Shameless 6x07

In der sechsten Staffel von Shameless folgt derzeit eine überraschende Wendung der nächsten. Vor zwei Episoden schien das Gallagher-Heim in der Chicagoer South Side noch verloren, dann gab es einen glücklichen Zufall und den Umstand, dass Carl (Ethan Cutkosky) mit seinen Waffendeals ein nettes Sümmchen zusammengespart hatte. Es schien, als würde dramaturgischer Fortschritt - die Familie verliert ihr Zuhause - gegen business as usual eingetauscht werden. Zu einem gewissen Grad stimmt das, jedoch endet auch die Episode Pimp's Paradise mit einer überraschenden Entwicklung.
No mass murders, kids
Ersatzmutter Fiona (Emmy Rossum), die im Laufe der Episode gegenüber ihrem Freund Sean (Dermot Mulroney) zugegeben hatte, das alltägliche Gallagher-Chaos zu vermissen, nimmt schließlich seine Einladung an, bei ihm einzuziehen. Sie hinterlässt dabei sogar Liam (Brenden Sims), der lieber im Kreise seiner dysfunktionalen Großfamilie bleiben will. Um ihn wird sich nun wohl Debbie (Emma Kenney) kümmern, die nicht erst seit ihrer Zeit als Babysitterin und Beinahe-Liebhaberin einen erstaunlichen Reifegrad offenbart, wenn es um die Versorgung Schutzbefohlener geht.
Das Ende der Episode bildet also eine echte Zäsur - fortan liegt es nicht mehr an Fiona, die Familie zusammenzuhalten. Für sie persönlich ist das sicherlich erfreulich, schließlich hatte sie nie die Möglichkeit, an sich selbst zu denken. Wie gut das Prinzip der Serie jedoch fortan funktioniert, bleibt abzuwarten, war Fiona doch zentraler Bestandteil dieses Prinzips. Eine solche Veränderung birgt immer auch die Chance für neue kreative Impulse - ein Umstand, der für ein Format in seiner sechsten Staffel kein schlechter ist. Einer dieser Impulse ist die Ankunft von Queenie (Sherilyn Fenn), der Großmutter von Nazi-Chuckie (Kellen Michael) und leidenschaftlichen Liebhaberin von Frank (William H. Macy).
Wie der Episodentitel unschwer vermuten lässt, widmet sich das Autorenteam darin verstärkt der Charakterentwicklung von Carl. Zu Beginn sieht es danach aus, als würde er die jüngsten furchtbaren Erlebnisse um Nick (Victor Onuigbo) einfach so abschütteln können, jedoch bekommt dieses Bild schnell Risse. Wenngleich es schade ist, dass es einer solch drastischen Maßnahme bedurft hat, um Carl auf einen dramaturgisch nachhaltigeren - und interessanteren - Pfad zu schicken, so ist es doch erfreulich, dass der Figur nun neue Facetten zugestanden werden. Bisher war Carl ein einseitig, bisweilen völlig überzogen gezeichneter comic relief-Charakter. Nun darf er echte Charaktereigenschaften entwickeln.
Hinsichtlich Lip (Jeremy Allen White) konnten sich die Autoren noch nicht ganz von ihrer - und seiner - Faszination für Helene (Sasha Alexander) trennen. Zwar tut sich für ihn nach dem Rausschmiss aus dem Wohnheim schnell eine neue Unterbringungsmöglichkeit im Wohnheim einer Schwesternschaft auf, jedoch bringen ihn die dortigen Annehmlichkeiten nicht auf andere Gedanken. Nachts fährt er zum Haus seiner Professorin, um ihr abermals seine Liebe zu verkünden. Dieser fehlgeleitete Versuch bleibt erfolglos. Ich hoffe, er kann sich bald damit abfinden, dass aus ihm und Helene niemals ein Paar werden wird.
Every asshole is entitled to his beliefs
Vielfach bessere Aussichten haben da schon Ian (Cameron Monaghan) und Caleb (Jeff Pierre). Ian begleitet sein neues love interest auf die Hochzeit von dessen Cousin, wobei wir noch einmal an die wahnsinnig wahnwitzige Hochzeit von Mickey erinnert werden. Diese Erinnerung ist jedoch eine zweischneidige: So schön es auch ist, Ian am Beginn einer gesunden Beziehung zu sehen, so viel weniger unterhaltsam ist es, wenn man daran zurückdenkt, was er alles mit Mickey durchgemacht hat. Trotzdem befindet sich sein Handlungsbogen auf einem guten Weg.
Bei dem von Kevin (Steve Howey) und Vee (Shanola Hampton) bleibt indes unklar, woher zukünftiges Konfliktpotential kommen soll. Die beiden verabschieden sich zu Beginn der Episode mit lachendem und weinendem Auge von ihren minderjährigen Türsteher_innen, woraufhin Kevin die Gelegenheit ihrer neugefundenen Freiheit annimmt, um einen Kurzurlaub in Gary, Indiana zu buchen. Das Hotel stellt sich hernach als genauso heruntergekommen heraus, wie man sich Hotels in Gary, Indiana vorstellt, jedoch macht das den beiden verliebten Urlaubern überhaupt nichts aus. Wer sein Leben lang die South Side nicht verlassen hat, der findet sogar Gefallen an Pools in Garagen.
Pimp's Paradise schafft einen guten Ausgleich zwischen den komödiantischen und dramatischen Aspekten der Serie. Vor allem die Entwicklung des Handlungsbogens um Carl stimmt hoffnungsfroh, dass das Autorenteam verstanden hat, die Obskuritäten nicht außer Kontrolle geraten zu lassen. Das geschieht zwar im Erzählstrang um Mini-Hitler Chuckie, jedoch war diese Figur schon immer so eindeutig eine für den comic relief, dass es hier nicht so schwerwiegend erscheint wie bei anderen Charakteren. Eine interessante neue Handlungsebene ist überdies der Auszug von Fiona, die fortan als Besucherin im Gallagher-Haus vorbeischauen wird - dem Haus, in dem sie all ihre jüngeren Geschwister alleine aufgezogen hat. Das alles sind genügend Elemente, um die zweite Hälfte dieser sechsten Staffel optimistisch zu begehen.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 27. Februar 2016(Shameless 6x07)
Schauspieler in der Episode Shameless 6x07
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