Sherlock 3x01

Mit Spannung und großem medialen Brimborium fieberten Sherlock-Fans seit Monaten der Rückkehr des genial-verschrobenen Ermittlers zur BBC entgegen. Im Zentrum der Spekulationen stand natürlich die Frage, wie Sherlock (Benedict Cumberbatch) seinen eigenen Tod in The Reichenbach Fall vorgetäuscht haben könnte. Wir erinnern uns: In der epischen Schlusssequenz der zweiten Staffel hatte sich Sherlocks ebenbürtig genialer Gegenspieler Moriarty (Andrew Scott) selbst eine Kugel in den Kopf gejagt, um Sherlock die Möglichkeit zu nehmen, den Mord an seinen einzigen drei Freunden zu verhindern.
Die Auflösung wird erneut zum Rätsel
Eine einzige Möglichkeit hatte Moriarty seinem Widersacher indes gelassen: Würde er sich an Ort und Stelle umbringen, erhielten die Attentäter den Befehl, ihre Mordanschläge nicht durchzuführen. Sherlock blieb also nichts anderes übrig, als seinen eigenen Selbstmord vorzutäuschen. Zwei Jahre warteten wir nun gespannt auf die Auflösung dieses Täuschungsmanövers. Äußerst geschickt spielt Autor und Ko-Serienschöpfer Mark Gatiss in The Empty Hearse mit diesen hohen Erwartungen. So wird erst am Ende der Episode enthüllt, wie Sherlock diesen Coup genau durchgeführt hatte. Die Auflösung gerät weniger spektakulär als angenommen, der Plan involvierte lediglich mehrere Helfer und Statisten, eine große Sprungmatte und einen Squashball.

Interessanter sind da schon die diversen Theorien, die von einzelnen Mitgliedern des fanatischen Sherlock-Fanclubs „The Empty Hearse“ ausgebreitet werden (in einer davon küssen sich Sherlock und Moriarty sogar). Diese werden so geschickt in der Handlung platziert, dass sie erst nach einer resoluten Abweisung des jeweiligen Gesprächspartners als Hirngespinste entlarvt werden können. Gleich zu Beginn wird dadurch deutlich, was sich die Autoren und Produzenten für die neue Staffel wohl vorgenommen haben: mehr Humor, mehr Schrulligkeit, mehr Verschrobenheit. So gerät die erste halbe Stunde der neuen Episode auch zu einem wahren Festival an Lachern und wirklich witzigen Momenten. Im Zuschauersaal des Londoner British Film Institute, wo SERIENJUNKIES.DE® die Episode vorab sehen durfte, brandete jedenfalls mehrmals schallendes Lachen und begeisterter Applaus auf.
Nach seinem angeblichen Tod machte sich Sherlock an die Aushebung des kriminellen Netzwerks von Jim Moriarty. Wir sehen ihn erstmals als völlig verwahrlosten Flüchtigen in den dunklen Wäldern einer nicht weiter spezifizierten Region. Dort wird er vom serbischen Militär gejagt und gefangengenommen. In der Folterkammer gelingt es ihm anschließend dank seiner einmaligen deduktiven Fähigkeiten, seinen Peiniger davon zu überzeugen, dass dessen Frau ihn gerade betrügt. Der Folterknecht lässt ihn daraufhin erst einmal sprichwörtlich hängen. Die Umstände hätte sich Sherlock indes sparen können, entpuppt sich der zweite Bewacher doch als sein Bruder Mycroft (Mark Gatiss). Der beordert Sherlock zurück nach London, wo ein verheerender Terroranschlag unmittelbar bevorsteht: „Sorry but the holidays are over. Back to Baker Street, Sherlock.“
Zurück in London muss Sherlock etwas hinter sich bringen, vor dem er sich wohl mehr fürchtet als vor den übelsten Widersachern: Er muss seinem Freund John Watson (Martin Freeman) gegenübertreten und ihm die wahre Geschichte seines vorgeblichen Selbstmords unterbreiten. Der nicht gerade mit dem feinsten Rüstzeug für soziale Interaktionen ausgestattete Sherlock sucht sich denn auch die schlechtmöglichste Situation aus, um Watson mit der „guten“ Nachricht zu überrumpeln. Der verwandelt sich nämlich gerade in ein Nervenbündel, weil er seiner Freundin Mary (Amanda Abbington) beim Abendessen im piekfeinen Nobelrestaurant einen Heiratsantrag machen will.
Wiedergutmachung zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt
Die Szene der Konfrontation zwischen Sherlock und Watson war mein persönlicher Höhepunkt der Episode. Dies hat mehrere Gründe: Zum einen zeigt Martin Freeman mit der Reaktion von Watson seine beste darstellerische Leistung in der ganzen Serie. Zum anderen sorgt Sherlocks Ungeschicktheit für eine Salve an witzigen Momenten, die nicht nur Watson zur Weißglut bringen. Leider laben sich Autoren und Darsteller in der Folge zu sehr am Running Gag über Watsons neuen Schnurrbart, der Sherlock überhaupt nicht gefällt und er natürlich nicht müde wird, das zu betonen.

Vielleicht sollen die immergleichen Schnurrbartwitze aber auch einfach nur dazu beitragen, den Lachmuskeln der Zuschauer etwas Entspannung zu gönnen. Vor der Szene im Restaurant stattet Watson nämlich seiner alten Wohnung, die er bis zu Sherlocks „Tod“ mit diesem bewohnt hatte, einen Besuch ab. Der entzückten Mrs. Hudson (deren Darstellung durch Una Stubbs für mich ein weiterers Highlight dieser Episode war) verkündet er von seiner neuen Liebe. Mrs. Hudson reagiert leicht verwundert: „So soon after Sherlock?“ Entgeistert schaut Watson sie an, was die alte Dame jedoch kaum zu verwirren scheint: „What's his name?“ Empört gibt Watson zurück: „I'm not gay!“ Daraufhin Mrs. Hudson: „Live and let live, that's my motto.“ Eine grandiose, wunderbar warmherzige Szene!
Sherlock darf sich im Folgenden auch noch Detective Inspector Lestrade (Rupert Graves) präsentieren, der die unerwartete Rückkehr des Meisterdetektivs zuerst mit einem lapidaren „You bastard“ kommentiert, bevor er sich nicht zurückhalten kann, ihm um den Hals zu fallen. Auch Mrs. Hudson bekommt sich nach anfänglichem Entsetzen schnell wieder ein und freut sich fortan nur noch darüber, dass ihre beiden Jungs wieder gemeinsame Sache machen.
Zuvor gehen sie jedoch getrennte Wege, weil Watson den Betrug durch Sherlock einfach nicht verzeihen will. Dieser wiegt nämlich umso schwerer angesichts der Tatsache, dass Sherlock seinen Bruder Mycroft und weitere Mitwisser in die Aktion eingeweiht hat - nur Watson ließ er außen vor. In einer schönen Parallelmontage werden die beiden Freunde gezeigt, wie sie ihren drögen Alltagsaufgaben nachgehen. Sherlock verschwendet seine Zeit mit langweiligen Klientenanfragen, während sich Watson den trivialen Sorgen und Nöten seiner Patienten widmet.
Langeweile als Katalysator
Die Montage ist so konstruiert, dass die beiden die Sätze oder auch Worte des jeweils anderen beenden. So will Sherlock einmal das „F-Wort“ aussprechen, als der Schnitt zu Watson geht, der einen Patienten zum Husten („Cough“) auffordert. Im Ohr des Zuschauers entsteht daraus dann: „Fuck off!“ Eine schöne Spielerei, die ultimativ verdeutlicht, dass die beiden einfach zusammengehören. Und so kommt es denn auch. Nachdem Sherlock seinen kurzfristigen Watson-Ersatz Molly (Louise Brealey) ständig „John“ nennt, leuchtet auch ihm endlich ein, dass er wohl doch noch einmal einen Versuch starten sollte, Watson zurückzugewinnen.

Doch da ist es beinahe schon zu spät. Von Unbekannten wird Watson entführt und unter einem Scheiterhaufen festgekettet. Sherlock und Mary bekommen daraufhin Drohbotschaften via Kurzmitteilung, die in einen wilden Motorradritt quer durch die Londoner City münden. Im letzten Moment gelingt es Sherlock, seinen Freund aus der brennenden Todesfalle zu befreien. Was die Entführer wohl mit dieser Aktion bezweckten? Dass sie den Annäherungsprozess zwischen den beiden Streithähnen beschleunigen wollten, dürfte ausgeschlossen sein. Viel wahrscheinlicher ist es, dass sie ein Ablenkungsmanöver benötigten, um Sherlock von den Ermittlungen zum bevorstehenden Terroranschlag abzuhalten.
So einfach lässt sich die lebende Legende jedoch nicht von der Arbeit abbringen. In Windesweile kombiniert er sich durch die verfügbare Datenlage und findet mit Watsons Unterstützung eine Bombe, die in einem stillgelegten U-Bahntunnel unter Westminster Abbey platziert wurde. Sie soll just in dem Moment hochgehen, da das darin residierende britische Parlament ein neues, schärferes Antiterrorgesetz verabschiedet. Kurz vor der Detonage des Sprengsatzes lässt es sich Sherlock nicht nehmen, seinen Kumpel erneut zu verärgern und ihm unter Todesangst eine Liebesbekundung zu entlocken: „There's always an off-switch.“
Bis zum Schluss gelingt es der Auftaktepisode zur dritten Staffel von Sherlock also, das Spannungslevel hochzuhalten. Der Cliffhanger suggeriert zudem, dass ein neuer Gegenspieler Sherlock die Aufwartung machen wird. Dank des omnipräsenten Humors und Augenzwinkerns wird auch die neue Staffel wohl keine Langeweile bieten. Diese Theorie wird durch beinahe jede Szene von The Empty Hearse gestützt.
Verfasser: Axel Schmitt am Donnerstag, 2. Januar 2014Sherlock 3x01 Trailer
(Sherlock 3x01)
Schauspieler in der Episode Sherlock 3x01
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