Sherlock 2x02

Ein auf Nikotin- und Kriminalentzug befindlicher Sherlock (Benedict Cumberbatch) erhält Besuch von Henry Knight (Russell Tovey, Being Human). Der junge Mann hat als Kind ein schweres Trauma erlitten: Er hat erlebt, wie sein Vater von einem riesigen Höllenhund mit rotglühenden Augen zerfleischt wurde. Die Leiche des Mannes ist nie gefunden worden. Henry ist jedoch davon überzeugt, dass der Hund immer noch da draußen ist.
Holmes und Watson (Martin Freeman) brechen also auf in das karge, ländliche Dartmoor in der Grafschaft Devon, wo sie als erstes dem streng geheimen Militärstützpunkt Baskerville einen Besuch abstatten. In der Anlage finden unter anderem genetische Experimente mit Tieren statt. Ist das der Ursprung des Höllenhunds? Sherlock kann und will an diesen immer noch nicht so recht glauben. Bis er ihn eines Abends mit eigenen Augen zu Gesicht bekommt...
Mit The Hounds of Baskerville hat sich Autor Mark Gatiss gleich zwei Probleme aufgehalst: Erstens, er folgt mit der Episode unmittelbar auf den Geniestreich, den sein Kollege Steven Moffat in der vergangenen Woche mit A Scandal in Belgravia abgeliefert hat „36833“, welcher schon mal per se kaum zu toppen ist. Und zweitens, hat sich Gatiss mit dem „Hund von Baskerville“ die Conan-Doyle-Geschichte ausgesucht, die für eine Sherlock-Adaption naturgemäß am schwierigsten zu bewältigen ist.
Das liegt einerseits daran, dass die Vorlage ihren Reiz gerade aus der Verwurzelung im gothic horror bezieht, den Doyle gleich zu Beginn seines Romans in Form der grausigen Schauermär über Sir Hugo Baskerville und den Höllenhund einfließen lässt. Der „natürliche“ Ort für diese Art von Geschichte ist die Vergangenheit. Und nicht die urbane Gegenwart mit ihren Smartphones, Tablets und SMS, in der Sherlock angesiedelt ist.
Andererseits ist „Der Hund von Baskerville“ allein schon deshalb ein sehr problematischer Stoff für die Modernisierung, weil er die wohl bekannteste und populärste Holmes-Erzählung ist, welche - nicht zuletzt durch die zahlreichen Verfilmungen - bereits in ihrer viktorianischen Fassung sehr gut in den Köpfen der Zuschauer verankert ist. Entsprechend schwer hat es jede Neufassung, dagegen in Konkurrenz zu treten.
„Of course, I am a showoff, that's what we do...“
Überraschenderweise ist es jedoch weniger die Modernisierung des Stoffes, welche in The Hounds of Baskerville die größten Schwierigkeiten verursacht, sondern die Dramaturgie - insbesondere in den ersten 15 bis 20 Minuten. Nach dem temporeichen A Scandal in Belgravia lässt uns Gatiss hier geradezu gegen eine Wand laufen. Während der Einstieg mit der Rückblende in Henrys Kindheitserlebnis noch sehr gut funktioniert, erscheinen die Szenen in der Baker Street dagegen über Gebühr ausgewalzt.
Sherlocks Zigarettensuche und seine Ausführungen zu Mrs. Hudsons (Una Stubbs) Lover und dessen Doppelleben sind nur mäßig unterhaltsam. Der erste Auftritt von Henry gerät dagegen sogar regelrecht nervtötend: Er redet so lange um den heißen Brei herum, dass nicht nur Sherlock, sondern auch der Zuschauer die Geduld verliert. Allerdings mangelt es auch Sherlock an Konsequenz: Erst will er nur Watson nach Dartmoor schicken (wie in der Vorlage), dann entscheidet er sich jedoch plötzlich ohne erkennbaren Grund dafür, doch selbst zu fahren.
Letztlich merkt man an dieser Stelle deutlich, dass Gatiss hier an dem Problem laboriert, warum sich Sherlock überhaupt für den Fall dieses etwas verwirrten jungen Mannes interessieren sollte - und hat dafür eine nur bedingt zufrieden stellende Lösung gefunden.
An Fahrt und Spannung gewinnt The Hounds of Baskerville erst ab dem Augenblick, als sich Holmes und Watson in die geheime Forschungsanlage einschleichen - und sie jeden Moment in der Gefahr stehen, entlarvt zu werden. Einen ersten echten Höhepunkt stellt danach der kleine nächtliche Waldspaziergang dar: Auf einen sehr gekonnten Spannungsaufbau (die Lichtzeichen, das Geheul, die Bewegungen im Wald) folgt eine erste flüchtige Begegnung mit dem Hund, welche Sherlock Holmes in eine tiefe Krise stürzt.
Mit seinen eigenen Augen hat er etwas gesehen, was es überhaupt nicht geben kann. Genau das versetzt ihn in einen Zustand von Angst und Selbstzweifel. In gewisser Weise knüpft The Hounds of Baskerville hier unmittelbar an die Episode der Vorwoche an: Musste sich Sherlock in A Scandal in Belgravia mit dem Gefühl der Liebe auseinandersetzen, ist nun die nächste elementare Emotion an der Reihe.
„Once you rule out the impossible...“
Wirklich grandios geraten ist dabei vor allem die abendliche Szene im Wirtshaus, in der Sherlock zum einen den berühmten Satz vom Unmöglichen ausspricht, nach dessen Ausschluss die Wahrheit übrig bleiben muss (ein Satz, der in „Star Trek VI“ von Mr. Spock zitiert und einem seiner Vorfahren zugesprochen wird, während Watson wiederum seinerseits Sherlock mit Spock gleichsetzt - und das ausgerechnet in der Woche, in der Benedict Cumberbatch eine Rolle im nächsten Star Trek-Film ergattert hat... - Sorry, da hat sich der Rezensent wohl in seinem mind palace verirrt...).
Zum anderen stößt Holmes Watson vor den Kopf, indem er von sich sagt, keinerlei Freunde zu haben. Die Beziehung der beiden wird dadurch zum ersten Mal auf eine wirklich harte Probe gestellt. Da haben die beiden schon so viel miteinander erlebt - und Watson so viel erduldet. Und trotzdem scheint Sherlock ihn noch immer nicht als einen Freund zu sehen. Das hat schon etwas Herzzerreißendes. Um so berührender ist dafür später auf dem Friedhof der Versuch Sherlocks, sich bei John zu entschuldigen. Man merkt in diesem Augenblick, dass ihm wirklich etwas an der Freundschaft zu Watson gelegen ist. Und dass er ihn nicht verlieren möchte.
Was den Fall angeht, so gelingt es Gatiss, einen zeitgemäßen Spin für den Höllenhund zu finden, ohne dabei auf die all zu offensichtliche Lösung zu verfallen (diese findet lediglich als falsche Fährte Verwendung). Besonders schön ist dabei vor allem das Finale geraten, welches zahlreiche Elemente der Vorlage (wie zum Beispiel die Idee, Henry als Köder zu verwenden) aufgreift - und in einen neuen Kontext stellt. Was das betrifft, ist natürlich auch das Spiel mit den Namen aus dem Roman zu erwähnen.
Fazit
Nach einem schleppenden und etwas enttäuschenden Anfang fängt sich The Hounds of Baskerville nach etwa einer Viertelstunde - und liefert eine spannende und stimmungsvoll inszenierte Neuauflage der berühmten Hundegeschichte. An das Krimifest der Vorwoche reicht Sherlock damit zwar nicht heran. Exzellente Unterhaltung ist aber trotzdem garantiert. Und der Cliffhanger lässt einen gleichermaßen gespannt wie verblüfft den kommenden Sonntag herbeisehnen.
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 9. Januar 2012(Sherlock 2x02)
Schauspieler in der Episode Sherlock 2x02
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