Shameless 5x07

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So wenig überraschend die Enthüllung am Ende der letzten Staffel war, dass Jimmy (Justin Chatwin) noch lebt, so überraschend ist nun sein erneuter Abschied aus der Serie. Shameless wäre jetzt gut damit beraten, ihm keine weiteren Überraschungsauftritte zu spendieren, haben diese doch zuletzt deutlich an Wirksamkeit eingebüßt. Und nun kann Fiona (Emmy Rossum) endlich das machen, was sie angesichts der Unsicherheit über seinen Verbleib bisher nicht konnte - mit ihm abschließen.
I need something else now
Fiona bekommt sogar postwendend Bestätigung für ihre Kopfentscheidung, denn Jimmys Partnerin Angela (Dichen Lachman) eröffnet ihr, dass er seinen Job in Dubai nicht freiwillig aufgegeben habe, sondern dieser vom Klienten abgesagt wurde. Was genau in Dubai passieren sollte, wurde bisher nie wirklich angesprochen, aber Jimmy und Angela sind wohl international gefragte Berufsdiebe. Jedenfalls nutzt Jimmy den abgesagten Job als Gelegenheit, Fiona seine angeblich ungebrochene Liebe vorzuheucheln.
Es braucht schon eine besondere Sorte Arschloch, um in Herzensangelegenheiten so perfide lügen zu können. Da ist es nicht weiter verwunderlich, wenn man sich als Zuschauer über die knallharte Rechte freut, die Gus (Steve Kazee) seinem Rivalen beim ersten Aufeinandertreffen verpasst. Jimmy ist so ein blasiertes Kerlchen, dass er sich eigentlich nicht darüber wundern sollte, dass dies eine schlechte Woche für seine Nase ist. Fiona zieht daraus die richtigen Schlüsse - sie gibt zwar zu, dass sie Jimmy liebt, ist aber gleichzeitig schlau genug, ihn fortzuschicken: „You have to let me go.“ („Du musst mich gehen lassen.“)
Nun sieht es tatsächlich danach aus, dass Jimmy Fiona gehen lassen und nicht wieder zurückkehren wird. Das ewige Hin und Her zwischen den beiden unheilvoll Verbundenen machte am Anfang sehr viel Spaß, verlor dann aber seine dramaturgische Resonanz. Meinetwegen hätte man gerne darauf verzichten können, Jimmy überhaupt zurückzubringen, weil seine Anwesenheit den übrigen Menschen in Fionas Leben (mit Ausnahme der eigenen Familie natürlich) beinahe sämtlichen emotionalen Atem raubte. Als Zuschauer warteten wir sowieso nur auf den Moment, an dem er zurückkehren und Fiona ins übliche emotionale Chaos stürzen würde.

In der vergangenen Episode hatte das noch überraschend gut funktioniert, weil Chatwin und Rossum eine sehr gute Chemie miteinander haben - und weil die Staffel zu diesem Zeitpunkt unbedingt frischen Wind brauchte. Dank des erneuten Abschieds bekommen nun aber solche Figuren wie Gus die Chance, zu echten Charakteren zu werden - und nicht nur dramaturgische Wasserträger für Jimmy und Fiona zu sein.
I'm ready to give up everything for you
Die letzte Szene zwischen den beiden ist der emotionale Höhepunkt in einer an diesen ansonsten armen Episode. Tell Me You Fucking Need Me ist eine dieser typischen Shameless-Folgen, die viele witzige und charmante Handlungsbögen kombiniert, es aber selten schafft, echte emotionale Reaktionen zu generieren. Ians (Cameron Monaghan) Handlungsbogen ist der einzige andere, der in dieser Hinsicht einen Volltreffer landet.
Er sitzt nun in einem staatlich finanzierten und entsprechend karg ausgestatteten Sanatorium und hat große Probleme, sich dort zurechtzufinden, ja überhaupt zu akzeptieren, dass er zu seinem eigenen Wohl dort ist. Wegen der Beruhigungsmedikamente, die er verabreicht bekommt, nimmt er seine Umwelt nur durch einen dichten Nebel wahr, der es ihm weder erlaubt, an seinem Leben richtig teilzunehmen, noch eine emotionale Regung gegenüber seinen Besuchern Fiona und Mickey (Noel Fisher) zu zeigen.
Natürlich ist auch Fiona von seinem kümmerlichen Zustand geschockt, schließlich kennt sie die Auswirkungen einer bipolaren Störung, seit diese bei ihrer Mutter diagnostiziert wurde, als sie acht Jahre alt war. Noch mehr mitgenommen ist aber Mickey, der erst versteht, wie alleine er ist, als er in sein leeres Haus zurückkehrt. Was die Autoren aus diesem Charakter gemacht haben, ist überaus bemerkenswert und kaum hoch genug einzuschätzen. Er war einst der tumbe Straßenschläger und Kleinkriminelle - jetzt ist er ein liebevoller, treusorgender Freund, der mit seiner Homosexualität vollkommen im Reinen ist. Von dieser Entwicklung können sich viele Fachkollegen gerne eine oder gleich mehrere Scheiben abschneiden. So schreibt man für ein aufgeklärtes, tolerantes Publikum aus dem 21. Jahrhundert.

Mindestens genauso gut geschrieben ist die Geschichte und Charakterentwicklung von Debbie, die in ihrem Handlungsbogen einmal mehr emotionale und witzige Elemente kombiniert und von Emily Kinney herausragend porträtiert wird. Sie will einfach nicht akzeptieren, dass ihr Schwarm Derek (Luca Oriel) nicht mehr von ihr will als eine freundschaftliche Beziehung, was sich am Ende - nach einem hinreißend gespielten, wütenden Monolog - aber als Trugschluss herausstellt. Und dazu hat es nicht mehr bedurft als die Androhung massiver körperlicher Gewalt gegenüber Holly (Danika Yarosh). Debbie - die derzeit coolste Figur in Shameless!
None of my kids have shot me
Von wem sie solches Verhalten gelernt hat, ist indes nicht wirklich schwierig zu erraten. Ihr jüngerer Bruder Carl (Ethan Cutkosky) hat sich damit so viel Ehrfurcht erarbeitet, dass es ihm spielend einfach gelingt, selbst den unbedarften Chucky (Kellen Michael) zu einem beliebten Schüler zu machen. Im Gegenzug verlangt er nicht viel mehr als die uneingeschränkten Sklavendienste seines tollpatschigen Halbbruders - sehr zum Missfallen von dessen Mutter Sammy (Emily Bergl).
Die ist aber viel zu sehr damit beschäftigt, die Liebe ihres Vaters Frank (William H. Macy) zu erzwingen, um sich um die Belange ihres Sohnes zu kümmern. Als sämtliches Bitten und Betteln bei Frank wenig überraschend auf fruchtlosen Boden fällt, ergreift sie drastische Maßnahmen, zielt mit einer Waffe auf ihren Erzeuger und verpasst ihm einen Streifschuss. Nachdem er verarztet wurde, lässt er sich endlich dazu hinreißen, seiner ältesten Tochter die Liebe zu erklären - natürlich nicht ganz freiwillig.
Es sind diese Handlungsbögen, die Shameless bisweilen ziemlich lahm erscheinen lassen. Die dramaturgische Stoßrichtung solcher Erzählstränge bleibt nebulös, sie sind meist nur dazu gut, zu zeigen, wie verkorkst manche dieser Figuren sind. Ähnlich verhält es sich auch beim Streit zwischen Kevin (Steve Howey) und Vee (Shanola Hampton), der natürlich nicht nur ein einfacher Streit sein kann, sondern durch einen Blowjob hier und eine Affäre da zusätzliches Schockpotential bekommen muss. Die Serie heißt schließlich auch Shameless und es gibt bestimmt viele Zuschauer, die sich genau an solchen Szenen ergötzen. Die emotionale Wirklichkeit dieser Figuren bilden solche Aktionen aber nur selten ab.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 2. März 2015(Shameless 5x07)
Schauspieler in der Episode Shameless 5x07
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