Sharp Objects 1x03

Sharp Objects 1x03

Der starbesetzte Sommerkrimi Sharp Objects ist und bleibt ein audiovisueller Hochgenuss, handgemacht vom Regiemastermind Jean-Marc Vallée. Nach dem Leitmotiv Mütter geht es in Episode drei nun ganz um Schwestern.

Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Fix“: Alice (Sydney Sweeney) und Camille (Amy Adams) verbindet die Musik. (c) HBO
Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Fix“: Alice (Sydney Sweeney) und Camille (Amy Adams) verbindet die Musik. (c) HBO
© zenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Fix“: Alice (Sydney Sweeney) und Camille (Amy Adams) verbindet die Musik. (c) HBO

Drei Episoden reichen aus, um voller Überzeugung behaupten zu können, dass sich Jean-Marc Vallées psychologisch packender Sommerkrimi Sharp Objects als eine der besten Serien dieses Jahres verewigen wird. Nachdem sich schon die ersten beiden Episoden mit den simplen Titeln Vanish (1x01) und Dirt (1x02) höchst stilsicher präsentierten, bringt die dritte Folge namens Fix (1x03) nun den ersten echten Höhepunkt bei HBO. Schon beim neu komponierten Intro wird deutlich: Diese nächste Stunde Fernsehdrama wird man als Zuschauer nicht so schnell vergessen.

My long-lost sister

Zuletzt rissen bei Camille (Amy Adams) in Wind Gap vor allem die alten Wunden durch das schlechte Verhältnis zu ihrer Mutter Adora (Patricia Clarkson) wieder auf. Doch diesmal dreht sich alles um die ebenfalls komplizierte Beziehung zu ihrer jüngeren Halbschwester Amma (Eliza Scanlen), die weiterhin zwei verschiedene Personae vorspielt. Zum einen ist da das unschuldige Mädchen vom Lande, das den ganzen Tag mit seinem Puppenhaus zubringt und züchtige Sommerkleider trägt, zum anderen ist sie aber auch das Partygirl, das mit Fremden flirtet und Camille mit ihren Freundinnen aufzieht.

Belastend ist das alles für Camille, da sie mit Marian (Lulu Wilson) schon einmal eine Schwester hatte und die auf tragischste Weise verlor. Ausufernde Flashbacks in eine nicht allzu weit zurückliegende Vergangenheit legen nun noch ein weiteres Trauma frei: Camilles Zeit in der geschlossenen Psychiatrie. Wie den meisten bereits aufgefallen sein sollte, leidet Camille unter dem Verlangen, sich selbst zu ritzen. Ihr gesamter Körper ist übersät von Narben, die bedeutungsvolle Wörter bilden. Aus Sorge um ihr Leben wurde sie schließlich eingewiesen und lernte dort in ärztlicher Obhut ein junges Mädchen mit ähnlicher Symptomatik kennen. Ihr Name: Alice (Sydney Sweeney).

Durch diesen Rückblick erfahren wir auch die origin story von Camilles iPod, der so viele wunderschöne Lieder mit sich trägt. Er war die Brücke zwischen ihr und Alice, die für sie bald zur neuen kleinen Schwester wurde. Doch alles, was mit Familie zu tun hat, endet für Camille anscheinend im Unglück: Eines Tages findet sie Alice mit aufgeschlitzten Adern verblutet am Boden ihres Zimmers. Als Selbstmordwaffe wählte das Mädchen den Dorn einer Rose, die Alan (Henry Czerny), Camilles einziger Besucher, als Geschenk mitgebracht hatte. Normalerweise ein abgedroschenes Klischee, die Rose als Sinnbild der Liebe und des Schmerzes, aber Vallée als Mann des Geschmacks weiß auch dies gekonnt zu inszenieren.

Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Fix“: Richard (Chris Messina) denkt beim Täter an einen Einwohner von Wind Gap.
Szenenbild der „Sharp Objects“-Episode „Fix“: Richard (Chris Messina) denkt beim Täter an einen Einwohner von Wind Gap. - © HBO

Als Camille zum zweiten Mal als große Schwester versagt, will auch sie nicht länger leben. Ihr eigener Versuch, sich umzubringen, kann jedoch zum Glück gestoppt werden. Kein Wunder, dass sie nach solch schrecklichen Erfahrungen lange Zeit auf Distanz zu Amma blieb. Doch Amma selbst kennt keine Grenzen und rückt Camille unbehaglich nah auf die Pelle. Zwischenzeitlich scheint sich sogar eine sexuelle Spannung aufzubauen, nur eines von vielen Tabus, mit denen Sharp Objects spielt - immerhin geht es in der Serie primär um den Mord an zwei Kindern. Eine besonders abstoßende Szene zeigt Amma im Schweineschlachthof ihrer Mutter, wo sie sich scheinbar am Leid der Tiere ergötzt.

A crime of passion

Während Camille bei all dem Gefühlschaos und ihrer ohnehin labilen Psyche kaum noch ihrer Arbeit als Reporterin nachgehen kann, strauchelt auch Richard (Chris Messina) als leitender Ermittler. Streng genommen macht die angeschlagene Camille sogar größere Fortschritte als der großmäulige Großstadtpolizist, schafft sie es doch wenigstens, die beiden Hauptverdächtigen Bob Nash (Will Chase) und John Keene (Taylor John Smith) zu interviewen. Wirklich verdächtig wirkt aber keiner von beiden, so dass ihr ihre verräterische Fantasie sogar die hexenhafte Frau in Weiß wieder ins Gedächtnis ruft.

Für den örtlichen Polizeichef Vickery (Matt Crave) kommen derweil zwei andere Tätertypen infrage: entweder ein durchreisender Trucker oder ein Mexikaner - in der Kleinstadt wird Rassismus eben noch groß geschrieben. Hauptsache, es ist ja kein Einwohner von Wind Gap, der die furchtbaren Morde begangen hat, wobei Richard genau das denkt. Für ihn sei die Art und Weise, wie Ann (Kaegan Baron) und Natalie (Jessica Treska) getötet wurden, ein klarer Hinweis für ein Verbrechen aus Leidenschaft. Soll heißen: Der Killer hat seine Opfer höchstwahrscheinlich gekannt.

Viel Neues bezüglich des zentralen Mordmysteriums liefert die Episode Fix (1x03) also nicht, doch dafür lässt sie tiefe Blicke in die Psyche der Protagonistin Camille zu. Wer Sharp Objects wegen der eigentlichen Geschichte schaut, hat sowieso etwas grundlegend falsch verstanden - mir selbst ging es anfangs bei der Pilotepisode genauso. Das wahre Faszinosum dieser Serie liegt in ihrer einmaligen Inszenierung. Die seltene Gabe des Regisseurs Jean-Marc Vallée, mit seiner intuitiven Schnitttechnik an die Urängste der Zuschauer zu appellieren, ermöglicht eine Spannung, die nur wenige Krimis aufbauen können. Und wie schon oft gesagt: Der meisterhafte Einsatz des Soundtracks sucht weiter seinesgleichen.

Sonstige Gedanken:

  • Was glauben die Serienmacher eigentlich, wie viel eine Zeitungsreporterin durchschnittlich verdient? Würde Camille im echten Leben wirklich zum teuren Absolut Vodka und Evian-Wasser greifen? Ich denke, eher nicht.
  • Amy Adams bekommt in dieser Episode so viel gutes Schauspielmaterial und holt natürlich stets das Maximum heraus.
  • Ich wusste zwar, Led Zeppelin sind gut, aber dank der Serie werde ich gerade echt zum Fan. Bester Song: „Thank You.
  • Vulture hat letzte Woche einen interessanten Artikel über all die versteckten Wörter in der Serie veröffentlicht. Mein persönlicher Favorit: „Last Exit to Change Your Mind.“ Habt Ihr die Easter Eggs selbst erspäht?

Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 23. Juli 2018

Sharp Objects 1x03 Trailer

Episode
Staffel 1, Episode 3
(Sharp Objects 1x03)
Titel der Episode im Original
Fix
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 22. Juli 2018 (HBO)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 13. September 2018
Regisseur
Jean-Marc Vallée

Schauspieler in der Episode Sharp Objects 1x03

Darsteller
Rolle
Eliza Scanlen
Matt Craven
Taylor John Smith
Jennifer Aspen

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