Shameless 5x09

Shameless 5x09

Die Showtime-Dramedy Shameless macht ihrem Namen in Carl's First Sentencing wahrlich große Ehre. Die Episode schafft es aber nicht, darüber hinaus spannende Geschichten zu erzählen - zu oft verharrt sie in amüsanten, aber belanglosen Handlungsbögen.

Chucky (Kellen Michael) weiß nicht immer genau, was mit ihm passiert. / (c) Showtime
Chucky (Kellen Michael) weiß nicht immer genau, was mit ihm passiert. / (c) Showtime
© (c) Showtime

Wenn so spät in einer Staffel so viele neue Figuren eingeführt werden wie in Carl's First Sentencing, ist das meist ein Zeichen dafür, dass zu wenig dramaturgische Vorarbeit geleistet wurde. Überdies fungieren die meisten neuen Charaktere hier als plot devices, die benötigt werden, um die Geschichte voranzutreiben. Es fühlt sich größtenteils nicht organisch an, was in dieser neuen Shameless-Folge passiert. Personen und Probleme tauchen wie aus dem Nichts auf. Sie haben sich nicht angekündigt, sie wurden nicht behutsam eingewoben - sie sind einfach da.

Carl's first sentencing? I wouldn't miss it.

Das ist eines der größten Probleme dieser fünften Staffel, die trotz einiger Höhepunkte nicht so richtig zünden mag. Statt mit dem bestehenden Personal zu operieren, haben sich die Autoren dazu entschieden, lieber neue Handlungsstränge zu eröffnen - und die alten die alten sein zu lassen. Gus (Steve Kazee) ist auf Tour und wird nur noch in einem kurzen Nebensatz erwähnt. Jimmy (Justin Chatwin) ist sowieso Vergangenheit. Nun könnte sich bald auch noch Sean (Dermot Mulroney) verabschieden, der sowieso nie eine wahre Chance bekommen hat, zu einem echten Charakter zu reifen.

Und was ist eigentlich aus Fionas Kollegin aus dem Diner geworden, die um das Sorgerecht für ihre Tochter gekämpft hat? Dieser Handlungsbogen ist einfach im dramaturgischen Sand verlaufen. Stattdessen bekommen wir nun viele neue Figuren vorgesetzt, die alten Erzählsträngen neues Leben einhauchen sollen. Es würde mich aber nicht überraschen, wenn sich diese nach wenigen Episoden wieder verabschieden. Sie bringen einfach zu wenig dramaturgisches Potential mit, sind eher comic relief als ernstzunehmende Neuankömmlinge.

Das alles hat zur Folge, dass sich die gesamte Staffel (bis auf wenige Ausnahmen) viel leichter und fluffiger anfühlt als die herausragende vierte, die einen emotionalen Magenschlag nach dem nächsten offerierte. Sicher, Dialogarbeit und Schauspiel befinden sich weiterhin auf sehr hohem Niveau, und ich habe selten so viel gelacht wie zu Beginn dieser Episode. Besonders interessiert bin ich aber trotzdem nicht daran, wie es mit Carl (Ethan Cutkosky) und Chucky (Kellen Michael) im Gefängnis weitergeht. Oder worauf sich Lip (Jeremy Allen White) da gerade eingelassen hat. Oder wie Frank (William H. Macy) und seine neue Freundin Bianca (Bojana Novakovic) verbleiben.

Außerdem ist es echt brutal mitanzusehen, wie sich Sammy (Emily Bergl) und der Rest des Gallagher-Clans mittlerweile verbal zerfleischen. Betrachtet man diese Situation einmal ganz nüchtern, so hat Fiona (Emmy Rossum) überhaupt keinen Anlass, so harsch mit ihrer Halbschwester umzugehen. Sie muss wissen, dass ihr Bruder Carl all der Dinge schuldig ist, die ihm vorgeworfen werden. Trotzdem setzt sie alles daran, ihn aus dem Gröbsten rauszuholen - ohne Erfolg. Carl ist sogar darauf erpicht, ins Gefängnis zu kommen, weil er dort mehr lernen könne als in der Schule.

I don't want to fraternize, I just want to fuck you

Chucky bekommt derweil einen Intelligenzquotienten von mageren 71 Pünktchen attestiert, was die Pflichtverteidigerin aber für eine gute Ausgangslage hält: „He has an IQ of barely functioning intelligence.“ („Er hat einen IQ von kaum funktionierender Intelligenz.“) Das ist ebenso knallhart wie unfassbar witzig. Getoppt wird es nur von der Lehre, die Sammy daraus zieht: „Jerk the guards off in exchange for protection.“ („Hole den Wachen einen runter, damit sie dich beschützen.“) Das ist allerfeinstes Shameless-Niveau, selbst beim Schreiben kann ich mir das Lachen kaum verkneifen.

Carl und Chucky bekommen also gemäß ihres Verhaltens vor Gericht die beiden Extreme des Jugendarrests auferlegt. Im Gefängnisbus werden sie sogleich in Gruppen eingeteilt, die ihre Feindschaft im Knast vorwegnehmen dürfte. Chucky gehört fortan zu den Nazis, weil die treusorgende Sammy ihrem Sohn in weiser Voraussicht ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowiert hat. Carl darf sich indes des Schutzes der Gangstercrew sicher sein, weil er eine eherne Regel der Straße (und seiner eigenen Familie) eingehalten hat: „Gallaghers don't snitch.“ („Gallaghers sind keine Verräter.“)

Ich bin mir sicher, dass wir noch viele höchst amüsante Szenen mit den beiden sehen werden, echten emotionalen Punch wird dieser Handlungsbogen aber wohl nicht mehr generieren können. Ähnlich steht es um Lips Geschichte am College. Er schafft es nicht, zur vereinbarten Deadline das nötige Geld für die ausstehenden Studiengebühren aufzutreiben, woraufhin sich das Glück aber gleich zweifach auf seine Seite schlägt (wenngleich diese beiden Ereignisse wohl auch zusammenhängen). Innerhalb kürzester Zeit findet er eine Professorin (Sasha Alexander), die eine sehr offene Beziehung mit ihrem Ehemann führt, und einen Wohltäter (der Ehemann?), der ihm die Gebühren überweist.

Dieser Handlungsbogen hinterließ bei mir genauso wenig Eindruck wie Kevins (Steve Howey) neue Rolle als rape walker in der Uni. Am Ende erhält er dank einigen weinerlichen Studenten die Einsicht, dass es doch nur eine Frau gebe, die ihm wahre Befriedigung verschaffen könne: Vee (Shanola Hampton). Der Erzählstrang um die beiden, die eigentlich immer das beste Team der Serie waren, hat für mich von Beginn an nicht funktioniert und steuert hoffentlich bald wieder dramaturgisch plausiblere Gefilde an.

When did your heart get as dark as your skin?

Frank bekommt in Bianca ebenfalls eine neue temporäre Weggefährtin. Zwischen ihnen entwickelt sich jedoch eher eine sehr verschrobene Vater-Tochter-Beziehung, bei der Frank der nahezu unheilbar Erkrankten zeigt, was es bedeutet, das Leben voll auszukosten - was in Franks Wörterbuch eigentlich nur bedeutet, so viele Drogen wie möglich zu konsumieren. Bianca macht mit und erlebt nach eigener Aussage die besten zwei Tage ihres Lebens. Schön für sie - eher mittelmäßig sehenswert für uns.

Fionas Chef Sean erhält indes die niederschmetternde Botschaft, dass seine Exfrau mit dem gemeinsamen Sohn nach Pittsburgh in Pennsylvania umziehen will. Weil er jedoch an die Auflagen seiner Bewährungsstrafe gebunden ist, kann er Illinois nicht verlassen. Deswegen bunkert er sich auf seinem Balkon ein, um nicht zum nächstliegenden Mittel zu greifen und seine Pein mit Heroin zu betäuben. Ganz ehrlich: Das Selbstmitleid und diese aufgesetzte Zerrissenheit seiner Figur erwecken in mir nicht einen Hauch von Mitgefühl. Wahrscheinlich ist seine Exfrau sogar gut damit beraten, ihr Kind so weit weg wie möglich zu bringen, wenn es ihm bei jeder schlechten Nachricht so schwerfällt, nicht sofort wieder zur Nadel zu greifen.

Der Handlungsbogen deutet an, dass aus Sean und Fiona doch noch ein Paar werden könnte. Würde mir persönlich nicht wirklich gefallen, könnte aber neuen Konfliktstoff in die Serie bringen. Ian (Cameron Monaghan) ist dafür nämlich momentan fast alleine zuständig, auch wenn seine Geschichte in dieser Episode nur am Rande vorkommt. Seine Unterhaltung mit Lip, die von echter brüderlicher Zuneigung durchsetzt ist, war für mich die stärkste Szene der Episode: „You got this.“ („Du schaffst das schon.“) Hoffentlich schafft er es nicht so bald, sein Weg dorthin ist gerade nämlich der spannendste in einer Staffel, die nicht immer weiß, was sie mit ihren Figuren anfangen soll.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 16. März 2015
Episode
Staffel 5, Episode 9
(Shameless 5x09)
Deutscher Titel der Episode
Und ewig lockt der Knast
Titel der Episode im Original
Carl's First Sentencing
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 15. März 2015 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 22. Juni 2015
Autor
Etan Frankel
Regisseur
Christopher Chulack

Schauspieler in der Episode Shameless 5x09

Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?