Shameless 6x05

Shameless 6x05

Die Gallaghers werden in Refugees zu ebensolchen, was aber nicht das einzige Problem ist, das auf sie einprasselt. Ein schleppender Handlungsbogen nimmt dabei eine interessante Wendung, während die übrigen Ereignisse in gewohnt skurriler Shameless-Manier voranschreiten.

Vee (Shanola Hampton) fühlt sich zunächst mit ihren Gästen leicht überfordert. / (c) Showtime
Vee (Shanola Hampton) fühlt sich zunächst mit ihren Gästen leicht überfordert. / (c) Showtime

In der Shameless-Episode Refugees gibt es eine Szene, die sehr gut auch als letzte Szene der gesamten Serie hätte eingesetzt werden können. Fiona (Emmy Rossum) geht darin ein letztes Mal durch das Haus, in dem sie aufgewachsen ist, und in dem sie ohne die Hilfe der Eltern ihre Geschwister aufgezogen hat. Zu den Klängen des Songs „All For You“ von Damien Jurado schaut sie sich die Größenmarkierungen an, die sie einst für ihre Brüder und Schwestern angebracht hat - nur ihre fehlen, weil ja niemand da war, der das hätte übernehmen können.

While Rome burns, you eat waffles

Es ist der emotionalste Moment in dieser Episode, und er wird von den Reaktionen der übrigen Gallaghers konterkariert. Frank (William H. Macy) könnte es kaum egaler sein, was mit dem Haus passiert. Völlig ungerührt reißt er alles heraus, was ihm ein paar Dollar einbringen könnte. Auch ihre Geschwister gehen gelassener mit der schlagartigen Obdachlosigkeit um. Debbie (Emma Kenney) lässt sich von Frank instrumentalisieren, bei Familie Wexler eine neue Bleibe und einen Ehemann zu finden. Ihr gelingt das, jedoch bleibt fraglich, wieviel von ihrer Seele sie dabei verliert.

Während sie die offensive Gangart ihrer großen Schwester einsetzt, um Familienoberhaupt Tyler (Michael McMillian) zu verführen, hält Frank dessen krebskranke Ehefrau Erica (Ever Carradine) davon ab, rechtzeitig nach Hause zu kommen, womit ein Abtauchen Debbies in die faktische Prostitution hätte verhindert werden können. Ihr Handlungsbogen ermöglicht es den Autoren, Frank wieder zu einem bedeutenden Teil des Gallagher-Klans zu machen, verlässt sich aber zu sehr auf Schockwerte und zu wenig auf schlüssige Charaktermomente.

In dieser Hinsicht gleicht er dem Erzählstrang um Carl (Ethan Cutkosky), eines der wenigen Kids, das zumindest leicht irritiert über den Verlust des Hauses ist. Nachdem Fiona abermals die Annahme seines Blutgeldes ausgeschlagen hat, ziehen er und Nick (Victor Onuigbo) los, um sich auf eigene Faust eine Luxuswohnung zu besorgen, womit sie natürlich - und zum jetzigen Zeitpunkt in Carls Handlungsbogen muss man auch sagen: glücklicherweise - scheitern. Neues dramaturgisches Ungemach meldet sich hier aber schon zum Ende der Episode wieder an.

Neustart I: Ian (Cameron Monaghan; r.) bei der Feuerwehr © Showtime
Neustart I: Ian (Cameron Monaghan; r.) bei der Feuerwehr © Showtime

Weil Kevin (Steve Howey) angesichts der jüngsten Ereignisse um den Feuertod von Nachbar Yanis schwere Gewissensbisse plagen, beschließt er, sich die Gnade Gottes mit guten Taten zurückzukaufen. Im Bibelkreis seiner Schwiegermutter Carol (Vanessa Bell Calloway) verspricht er spontan, ein Flüchtlingskind aus Myanmar aufzunehmen. Vee (Shanola Hampton) ist darüber nicht gerade begeistert, will sich Kevins Willen zur Wiedergutmachung aber nicht mit aller Kraft widersetzen.

Happiest when paid in smiles

Nachdem die Flüchtlingskinder - es waren dann doch mehrere - angekommen sind, weicht ihre Skepsis der Sorge um das Wohlergehen ihrer Kurzzeitgäste. Sie verpasst ihnen allen ein Bad, wobei sich herausstellt, dass einer der Jungs gar kein Junge ist. Vee zeigt sich dabei von ihrer besten, empathischsten Seite, was bei mir zunächst die Hoffnung aufkeimen ließ, dass sie sich vielleicht sogar dazu breitschlagen lassen könnte, das Mädchen aufzunehmen. Am Ende entdeckt Carl jedoch, wie gut die Kinder während des Bürgerkriegs in Myanmar an der Waffe ausgebildet wurden.

Sein hochachtungsvolles Grinsen spricht daraufhin Bände, woran die Absicht des Autorenteams abgelesen werden kann. Sollte es nicht so kommen, irre ich mich darüber gerne. In dieser Staffel hat es der Handlungsbogen um Carl jedoch noch kein einziges Mal geschafft, mein Interesse zu wecken. Angesichts der aktuellen Entwicklungen sehe ich da auch kein enormes Verbesserungspotenzial, aber vielleicht werde ich ja noch überrascht. Ebendas geschieht mit der Geschichte um Lip (Jeremy Allen White) und Helene (Sasha Alexander).

Zwar war schon in dem Moment, als Lip das Tschechow'sche Foto seiner Professorin machte, eindeutig, dass dieses bald in Umlauf kommen würde, jedoch wird dieser Affäre dadurch endlich eine echte Fallhöhe gegeben. Ein bisschen schade ist dabei lediglich, dass Amanda (Nichole Bloom) zum reinen Plotelement der eifersüchtigen Ex degradiert wird. Sie war bisher Lips interessanteste Freundin-Slash-Bettgespielin und wurde nun aller Voraussicht nach für eine Storyline geopfert, die erst an ihrem Ende richtig funktioniert hat.

Neustart II: Fiona (Emmy Rossum) in ihrem Übergangszuhause © Showtime
Neustart II: Fiona (Emmy Rossum) in ihrem Übergangszuhause © Showtime

Während für Lip also gerade eine Beziehung in sich zusammenfällt, die nur für ihn mehr war als eine reine Affäre, schlägt Ian (Cameron Monaghan) einen gegenteiligen Pfad ein. Sein Verhalten gegenüber Caleb (Jeff Pierre) lässt zunächst darauf schließen, dass er noch immer so jugendlich und ungestüm an sein Sexleben herangeht wie zu dunkelsten Zeiten. Dann lässt er sich jedoch auf die weniger rabiate Herangehensweise seines neuen love interests ein, was ihm nicht nur eine gesunde Beziehung, sondern auch einen aussichtsreichen Job als Feuerwehrmann einbringen könnte.

So organized for a homeless family

Es lässt sich also unschwer erkennen, dass Fionas Geschwister beinahe schon allesamt auf eigenen Beinen stehen. Deswegen ist es auch eine nachvollziehbare Entscheidung des Kreativteams, sie alleine zum letzten Mal durch das Haus gehen zu lassen. Erst in dem Moment wird ihr bewusst, dass sie nun ein neues Leben beginnen wird - ein Leben, das nicht mehr ausschließlich mit der Sorge um ihre „Kinder“ ausgefüllt ist, sondern Platz für eigene Wünsche, Hoffnungen und Träume bereithält. So positiv sich das auch anhört, so angsteinflößend kann es doch auch sein, wenn man es vorher nie gekannt hat.

Weil bei Kevin und Vee kein Platz mehr ist und auch die rabiate Svetlana (Isidora Goreshter) keinerlei Hilfsbereitschaft signalisiert, nimmt Fiona doch die bedingte Einladung von Sean (Dermot Mulroney) an und bezieht mit Liam dessen Ausziehcouch. Sogleich öffnet sich dort ein kleines Fenster, durch das sie ein mögliches zukünftiges Leben betrachten kann. Sean und sein Sohn blasen zur Kissenschlacht und sorgen damit für den glücklichen Kontrapunkt zum traurigen Abschied aus dem Haus.

Shameless kann sich in Refugees nicht ganz der selbst aufgebürdeten Schwächen dieser sechsten Staffel entledigen, schlägt jedoch eine vielversprechende Richtung ein. Die Handlungsbögen von Lip und Ian nehmen wohltuende Wendungen, während die um Carl und Debbie in der Unglaubwürdigkeit verharren. Wie man die richtige Balance zwischen skurrilem Humor und nachhaltigem Storytelling findet, beweist gerade der Erzählstrang von Kevin und Vee.

Und so leid mir Chuckie (Kellen Michael) auch tut - seine eventuell letzte Szene, in der er vor verschlossener Tür steht, weil ihn niemand über den Rauswurf informiert hat, war zum Schreien komisch.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 9. Februar 2016
Episode
Staffel 6, Episode 5
(Shameless 6x05)
Deutscher Titel der Episode
Kleine Fluchten
Titel der Episode im Original
Refugees
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 7. Februar 2016 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 14. Juni 2016
Autor
Etan Frankel
Regisseur
Wendey Stanzler

Schauspieler in der Episode Shameless 6x05

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