Shameless 6x06

Am Ende der vorletzten Episode der sechsten Staffel von Shameless passierte etwas Unerwartetes: Die von Fiona (Emmy Rossum) zusammengehaltene Familie Gallagher verlor bei einer Auktion ihr Haus. So schade das für die beteiligten Charaktere auch war, so hoffnungsvoll stimmte es uns Zuschauer, dass nun wieder neuer dramaturgischer Schwung in die Serie kommen würde. Bis dahin gab es nur wenige Handlungsbögen, die eine neue, interessante Geschichte erzählten, und mit diesem würde sicherlich narratives Momentum zurückgewonnen werden können.
I am my choices
In NSFW passiert nun leider das genaue Gegenteil: Das Autorenteam entschließt sich darin, seinem prallsten dramaturgischen Luftballon sofort wieder den Stöpsel zu ziehen. Am Ende der Episode ist Fiona verzweifelt genug, um das Blutgeld ihres zweitjüngsten Bruders anzunehmen und damit das Haus zurückzukaufen. Schon in der nächsten Folge wird also - bis auf wenige Ausnahmen - alles wieder so sein, wie es kürzlich war. Das ist schade, wäre es doch ein wahrlich mutiger Schritt der Kreativen gewesen, die Gallaghers auf die Straße zu setzen - ein mutiger, aber gleichzeitig wahnsinnig trauriger und irgendwie auch witziger Schritt.
Noch bedauernswerter wird es, wenn man sich das Niveau anschaut, auf welchem sich Dialoge, Schauspiel und audiovisuelle Umsetzung derzeit bewegen. Die Serie hat ihren Figuren vielleicht nie witzigere Dialogzeilen in den Mund gelegt als momentan, was von der gesamten Darstellerriege mit hinreißenden Performances honoriert wird. Überdies passen sowohl die Musik als auch der Score weiterhin wunderbar, weshalb es schwerfällt, einer Episode wie dieser keine bessere Bewertung zu geben. Jedoch hinkt die Dramaturgie der technischen Umsetzung hinterher, wie es nicht nur der Erzählstrang um das Haus, sondern auch viele weitere belegen.
Das gilt für den Handlungsbogen um Lip (Jeremy Allen White) ebenso wie für den um Ian (Cameron Monaghan). Die Geschichte zwischen dem aufstrebenden, mehrere soziale Klassen hinter sich lassenden Studenten und seiner Professorin wollte für mich nie wirklich zünden, was durch ihre mutmaßliche Auflösung bestätigt wird. Statt weiter Lips Aufstieg zu verfolgen, hat man sich dazu entschieden, sein Liebesleben in den Vordergrund zu rücken - und das mit einer Beziehung, die von vornherein nie mehr als eine reine Affäre war.

Seit einigen Episoden wollen die Autoren uns aber weismachen, dass sich Lip unsterblich in Helene (Sasha Alexander) verliebt hat, obwohl das so gar nicht zu seinem Charakter passt. Ja, er hatte durchaus leidenschaftliche Beziehungen zu Mandy (Emma Greenwell) oder Karen (Laura Wiggins), jedoch würde ich ihn nicht so kopflos einschätzen, dass er nicht genau gewusst haben muss, worauf er sich mit seiner Professorin einlässt. Eine amour fou mit Amanda (Nichole Bloom) wäre da schon realistischer gewesen, aber die wurde ja leider in die Rolle der unberechenbaren, vor Wut rasenden Ex abgeschoben.
Throw this turd back into the sewer
Eine ähnlich merkwürdige Charakterentwicklung macht Ian in dieser Episode durch. Nachdem er in Refugees von Caleb (Jeff Pierre) zu einem ordentlichen Date aufgefordert worden war, holt er sich dafür nun Nachhilfe bei seinem älteren Bruder, der aber auch keine guten Tipps parat hält. Entsprechend krampfhaft verläuft das Rendezvous im feinen Restaurant, bis es zur Erleichterung beider Seiten durch einen Notruf unterbrochen wird. Ian bittet sein neues love interest jedoch darum, ihn begleiten zu dürfen - und zeigt während des Einsatzes, dass er durchaus das Talent zum Feuerwehrmann hat.
Hernach bekommt er eine zweite Chance, die ihn und Caleb in dessen Wohnung-Slash-Atelier führt. Dort will ihn Caleb küssen, was er jedoch verwirrt zurückweist. Nun fällt es mir leicht, zu glauben, dass die Gallaghers in der South Side etwas rauere Umgangsformen gelernt haben, und Ian deshalb nicht weiß, wie man sich bei einem Date zu verhalten hat. Dass er aber wirklich glaubt, man küsse sich erst, nachdem man mehrmals miteinander geschlafen hat, ist kaum nachzuvollziehen. Die Szene ist ein callback an das erste Mal, als sich Ian und Mickey (Noel Fisher) näherkamen, jedoch war es damals Ian, der Mickey küssen wollte, und dem das verwehrt wurde.
Dass er nun also nichts davon wissen soll, dass man sich auch vor dem Sex küssen kann, ist schlicht unglaubwürdig. Anders verhält es sich mit den übrigen Handlungsbögen, die allesamt Wendungen zu geebneterem Storytelling nehmen. Vor allem hat es mich für den Erzählstrang von Carl (Ethan Cutkosky) gefreut, der endlich einen weniger ausgeflippten Anstrich bekommt. Als er Zeuge davon wird, wie zerstört das Seelenleben seines Freundes Nick (Victor Onuigbo) wirklich ist, realisiert er, dass er doch noch nicht der Mann ist, für den er sich hält. Er braucht Fiona, und er braucht das Haus, weshalb er all sein Erspartes ausgräbt und der großen Schwester überreicht.

Er erwischt sie dabei im richtigen Moment. Hatte sie es in den letzten Episoden noch rundheraus abgelehnt, sein aus illegalen Waffengeschäften stammendes Einkommen anzunehmen, ist sie nun so tief gesunken, dass ihr auch dieses Mittel recht ist. Leider hat es keinen Zweifel daran gegeben, dass die Gallaghers das Haus zurückbekommen, seit dem Augenblick, in dem Fiona zufällig erfährt, dass die neuen Eigentümer es wegen nahezu irreparabler Schäden doch nicht mehr wollen. So ein Glück aber auch!
What if I just wanna be their sister?
Ähnlich vorhersehbar geht es im Handlungsbogen von Debbie (Emma Kenney) zu. Sie wird von Frank (William H. Macy) ohne Rücksicht auf moralische Verluste dazu angetrieben, für Erica (Ever Carradine) zur unverzichtbaren Wegbegleiterin zu werden, was auch beinhaltet, deren bisexuelle Neigungen auszubeuten. Als Belohnung wird sie von ihrem Vater zu den ärztlichen Untersuchungen begleitet. Wenn mich hier nicht alles täuscht, dürfte die Geschichte darauf hinauslaufen, dass Debbies Baby am Ende der Staffel von der Familie adoptiert wird, bei der sie gerade selbst Zuflucht sucht. Natürlich lasse ich mich hier gerne vom Gegenteil überzeugen.
Inmitten aller Ernsthaftigkeit dienen zwei Geschichten dem comic relief. Kevin (Steve Howey) beschließt, sämtliche Hipster aus seiner Bar auszuschließen, was die nur wieder zurückkommen lässt und ihm eine neue Einnahmequelle beschert. Als Türsteher engagiert er seine Schutzbefohlenen aus Myanmar, die, mit Machete bewaffnet, ein grimmiges Gesicht machen. Der bemitleidenswerte Chuckie (Kellen Michael) fristet derweil ein trauriges Dasein als minderjähriger Obdachloser, bevor er seiner Großmutter Queenie (Sherilyn Fenn) und Frank beim Sex zuschauen muss. Das ist so absurd, dass es schon wieder komisch ist - und wenn ich ganz ehrlich bin: zum Schreien komisch.
Shameless befindet sich weiterhin in einer verzwickten Lage. Während sich die technische Umsetzung in sämtlichen Kategorien auf höchstem Niveau befindet - vor allem im Handlungsstrang von Fiona treffen diese wunderbar aufeinander -, trifft das drama department fragwürdige Entscheidungen. Das Autorenteam wurde offensichtlich vom Mut verlassen, die Mitglieder der Familie Gallagher in sämtliche Himmelsrichtungen zu zerstäuben. Zugegebenermaßen ist dies eine wahrlich beängstigende Vorstellung, lebt die Serie doch zuvorderst vom Zusammenhalt der Familie.
Aber es wäre neu und erfrischend gewesen - und das ist etwas, das eine Serie in ihrer sechsten Staffel sehr gut gebrauchen kann.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 15. Februar 2016(Shameless 6x06)
Schauspieler in der Episode Shameless 6x06
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