Sherlock 4x02

© zenenbild aus âSherlockâ / (c) BBC One
Nach dem frĂŒhzeitigen Ableben von Mary (Amanda Abbington) in der letzten Folge (The Six Thatchers) war in The Lying Detective eine Menge Dunkelheit zu erwarten und genau das liefert die von Steven Moffat geschriebene Episode nicht zu knapp. Eine Bestandsaufnahme der trĂŒbseligen Art scheint auch durchaus angemessen. John (Martin Freeman) befindet sich wie zu Beginn der Serie, als er als einsamer Kriegsveteran sein Leben fristete, in Therapie und leidet unter Schlafstörungen. Doch nicht nur das, seine verstorbene Frau erscheint ihm als Halluzination und er grĂ€mt sich vor Schuld, weil seine kleine Tochter bei Freunden unterkommen muss - und vermutlich auch wegen der beim letzten Mal angedeuteten AffĂ€re. Hier zeigt sich abermals wie gekonnt Freeman es schafft Trauer zu verkörpern. Seine herzzerreiĂende, wenn auch ins verĂ€rgerte gleitende Performance erinnert dabei an die brillant gespielten Momente der Episode The Reichenbach Fall, in denen er Sherlock (Benedict Cumberbatch) fĂŒr tot hielt.

Dem Titelhelden geht es nach den schicksalshaften Ereignissen erwartungsgemÀà nicht viel besser und so gibt er sich unter Aufsicht des Junkie-Genies Bill Wiggins (Tom Brooke) voll und ganz seinen alten Drogengewohnheiten hin. Zerstreuung findet er nebenbei in den FÀllen von ihn aufsuchenden Klienten und so empfÀngt er die verstört wirkende Faith, die Tochter des einflussreichen GeschÀftsmanns und Philanthropen Culverton Smith (Toby Jones). Unter Anwesenheit mehrerer mÀchtiger Personen soll er vor Jahren gestanden haben, einen Mord begehen zu wollen. Nur erinnert sich Faith nicht mehr an die Details, da die geladenen Zuhörer des GestÀndnisses unter Einfluss einer gewissen Droge standen. Sherlocks Gehirn lÀuft trotz allem auf deduktivem Autopilot, auch wenn er unter Einfluss der weniger gesunden Substanzen nicht hinterherkommt und so dauert es eine Weile, bis er realisiert, dass seine Klientin plant, sich das Leben zu nehmen und der Fall doch nicht so unspannend ist wie zunÀchst angenommen.
I'm not sweet, I'm just high.
Jene Szenen, bis Sherlock zu dem Schluss kommt, dass Culverton Smith ein stinkreicher und einflussreicher Serienkiller sein muss, der nicht jemanden sondern irgendjemanden umbringen will, sind Ă€uĂerst desorientierend aufgebaut, sowohl von der Inszenierung als auch vom Schnitt her. Wir werden somit in Sherlocks Situation versetzt, der im einen Moment noch mit seiner Klientin redet, im nĂ€chsten mitten auf einer Londoner StraĂe steht und sich dann doch wieder in seinem Apartment in der Baker Street wiederfindet. Hierbei kommen auch SzenenĂŒbergangs-Tricks zum Einsatz, die wir frĂŒher schon im Zusammenhang mit den Mindpalace-Ermittlungen gesehen haben.
WĂ€hrend Bruderherz Mycroft (Mark Gatiss) gleich mehrere Regierungsaugen auf Sherlock richtet, ist es Mrs. Hudson (Una Stubbs), die Sherlock schlieĂlich mit einem Auftritt, der sich gewaschen hat, bei John in der Therapiestunde abliefert. Etwas, das Sherlock bereits inklusive weiterer Details zwei Wochen zuvor geplant hatte, obwohl nicht einmal John zu diesem Zeitpunkt wusste, wo er zur Behandlung gehen wĂŒrde. Beeindruckend ist hier vor allem, wie gut die Balance aus unausweichlichem Melodram angesichts der durch Trauer induzierten Charakterkonflikte und die Situationen mit auflockerndem Humor gelingt. Sherlocks Leidenschaft fĂŒr den Culverton-Fall sowie das DrĂ€ngen von Mrs. Hudson und Johns toten Frau, bringen ihn schlieĂlich dazu, sich an den Ermittlungen zu beteiligen. Sollte dies alles ein langwieriger und komplizierter Plan sein, um Marys letzten Willen (die Rettung von John nach ihrem Tod) zu erfĂŒllen, scheint er aufzugehen. The game is on.
Episodenschurke Culverton Smith, der von Sherlock als gefĂ€hrlichster Gegenspieler aller Zeiten aufgebauscht wird, entpuppt sich tatsĂ€chlich als formidabler Gegenspieler, in welchen sowohl Donald Trump als auch diverse UK-Politiker oder sogar durch Operation Yewtree untersuchte Medienfiguren hereinzulesen sind. In den HĂ€nden von Schauspieler Toby Jones wirkt die Figur schon vom ersten Auftritt an Ă€uĂerst bedrohlich und sogar noch widerwĂ€rtiger als Charles Augustus Magnussen (Lars Mikkelsen), der big bad aus der letzten Staffel. Was genau sein Plan ist und warum er den Anwesenden von seinen MordgelĂŒsten berichtet, erscheint zunĂ€chst undurchsichtig. Nach der Mary-Halluzination, den erinnerungsĂŒberschreibenden Drogen und Sherlocks selbst zugefĂŒgten ZustĂ€nden (und nicht zuletzt durch die Tatsache, dass Twist-Fetischist Moffat die Folge schrieb) sollten hier allerdings sĂ€mtliche Alarmglocken aufmerksamer Zuschauer losgehen.
It's Funny Because It's True
Die Frage, ob Sherlock sich die von Smith ausgehende Bedrohung lediglich einbildet, wird in den folgenden Minuten recht kunstvoll erforscht. Nachdem er sich in einem neuen MĂŒsli-Werbespot öffentlich zum „Cereal Killer“ erklĂ€rt, lĂ€dt er Sherlock und John in sein Krankenhaus ein, wo einigen Kindern ein Treffen mit dem berĂŒhmten Detektiv versprochen wurde. Dabei wirft Smith die Frage auf, ob man ihrer MajestĂ€t jemals auf die Schliche kommen wĂŒrde, sollte die Queen sich als Serienmörderin versuchen. Sollte sich Smith tatsĂ€chlich als das entpuppen, wofĂŒr Sherlock ihn hĂ€lt, kennt sein GröĂenwahn wahrlich keine Grenzen. In seinem Lieblingsraum, der Leichenschauhalle, kommt es schlieĂlich zu einem frĂŒhzeitigen Mini-Showdown. Wie eine Schlange windet sich Smith um das beinahe offenkundige aber nie ausgesprochene GestĂ€ndnis, wĂ€hrend Sherlock nur darauf wartet, dass ein von ihm in Gang gesetzter Plan zur ĂberfĂŒhrung des Killers aufgeht. Als Faith (Gina Bramhill) endlich auftaucht und nicht die gleiche Frau ist, die Hilfe suchend in die Baker Street kam, eskaliert die Situation. Sherlock geht auf Smith los und John entwaffnet Sherlock, woraufhin er einiges an aufgestauter Aggression an seinem zugedröhnten Freund herauslĂ€sst. „He is entitled, I killed his wife“, beschwichtigt Sherlock die Anwesenden.

Mary war bewusst, dass ihr Mann die Hilfe anderer niemals annehmen wĂŒrde, weshalb ihre Video-Anweisung an Sherlock lautete, sich in Gefahr zu begeben, um sich wiederum von John retten zu lassen. Genau das tut er, wĂ€hrend er sich in Smiths Krankenhaus liegend dem vermeintlichen Serienkiller aussetzt, dem endlich das GestĂ€ndnis von den Lippen fĂ€llt. Ebenso verlĂ€sslich taucht John im letzten Moment auf und rettet Sherlock davor erdrosselt zu werden, auch wenn der angeblich tödliche Tropf in seinen Venen nur eine Salzlösung war. Man spielt damit auf die Vorlage „The Dying Detective“ von Arthur Conan Doyle an, in welcher Sherlock Holmes den Mörder ĂŒberfĂŒhrt, indem er nach tagelangem Hungern simuliert von ihm vergiftet worden zu sein und Dr. Watson als im Raum versteckter Zeuge das GestĂ€ndnis mithört. Das in der losen Adaption mitgeschnittene GestĂ€ndnis ist zwar vor Gericht nichts wert, bringt Culverton Smith jedoch dazu, in einen GestĂ€ndnis-Marathon zu verfallen, der Lestrade (Rupert Graves) einiges an Ăberstunden beschert.
You remember what happened to the other one?
Nach AufklĂ€rung des Falls ist die Episode lĂ€ngst nicht vorĂŒber, denn es gibt noch einiges an Fanservice abzuhaken: Sherlock gibt zu, eine Nachricht von Irene „The Woman“ Adler erhalten zu haben, woraus John korrekt schlieĂt, dass es Sherlocks Geburtstag ist. Danach spricht sich John gegenĂŒber Sherlock und Marys Geist bezĂŒglich seiner SMS-AffĂ€re aus und bekommt unter TrĂ€nen endlich die nie fĂŒr möglich gehaltene Umarmung, was nach dem Fantasie-Kuss mit Moriarty wohl den nĂ€chsten Tumblr-Meltdown verursachen dĂŒrfte. DarĂŒber hinaus wird auch noch eine sich anbahnende Romanze zwischen Mycroft und Lady Smallwood (Lindsay Duncan) angedeutet und dann ist da noch die bereits erwĂ€hnte Angelegenheit des dritten Holmes-Bruders.
Der aus Notizen von Conan Doyle entnommene Name Sherrinford geistert einige Male durch die Episode, doch wie bereits in Doctor Who, wo Chefautor Moffat den Erzfeind namens The Master als Missy (Michelle Gomez) zurĂŒckbrachte, bekommen wir es hier mit einem Geschlechtertausch-Twist zu tun. Wie sich herausstellt, ist der dritte Holmes-Geschwisterteil eine Schwester namens Eurus (Sian Brooke), die als Meisterin der Verkleidung sowohl als Johns AffĂ€re aus dem Bus, als falsche Faith vom Beginn der Episode und Johns Therapeutin auftrat. Offenbar ist die Holmes-Schwester jenes brillante aber böse Genie, in welches sich Sherlock laut Polizistin Sally Donovan (Vinette Robinson) einst verwandeln könnte und lĂ€sst die Episode durch einen Schuss auf John mit einem Cliffhanger enden.
Fazit
The Lying Detective vollbringt einige beeindruckende KunststĂŒcke. Der Episode gelingt es zum einen, den Scherbenhaufen aus der vorigen Folge aufzuheben und mit einer trotz allem vielseitigen Folge voller Spannung, gut platziertem Verschnauf-Humor und groĂen Emotionen weiterzumachen. Zum anderen bricht sie die Sherlock-Tradition, nach welcher die zweite der drei Staffelfolgen bisher verlĂ€sslicherweise die schwĂ€chste darstellte.
Sowohl die altbekannten Hauptdarsteller als auch Steven Moffat sind hier voll in ihrem Element, wĂ€hrend sich Toby Jones als garstiger Gegenspieler als echter Gewinn entpuppt, der sein Schurkentum gern auch ĂŒber die gesamte Staffel verteilt hĂ€tte walten lassen können. Neben cleveren Dialogen gibt es auch wieder einiges an klassischer Sherlock-Ermittlungs-Action, die gewohnt visuell ansprechend aufgepeppt wurde.
WĂ€hrend der verstĂ€rkte Einsatz von Mrs. Hudson und selbst die Mary-Halluzination wunderbar in die Episode passen, hĂ€ufen sich gegen Ende doch die Fan-Service-Momente, die wie als Belohnung fĂŒr das durchstehen dieser doch sehr dĂŒsteren Folge anmuten. Trotz all der Referenzen und Erinnerungen an Vergangenes bleibt seltsamerweise noch immer die seit dem dritten Staffelfinale erwartete Post-Mortem-Konfrontation mit Moriarty aus, nachdem das letzte „Miss Me?“ wieder nicht auf dessen, sondern den Mist der nahezu seifernopernhaft enthĂŒllten Holmes-Schwester gewachsen war.
Verfasser: Mario Giglio am Montag, 9. Januar 2017Sherlock 4x02 Trailer
(Sherlock 4x02)
Schauspieler in der Episode Sherlock 4x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?