Sherlock 2x03

Nachdem Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) das gestohlene Gemälde „Die Reichenbach Fälle“ wiederbeschafft hat, avanciert der Privatdetektiv mehr und mehr zu einem Liebling der Presse. Seine Fälle erfahren größte öffentliche Aufmerksamkeit. Sein Freund John Watson (Martin Freeman) warnt ihn noch davor, dass es gefährlich sein kann, so sehr im Fokus des allgemeinen Interesses zu stehen. Da ist es auch schon zu spät.
Holmes' alter Widersacher Jim Moriarty (Andrew Scott) taucht wieder auf. Er begeht drei spektakuläre Verbrechen, lässt sich dabei widerstandslos festnehmen, vor Gericht stellen - und wird trotz überwältigend großer Beweislast in einem Jury-Verfahren freigesprochen. Eindrucksvoll stellt er damit nicht nur seine Machtfülle und Überlegenheit unter Beweis. Es ist gleichzeitig Teil eines Plans, um Sherlock endgültig zu Fall zu bringen. Nachdem er für den Privatdetektiv einen maßgeschneiderten Entführungsfall fabriziert, wächst im Polizeiapparat das Unbehagen über die geradezu unheimliche Gabe Sherlocks. Ist der Meisterdetektiv etwa ein Betrüger, der selbst hinter den Verbrechen steckt, die er aufzuklären vorgibt?
Wow! Das ist wohl der erste Gedanke, der einem während und nach The Reichenbach Fall durch den Sinn geht. Wow! Und noch mal Wow! Der Film liefert von der ersten bis zur letzten Sekunde Krimi- oder besser gesagt Thriller-Unterhaltung, für die mitreissend ein viel zu schwaches Wort ist, um dem Rezeptionserleben auch noch ansatzweise adäquat Ausdruck zu verleihen.
Nun ist der Plot, dass der Held einer Erzählung selbst in Verdacht gerät, der Schurke zu sein, zwar keineswegs neu. Selten zuvor ist er jedoch mit einer solchen Intensität und Konsequenz erzählt worden. Das verdankt sich gleich mehreren Faktoren.
Der Widersacher
Da ist zunächst einmal Moriarty als der Holmes ebenbürtige Gegenspieler. Die Autoren von Sherlock haben die Beschreibung, die Arthur Conan Doyle von dieser Figur gibt („intellectual equal“) konsequent weitergedacht und auch auf seinen Charakter übertragen. Holmes ist ein unerträglicher Angeber; jemand, der um jeden Preis seine Cleverness unter Beweis stellen will. Selbst wenn er sich damit der Missachtung des Gerichts schuldig macht und für eine Weile im Knast landet. Er kann diesen Teil seiner Persönlichkeit, so sehr ihn Watson auch warnt, nicht abstellen.
Ebenso wenig kann das Moriarty. Dieser ist besessen davon, seine Cleverness im ultimativen Wettstreit mit dem einzigen Kontrahenten zu demonstrieren, der ihm als adäquater Maßstab gelten kann. Es reicht ihm nicht, Holmes einfach zu töten. Das hätte er bereits im Schwimmbad am Ende von The Great Game haben können. Oder durch einen der vielen Killer in seinen Diensten besorgen lassen können. Doch das wäre nicht der Triumph, den Moriarty sucht. Er will Holmes demontieren. Sherlock soll nicht nur sterben, er soll in Schande sterben - wissend, dass er in den Augen der Öffentlichkeit und in den Augen seiner (wenigen) Freunde nur noch ein Betrüger ist, der den Selbstmord als einfachsten Ausweg gewählt hat.
Es liegt ein nicht unerheblicher Sadismus in Moriarty Wesen, welcher aber auch Holmes nicht fremd ist, wenn wir uns an die brutale Demontage erinnern, die er anfangs an der Reporterin Kitty Reilly (Katherine Parkinson) vornimmt („You repel me!“). Auch Holmes reicht es oftmals nicht aus, seinem Gegenüber seine Cleverness zu beweisen. Er kennt den dunklen Drang, sein Gegenüber dabei regelrecht zu vernichten. Insofern sind sich er und Moriarty tatsächlich nicht unähnlich. Ihr einziger Unterschied scheint zu sein, dass sich Holmes für die Seite der „Engel“ entschieden hat. Ohne dass er selbst ein Engel ist (eine Metapher, mit der am Ende in der Grabszene noch einmal sehr schön gespielt wird, als in der Blickrichtung der Kamera genau hinter Holmes' Grabstein eine Engelsfigur zu sehen ist).
Das Problem mit der Fremdwahrnehmung
Auch diese Parallelisierung von Held und Bösewicht wäre für sich allein genommen noch nichts Besonderes, wenn The Reichenbach Fall sie nicht in einen größeren Rahmen, eine Art emotionales Tiefenthema, einbetten würde. Die Folge behandelt nämlich - angefangen bei Watsons Warnung zu Beginn - das Problem der Reflexion von Fremdwahrnehmung. Wie andere Leute uns sehen, hat für uns selbst Konsequenzen und muss deshalb mit bedacht werden. Moriarty hat mit seinem Plan ja überhaupt nur deshalb Erfolg, weil Sherlock durch sein Sozialverhalten (oder vielmehr den Mangel desselben) so viele Menschen vor den Kopf gestoßen hat, dass sie ihn - wie sein Bruder Mycroft (Mark Gatiss) - verraten oder nur - wie Anderson (Jonathan Aris) und Donovan (Vinette Robinson) - zu gerne daran glauben, dass das vermeintliche Genie in Wahrheit ein Betrüger ist.
Während sich Holmes erst nach und nach der (Selbst-) Erkenntnis darüber stellt, wie er von anderen gesehen wird, weiß Moriarty das in Bezug auf sich selbst ganz genau. Er weiß, dass beide Holmes-Brüder ihn für das verbrecherische Über-Genie halten. Das ist ihre Wahrnehmung von ihm. Daher gelingt es ihm auch, ihnen die Mär vom Super-Code unterzujubeln, welcher angeblich alle elektronischen Schlösser zu knacken in der Lage sein soll. Es passt zu dem, was wir über Moriarty zu wissen glauben. Deshalb wird es von uns - und sogar von Sherlock - völlig unkritisch akzeptiert. Es liegt schon eine nicht unerhebliche Ironie darin, dass es ausgerechnet dem perfekten Betrüger Moriarty - jemand, der nach Belieben die Wahrnehmung anderer Menschen auf ihn selbst manipuliert (siehe Kitty Reilly) - gelingt, seinen ärgsten Verfolger als Betrüger zu brandmarken.
Das ist erzählerische Komplexität, die man in kaum einem anderen Krimi auch nur hoffen wagt zu finden.
Auf dem Weg zur Selbsterkenntnis
Holmes wiederum durchläuft durch die Ereignisse in The Reichenbach Fall einen Prozess der Selbsterkenntnis, welcher wiederum auf sein Verhalten zurückwirkt: Es ist ziemlich offensichtlich, dass Sherlock hinter der fingierten Nachricht steckt, dass auf Mr. Hudson (Una Stubbs) geschossen worden sei. Er will Watson (übrigens exakt analog zur Vorlage von Conan Doyle) aus der Gefahrenzone bringen. Und er macht einen großen Schritt auf Molly Hooper (Loo Brealey) zu, der er attestiert für ihn nicht irrelevant und sehr wohl vertrauenswürdig zu sein. Sie wiederum hält zu ihm, egal was andere auch von ihm sagen oder denken mögen. Holmes beim Knüpfen beziehungsweise Bewahren sozialer Banden zuzuschauen, ist wahrlich herzerwärmend. Und ein riesiger Fortschritt für die Figur.
Man denke nur daran: In der letzten Folge (The Hounds of Baskerville) hat er noch behauptet, keine Freunde zu haben. Und jetzt ist er bereit, bis zum Äußersten zu gehen, um sie zu beschützen.
Watson seinerseits stellt derweil unter Beweis, dass er ein wirklich treuer Freund ist. Selbst nachdem Sherlock vor seinem „Selbstmord“ ein Geständnis abgelegt hat, glaubt Watson immer noch daran, dass sein Mitbewohner kein Betrüger war. Darüber hinaus erweist er sich als ein gelehriger Schüler. Immerhin ist er es, der Mycrofts Verrat auf die Schliche kommt.
Fazit
90 Minuten perfekte Unterhaltung auf einem Niveau, welches so ziemlich alles hinter sich lässt, was es sonst noch im Fernsehen oder Kino zu sehen gibt. Zwei große Fragen stellen sich nun: Erstens, wie kann Sherlock seinen Tod gefakt haben? Nach menschlichem Ermessen erscheint das praktisch unmöglich (Watson zitiert zwar in seiner Grabrede aus Kirks Nachruf auf Spock - „der menschlichste aller Menschen“ - in „Star Trek II“, trotzdem dürfen wir wohl den Genesis Effekt als Ursache für Sherlocks Wiederauferstehung ausschließen). Zweitens, und noch viel dringlicher, ist natürlich die Frage: WANN GEHT ES ENDLICH WEITER??? „37169“
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 16. Januar 2012(Sherlock 2x03)
Schauspieler in der Episode Sherlock 2x03
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