Sherlock 2x01

Handys sind schon eine prima Erfindung. Sie haben aber auch ihre Schattenseiten. Wirklich nirgendwo ist man heutzutage noch ungestört. Nicht mal inmitten einer Konfrontation auf Leben und Tod. Erst ruiniert ein peinlicher Klingelton (davon gibt es später noch mehr...) die dramatische Stimmung. Und dann wird einer der Kontrahenten durch das Telefonat so sehr abgelenkt, dass er seine mörderische Absicht ganz vergisst - und zur großen Überraschung seines Gegenübers so mir nichts dir nichts das Feld räumt. Oder so scheint es jedenfalls.
Holmes (Benedict Cumberbatch) und Watson (Martin Freeman) ahnen in diesem Moment noch nicht, dass Moriarty (Andrew Scott) seine Meinung nur deshalb geändert hat, weil er Holmes noch braucht. Eine Geschäftspartnerin von ihm hat mit ihrem Kamera-Handy einen Code abfotografiert, zu dessen Enträtselung sie das klügste - und nach Ihrer Auffassung: erotischste - Gehirn Englands benötigt.
Doch der Reihe nach: Erstmals aufmerksam wird Sherlock auf besagte Dame durch einen Auftrag, den ihm sein Bruder Mycroft (Mark Gatiss) zukommen lässt: Die als Domina in den höheren Kreisen der britischen Gesellschaft tätige Irene Adler (Lara Pulver, True Blood) hat kompromittierende Aufnahmen von einem Mitglied der königlichen Familie gemacht. Sie verlangt dafür aber kein Geld. Offenbar will sie nur für spätere Zeiten ein Druckmittel in der Hand haben.
Holmes und Watson sollen die Fotos an sich bringen. Dabei stellt sich jedoch schon sehr schnell heraus, dass Irene mehr als nur Beweise für die Züchtigung einer Prinzessin besitzen muss. Denn auch eine Gruppe amerikanischer Agenten ist hinter ihr her...
Das Warten hat sich gelohnt! Und wie! So ließe sich wohl in aller Kürze die erste Reaktion auf A Scandal in Belgravia beschreiben. Das liegt nicht zuletzt daran, weil im Zentrum der Folge weniger ein kriminalistisches, als vielmehr ein emotionales Rätsel steht: Ist Sherlock Holmes eigentlich zu menschlichen Gefühlen und Regungen - abgesehen von seiner grenzenlosen Arroganz - fähig? Ist er möglicherweise sogar in der Lage, sein Herz an eine Frau zu verlieren? Zu seiner Selbstinszenierung gehört, dass ihm Dinge wie Liebe, Zuneigung und sexuelles Begehren fremd sind. Doch wieviel ist davon nur Fassade?
Er tut so, als ob ihm Irenes nackter Körper vollkommen gleichgültig ist, tatsächlich hat er ihn jedoch sehr gründlich inspiziert, wie er bei der Öffnung des Kombinationsschlosses unter Verwendung ihrer Maße eindrucksvoll demonstriert. Auch ihr vermeintlicher Tod geht ihm näher, als man dies bei dem so kalt und analytisch erscheinenden Detektiv erwarten würde.
Es ist genau diese Doppelbödigkeit zwischen der Oberfläche des kühlen, manchmal geradezu herzlosen Logikgenies und den darunter aufblitzenden Momenten von Wärme und Menschlichkeit, zum Beispiel als er sich bei Molly (Loo Brealey) für ihre Bloßstellung am Weihnachtsabend entschuldigt, welche die Figur des Sherlock so interessant und faszinierend machen. Und es ist das Duell zwischen ihm und seinem weiblichen Widerpart, aus dem die Folge ihre Spannung bezieht.
Einerseits ist Irene das exakte Gegenteil von Sherlock: Während er so wenig von Leidenschaften tangiert zu sein scheint, dass ihm der Spitzname „Jungfrau“ angehängt wird, ist sie pure Erotik und Sinnlichkeit. Sie benutzt gleichermaßen ihren Verstand wie ihre Sexualität, um ihre Ziele zu erreichen, wozu insbesondere Macht und das Ausüben von Kontrolle gehören. Gekonnt manipuliert sie Sherlock - und bringt ihn dazu, für sie und ihren Hintermann Moriarty den Code zu entschlüsseln.
Andererseits ist sie Sherlock aber wiederum sehr ähnlich: Auch sie hat ein emotionales Innen und Außen. Von außen ist sie die berechnende Dominatrix, welche sich darin gefällt, ein Land in die Knie zu zwingen, wie Mycroft es so schön ausdrückt. Im Inneren dagegen hat sie ein Herz, dessen beschleunigter Schlag sich am Ende als verräterisch für ihre eigentlichen Gefühle erweist.
Diese überaus spannende Grundkonstellation wird von Steven Moffat in einen schwungvollen Plot voll cleverer Einfälle (zum Beispiel die vermeintlich uninteressanten Fälle vom Anfang, die sich als Teil der Lösung im Hauptfall entpuppen) und kunstvoller Konstruktionen verpackt (zum Beispiel die Parallelführungen zwischen Sherlock und Irene, wie sie zuerst gegenseitig Fotos voneinander betrachten - und sich dann schließlich für ihr erstes „Date“ einkleiden), der den Zuschauer 90 Minuten fesselt, obwohl sich der äußerliche Spannungswert der Folge eher in Grenzen hält.
Tatsächlich ist mit dem Auftauchen der (Ex- ?) CIA-Agenten sogar der einzige (kleine) Kritikpunkt an der Folge verbunden: So erscheint es doch SEHR verblüffend, dass der Anführer der Truppe seine Leute mal so eben auf Sherlocks Bitten hin wegschickt, vor allem nachdem er doch schon bei ihrer ersten Begegnung gemerkt haben sollte, dass Sherlock für so manche Überraschung gut ist. Das ist dann doch schon grenzwertig unplausibel - tut dem Unterhaltungswert der Folge jedoch keinen Abbruch.
Apropos Unterhaltung: Zu dieser tragen natürlich auch die köstlichen, vor Witz und Intelligenz nur so überbordenden Dialoge bei. Davon gibt es in der Folge so viele, dass hier ein mehr oder minder zufällig ausgewähltes Beispiel zur Illustration reichen muss: „Yes, punch me in the face! Didn't you hear me?“ / „I always hear „Punch me in the face!“ when you are speaking. But it's usually subtext...“
Fazit
Emotional fesselnd, witzig, komplex und clever sowie, nicht zu vergessen, ungemein erotisch. Der Auftakt der neuen Staffel von Sherlock ist ein 90-minütiges Feuerwerk bester Krimi-Unterhaltung, welches nicht nur die meisten deutschen, sondern sogar manche US-Produktionen wie ungelenke Amateurarbeiten aussehen lässt. Und von den Zuschauern die entsprechende Anerkennung erhält.
In Großbritannien war Sherlock mit A Scandal in Belgravia so erfolgreich wie noch nie: 8,75 Millionen Zuschauer wollten den overnight ratings zufolge die Folge sehen. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass die Zahl in den konsolidierten Einschaltquoten auf über 10 Millionen ansteigen wird.

(Sherlock 2x01)
Schauspieler in der Episode Sherlock 2x01
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?