Shameless 6x03

Die stärksten Handlungsbögen aus der letzten Staffel von Shameless machen in der Episode The F Word ein großartiges Comeback. Durch die Verknüpfung neuer und alter Erzählbögen lässt sich leichter über all jene hinwegsehen, die momentan überhaupt nicht funktionieren. Die Eskalation der Auseinandersetzungen zwischen den Geschwistern Fiona (Emmy Rossum) und Debbie (Emma Kenney) sowie Ian (Cameron Monaghan) und Lip (Jeremy Allen White) hat ihre dramaturgischen Wurzeln im letzten Jahr, weshalb sie nun umso effektiver ausfällt.
Gallagher rain
Kontrastiert wird das mit Handlungsbögen, die kaum ernstzunehmen sind, weil sie zu weit von der realistischen Grundierung des Formats abschweifen. Die Serie war noch nie ein einzig auf Plausibilität ausgerichtetes Familiendrama - was sie sich derzeit aber leistet, sprengt sämtliche Grenzen des Annehmbaren. In dieser Hinsicht ist zuallererst der Handlungsstrang von Carl (Ethan Cutkosky) zu nennen. Die Annahme, er würde vom Schuldirektor ob seines Waffenhandels in die Schranken gewiesen werden, erweist sich als verfrühte Hoffnung.
Statt dieser Geschichte auch nur den Hauch von Glaubwürdigkeit zurückzugeben, wird sie vom Autorenteam in ihrer hanebüchenen Absurdität weiter ausgeschlachtet. Der Direktor bestraft Carl nicht, sondern gibt selbst eine Bestellung auf. Die Nachricht darüber verbreitet sich schnell, weshalb auch andere Lehrer beim Jungkriminellen aufrüsten. Ich verstehe ja, dass sich die Kreativen hiermit über die abstrusen Forderungen der amerikanischen Waffenlobby und ihrer politischen Handlanger mokieren. Die Unglaubwürdigkeit der Vorgänge passt aber nicht in die semi-realistische Grundausrichtung der Serie.
So etwas würde einfach niemals passieren - selbst in der Welt von Shameless nicht. Annehmbarer sind da schon die unnachgiebigen Versuche von Carl, seine Herzdame Dominique (Jaylen Barron) zu hofieren. In diesem Handlungsbogen kann der Humor seine Wirkung voll entfalten, weil die Entscheidungen der Figuren nachvollziehbar bleiben. Gemischt geht es indes in der Geschichte um den verabscheuungswürdigen Yanis (Will Sasso) zu. Nach seinem Unfall am Ende von #AbortionRules ist er querschnittsgelähmt, weshalb Kevin (Steve Howey) - verständlicherweise - mit schweren Schuldgefühlen zu kämpfen hat.
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Ich habe mir in der Review zur letzten Episode gewünscht, dass der Unfall das Ende von Yanis bedeutet. Das hätte die Last auf Kevins Schultern natürlich um einiges verstärkt, andererseits müsste man sich nicht länger über diese Karikatur einer Figur ärgern. Deren völlige Überzeichnung verhindert nämlich eine echte emotionale Bindung zu ihr und damit auch die Möglichkeit, ihren Handlungsbogen ernstzunehmen, der mit dem Themenkomplex „Gentrifizierung“ so interessant sein könnte.
You are on your own if you do this
So sehr die Geschichten von Carl, Kevin und Vee (Shanola Hampton) auch zum Schmunzeln einladen, so klar ist jetzt schon, dass sie nicht die emotionale Wirkung ihrer Begleiter entwickeln werden. Einen echten emotionalen Magenschlag liefern in dieser Episode die mittlerweile im Dauerstreit befindlichen Schwestern Fiona und Debbie. Die ältere der beiden bleibt weiterhin standfest bei ihrer Forderung, Debbie solle ihr Kind abtreiben - genau wie sie es tun wird. Darüber ist die jüngere so verzweifelt, dass sie sich sogar in die Arme ihres verhassten Vaters Frank (William H. Macy) flüchtet, der das dankend annimmt und sie sogleich in die Kunst des Sozialbetrugs einweiht.
Damit hat sich Franks Einmischung aber noch nicht erschöpft. Als er erfährt, dass auch seine älteste Tochter schwanger ist, das Kind aber abtreiben lassen will, organisiert er eine „Interbortion“, um sie davon abzuhalten. Hätte Fiona am Abend zuvor nicht eine absolute Katastrophe erlebt, weil sie sich mit Gus (Steve Kazee) vertragen wollte, würde sie auf diese lächerliche Einmischung vielleicht milder reagieren. So aber platzt all ihr Hass, all ihre Verachtung für den eigenen Vater aus ihr heraus, was von Rossum mit wunderbarem Furor gespielt wird.
Die Erlebnisse sind wichtig, um sie wieder auf den richtigen Pfad zurückzuführen, um sie wieder zur ursprünglichen, tatkräftigen und entscheidungsfreudigen Fiona werden zu lassen. Nun kann sie nicht nur endlich Sean (Dermot Mulroney) von ihrer Schwangerschaft und dem Abtreibungsplan erzählen, sie kann auch klare Position gegenüber Debbie beziehen. Ihre eindeutige Ansage, Debbie nicht zu unterstützen, sollte sie das Kind bekommen, schmerzt ihr sichtlich, ist aber vonnöten, um die kleine Schwester vor dem größten Fehler ihres Lebens zu bewahren. Es sind herzzereißende, aufwühlende Szenen, in denen Rossum und Kenney abermals ihr ganzes Talent auffahren können.

Ähnlich emotional geht es bei Ian und Lip zu. Weil sich Erstgenannter zu Hause nicht mehr wohlfühlt, verbringt er Zeit mit seinem großen Bruder auf dem Campus, wo er durch dessen Hilfe einen neuen Job als Hausmeister antreten kann. An jeder Biegung wird ihm dabei jedoch schmerzhaft bewusst, wie weit sich sein Leben und das seines Bruders voneinander entfernt haben. Lip hat kaum Zeit, weil er nicht nur studieren muss, sondern auch für seinen Professor arbeitet. Er genießt die Unabhängigkeit, die ihm das Studentenleben ermöglicht, und er will diese Unabhängigkeit behalten.
Gentrification is everyone's problem
Ian hingegen glaubt, dass ein solches Leben für ihn nicht vorgesehen ist. In gewisser Weise versteckt er sich damit hinter seiner psychischen Erkrankung, die es ihm erlaubt, sämtliche Anstrengungen von sich zu weisen. Lip hält ihm das vor Augen, und weil das keine einfache Erkenntnis über sich selbst ist, prügelt Ian auf seinen Bruder ein, statt ihm für sein Engagement zu danken. Nun ist es aber nicht so, dass Ian nicht auch sich selbst die Schuld für die eigene Unzulänglichkeit gibt, wie der angedeutete Selbstmordversuch am Ende beweist.
In einer sehr genauen Replikation einer berühmten Szene aus der Lost-Episode Through the Looking Glass (3x23) gewinnt Ian schließlich neuen Lebensmut. Ob er sich nun dafür entscheidet, bei der Feuerwehr anzuheuern, oder ein neues love interest bekommt, spielt dabei zunächst keine entscheidende Rolle (wobei ich zu ersterem tendieren würde) - Hauptsache, es kommt wieder Leben in sein Leben.
Weniger erfreuliche, ja sogar zutiefst bestürzende Nachrichten erhält Fiona, nachdem sie sich gerade erst wieder aus dem tiefen Loch befreit hat, in das sie in den letzten Episoden geraten war. An der Haustür hängt ein Räumungsbefehl, womit der bisher eher stiefmütterlich behandelte Gentrifizierungs-Handlungsbogen drastische Relevanz bekommt. Sollten diese Geschichten fortan nicht nur als comic relief eingesetzt werden, sondern auch nachvollziehbare Auswirkungen für den Gallagher-Klan haben, wäre das uneingeschränkt zu begrüßen. Im Idealfall gilt das für sämtliche Handlungsbögen in Shameless - momentan aber leider nur für zwei.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 25. Januar 2016(Shameless 6x03)
Schauspieler in der Episode Shameless 6x03
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