, dass irgendetwas passiert. Bald darauf bekommt sie mit Evie (Katja Herbers aus Manhattan, yay!) eine neue Zellengenossin, der sie aber vorerst nur die kalte Schulter zeigt. Gesprächiger ist sie da schon gegenüber ihrem Befrager Igor Pavlovich (Boris Lee Krutonog), der sich als Olegs Vater ausgibt - wobei nicht ausgeschlossen ist, dass er es auch wirklich ist.
Jedenfalls versucht sie, über ihn eine Nachricht an Oleg zu übermitteln. Ob das auch klappt, oder ob Pavlovich gar bei ihr ist, um ihr aus ihrer misslichen Situation zu helfen, darf indes bezweifelt werden. Nicht bezweifelt werden kann hingegen, dass The Americans mit dem Start seiner dritten Staffel ein eindeutiges Signal an die Konkurrenten im Bereich des Qualitätsfernsehens sendet: „As long as you let me do what I do, it's gonna be okay.“ („Lasst ihr mich nur machen, dann ist alles okay.“) Ich würde ergänzen: Nicht nur okay, sondern auch großartig!
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 5. Februar 2015(The Americans 3x02)
Schauspieler in der Episode The Americans 3x02
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