Sherlock 4x03

Sherlock 4x03

Das vierte Staffelfinale von Sherlock führt die Boys aus der Baker Street zurück in die Kindheit der Holmes-Brüder. Ein dunkles Familiengeheimnis und Sherlocks erster Fall werden in The Final Problem aus den Schatten geholt.

Der vorläufig letzte Fall für „Sherlock“ / (c) BBC One
Der vorläufig letzte Fall für „Sherlock“ / (c) BBC One
© er vorläufig letzte Fall für „Sherlock“ / (c) BBC One

Eine weitere Sherlock-Staffel geht mit der Episode The Final Problem zu Ende und hat einiges zu erledigen, ehe die Credits über den Bildschirm rollen dürfen. Der Fall der mysteriösen Holmes-Schwester will geklärt werden, Jim Moriartys Semi-Wiederauferstehung steht auf dem Programm und dann muss das Ganze vorerst hübsch abgerundet als Serienfinale funktionieren. Denn auch wenn sich Steven Moffat und Mark Gatiss mittlerweile optimistischer äußerten, was eine fünfte Staffel angeht, ist diese weder bestätigt noch in absehbarer Zukunft zu erwarten. Benannt ist die Folge übrigens nach jener Geschichte, in welcher Sherlock Holmes einst am Reichenbachfall sein vorläufiges Ende fand.

There is an East Wind Coming

Dass der unnötige und wenig spannende Cliffhanger aus der letzten Episode (The Lying Detective) kompletter Humbug war, lamentierten viele Zuschauern bereits letzte Woche. Zum einen hatte der Trailer zur Episode direkt im Anschluss einen sehr lebendigen John Watson (Martin Freeman) gezeigt, zum anderen hätte wohl niemand damit gerechnet, dass Eurus (Sian Brooke) uns des emotionalen Pfeilers der Serie vor der finalen Episode berauben würde. Der Beginn des Staffelfinales in Form von abgedroschenen Horrorfilmklischees lässt zudem einen Moment lang um die Integrität der angeblich so cleveren Holmes-Schwester und die der Serie bangen. Zum Glück handelte es sich lediglich um einen Mummenschanz für Mycroft (Mark Gatiss), dem Sherlock (Benedict Cumberbatch) durch diese enorm aufwändige Inszenierung die Bestätigung bezüglich der Existenz von Eurus entlockt. Gedemütigt findet der sich schließlich auf der Klientencouch in der Baker Street wieder, wo er endlich halbwegs reinen Wein einschenkt.

Wir erfahren, dass Eurus Holmes nicht nur ebenso brillant wie ihre beiden Brüder ist, sondern sie geistig bei Weitem übertrifft. Allerdings fehlt ihr jegliches Verständnis für Moral und sie musste nach dem Abbrennen des Familienanwesens schon in früher Kindheit weggesperrt werden. Sherlock, der mit Nachhilfe von Mycroft sämtliche Erinnerungen an seine Schwester verdrängt hat, kommen nun Erinnerungen an den Tod seines Hundes Redbeard zurück, den Eurus vermutlich ertränkt hat. Untergebracht ist Fräulein Holmes in Sherrinford, einer nach dem vermeintlichen Holmes-Bruder aus den Aufzeichnungen von Arthur Conan Doyle benannte Hochsicherheitseinrichtung, aus der es eigentlich kein Entkommen geben dürfte. Wie kann es also sein, dass Sherlock mit ihr Pommes aß und John Therapiestunden bei ihr nahm? Kann es am Ende sein, dass Sherlocks Aussage „It's never twins“ dieses Mal nicht zutrifft und Mycroft einen weiteren Geschwisterteil verheimlicht?

BBC One
BBC One - © BBC One

Nach dem Besuch einer per Drohne gelieferten Handgranate mit Bewegungssensor, die unsere drei Helden - ja, Mycroft ist dieses Mal Teil der Ermittlungen - nur knapp mit dem Leben davonkommen lässt und das Apartment in der Baker Street abermals in Schutt und Asche legt, werden mithilfe eines entführten Boots und einer listigen Verkleidung sämtliche Sicherheitsvorkehrungen von Sherrinford übergangen. Der Prison Governor der auf einer Insel gelegenen Anstalt (Art Malik) muss sich daraufhin Schelte von Mycroft gefallen lassen, während Sherlock seiner fast vergessenen Schwester einen Besuch abstattet. Die Episode wird ab hier zum Sammelsurium von Filmreferenzen. Allem voran drängen sich Vergleiche zum sogar namentlich erwähnten „The Silence of the Lambs“ auf, wobei die zweite Hälfte der Folge sich wie ein Film aus der „Saw“-Reihe anfühlt und man gegen Ende meinen könnte, den Showdown von „The Ring“ wiederzuerkennen.

Den ersten und besten Twist (und wir haben einiges an Moffat-tastischen Wendungen abzuarbeiten) gibt es gleich zu Beginn serviert, als Sherlock seiner gefährlichen Verwandten nur durch eine Glasscheibe getrennt gegenübersteht. Wie John und Mycroft sich in der Zwischenzeit berichten lassen, besitzt Eurus die Gabe, Menschen innerhalb weniger Minuten so stark zu beeinflussen, dass sie ihr komplett hörig werden. Dass das auch auf den Governor der Anstalt zutrifft, der die Kontrolle von Sherrinford längst an die Gefangene übergeben hat, wird in jenem Moment aufgeklärt, in dem Sherlock feststellt, dass sich überhaupt keine Glasscheibe in dem Zellenraum befindet. Wie gut dieser Schreckmoment funktioniert, muss zum Großteil auf Schauspielerin Sian Brooke zurückgeführt werden, die weder eine exzentrische Performance wie Andrew Scott als Moriarty hinlegt, noch mit der Starpower (oder dem Gesicht) eines Toby Jones daherkommt, aber eine kalte und unberechenbare Gegenspielerin überzeugend darzustellen weiß.

Apropos Moriarty: Auf die effektive Glasillusion folgt gleich der nächste und allergrößte „WTF“-Moment, auch wenn ich diesen beinahe als unfair bezeichnen möchte. Ohne uns gleich zu Beginn des folgenden Flashbacks darüber zu informieren, dass wir fünf Jahre in die Vergangenheit gesprungen sind, landet Jim Moriarty ganz ohne Loch im Kopf mit einem Helikopter auf der Insel und für einen glorreich unglaubwürdigen, mit „I Want to Break Free“ von Queen unterlegten Moment, sieht es so aus, als wären Moffat und Gatiss tatsächlich wahnsinnig genug, den Erzfeind, der bereits in The Reichenbach Fall starb, wiederauferstehen zu lassen. In Wirklichkeit wurde er fünf Jahre zuvor von Mycroft geladen, um als Weihnachtsgeschenk für Eurus zu fungieren. Fünf Minuten unbeaufsichtigten Plausch mit dem Mann, der so an ihrem Bruder interessiert ist, lagen leichtfertigerweise unterm Baum. Fünf Minuten, die vielleicht für den Ausgang des damaligen Showdowns mitverantwortlich zeichnen und sich nun erneut als keine besonders gute Idee entpuppen.

I Want to Play a Game

Mit Sherlock, John, Mycroft und dem Governor in einer der Zellen und einem kleinen Mädchen, das von einem Flugzeug voller bewusstloser Menschen aus in Intervallen per Telefon zugeschaltet wird, beginnt Eurus eine Reihe von Spielen, die zum einen als Experimente zur Erforschung ihrer menschlichen Laborratten dienen, zum anderen die Absurdität von Moral aufzeigen sollen. So müssen entweder John oder Mycroft den Leiter der Anstalt erschießen, weil sie sonst dessen Frau ermordet. Mycroft winkt überraschenderweise sofort ab. Obwohl er von seinem Büro aus sicherlich mehrere Tötungen beordert hat, weigert er sich, sich persönlich die Hände schmutzig zu machen. John zeigt Verständnis für das Anliegen, die Ehefrau retten zu wollen und drückt beinahe den Abzug, bevor auch er eingesteht, es nicht zu können und damit beide zum Tode verurteilt. Die Rettung des Mädchens im Hinterkopf behaltend lassen sich die drei Übriggebliebenen ohne nennenswerte Optionen auf weitere Spiele ein.

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Nicht weniger nervenaufreibend geht es deshalb weiter, als angeblich das Leben von Molly auf dem Spiel steht. Sherlock muss sie innerhalb kurzer Zeit dazu bringen, am Telefon die Worte „Ich liebe dich“ zu sagen, damit ihre Wohnung nicht detoniert. Warum das gegenüber der liebenswürdigen Pathologin, die seit Jahren ihr Bestes gibt, über ihre Liebe zu Sherlock hinwegzukommen, besonders grausam ist, leuchtet sogar Sherlock ein, dem keine andere Wahl bleibt, als seine Freundin psychisch zu zermürben. Dass es danach mit der Frage Family or Friend? weitergeht, war wohl nicht zu vermeiden. Sherlock hat noch eine Kugel in seiner Waffe und soll entweder seinen Bruder oder seinen besten Freund töten. Zur Lösung des Flugzeug-Rätsels wäre Mycroft der bessere Partner, weshalb dieser sich nur allzu offensichtlich arrogant und grausam gibt, damit er die Kugel abbekommt. Ein Schauspiel, das Sherlock direkt durchschaut und es stattdessen dem Governor gleichtun will. Dass er das Spiel durch Suizid beendet, lässt Eurus allerdings nicht zu und setzt ihre Gefangenen mit äußerst präzise ausgerichteten Betäubungspfeilen aus der Wand außer Gefecht.

Der Showdown findet schließlich im alten Holmes-Anwesen statt, wo John in einem sich mit Wasser füllenden Brunnen gesperrt um sein Leben fürchtet und die Knochen von Redbeard entdeckt, über den es noch eine letzte Wahrheit zu erfahren gibt. Nicht wenige werden an dieser Stelle vermuten, dass Sherlock selbst sich von seiner Schwester hat überzeugen lassen, seinen Hund umzubringen, aber tatsächlich ist die Realität noch etwas grausamer. Sherlock hatte keinen Hund, sonder einen Spielgefährten namens Victor Trevor (benannt nach einem Freund von Sherlock Holmes aus den Originalkrimis), den Eurus aus Eifersucht im Brunnen ertrinken ließ. An Twists hätte es mit diesem Schlag in die Magengrube auch ausgereicht, aber leider steht uns noch eine weitere Überraschung ins Haus, die auf wackligeren Beinen steht als der Rest.

Ein gruseliges Lied, das Eurus nach dem Verschwinden des Freundes sang, lässt Sherlock in Kombination mit den rätselhaften Grabsteinen seines ersten ungelösten Falls aus seiner Kindheit ein Gedicht entschlüsseln. Dies führt ihn allerdings nicht zum Brunnen, wodurch er seinen Victor Trevor damals hätte retten können, sondern ins Kinderzimmer von Eurus, die sich als Mädchen aus dem Flugzeug entpuppt. Der Flieger stellt eine Art metaphorischen Mind Palace dar, der die intellektuelle Abgehobenheit sowie die Isolation und Hilflosigkeit der Holmes-Schwester darstellen soll. Nur ist es schwer sich vorzustellen, dass Eurus das Mädchen bewusst als Druckmittel in ihrem detailreich geplanten Spiel einbauen konnte und ebenso unbefriedigend ist es, dass es lediglich ein „Bitte sei jetzt lieb“ von Sherlock benötigt, um die Situation aufzulösen.

Zum Abschluss geht es noch einmal äußerst versöhnlich zu. Die 221B der Baker Street wird renoviert, Mycroft informiert Mr. und Mrs. Holmes (Timothy Carlton und Wanda Ventham) über ihre totgeglaubte Tochter und Sherlock kann sich endlich den Vornamen von Greg Lestrade (Rupert Graves) merken, der Sherlock im Gegenzug zu einem „guten Mann“ erklärt. Dann kommt sogar noch eine weitere Videobotschaft von Mary (Amanda Abbington) mit der Post, die uns mit viel Pathos einen Lobgesang auf ihre beiden legendären Jungs aus der Folge hält - der hätte ebenso gut auf den Titelhelden aus Moffats anderer Serie (Doctor Who) gepasst, wenn man „Scruffy Flat“ durch „TARDIS“ ersetzt hätte.

Fazit

The Final Problem funktioniert insgesamt besser, als es sich in der Beschreibung anhört. Zugegeben, die überraschenden Wendungen, mit der die Folge clever erscheinen möchte, häufen sich mehr als sonst, Filmreferenzen zu ausgerechnet „Saw“ klingen erst einmal nicht nach einer guten Idee und der letzte Twist sowie die Verbindung zwischen dem finalen Rätsel und dem Familiengeheimnis sind mehr als schwammig. Darüber hinaus hatte Moriartys Rückkehr nach all dem aufgebauten „Miss Me?“-Hype ärgerlich wenig mit ihm selbst zu tun (auch wenn er wiederholt als hinterlassene Videoaufzeichnung durch die Episode geistert) und führte letztlich zu nicht mehr als einem missglückten Racheakt.

Trotz alledem überwiegen die positiven Aspekte: Sian Brooke überrascht als eine den Holmes-Brüdern mehr als würdige Antagonistin. Ihre Psychospiele lassen einen mehrfach die Luft anhalten. Mycroft gemeinsam mit dem gewohnten Duo in Aktion zu sehen, brachte eine frische Dynamik in die Ermittlungen und einige der Überraschungen der Episode konnten wirklich sauber landen. Da fällt es auch nicht schwer, über die reichlich aufgeblasene Siegerrunde hinwegzusehen, die sich die Serie zum Schluss gönnt.

Verfasser: Mario Giglio am Montag, 16. Januar 2017
Episode
Staffel 4, Episode 3
(Sherlock 4x03)
Deutscher Titel der Episode
Das letzte Problem
Titel der Episode im Original
The Final Problem
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Sonntag, 15. Januar 2017 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Sonntag, 11. Juni 2017
Erstausstrahlung der Episode in Österreich
Sonntag, 11. Juni 2017
Autoren
Mark Gatiss, Steven Moffat, Arthur Conan Doyle, Steven Moffat
Regisseure
Rachel Talalay, Nick Hurran, Ben Caron

Schauspieler in der Episode Sherlock 4x03

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