Sharp Objects 1x02

Sharp Objects 1x02

Ganz Wind Gap trauert in Sharp Objects um die kleine Natalie, das zweite Opfer des Serienkillers, der die Stadt in Atem hält. Während Richard nach dem Täter sucht, ist Camille vielmehr an Anekdoten über das Opfer interessiert.

Natalies Beerdigung in „Sharp Objects“: ein schwerer Gang für Adora (Patricia Clarkson) und Camille (Amy Adams). (c) HBO
Natalies Beerdigung in „Sharp Objects“: ein schwerer Gang für Adora (Patricia Clarkson) und Camille (Amy Adams). (c) HBO
© atalies Beerdigung in „Sharp Objects“: ein schwerer Gang für Adora (Patricia Clarkson) und Camille (Amy Adams). (c) HBO

Nachdem Vanish, die Auftaktepisode des neuen HBO-Sommerkrimis Sharp Objects, vergangene Woche mit der Entdeckung der zweiten Kinderleiche in Wind Gap, Missouri endete, steht diese Woche in der Folge Dirt nun die Beerdigung an. Für Camille (Amy Adams) die perfekte Gelegenheit, hinter die Fassade der ländlichen Gefasstheit zu blicken und die wahren Emotionen der Stadtbewohner zu erleben. Doch auch sie persönlich ist vom Tode Natalies (Jessica Treska) betroffen, weckt die Trauerfeier doch zahlreiche Erinnerungen an ihre verstorbene Schwester Marian (Lulu Wilson).

Wie in der Kritik zur Pilotepisode angedeutet, kann die Serie nun, da die Prämissen und das Gros der Charaktere etabliert sind, etwas freier aufatmen. Die Inszenierung des Regisseurs Jean-Marc Vallée wirkt in dieser zweiten Folge bereits deutlich durchdachter, so dass trotz einer Spielzeit von knapp 55 Minuten kaum Längen auftreten. Erneut glänzt vor allem die Kulisse: Wind Gap lebt und atmet und als Zuschauer spürt man die schwüle Hitze in der Einöde. Als Highlights fungieren derweil erneut Vallées Einbindung des Soundtracks und Adams' Darbietung als äußerlich selbstbewusstes psychisches Wrack.

Bei HBO konnte Sharp Objects mit diesen Qualitäten auch die Abonnenten überzeugen: Mit knapp 1,5 Millionen Zuschauern überbot Vallée sogar seine starbestückte Dramaserie Big Little Lies, die sich 2017 allerdings von Woche zu Woche steigerte (siehe US-Quoten: Sharp Objects schneidet gut ab). Ob dieses seltene Kunststück nun auch seinem neuen Werk gelingt, bleibt abzuwarten. An der reinen Qualität des Formats dürfte es jedoch nicht scheitern, denn auch die aktuelle Episode ist absolut sehenswert. Ein besonderer Coup diesmal: Die Buchautorin Gillian Flynn hat das Drehbuch beigesteuert.

Honor the dead

Nicht nur für Camille, sondern auch für ihre distanzierte Mutter Adora (Patricia Clarkson) ist Natalies Beerdigung eine psychische Schwerstbelastung. Doch als Matriarchin von Wind Gap erwartet man natürlich ihre Anwesenheit, zumal sie zu Camilles Überraschung wohl ein ziemlich enges Verhältnis zu dem jungen Mädchen hatte. So wie Camille in ihrer Kindheit galt auch Natalie als sogenannter Tomboy, als Wildfang sozusagen. Mit Samtpfoten behandelt Adora ihre älteste Tochter aber dennoch nicht - man könnte sogar meinen, dass sie mit ihr noch härter als sonst ins Gericht geht.

Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Dirt“: Det. Richard Willis (Chris Messina) begibt sich auf die Spur des Mörders.
Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Dirt“: Det. Richard Willis (Chris Messina) begibt sich auf die Spur des Mörders. - © HBO

Adora zeichnete sich bereits in der Pilotepisode als Charakter ab, dem die Zuschauer nicht allzu viele Sympathien zukommen lassen würden. Auch die Darbietung von Clarkson schien ein wenig übertrieben, besonders während der dunklen Szenen im Anwesen der zerrütteten Familie. Ein kluger Schachzug der Serienmacher, während der Beerdigung auch Camille schlecht aussehen zu lassen. Statt den Eltern des Opfers echtes Beileid zu zeigen, nutzt sie die Trauerfeier vielmehr für ihre Arbeit: Sie macht Notizen beim Gottesdienst, schleicht durch die privaten Räumlichkeiten und konfrontiert den trauernden Vater mit unangenehmen Fragen. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich Adoras Wut über das Verhalten ihrer Tochter also verstehen.

Vallée gelingt es zudem, die grotesken, aber zutiefst realitätsnahen Seiten eines Anlasses wie diesem einzufangen. Besonders schön ist das Konzert an Räusperern und Hustern, die die emotionale, aber keineswegs geschliffene Trauerrede der Mutter des Opfers untermalen. Beim späteren Leichenschmaus entspinnt sich zudem ein Echo der Lästereien. Wohin Camille auch lauscht, überall tuscheln die kleinkarierten Kleinstadtbürger über die düsteren Geheimnisse ihrer Nachbarn. Ein paar alte Schulfreundinnen beschuldigen sogar ganz unverhohlen den Bruder von Natalie, den Mädchenschwarm John (Taylor John Smith), mit dem Mord in Verbindung zu stehen. Geht es nach den Wind Gapians sind er und Bob Nash (Will Chase), der Vater des ersten Opfers Ann, die beiden Hauptverdächtigen.

Woman in white

Camille als findige Reporterin hat noch keine Ahnung, wer oder was für den Tod der beiden Mädchen verantwortlich sein könnte. Ohnehin erinnert ihr Chef Frank Curry (Miguel Sandoval) sie daran, dass sie nicht dafür zuständig sei, den Täter zu finden, sondern interessante Geschichten über die Betroffenen zu sammeln. Die Polizei, die tatsächlich ermitteln muss, ist gleichzeitig aber auch nicht viel weiter: Während der smarte Gastermittler Det. Richard Willis (Chris Messina) weiterhin versucht, sich in den Killer hineinzuversetzen - indem er beispielsweise an einem Schweinekopf austestet, wie schwer es ist, jemandem die Zähne zu ziehen -, schmeißt der lokale Ordnungshüter Chief Vickery (Matt Craven) lediglich mit Plattitüden um sich, die er wahrscheinlich bei irgendwelchen schlechten Fernsehkrimis aufgeschnappt hat: „It's a cry for help.

Einen Hinweis ignorieren sowohl Vickery als auch Willis absichtlich: Ein kleiner Junge namens James Capisi (Dylan Schombing) will die Entführung beobachtet haben. James behauptet, eine Frau in Weiß habe eines der Mädchen verschleppt. Sie sei aus dem Wald erschienen und genauso schnell wieder verschwunden - wie eine Hexe. Die Polizisten halten James' Geschichte für unglaubwürdig, denn für sie steht fest, dass der Täter ein Mann sein muss. Zudem gehören James und seine krebskranke Mutter zur untersten sozialen Schicht in Wind Gap, was sie in einer so oberflächlichen Stadt wie dieser zu Menschen zweiter Klasse macht. Obwohl man dasselbe auch über die Keenes sagen könnte, also Natalies Familie, denn sie werden als Übersiedler aus Philadelphia ebenfalls als Außenseiter betrachtet. Genauso wie Camille als Weggezogene.

Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Dirt“: Wie so oft findet Camille (Amy Adams) ihre wichtigsten Antworten im Alkohol.
Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Dirt“: Wie so oft findet Camille (Amy Adams) ihre wichtigsten Antworten im Alkohol. - © HBO

Camilles komplizierte Beziehung zu Wind Gap wird in dieser zweiten Episode, die sich viel Zeit für die Beerdigung nimmt, weiter ausgeleuchtet. Zu viele schlechte Erinnerungen hängen an ihrer Heimatstadt, so dass sie am liebsten sofort nach St. Louis zurückkehren würde. Die nach ihrem Urteil guten Menschen in Wind Gap könnte sie vermutlich an einer Hand abzählen. Und ihre eigene Familie wäre sicher nicht dabei - nicht mal ihre kleine Schwester Amma (Eliza Scanlen), die sich immer mehr als verzogene Rotzgöre präsentiert. Allerdings beruht Camilles Abneigung wohl auch auf Eifersucht, denn immer wieder muss sie mit ansehen, wie ihre Mutter Adora Amma eine Form der Liebe zeigt, die ihr selbst nie zuteil wurde.

Bless your heart

Kein Wunder, dass Camille und Richard, der hübsche Großstadtcop aus Kansas City, bald eine Art Freundschaft aufbauen. Die Verachtung der Bewohner von Wind Gap schweißt die Reporterin und den Ermittler zusammen. Wie schon in der ersten Episode tauschen sie auch diesmal wieder das eine oder andere Geheimnis aus, wobei natürlich alles inoffiziell bleibt. Richard braucht einen Crashkurs für die Handhabung der lokalen Bevölkerung und Camille braucht Details für ihre Story. Ein perfekter Deal, zumal beide auch denselben Sinn für Humor zu teilen scheinen. Hinzu kommt eine kaum zu übersehene sexuelle Anziehung, und das obwohl oder gerade weil Richard so einige Geschichten über Camille gehört hat. Nicht zu Unrecht nennt er sie die Prinzessin von Wind Gap, denn das war sie aufgrund ihrer Schönheit damals - ähnlich wie heute Amma.

Auch diesmal leitet sich der Titel der Episode, Dirt, wieder von einem der Wörter ab, die sich Camille in ihrem jugendlichen Selbstzerstörungsdrang in die eigene Haut geritzt hat. Im Vergleich zur Vorwoche funktionieren die Flashbacks in Camilles traumatische Jugend, in der die Hauptfigur von Sophia Lillis porträtiert wird, deutlich besser. Der Grund: Als Zuschauer weiß man die ungeordnete, instinktartige Inszenierung Vallées nun besser einzuschätzen. Besonders als Buchleser muss man sich an die Sprunghaftigkeit der Serienadaption zunächst gewöhnen, doch ist das erst geschehen, kommen die Vorteile des audiovisuellen Mediums klar zur Geltung. Der Regisseur spielt mit der Psyche seiner Rezipienten; so lässt er beispielsweise für wenige Millisekunden ein Bild des Opfers aufblitzen, ähnlich, wie man es von unterschwelliger Werbung kennt.

Bemerkenswert zudem der Einsatz von Musik, wie eingangs bereits angedeutet. Nur wenige Serienregisseure wissen so gut mit Soundtracks umzugehen wie Jean-Marc Vallée. Dieses Talent bewies er bereits bei Big Little Lies und bei Sharp Objects erkennt man es schon im atmosphärischen Intro. Es wäre durchaus interessant zu sehen, wie viel Geld HBO allein für die Lizenzen der vielen Led-Zeppelin-Songs, die Camille in ihrem Auto spielt, abdrücken muss. Charaktere werden hier nicht durch Themes definiert, sondern durch das Genre, das sie hören. Die chaotische Camille hört eben harten Rock, während ihr ruhiger Stiefvater Alan (Henry Czerny) französische Chansons bevorzugt. Die volle Vision Vallées wird aber wohl erst in den kommenden sechs Wochen offensichtlich, wenn sich das Mordmysterium von Wind Gap weiter ausbreitet.

Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 16. Juli 2018

Sharp Objects 1x02 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 2
(Sharp Objects 1x02)
Titel der Episode im Original
Dirt
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 15. Juli 2018 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 6. September 2018
Regisseur
Jean-Marc Vallée

Schauspieler in der Episode Sharp Objects 1x02

Darsteller
Rolle
Eliza Scanlen
Matt Craven
Taylor John Smith
Jackson Hurst
Jennifer Aspen

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