Sherlock 3x03

Sherlock 3x03

Wie die gesamte dritte Staffel wandelt auch das Finale von Sherlock auf bisher unbetretenen Pfaden. Die Serie verabschiedet sich endgültig von ihrer bisherigen Ausrichtung und stellt Stil über Substanz. Am Ende entlässt sie ihre Zuschauer mit dem gewohnten Cliffhanger.

Magnussen (Lars Mikkelsen, M.) zeigt Sherlock (Benedict Cumberbatch, l.) und Watson (Martin Freeman, r.) seinen „Mind Palace“. / (c) BBC
Magnussen (Lars Mikkelsen, M.) zeigt Sherlock (Benedict Cumberbatch, l.) und Watson (Martin Freeman, r.) seinen „Mind Palace“. / (c) BBC

Das Finale der dritten Staffel von Sherlock bestätigt den Trend, den die Serie in den ersten beiden Episoden vorgegeben hatte. Sie entwickelt sich weiter in Richtung „Eventfernsehen“ und verabschiedet sich von ihrem ursprünglichen Konzept. In den ersten beiden Staffeln wurde die einfache und effektive Geschichte vom genialen Detektiv Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und seinem Gehilfen Dr. Watson (Martin Freeman) erzählt. Zusammen lösten die beiden aussichtslos erscheinende Kriminalfälle.

I have an excellent memory

In der neuen Staffel wendet sich Sherlock einem neuen Konzept zu. Der Fokus liegt hier auf dem eingehenden Porträt der beiden Hauptcharaktere und ihren Streitereien, auf Großereignissen (der Hochzeit) und der Einführung eines übermenschlichen Bösewichts - Charles Augustus Magnussen, grandios widerlich verkörpert von Lars Mikkelsen. Die Kriminalfälle und vor allem Sherlocks brillante Deduktionsfähigkeiten sind in den Hintergrund gerückt, um Platz zu schaffen für ein atemloses Erzähltempo, das gleich mehrere unvorgesehene Wendungen in nur einer Episode unterbringt.

Das alles ist „Eventfernsehen“ in seiner reinsten Form, es ist ein Zugeständnis der Serienschöpfer Steven Moffat und Mark Gatiss an den riesigen Hype, den sie mit The Reichenbach Fall vor zwei Jahren ausgelöst hatten. Auch His Last Vow ist TV-Unterhaltung in ihrer reinsten und besten Form, selbst dann, wenn die Episode - wie die gesamte Staffel - Sherlock-Puristen vor den Kopf stoßen dürfte. Um diese schärfsten Beobachter zufriedenzustellen, hätte es wohl einer gehaltvolleren Ausrichtung bedurft.

Ein Kritikpunkt, der sicher für hitzige Diskussionen sorgen wird, ist das Ende der Episode: Zu offensichtlich versucht Drehbuchautor Moffat, mit dem Cliffhanger einen ähnlich großen Hype wie vor zwei Jahren zu generieren. Diesen Kniff dürfte die Sherlock-Community jedoch schneller enttarnen, als der Meisterdetektiv selbst für gewöhnlich die ihm gestellten Rätsel löst. Jedenfalls glaube ich nicht, dass es eine ähnlich fieberhafte Suche nach möglichen Erklärungen für Moriartys (Andrew Scott) Auftauchen geben wird wie für den vermeintlichen Selbstmord von Sherlock Holmes.

John Watson (Martin Freeman) fragt sich; ob er nur noch von Psychopathen umgeben ist. © BBC
John Watson (Martin Freeman) fragt sich; ob er nur noch von Psychopathen umgeben ist. © BBC

Abseits aller Realitätskonformität würde eine Wiederauferstehung Moriartys der Serie freilich wieder die Würze zurückgeben, die sie in dieser Staffel vermissen ließ. Sherlocks großer Gegenspieler Magnussen blieb doch relativ blass. Zu offensichtlich waren die Parallelen zu Medienmogul Rupert Murdoch, zu vorhersehbar die Wendung mit dem nicht physisch vorhandenen „Mind Palace“, zu abrupt die „Lösung“ des Falls. Überhaupt nicht vorhersehbar war für mich hingegen die Aufdeckung der wahren Identität von Watsons Ehefrau Mary (Amanda Abbington).

Is everyone I've ever met a psychopath?

Hier hatte die Finalepisode ihre stärksten Momente, wenngleich auch diese Wendung etwas konstruiert wirkte. Doch Sherlock erreicht immer dann die größte emotionale Intensität, wenn John Watson entweder betrogen, hintergangen, überrascht oder vollkommen überfordert wird. Freeman spielt diese Augenblicke der intellektuellen Verzweiflung und Überforderung brillant. In His Last Vow geschieht dies gleich mehrmals. Beim ersten Mal können wir noch darüber lachen. Da kann John es einfach nicht glauben, dass Sherlock eine Beziehung zu Janine (Yasmine Akram) eingegangen sein soll. Später stellt sich natürlich heraus, dass Sherlock immer noch der gleiche Soziopath ist und Janine nur ausgenutzt hat, um sich Zugang zu Magnussens Büro zu verschaffen.

Beim zweiten Mal blieb mir jedoch beinahe der Atem weg. Sherlock, der beim Einbruch in Magnussens Büro eine wahrlich unvorhergesehene Entdeckung machte, legt die als ehemalige Auftragsmörderin entlarvte Mary aufs Kreuz und enthüllt ihre wahre Identität gegenüber John. Überraschend schnell erholt sich der abermals Gehörnte von diesem Schock, einige Wochen später - an Weihnachten! - entschließt er sich dazu, seiner Ehefrau zu verzeihen und ihre Vergangenheit unangetastet zu lassen.

Ursprünglich hatte Mary geplant, Magnussen umzubringen, da er der einzige ist, der über ihr früheres Leben Bescheid weiß - und weil „Menschen wie er“ es verdient hätten zu sterben (hier offenbart Sherlock erstmals eine mehr als fragwürdige Weltsicht). Als Sherlock sie bei dem geplanten Attentat überrascht, bringt sie es nicht über sich, ihn und Magnussen umzubringen, weil sie damit den ebenfalls anwesenden John als Hauptverdächtigen hinterlassen würde. Also schießt sie Sherlock in die Brust - wohl wissend, dass er überleben wird, wenn sie rechtzeitig einen Krankenwagen ruft.

Guess Who%26#039;s Back: Ist Moriarty (Andrew Scott) wirklich noch unter den Lebenden? © BBC
Guess Who%26#039;s Back: Ist Moriarty (Andrew Scott) wirklich noch unter den Lebenden? © BBC

Sherlocks anschließender Kampf zurück ins Leben ist visuell beeindruckend umgesetzt. Ihm erscheinen Molly (Louise Brealey), Anderson (Jonathan Aris), Mycroft (Mark Gatiss) und sogar Moriarty. Kurz bevor er das Licht am unteren Ende eines Treppenaufgangs erreicht, entschließt sich sein Körper, die letzten Reserven zu mobilisieren und ins Leben zurückzukehren. Selbst die abgebrühtesten Zuschauer, die von vorneherein einen möglichen Tod Sherlocks ausschließen, dürften von diesen Szenen mitgerissen werden.

Did you miss me?

Nach den Enthüllungen um Mary und Magnussen geht am Ende alles ganz schnell. Im Finale suchen Sherlock und Watson ihren Gegenspieler in dessen pompösen „Appledore“-Anwesen auf, um mit ihm einen Handel einzugehen. Er lässt sie jedoch eiskalt abblitzen und demütigt John so sehr, dass Sherlock sich nicht anders zu helfen weiß, als Magnussen vor den Augen der herbeigerufenen Polizei einfach zu erschießen. Es scheint fast so, als habe Sherlock in Magnussen seinen Meister gefunden und wisse sich nun nicht anders zu helfen, als zu tödlicher Gewalt zu greifen. Merkwürdig still war Sherlock während des gesamten Aufeinandertreffens mit Magnussen. Einerseits macht ihn dies menschlicher, andererseits raubt es einen großen Teil der ursprünglichen Faszination an seiner Figur.

Die Episode und die gesamte Staffel waren eindeutig darauf zugeschnitten, das Verhältnis seiner beiden Hauptfiguren eingehender zu beleuchten. Dies hat funktioniert, selbst wenn dafür einige Opfer gebracht werden mussten. So rücken im Staffelfinale die Nebencharaktere noch weiter in den Hintergrund, für Lestrade (Rupert Graves) und Mrs. Hudson (Una Stubbs) wurde keine effektive Verwendung mehr gefunden. Außerdem gibt es keine einzige Szene, in der Sherlock seine einmaligen Fähigkeiten in ihrer ganzen Pracht entfalten kann.

Dafür sind die Dialoge einmal mehr von allererster Güte. Es gibt unzählige kleine Insiderwitze und wahrlich lustige Passagen. Die Stimmung wechselt in Sekundenschnelle zwischen hochdramatisch und augenzwinkernd witzig. Alle Schauspieler liefern grandiose Darstellungen ab. Mikkelsen spielt seinen Antagonisten als abscheulichen und zutiefst bösen Widerling. Über Cumberbatch und Freeman ist indes bereits genug geschrieben worden - sie gehören zu Recht zur internationalen Film-A-Klasse.

Das Ende ist jedoch zu offensichtlich darauf zugeschnitten, einen erneuten Hype zu generieren. Es hätte dieses Cliffhangers nicht bedurft. Der wunderbar unbeholfene Abschiedsmoment zwischen Sherlock und Watson wäre genug gewesen, um Zuschauer und Fans für die nächsten zwei Jahre zufriedenzustellen: „To the very best of times, John.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 13. Januar 2014

Sherlock 3x03 Trailer

Episode
Staffel 3, Episode 3
(Sherlock 3x03)
Deutscher Titel der Episode
Sein letzter Schwur
Titel der Episode im Original
His Last Vow
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Sonntag, 12. Januar 2014 (BBC One)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 9. Juni 2014
Autor
Steven Moffat
Regisseur
Nick Hurran

Schauspieler in der Episode Sherlock 3x03

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