Sherlock 3x04

Sherlock 3x04

An Neujahr lief in Großbritannien das Weihnachtsspecial von Sherlock, welches nicht Weihnachtsspecial heißen sollte, weil es ja an Neujahr ausgestrahlt wurde. Großartige Unterhaltung hat es aber so oder so geboten, ganz gleich wie man es auch nennen möchte.

Neuer Blick auf Watson (Martin Freeman, l.) und Sherlock (Benedict Cumberbatch, r.). / (c) BBC
Neuer Blick auf Watson (Martin Freeman, l.) und Sherlock (Benedict Cumberbatch, r.). / (c) BBC

Das passiert in der Sherlock-Folge The Abominable Bride:

London im späten 19. Jahrhundert: Dr. John Watson (Martin Freeman, „Der Hobbit: Die Schlacht der fünf Heere“) kehrt verwundet aus dem 2. Afghanischen Krieg nach England zurück. Er ist dringend auf der Suche nach einer bezahlbaren Unterkunft. Da vermittelt ein Bekannter von der Uni ihm die Bekanntschaft eines gewissen Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch, „The Imitation Game“). Bald schon begleitet Watson den Detektiv bei seiner Arbeit - und bringt die Fälle für das Strand Magazine zu Papier.

Inspector Lestrade (Rupert Graves) trägt Holmes einen neuen Fall an, welcher selbst dem Scotland-Yard-Mann einen Schauer über den Rücken jagt: Emilia Ricoletti (Natasha O'Keeffe, The Last Panthers) hat - dazu noch in ihrem Brautkleid - ziemlich öffentlichkeitswirksam Selbstmord begangen. Am Abend lauert sie ihrem Gatten beim Verlassen einer Opiumhöhle auf und erschießt ihn, noch dazu vor den Augen eines Polizisten. Es ist ein Fall, der vollkommen unerklärlich scheint: Wie kann eine Frau, die bereits tot ist, einen Mord begehen?

Emilia (Natasha O%26#039;Keeffe) © BBC
Emilia (Natasha O%26#039;Keeffe) © BBC

Und daran, dass Emilia tot ist, kann kein Zweifel bestehen. Sie hat sich in den Mund - und buchstäblich das Gehirn aus dem Kopf geschossen. „Der“ Gerichtsmediziner Hooper (Louise Brealey) bestätigt, dass Emilia eindeutig identifiziert worden ist. Eine Zwillingsschwester, wie Watson spekuliert, gibt es nicht. Sherlock ist sich sicher, dass das Verbrechen unmöglich einen übernatürlichen Ursprung haben kann. Eine Erklärung für den rätselhaften Mord hat er aber auch nicht.

Mit dem einen Mord ist es aber nicht getan. Über Mycroft (Mark Gatiss) kommt eine neue Klientin zu Holmes, Lady Carmichael (Catherine McCormack, „Braveheart“), die Angst um ihren Ehemann (Tim McInnerny, Doctor Who-Fans aus Planet of the Ood bekannt) hat. Sir Eustace wird nämlich von einer geisterhaften Braut bedroht, Emilia Ricoletti. Holmes und Watson versuchen, dem Geist eine Falle zu stellen. Den Mord an Sir Eustace können sie aber trotzdem nicht verhindern.

Die Frage, wie eine Tote diese Verbrechen verüben kann, lässt Sherlock nicht los. Tief in seinem Inneren weiß er, dass es da noch einen anderen Fall gibt, in dessen Mittelpunkt die Rückkehr eines Toten steht. Genau deshalb muss er den vorliegenden Fall klären.

Aufbrechen der Wahrnehmungsroutinen

Sechs Jahre sind vergangen, seit Sherlock zum ersten Mal auf den Bildschirm gekommen ist. Und nach wie vor kann man sich eigentlich nur verneigen vor der großartigen Neubearbeitung des Holmes-Stoffes, die Steven Moffat und Mark Gatiss hier zustande gebracht haben. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist Sherlock Holmes dutzendfach, ach was, hundertfach verfilmt worden. Fast jeder Zuschauer ist in der ein oder anderen Form mit den Figuren und Geschichten oder auch nur einzelnen Motiven daraus vertraut. Die Schattenseite dieser Vertrautheit sind die eingefahrenen Wahrnehmungsmuster und -routinen, mit denen wir auf die Doyle'sche Kreation schauen. Da Pfeife und Mütze, hier der Hund von Baskerville. Alles wohl bekannt.

Mit der Verlagerung der Geschichten in unsere Gegenwart haben es Moffat und Gatiss geschafft, uns Sherlock Holmes noch einmal völlig neu entdecken zu lassen; das Altbekannte im Spiegel der Zeit neu zu sehen - mit allen Brechungen und Verwerfungen, aber auch Kontinuitäten, die zwischen Holmes im viktorianischen Kontext und dem des frühen 21. Jahrhunderts bestehen.

Der nächste Schritt

Mit The Abominable Bride gehen Moffat und Gatiss nun den nächsten Schritt: Sie nehmen den uns mittlerweile durch drei Staffeln vertraut gewordenen modernen Sherlock - und stecken ihn in das ursprüngliche Holmes-Setting des späten 19. Jahrhunderts. Dass das Neujahrsspecial so angelegt sein würde, war zwar bereits seit geraumer Zeit bekannt. Es dann aber tatsächlich mit eigenen Augen zu sehen, ist aber doch noch mal etwas anderes.

Und der Effekt ist wahrlich frappierend: Obwohl Holmes ja eigentlich in seine Ausgangszeit zurückkehrt, erlebt man es als Sherlock-Fan als eine Form der Verfremdung. Aber es ist eine gute Verfremdung. Die Figuren und ihr Verhältnis zueinander sind im Wesentlichen unverändert. Trotzdem erscheint so vieles in The Abominable Bride neu und ungewohnt und aufregend.

Grusel der alten Schule

Nehmen wir nur allein den Fall: Arthur Conan Doyle hat mitunter sehr gerne einmal Ausflüge ins Unheimliche unternommen, mit deutlichen Anleihen beim Gothic Horror wie etwa im „Hund von Baskerville“, auch wenn natürlich immer alles eine rationale Aufklärung gefunden hat. Das ist eine Seite an den Holmes-Geschichten, welche Sherlock im modernen Setting nie sonderlich gut zu transportieren wusste. Siehe etwa The Hounds of Baskerville.

The Abominable Bride hat damit hingegen überhaupt kein Problem. Im viktorianischen Setting lässt sich mühelos die Geschichte einer vermeintlich untoten, mordenden Braut erzählen. Und das durchaus effektiv: Als Holmes und Watson es auf dem Anwesen der Carmichaels mit dem Geist aufnehmen, da kommt schon herrlich altmodischer Grusel auf.

Pulp Fiction

Auch die mediale Rahmung ist in The Abominable Bride anders: In der Gegenwart begleitet Watson die Arbeit von Sherlock mit einem Blog, der zwar durchaus Leser findet, aber bei weitem nicht das Massenphänomen ist, welches die Geschichten im Strand Magazine darstellen. Das Bild von Sherlock in den Medien ist zwar schon zuvor immer mal wieder ein Thema in der Serie gewesen. Im Special geht es allerdings gleich an mehreren Stellen ganz explizit um das Verhältnis von Holmes' Wirklichkeit zur erzählerischen Darstellung durch die Augen seines besten Freunds Watson.

Das kann sehr amüsant sein. Etwa wenn sich die Hauswirtin Mrs. Hudson (Una Stubbs) darüber beschwert, dass sie in Watsons Geschichten kaum mal etwas sagt. „I am a land lady, not a plot device“ ist schon jetzt ein heißer Anwärter auf das beste Serien-Zitat 2016! Es kann aber auch sehr viel über die Figuren enthüllen: Etwa als Watson Holmes auf dessen Junggesellentum anspricht - und ihm Holmes mit einem Zitat aus einer von Watsons Geschichten kommt. Und Watson zu Recht einwendet, dass das die Version von Holmes ist, welche er nach Außen hin der Öffentlichkeit präsentiert, von der er jedoch selbst nicht glaubt, dass es sich dabei um den „wahren“ Holmes handelt. Watson ist überzeugt davon, dass hinter der kühlen, stoischen Fassade noch mehr stecken muss.

Der viktorianische Watson ist verglichen mit seinem Pendant aus der Zukunft viel stärker mit Beobachtung und Reflektion von Holmes beschäftigt (was den Geschichten von Doyle sehr nahe kommt, in denen Watson ja als fiktiver Erzähler auftritt - und in denen ähnlich wie in The Abominable Bride die Art und Weise der öffentlichen Darstellung von Holmes' Charakter und Tun immer wieder Gegenstand der Diskussion zwischen den beiden ist).

Ein Krieg, den man besser verliert

Eine weitere offensichtlich zeitbedingte Verfremdung ist die veränderte Rolle der Frau: Molly Hooper muss sich als Mann verkleiden, um ihrem Beruf nachgehen zu können. Mary Watson (Amanda Abbington) möchte im Fall helfen - und bekommt von ihrem Mann nahegelegt, dass sie sich doch ums Essen kümmern könne. Auf vielfältige Weise sehen und hören wir, mit welcher Geringschätzigkeit Frauen in dieser Zeit behandelt werden, was am Ende nicht nur das Mordmotiv, sondern auch eine Art thematische Klammer des gesamten Specials darstellt. Bemerkenswert ist dabei nicht allein das Thema „Stellung der Frau in der Vergangenheit“. Das haben wir schon in anderen Filmen und Serien thematisiert gesehen.

Fast noch interessanter ist, dass das mörderische Handeln der Verschwörerinnen als gerechtfertigt präsentiert wird. Verbunden mit dem sehr klugen (und kontroversen) Gedanken, dass es manche Kriege gibt, bei denen es gut und richtig ist, wenn man(n) sie verliert.

Gedankenpalast

Wäre The Abominable Bride einfach nur eine zeitlich verfremdete Version von Sherlock gewesen, hätte das bereits für ein gelungenes, vielschichtiges Unterhaltungserlebnis gesorgt. Moffat und Gatiss setzen aber noch einen drauf: Bereits früh finden sich Hinweise, dass es eine Verbindung zum Cliffhanger von His Last Vow gibt. So fragt Sherlock etwa im Leichenschauhaus, scheinbar aus Versehen, wie es nur möglich sei, dass „er“ überlebt habe, bevor Watson ihn korrigiert („sie“).

Als schließlich die fettleibige Version von Mycroft (Mark Gatiss) im 1890er London Begriffe wie „Daten“ und „Virus“ fallen lässt, spätestens da ist klar, dass es sich hier, anders als zunächst angedeutet, nicht einfach nur um eine alternative Realität handelt, sondern dass diese Realität mit der bisher etablierten Serien-Realität von Sherlock in einer Verbindung steht.

Nach einer Stunde Spielzeit wird enthüllt, dass sich Sherlock - noch im Flugzeug - in seinen Gedankenpalast (mind palace) zurückgezogen hat, um anhand eines lange zurückliegenden Falles durchzuspielen, wie es Moriarty (Andrew Scott) gelungen sein könnte, den selbst zugefügten Kopfschuss zu überleben und wieder auf der Bildfläche zu erscheinen.

Reinfall

Das ist per se eine schöne Idee. Und auch die Hinleitung bis zu diesem Punkt ist sehr gelungen. Danach kann Moffat jedoch offenbar nicht der Versuchung widerstehen, die Handlung, ähnlich wie er es auch gerne in Doctor Who praktiziert, grandios zu verschachteln, ohne dass es aber mit einem spürbaren, dramaturgischen Mehrwert einherginge.

Benedict Cumberbatch und Andrew Scott sind beide großartige Darsteller, denen man per se schon mal gerne beim Spielen zuschaut. Trotzdem muss man ganz klar sagen, dass die Dialoge der beiden weder die Handlung sonderlich voranbringen noch spektakulär neue Facetten der Charaktere (beziehungsweise ja eigentlich nur von Sherlock) enthüllen. Da sind die Auseinandersetzungen zwischen Sherlock und Mycroft beziehungsweise Sherlock und Watson um den Drogenkonsum des Detektivs (der diesmal sehr eingehend thematisiert wird) viel interessanter und spannender.

Bei Moriarty scheint mir viel (falsch verstandener) Fanservice dabei gewesen zu sein, etwa noch unbedingt die berühmte Kampfszene am Reichenbach-Wasserfall einbauen zu wollen. In The Reichenbach Fall war das in dieser Form nicht möglich gewesen. Aber mit dem Mind Palace sahen die Macher wohl die Gelegenheit gekommen, das endlich nachholen zu können.

Witzlos

Etwas enttäuschend ist auch, das fällt einem aber vermutlich erst in der nachträglichen Betrachtung der Folge auf, dass die ganze Rekonstruktion des Emilia-Ricoletti-Falls für die Gegenwart eigentlich vollkommen witzlos ist: Denn was ist die Quintessenz des Ganzen? Wenn man sich das Hirn wegschießt, überlebt das keiner. Und wenn es den Anschein hat, dass ein Toter zu den Lebenden zurückkehrt, muss man nach denjenigen suchen, die im Hintergrund diesen Anschein zu erwecken versuchen. Toll! Darauf wäre ich jetzt auch ohne Mind Palace gekommen!

Zum Glück macht The Abominable Bride über weite Strecken einen derart großen Spaß, dass dieser kleine Schönheitsfehler nicht größer ins Gewicht fällt. Einen halben Stern kostet er aber doch!

In ungewohntem Gewand: Watson und Sherlock. © BBC
In ungewohntem Gewand: Watson und Sherlock. © BBC

Zeitlos

Eine sehr gelungene Volte kommt derweil am Schluss, als die Folge die Möglichkeit offenlässt, dass es in Wahrheit der viktorianische Sherlock ist, der sich unsere Gegenwart imaginiert hat - und eben nicht umgekehrt. Das Schöne daran: Das Ende lässt letztlich sogar die Möglichkeit offen, dass wir zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht noch mal ins 19. Jahrhundert zurückkehren. Wogegen ich nicht das Geringste einzuwenden hätte. Im Gegenteil: Mir ging es bei The Abominable Bride bereits nach kurzer Zeit so, dass ich mir geradezu gewünscht hätte, noch etwas länger als nur diese 90 Minuten beim viktorianischen Sherlock zu verweilen.

Fazit

Das Warten hat sich gelohnt. Sherlock zeigt sich mit dem Neujahrsspecial in großartiger Form. Ganz gleich in welcher Zeit die Serie spielt. Schade nur, dass wir jetzt bis 2017 warten müssen, bevor es mit der vierten Staffel weitergeht.

Verfasser: Christian Junklewitz am Samstag, 2. Januar 2016

Sherlock 3x04 Trailer

Episode
Staffel 3, Episode 4
(Sherlock 3x04)
Deutscher Titel der Episode
Die Braut des Grauens
Titel der Episode im Original
The Abominable Bride
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Freitag, 1. Januar 2016 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 28. März 2016
Autoren
Mark Gatiss, Steven Moffat
Regisseur
Douglas Mackinnon

Schauspieler in der Episode Sherlock 3x04

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