Sharp Objects 1x01

© my Adams und Patricia Clarkson in „Sharp Objects“: Ein sanfter Strich durch die Haare oder ein fester Würgegriff? (c) HBO
Sharp Objects hat wahrscheinlich alles, um der nächste große Serienhit von HBO zu werden: eine beliebte Buchvorlage der „Gone Girl“-Autorin Gillian Flynn, einen einzigartigen Visionär wie Jean-Marc Vallée (Big Little Lies) auf dem Regiestuhl und zu guter Letzt die fünffach oscarnominierte Spitzenschauspielerin Amy Adams („Arrival“, „American Hustle“) in der Hauptrolle. Doch auch das Thema des düsteren Sommerkrimis, ein Mordmysterium in der Kleinstadt, ist durchaus vielversprechend. Bleibt nur die Frage, ob die hohen Erwartungen mit der jüngst erschienenen Pilotepisode Vanish erfüllt werden können.
Nach True Detective im Jahr 2014, Show Me a Hero im Jahr 2015, The Night Of im Jahr 2016 und Big Little Lies im Jahr 2017 will der qualitätsversessene Kabelsender mit Sharp Objects nun auch im Jahr 2018 eine Sensationsserie an die Zuschauerinnen und Zuschauer bringen. Im besten Fall winken wieder diverse Auszeichnungen und die Aussicht auf eine unverhoffte zweite Staffel, die bei diesen sogenannten Miniserien von HBO scheinbar immer öfter zur Gewohnheit wird. Aber wie gesagt: Zunächst müssen erst einmal die acht Episoden der Auftaktstaffel überzeugen.
Hierzulande kann die Serie parallel zum US-Start bei Sky Go, Sky Ticket und Sky On Demand mitverfolgt werden. Die reguläre Ausstrahlung bei Sky Atlantic HD erwartet die Abonnenten dann ab dem 30. August. Neben der Hauptdarstellerin Adams kann man sich unter anderem auf Patricia Clarkson, Eliza Scanlen, Elizabeth Perkins, Chris Messina, Matt Craven und Sophia Lilis freuen. Letztgenannte spielt die jüngere Version von Adams' Hauptfigur der Camille Preaker, während sie in der Neuverfilmung von Stephen Kings „It“ interessanterweise das Double von Jessica Chastain darstellt. Und diese Verbindung ist nicht irrelevant, denn tatsächlich haben beide Werke auch stilistisch und thematisch diverse Ähnlichkeiten...
Home Sweet Home
Von außen betrachtet geht es in Sharp Objects um Kindesmord und um die Geheimnisse in Anytown, USA. Doch im Kern handelt die Serie von Familie und davon, dass manche von uns weniger Glück mit ihren Eltern haben als andere. Camille Preaker (Amy Adams), eine alleinstehende Reporterin Mitte dreißig, ist einer dieser leidgeprüften Menschen. Die Beziehung zu ihrer Mutter Adora (Patricia Clarkson) ist so toxisch, dass sie ihre Heimatstadt Wind Gap, Missouri bei der ersten Gelegenheit verließ. In der Serie zog es sie nach St. Louis, im Buch hingegen nach Chicago. Wirklich entkommen konnte Camille ihrer Vergangenheit jedoch nie, so dass sie ihre traumatischen Erinnerungen im Alkohol ertränken muss.
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Aber all die Fluchtversuche bringen nichts, als ihr Chefredakteur Frank Curry (Miguel Sandoval) sie eines Tages nach Wind Gap schickt, um dort über den Tod der neunjährigen Ann Nash zu berichten. Curry vermutet in Wind Gap eine Story von nationalem Interesse, denn zur selben Zeit wird noch ein weiteres Mädchen aus der Stadt vermisst, die zehnjährige Natalie Keene. Falls auch sie getötet wurde, hätte man es mit einem Serienkiller zu tun - mit einem Mörder, der jungen Mädchen hinterherjagt, und das brächte Auflagen, wie sie die kleine Großstadtzeitung von Camille noch nie gesehen hat. Doch Curry ist kein Monster: Er lässt seiner Lieblingsredakteurin schlussendlich die Wahl und sie willigt ein, da sie insgeheim hofft, das gestörte Verhältnis zu ihrer Familie durch ihren ersten Besuch seit Jahren reparieren zu können.
Je näher Camille Wind Gap kommt, desto schwerer fällt ihr die Fahrt. Kurz vor der Stadtgrenze beschließt sie sogar, noch einmal Halt zu machen, um die letzte Nacht im Motel zu verbringen. Am nächsten Morgen hat sie aber keine Wahl mehr und muss sich ihrer Heimat stellen. Man kennt Camille in Wind Gap, nicht zuletzt wegen ihrer auffallenden Schönheit. Es gibt zwei Sorten von Menschen in dem Städtchen: Trash und altes Geld. Camille selbst beschreibt sich als Mischung von beidem. Ihre Mutter erbte die örtliche Schweinefabrik, den größten Arbeitgeber der Region. Und das macht Adora quasi zur Cruella De Vil von Wind Gap: extravagant, ein wenig unheimlich und natürlich mit einem prächtigen Anwesen.
In der ersten Sekunde, in der Camille über die Schwelle zur Tür ihres Kindheitshauses tritt, spürt sie, dass ihre Rückkehr ein Fehler war. Adora empfängt sie im Bademantel, mit einem Drink in der Hand, aber ohne eine mütterliche Umarmung anzubieten. Sie scheint nicht begeistert vom Erscheinen ihrer ältesten Tochter, doch die Gepflogenheiten verlangen es, sie willkommen zu heißen. Adoras Lebensgefährte Alan (Henry Czerny), der einzige „Vater“, den Camille je kannte, schafft es ebenfalls nicht, sie angemessen zu begrüßen. Es ist bezeichnend für die Crellins - so heißt die Familie nun mit Ausnahme von Camille -, dass nur die Haushälterin Gayla (Emily Yancy) über Camilles Ankunft wirklich froh zu sein scheint.
Das Geheimnis von Wind Gap
Camilles oberstes Ziel ist ihre Reportage über den vermeintlichen Kindermörder. Ihre Mutter will von alledem nichts wissen, da sie derlei Themen nicht vertrage. Also schließen Mutter und Tochter einen Deal: Camille spricht zu Hause nicht über ihre Arbeit und darf dafür in ihrem alten Zimmer wohnen. Ihr erster Weg führt sie zur örtlichen Polizeistation, in der ihr der gestresste Chief Vickery (Matt Craven) rasch zu verstehen gibt, dass er von der Einmischung der Medien wenig hält.
Mehr Glück hat Camille beim Leiter der Ermittlung, dem jungen Bundesagenten Det. Richard Willis (Chris Messina). Bei ihm kann sie ihre Stärken als attraktive Frau voll ausspielen. Doch so sehr er sie auch zu begehren scheint, austricksen lässt er sich nicht. Informationen werden zwischen ihm und der Reporterin nur auf Augenhöhe ausgetauscht. So erfährt sie beispielsweise, dass die junge Ann vor ihrem Tod nicht missbraucht wurde. Noch merkwürdiger ist jedoch, dass der Täter der Leiche alle Zähne zog. Dass Camille als Kind selbst eine Schwester verloren hat, macht ihre Nachforschungen nicht leichter...
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Der Tod ihrer kleinen Schwester Marian (Lulu Wilson) war der Auslöser sämtlicher Probleme. Immer wieder sehen wir in der Pilotepisode Rückblenden in die Vergangenheit, in denen Marian und die junge Camille (Sophia Lilis) mit Rollschuhen durch die Gegend fahren. Der Konflikt zwischen Camille und ihrer Mutter beruht auf der unausgesprochenen Ansicht, dass damals die falsche Tochter starb - und mit der ach so wunderbaren Marian kann es sowieso kein lebendes Kind mehr aufnehmen.
Camille hat noch eine zweite Schwester: die 13-jährige Amma (Eliza Scanlen), mit der sie jedoch nie viel Zeit verbrachte, da sie kurz nach ihrer Geburt das Weite gesucht hatte. Kein Wunder also, dass sie Amma beim ersten Wiedersehen nicht einmal erkennt. Auch Amma lebt im Schatten der toten Marian, doch anders als Camille hat sie einen Weg gefunden, Adora das perfekte Töchterchen vorzuspielen, während sie außerhalb des Hauses als frühreife Lolita für Chaos sorgt. Auch ihr liegen alle Wind Gapians zu Füßen. Und am Boden liegt die kleine Stadtbevölkerung, als eines sonnigen Morgens die Leiche des zweiten Mädchens gefunden wird. Auch Natalie hat keine Zähne mehr, aber Camille hat dafür nun ihre Serienkillerstory.
Vallées Vision und Adams' Beitrag
Die HBO-Serie Sharp Objects versucht mit ihrer düsteren Pilotepisode Vanish - benannt nach einem der Wörter, die sich die selbstzerstörerische Camille in die eigene Haut geritzt hat -, die passende Atmosphäre für das Mordmysterium zu schaffen. So wie es ihm bei Big Little Lies gelang, die Eitelkeit des kalifornischen Küstenstädtchens Monterey herauszukitzeln, beweist der Regisseur Jean-Marc Vallée auch bei Wind Gap das richtige Gespür fürs Setting. Als Verfasser dieser Kritik hatte ich kürzlich das Vergnügen, den realen Drehort der Serie in Georgia zu besuchen. Dazu bald mehr bei SERIENJUNKIES.DE®.
Erste Episoden sind immer schwer, da sie ein paar Pflichtaufgaben erfüllen müssen, bevor es später zum „spaßigen“ Teil übergeht. Auch bei Sharp Objects müssen zunächst Prämissen und Figuren etabliert werden, wodurch der Pilot an einigen Stellen überladen wirkt. Besonders verglichen mit der noch langsameren Buchvorlage wirkt die Serie anfangs etwas ungeordnet, zumal sich Vallée mit der Entscheidung, so viele Flashbacks einzustreuen, meiner Ansicht nach keinen Gefallen getan hat. Wer das Buch nicht kennt, ist möglicherweise überfordert, weshalb es umso wichtiger ist, mit Amy Adams eine Hauptdarstellerin zu haben, die so sehr die Aufmerksamkeit bindet. Einen echten Vorwurf machen kann man Vallée für den Versuch, sich sich von der Vorlage abzuheben, aber nicht. Auffällig gut gelungen scheint sein Einsatz von Musik.
Hinsichtlich der Inszenierung ist anzumerken, dass nahezu alle Szenen, die draußen stattfinden, deutlich besser funktionieren als die Szenen in Gebäuden. Vor allem das Anwesen der Crellins könnte ein wenig mehr Helligkeit vertragen. Absicht oder nicht, die Dunkelheit sorgt leider dafür, dass man das Gesicht von Patricia Clarkson kaum erkennen kann. Es ist einer dieser Trends der aktuellen Serienlandschaft, besonders bei den sogenannten Prestigeserien, möglichst wenig preiszugeben. Aber bei einer Serie, die so viel zu bieten hat, wie es bei Sharp Objects der Fall zu sein scheint, würde man sich über ein bisschen mehr Licht im Dunkeln durchaus freuen. Denn düster genug wird die Geschichte in den nächsten Episoden ohnehin noch...
Verfasser: Bjarne Bock am Montag, 9. Juli 2018Sharp Objects 1x01 Trailer
(Sharp Objects 1x01)
Schauspieler in der Episode Sharp Objects 1x01
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