Shameless 6x04

Es ist keine leichte Situation, in der sich das Autorenteam von Shameless gerade befindet. Weil die jüngsten Gallagher-Sprosse schneller aufwachsen, als Fiona (Emmy Rossum) lieb sein kann, dürfte es nicht mehr allzu lange dauern, bis sie das Haus mit Liam (Brenden Sims) alleine bewohnt. Wie wir aber von vielen Coming-of-Age-Serien wissen, ist es kaum möglich, eine Serie kohärent weiterzuerzählen, ohne dass die Hauptfiguren weiterhin an einem Ort versammelt sind.
That mortgage crisis bullshit
Eine der wenigen Ausnahmen ist Friday Night Lights, dessen Kreativabteilung die bemerkenswerte dramaturgische Entscheidung traf, einen Teil des Casts nach der dritten Staffel auszutauschen. Bei einer ensemblezentrierten Serie wie „Shameless“ ist das aber nicht so einfach möglich, weshalb sich das Format derzeit an einem wegweisenden Punkt befindet. Die Episode Going Once, Going Twice lässt in dieser Hinsicht noch nicht erahnen, wo es demnächst hingehen könnte - sie zeigt Stärken und Gefahren gleichermaßen auf.
Dabei kommt es zu einer handfesten Überraschung, als die Familie am Ende erschrocken feststellen muss, dass die Last-Minute-Rettungsaktion nichts geholfen hat - sie wird das Haus verlieren und ist nun gezwungen, sich nach einer neuen Bleibe umzusehen. Das kommt einer echten Zäsur gleich, schließlich trauert man als Zuschauer um dieses Haus mit, hat man darin doch so viele schöne - und laute - Stunden mit diesen schrägen Figuren verbracht. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Haustür für immer hinter den Gallaghers schließt und die Gentrifizierung der South Side ihren Gang nimmt.
In besagten Coming-of-Age-Serien erfolgt diese Zäsur meist, sobald die Charaktere ihren High-School-Abschluss gemacht haben. Sie brechen dann zu neuen Ufern auf (was für die meisten bedeutet, eine Universität zu besuchen), woraufhin die Autoren unschöne dramaturgische Verrenkungen anstellen müssen, um die geliebten Figuren wieder alle an einem Ort zu versammeln. In „Shameless“ befindet sich Lip (Jeremy Allen White) bereits an der Universität, wo er zum großen Teil eigene Abenteuer erlebt, die mit dem Rest der Familie nur noch tangential in Verbindung stehen.

Auch bei den meisten übrigen Figuren sieht es danach aus, als würden sie nicht länger der Obhut Fionas bedürfen, auch wenn sie gegenüber Sean (Dermot Mulroney) behauptet, dass Debbie (Emma Kenney) und Carl (Ethan Cutkosky) genau das bräuchten. Deren Handlungsbögen sprechen jedoch längst eine andere Sprache: Debbie scheint mehr denn je davon überzeugt, ihr Baby bekommen zu wollen. Offensichtlich hat also Fionas deutliche Ansage am Ende der letzten Episode keinerlei Wirkung gezeigt.
A Gallagher thing
Wenngleich ich ihren neuen Erzählstrang, in dem sie von Frank (William H. Macy) als Haushälterin für die Familie einer krebskranken Frau regelrecht verhökert wird, ziemlich abscheulich finde, so sieht es derzeit doch danach aus, dass sie dort ein neues, hochgradig merkwürdiges Arrangement finden wird. Carl verdient mit seinem Waffenhandel und sonstigen illegalen Aktivitäten indes bereits jetzt mehr, als sich Fiona im Diner jemals erarbeiten könnte, weshalb durchaus damit zu rechnen ist, dass auch er sich alsbald aus dem Staub macht.
Hierzu ist das letzte Wort jedoch noch nicht gesprochen, schließlich offeriert Carl, einen beträchtlichen Teil zur Anzahlung für die Hypothek beizusteuern. Sein Handlungsbogen nimmt in dieser Episode eine erfreuliche Entwicklung, nachdem dessen Glaubwürdigkeit in den vorhergehenden viel zu stark strapaziert worden war. Weil sich Kompagnon Nick (Victor Onuigbo) endlich traut, zu sprechen, erfährt Carl, der selbst unbedingt erwachsen sein will, was es bedeutet, sich seine Kindheit zurückzuwünschen. Er ist sogar dazu fähig, eine Parallele zu der von ihm angebeteten Dominique (Jaylen Barron) zu ziehen, was ihn in ihrer Gunst deutlich steigen lässt.
Dieser Erzählstrang hat seine wahnwitzigen Absurditäten also endlich abgelegt, weshalb bei mir neues Interesse an Carls Geschichte besteht. Gleiches gilt für Kevin (Steve Howey), der den dramaturgischen Klotz am Bein namens Yanis (Will Sasso) loswird. Ich hatte diesen Wunsch schon am Ende von #AbortionRules geäußert, nehme dessen Erfüllung aber natürlich auch gerne verspätet an. Ich verstehe nun, warum Yanis vom Autorenteam als solch widerwäritges Scheusal gezeichnet wurde - um seinen Abgang in Flammen witzig zu gestalten. Jedoch fand ich keine Sekunde davon lustig. Eher war ich schockiert davon, dass irgendjemand glauben könnte, ein solcher Anblick könnte zum Lachen animieren.
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Bei mir überwiegt die Erleichterung darüber, dass ich diesem Charakter nicht mehr begegnen muss. Vor Kevin und Vee (Shanola Hampton) klafft nun jedoch ein großes dramaturgisches Loch, das irgendwie gefüllt werden muss. Eine erste Grundlage dafür wurde in dieser Episode gelegt: Weil die beiden nicht verstanden haben, was den Hipstern an ihrer Bar gefallen hat, verlieren sie dieses neue, kaufkräftige Klientel. Vee erhält von einer Hipster-Entrepreneurin schließlich die niederschmetternde Botschaft, dass aus dem Alibi wohl nie wieder der Laden werden könne, der kürzlich noch als Geheimtipp galt.
Am I a cliché?
Ebenso wie die beiden Barbetreiber ist Ian (Cameron Monaghan) auf der Suche nach neuem Lebenssinn. Finden könnte er diesen bei einer Feuerwehreinheit, die ausschließlich aus homosexuellen Männern besteht. Jedoch ist er gar nicht so sehr an den Jungs interessiert, sondern viel eher daran, was sie aus ihrem Leben machen. Nach dem tiefen Abtauchen in das eigene geistige Chaos und dem Verlust von Mickey (Noel Fisher) sind das endlich mal wieder gute Nachrichten für den gebeutelten Ian. Ich gönne es ihm von ganzem Herzen.
Lip schafft es derweil zwar zu den entscheidenden Phasen im Kampf um das Heim, verbringt die meiste Zeit aber mit Helene (Sasha Alexander) in Indianapolis. Sie hält dort einen Vortrag, der rüde unterbrochen wird, weil der neunmalkluge Zuhörer glaubt, sie mit neuen Forschungserkenntnissen öffentlich bloßstellen zu müssen. Hernach betrinkt sich Helene, wobei sie Lip offenbart, dass er für sie mehr ist als nur eine Affäre. So richtig zünden will der Handlungsbogen nicht, weshalb ich am Ende froh darüber war, dass Lip augenscheinlich erkennt, wie aussichtslos diese Beziehung ist.
An den Handlungsbögen von Ian und Lip lässt sich erkennen, wo die Stärken und Schwächen der Serie liegen. In The F Word verbrachten die beiden ein paar konfliktreiche Stunden miteinander, die uns daran erinnerten, wie glorreich die Zeiten waren, als beide noch unter einem Dach wohnten. Nun verfolgen sie wieder ihre eigenen Abenteuer und sogleich verlieren ihre Geschichten beträchtlich an emotionalem Punch. Sie sind nicht uninteressant, aber leider auch noch nicht so mitreißend wie früher, als der Gallagher-Clan noch eine unverrückbare Einheit bildete.
Nun hilft es nichts, vergangenen, vermeintlich besseren Zeiten nachzuweinen. Trotzdem ist ein wenig Besorgnis um künftige Handlungsbögen angesichts der zunehmenden Fragmentierung der liebenswerten Großfamilie berechtigt. Ich bin jedenfalls äußerst - vielleicht mehr als jemals zuvor - gespannt, wie sich die Serie nun entwickeln wird.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 1. Februar 2016(Shameless 6x04)
Schauspieler in der Episode Shameless 6x04
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