Sherlock 3x02

UngefĂ€hr zur Mitte von The Sign of Three erzĂ€hlt die wieder einmal wunderbare Una Stubbs als Mrs. Hudson dem völlig verkaterten John Watson (Martin Freeman) einen Schwank aus ihrem eigenen Eheleben. Sie habe von Anfang an gewusst, dass ihr designierter Ehemann und sie nicht zusammenpassen wĂŒrden. SpĂ€ter habe sich dies dann bestĂ€tigt, als er als Chef eines Drogenkartells wegen eines Mordes an einem Konkurrenten in Florida hingerichtet worden sei. Die ganze Geschichte ist tiefschwarzer Humor, wie ihn nur die Briten mit gebotener Gravitas rĂŒberbringen können.
It changes people, marriage
Die entscheidenden Worte dieser Geschichte fallen jedoch eher nebenbei. Mrs. Hudson hatte sie zuvor schon an Sherlock (Benedict Cumberbatch) gerichtet. Demnach verĂ€nderten sich selbst die besten Freundschaften nach der Hochzeit einer der Freunde. Man lerne als Paar neue Freunde kennen und entferne sich schnell von den alten, unverheirateten Freunden. Ihr selbst sei dies bei der eigenen Hochzeit passiert, als ihre beste Freundin die Feier vorzeitig verlassen habe: „Who leaves a wedding early?“

Am Ende der neuen Episode ist es Sherlock selbst, der die Party seines besten Freundes als Erster verlĂ€sst. Zuvor darf er sich noch als Ăberbringer freudiger Nachrichten fĂŒr das sowieso schon vor lauter GlĂŒckseligkeit aus allen NĂ€hten platzende Ehepaar Watson betĂ€tigen. Dank seiner einmaligen DeduktionsfĂ€higkeit erkennt Sherlock noch vor Mary (Amanda Abbington) und ihrem Arzt-Ehemann, dass sie ein Kind erwartet. Danach macht sich der Meisterdetektiv aus dem Staub.
Es muss das Ziel dieser Episode gewesen sein, die schleichende Entfremdung zwischen Holmes und Watson zu initiieren. Wenngleich beide Protagonisten nicht mĂŒde werden, die ĂberlebensfĂ€higkeit ihrer Freundschaft zu deklarieren, ist am Ende doch klar: So, wie es zu gemeinsamen WG-Zeiten war, wird es nie wieder werden. Um diese - fĂŒr Serienfiguren wie Serienfans - bittere Wahrheit möglichst elegant zu kaschieren, haben sich die Autoren dazu entschlossen, die zweite Episode der dritten Staffel mit noch mehr Humor vollzupacken als den Auftakt.
Wenngleich hier festgehalten werden kann, dass die Szenen zwischen Holmes, Watson und auch Mrs. Hudson zum Schreien komisch sind, so kann dies nicht darĂŒber hinwegtĂ€uschen, dass der Kriminalgeschichte einfach zu wenig Zeit eingerĂ€umt wird. Zwar darf Sherlock ein ums andere Mal seine einmaligen FĂ€higkeiten vorfĂŒhren, der Fall ist optisch eindrucksvoll aufgearbeitet (wenngleich mir die diversen technischen Spielereien teilweise etwas zu ĂŒbermotiviert daherkommen) und Watson gelingt es, die KrĂ€fte seines Partners in die richtigen Bahnen zu lenken.
Neither of us were the first, you know?
Trotzdem schafft es der Fall der Woche nicht, fĂŒr echte Spannung zu sorgen. DafĂŒr bekommt er zu wenig Zeit eingerĂ€umt, dafĂŒr ist er zu schnell und glatt gelöst. Keiner der wichtigen Protagonisten kommt ernsthaft in Gefahr, als Zuschauer soll man sich plötzlich fĂŒr neue Figuren interessieren, die zuvor nicht ein einziges Mal in der Serie aufgetaucht waren. Das kann nicht funktionieren, selbst wenn die in Gefahr geratenen Personen gröĂere Sympathiepunkte (wie im Falle von Alistair Petrie als Watsons ehemaliger Kamerad James Sholto) hĂ€tten generieren können oder ihnen mehr Spielzeit (wie im Falle des Soldaten der Royal Guard, Bainbridge (Alfie Enoch)) eingerĂ€umt worden wĂ€re.

So kann in der neuen Episode nun die gröĂtenteils gleiche Kritik angebracht werden wie in The Empty Hearse: Der Kriminalfall wird zugunsten der - teilweise - albernen Streitigkeiten zwischen Holmes und Watson in den Hintergrund gedrĂ€ngt. In der Auftaktepisode hatte die durchgehende Thematisierung der Beziehung der beiden Hauptfiguren durchaus ihre Berechtigung, da einiges an gegenseitiger Schuldzuweisung aufzuarbeiten war. Die Hochzeit der Watsons bietet jedoch zu wenig Konfliktstoff, um die VerdrĂ€ngung sĂ€mtlicher alternativer ErzĂ€hlkonstruktionen zu rechtfertigen.
Dabei hatte die Episode mit einem vielversprechenden Handlungsstrang angefangen, wenngleich die Autoren sich auch hier zu sehr auf die Slapstickeinlagen zwischen Lestrade (Rupert Graves) und Sally Donovan (Vinette Robinson) verlassen. Analog zu den Schnurrbartwitzen im Auftakt regt sich Lestrade nĂ€mlich viel zu oft und affektiert ĂŒber ausgelassene Chancen auf. Die Jagd auf die berĂŒchtigte BankrĂ€uberbande namens âWaters Gangâ versprach zu Beginn einen spannenden Kriminalfall. Leider wurde dieser ErzĂ€hlstrang bis zum Schluss nicht mehr aufgegriffen. Mal sehen, ob die Autoren in der Abschlussepisode noch einmal darauf zurĂŒckkommen.
Auch der am Ende von The Empty Hearse via Cliffhanger eingefĂŒhrte neue Holmes-Gegenspieler taucht in dieser Episode nicht auf. Stattdessen verweilt The Sign of Three - der Titel bezieht sich ĂŒbrigens nur auf die Symptome von Marys Schwangerschaft - gröĂtenteils bei der Ansprache Sherlocks als Trauzeuge seines âbesten Freundesâ Watson. Hier haben die Autoren eine findige ErzĂ€hlkonstruktion gewĂ€hlt, die geschickt mehrere FĂ€lle und Zeitebenen miteinander verbindet.
You're a drama queen
SchlieĂlich laufen all diese Geschichten ausgerechnet an Watsons Hochzeitstag zusammen. Der Kriminalfall des gerissenen Mordanschlags auf Major Sholto ist denn auch schnell und unspektakulĂ€r gelöst, wodurch genug ErzĂ€hlzeit ĂŒbrig bleibt, um neben den verschiedenen FĂ€llen auch diverse einschneidende Hochzeitsvorbereitungserlebnisse zu portrĂ€tieren. Dabei hat die Episode ihre stĂ€rksten Momente, die besten davon sind urkomisch. Es gibt eine Szene, in der Sherlock einfach nicht verstehen will, dass John ihn gerade als seinen besten Freund bezeichnet. Er glaubt zunĂ€chst, John wolle ihn nach möglichen Trauzeugenkandidaten befragen: „Gavin Lestrade? He's a man and good at it.“ Lestrade heiĂt mit Vornamen ĂŒbrigens Greg.

Auch der Junggesellenabschied kann durchgehend amĂŒsieren. Das betrunkene odd couple beim âWer bin ich?â-Spielen oder bei der anschlieĂenden Tatortbegehung ist ein wahres Witzfeuerwerk. Cumberbatch und Freeman liefern dabei einmal mehr fantastische Darstellungen ab. An ihnen liegt es also nicht, dass The Sign of Three neben einer groĂen Portion Humor leider nicht viel mehr zu bieten hat.
Nun ist die neue Sherlock-Staffel schon beinahe wieder vorbei. Alle, die sich noch mehr Sherlock und Watson gewĂŒnscht haben, dĂŒrften nach diesen zwei Episoden zutiefst befriedigt sein. Diejenigen, die sich zusĂ€tzlich zum wahrlich unterhaltsamen GezĂ€nk der beiden einen interessanten und folgenschweren Kriminalfall gewĂŒnscht haben, könnten von der neuen Episode enttĂ€uscht sein. Seltsam auch, dass viele interessante Charaktere zu reinen Stichwortgebern degradiert oder gleich lĂ€cherlich gemacht werden.
Mycroft Holmes (Mark Gatiss) taucht nur in einer Traumvorstellung Sherlocks und wĂ€hrend eines kurzen Telefonats auf, Lestrade dient ausschlieĂlich dem comic relief und Molly Hooper (Louise Brealey) darf Sherlock nur noch aus der Ferne anschmachten. Einzig Mrs. Hudson sticht dabei heraus. Sie ist wie bereits in The Empty Hearse ein Höhepunkt der Episode. Bleibt die Hoffnung, dass in His Last Vow nachgeholt wird, was bisher versĂ€umt wurde.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 6. Januar 2014(Sherlock 3x02)
Schauspieler in der Episode Sherlock 3x02
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