Shameless 5x08

Shameless 5x08

In Uncle Carl wird der starke Zusammenhalt innerhalb der Gallagher-Sippe betont. Gleichzeitig zeigt die Episode gnadenlos die tiefen Verwerfungen zwischen einzelnen Familienmitgliedern auf. Shameless läuft noch nicht wieder ganz zu alter Stärke auf, kommt dem aber ziemlich nahe.

Mickey (Noel Fisher, l.) und Ian (Cameron Monaghan) bilden das emotionale Herz dieser Staffel. / (c) Showtime
Mickey (Noel Fisher, l.) und Ian (Cameron Monaghan) bilden das emotionale Herz dieser Staffel. / (c) Showtime
© (c) Showtime

Aus den bisherigen Staffeln sind wir es gewohnt, dass sich Shameless gerne viel Zeit nimmt, um die emotionale Fallhöhe seiner Figuren zu etablieren. Die achte Episode ist also ein guter Zeitpunkt, erste Hinweise auf den Ausgang der Staffel zu geben. Und so kommt es in Uncle Carl denn auch. Viele Handlungsbögen, von denen wir bisher nicht genau sagen konnten, wo sie uns hinführen werden, offenbaren nun erstmals ihr volles dramatisches Potential.

She started the war, but I'll win it

Ganz so hoch wie in der herausragenden vergangenen Staffel sind die Einsätze zwar hier noch nicht, schließlich ist es schwierig, den bevorstehenden Tod einer Hauptfigur dramaturgisch zu überflügeln. Die Rückkehr von Ian (Cameron Monaghan) und die innerfamiliären Verwerfungen nach der nächsten abscheulichen Tat von Frank (William H. Macy) genügen aber völlig, um der Serie den Schwung zu verleihen, mit dem man von ihr als Zuschauer bisher immer verwöhnt worden war.

Frank befindet sich weiterhin im Kleinkrieg mit seiner Tochter Sammy (Emily Bergl), die auf resolute Weise den Gallagher'schen Haushalt führt, wobei mir derzeit nicht wirklich klar ist, wer die ganze Chose überhaupt finanziert. Kann Fiona (Emmy Rossum) den gesamten Clan mit ihrem Job als Kellnerin wirklich eigenständig über Wasser halten? Bekommt Frank noch Geld von der Sozialhilfe? Und wenn ja, teilt er das überhaupt mit seinen Kindern? Darauf würde ich jedenfalls keine fünf Cent verwetten.

Ungeachtet dieser Frage eröffnet Frank seinem Zweitjüngsten, Carl (Ethan Cutkosky), zu Beginn, dass er nun eine neue Taktik verfolge, um sich Sammy zu entledigen, denn: „It's important to know the difference between a skank bitch and a deranged psychopath.“ („Es ist wichtig, den Unterschied zwischen einer Schlampe und einer geistesgestörten Psychopathin zu kennen.“) Für die Schusswunde aus der letzten Episode und der generellen Einmischung in sein Leben revanchiert sich Frank nun also, indem er ihren Sohn Chucky (Kellen Michael, dem hier übrigens noch einmal großartiges komödiantisches Talent attestiert sei) an die Polizei verrät - Stoff genug, um es unterm gemeinsamen Dach zukünftig ordentlich brennen zu lassen.

Eine Schlüsselrolle in Franks Racheplan übernimmt unwissentlich Carl, der trotz mangelnder Mathekenntnisse in der Straßenhierarchie des Drogenhandels zum Schmuggler befördert wurde. Frank belobigt die Arbeitsmoral seines Sohnes, geht dann aber schnell dazu über, seinem Enkel Chucky die Polizeihunde auf den Hals zu hetzen. Diese jüngste Tat reiht sich mühelos ein in eine lange Reihe an abscheulichen Untaten des Familienoberhaupts, lässt sich aber sogar einigermaßen nachvollziehen, denn Sammy ist nun mal genau das, als was sie Frank bezeichnet - eine Irre.

Why would I do the right thing?

Am Ende landen Carl und Chucky also als Zellennachbarn im Gefängnis, wobei sie von ihren Familienmitgliedern jeweils unterschiedliche Botschaften mit auf den Weg bekommen. Die Gallaghers raten Carl lautstark dazu, bloß nicht auszusagen, was der auch sofort befolgt (worauf er möglicherweise auch selbst gekommen wäre). Sammy beschwört Chucky aber, seinen „Onkel“ Carl zu verpfeifen - aka die Wahrheit zu erzählen. Fühlte sich der Plot um Carl als corner boy in den letzten Episoden noch etwas zu bemüht an, entfaltet er nun sein volles dramaturgisches Potential.

Man muss es den Autoren einfach lassen: Sie verstehen es, die abwegigsten Handlungsbögen aufzuspannen und diese dann unerwartet miteinander zu verknüpfen. Nachdem sie Jimmy (Justin Chatwin) in der letzten Episode (endgültig?) verjagt hat, will Fiona nun ihre Beziehung (und Ehe!) zu Gus (Steve Kazee) retten - wohlgemerkt erst, nachdem sie von ihrem Chef Sean (Dermot Mulroney) und von Vee (Shanola Hampton) dazu beinahe genötigt wurde. Das Plädoyer an ihren Ehemann kommt dafür jedoch überraschend ehrlich rüber - genauso wie seine Bitte, ihm Abstand und Zeit zum Nachdenken zuzugestehen.

Fiona ist darüber ebenso überrascht wie erleichtert, kann sie sich nun doch viel eingehender um Ian kümmern, der sich - in einer ziemlich erwartbaren Wendung - dafür entschließt, seine Medikamente einfach wegzuwerfen. Mehrere Gallagher-Geschwister sind davon direkt emotional betroffen. Lip (Jeremy Allen White) offenbart gegenüber dem Unibuchhalter, dass er viel lieber daheim wäre, um sich um seine Familie zu kümmern, dass er aber gleichzeitig realisiert habe, wie viel mehr eine ordentliche Ausbildung auf lange Sicht bringe. White liefert in dieser Szene seine bisher beste darstellerische Leistung der Staffel ab.

Damit kommt er aber immer noch nicht an scene-stealing Emma Kenney vorbei, der einmal mehr die wirkungsvollste Szene der Episode gehört. Debbie versucht gleichzeitig, Mickey (Noel Fisher) aus seiner Lethargie zu reißen und Ians verlorene Medikamente ohne Rezept wiederauffüllen zu lassen. Am Ende gelingt ihr nur das eine, Mickey kehrt zu Ian zurück. Für dessen Gefühlshaushalt dürfte das aber weit mehr wert sein als der Psychopharmakacocktail.

I respect the shit out of you

Über Ians niederschmetternder Diagnose und den nachfolgenden Ereignissen wabert ständig der Geist der mit der gleichen Krankheit belasteten Monica, die auch deswegen für so viele Traumata in dieser Familie verantwortlich ist. Debbie stellt sich nun nicht mehr die Gesichter ihrer Rivalinnen auf dem Boxsack vor, sie imaginiert ihre eigene Mutter, um Wut abzulassen. Die große Traurigkeit, die sich in den Augen von Fiona und Lip spiegelt, wenn sie von ihrer Mutter sprechen oder hören, ist ebenso berührend wie aufwühlend, gibt es in dieser Geschichte doch keine echten Schuldigen. Selbst Frank konnte sich nicht von seiner Ehefrau lösen, selbst das egoistischste Arschloch überhaupt wurde von ihr noch übertrumpft.

Zum ersten Mal in dieser Staffel wird in Uncle Carl auch wieder klar, welch beinahe unüberwindbare Hürden einer Familie aus der Unterschicht im Weg liegen, will sie sich aus ihrer unglücklichen Lage befreien. Die Gallaghers sind dauernd auf fremde Hilfe oder Gutmütigkeit anderer angewiesen (die Apothekerin, die Uni), ständig muss jemand ein Auge zudrücken, damit sie auch nur minimale Fortschritte machen können. Da ist es wahrlich nicht besonders verwunderlich, dass sich einer wie Carl der Schattenwirtschaft zuwendet - wobei das ja nicht auf ihn beschränkt bleibt, auch Lip und Kevin (Steve Howey) sehen keinen anderen Ausweg als diesen.

Zu allem Überfluss müssen sie sich dann auch noch anhören, wie die Nachbarschaft aufgewertet werden soll. Durch die Trailer zur neuen Staffel war ich davon ausgegangen, dass Shameless die Gentrifizierungsthematik prominent in seine Handlung einbaut, bisher wird das jedoch nur sporadisch behandelt. Vielleicht kommt da ja noch mehr, mir würde es jedoch völlig ausreichen, in den ausstehenden vier Episoden der Aufarbeitung dieser spannenden Figurenkonstellationen zuzusehen. Die Serie nähert sich wieder ihren Höhenflügen aus Staffel vier. Dass der Abschluss rund werden wird, ist für mich eigentlich keine Frage mehr.

Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 9. März 2015
Episode
Staffel 5, Episode 8
(Shameless 5x08)
Deutscher Titel der Episode
Onkel Carl
Titel der Episode im Original
Uncle Carl
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Sonntag, 8. März 2015 (Showtime)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 15. Juni 2015
Autor
Krista Vernoff
Regisseur
Wendey Stanzler

Schauspieler in der Episode Shameless 5x08

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