Shameless 5x10

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„Shut the fuck up and take your pills, bitch.“ So ist der Befehlston, den Ian (Cameron Monaghan) von Mickey (Noel Fisher) gewohnt ist. Wenn der sich aber in einen fürsorglichen boyfriend verwandelt und es nicht weiter schlimm findet, dass Ian wegen seiner Medikation keine Erektion mehr bekommen kann, dann ist er nicht mehr derjenige, in den sich Ian einst verliebt hat. Dann ist er genauso wie all die anderen Langweiler.
Just suck it harder, you fucking faggot
Deswegen greift Ian zu mehreren drastischen Maßnahmen - aber nicht nur, um Mickey aus seinem Ennui zu wecken, sondern auch, um sich selbst trotz medikamentöser Vernebelung wieder etwas spüren zu lassen. Er legt also seine flache Hand auf die heiße Herdplatte des Diners und sogleich fängt seine Haut genauso an zu brutzeln wie die Schinkenstreifen, die daneben liegen. Zu Hause wird er liebevoll von seiner Halbschwester Sammy (Emily Bergl) verarztet - dass ihre Fürsorge nur Fassade ist, kann er zu diesem Zeitpunkt nicht ahnen.
Am Ort ihrer ersten heimlichen Liebesbekundungen kommt es schließlich zur Konfrontation zwischen Ian und Mickey. Die Schmerzen in der Hand sind immer noch nicht genug, um die geistige Umnachtung zu durchbrechen, weshalb Ian dazu übergeht, seinen Freund einfach zu verprügeln. Mickey ist davon zunächst entsetzt, begreift aber schnell, dass er lieber mitmachen als sich widersetzen sollte. Nach einer deftigen Prügelei kühlen die beiden ihre Wunden mit einem kalten Bier, wegen Ians Narkotisierung reicht aber eines aus, um ihn lachend und singend durch die Straßen ziehen zu lassen.
Bald darauf bleibt ihm das Lachen jedoch im Halse stecken, denn Sammy hat sich die Verteilung biblischer Gerechtigkeit in den Kopf gesetzt. Sie will den Gallaghers den Verlust ihres Sohnes Chucky (Kellen Michael) in gleicher Münze heimzahlen. Da kommt es ihr natürlich gerade gelegen, dass sie von Ians größter Angst erfährt - dass er eines Tages von der Militärpolizei erwischt wird. Das Ende der Episode ist denn auch dementsprechend brutal - aber irgendwie auch nachvollziehbar. Schließlich wurde Sammy der einzige Mensch genommen, der sie wie einen solchen behandelt.

Freilich könnten wir uns darüber wundern, wieso Sammy überhaupt noch in diesem toxischen Haus wohnt. Natürlich hat sie selbst auch einen gehörigen Schuss weg, immerhin sind es die Gene von Frank Gallagher (William H. Macy), die ihr ein anderes Schicksal nahezu unmöglich machen. Die Serie will uns die regulären Mitglieder des Gallagher-Clans als Helden dieser Geschichte verkaufen und Sammy als durchgeknallte Antagonistin. Dabei hat sie für ihre Aktionen meist die genuinere Motivation vorzuweisen.
I'm here because I like you, asshole
Sämtliche Szenen mit Ian und Mickey - vor allem aber das Ende - bringen wieder ein bisschen dramaturgischen Schwung in die Serie, der in dieser fünften Staffel weitgehend gefehlt hat. Das lässt sich an South Side Rules exemplarisch ablesen: Es gibt außer Ians keinen Handlungsstrang, der ähnliche emotionale Intensität entwickelt. Lip (Jeremy Allen White) am College, Fiona (Emmy Rossum) in ihrer Vielecksbeziehung, die Trennung von Kevin (Steve Howey) und Vee (Shanola Hampton), Franks plötzliche Verliebtheit - nichts davon will so richtig zünden.
Aber eins nach dem anderen: Je weiter Fionas Handlungsbogen fortschreitet, desto eindeutiger wird, dass das Auftauchen von Jimmy-Jack-Steve (Justin Chatwin) überflüssig war. Ihre Geschichte hätte auch bestens ohne ihn funktioniert. Und überhaupt: Wir wissen ja schon lange, dass Fiona eine hoffnungslose Dramaqueen ist, aber ihre Entscheidungen muten derzeit noch willkürlicher an als üblich. Sie scheint ihren Ehemann Gus (Steve Kazee) wirklich zu vermissen, flüchtet sich aber bei erster Gelegenheit in die Arme eines anderen.
Dieser Andere ist natürlich der Dritte im Bunde ihres Liebesdreiecks, Sean (Dermot Mulroney). Der lehnt Fionas Angebot zur moralischen Unterstützung zwar dankend ab, was sie aber trotzdem nicht davon abhält, ihm ihren Beistand beinahe schon aufzudrängen. Nach einer provozierten Kneipenschlägerei - Sean und sein Selbsthass, aaaaarrrrgh - kommt es zum ersten Kuss zwischen den beiden. Danach sieht Fiona aus, als sei sie wieder 15 Jahre alt und hätte gerade eben ihren großen Schwarm zum ersten Mal geküsst. Wenn andere versuchen wollen, daraus schlau zu werden - go crazy!

Zwischen all dem Liebeswirrwarr schafft es Fiona immerhin, ihre Schwester Debbie (Emma Kenney) zur Sexualberatung zu begleiten, wo sie ein Rezept für die Pille bekommt. Debbie besucht anschließend die Familienfeier ihres Freundes Derek (Luca Oriel), weil die beiden geplant haben, im Anschluss zum ersten Mal miteinander zu schlafen.
You will not go gentle into that good night
Dort wird ihr so sehr vom Kinderkriegen vorgeschwärmt, dass sie sich davon allzu leicht beeindrucken lässt und später mit Derek die Verhütung absichtlich weglässt, um - ja, um was eigentlich? Um schwanger zu werden? Ernsthaft? Debbie? Der verantwortungsvollste Spross, den die Familie Gallagher jemals hervorgebracht hat? Nein, diese plötzliche Volte passt mit der bisherigen Charakterisierung ihrer Figur überhaupt nicht zusammen.
Überaus charakterkonform geht es indes bei Lip und seinen Abenteuern in der Uni zu. Ihm wird ja nun auch schon seit mehreren Staffeln großes Talent auf sämtlichen Gebieten attestiert, woraufhin er es immer wieder schafft, die eigenen Ambitionen mit einem Rückfall in seine Ghettoattitüden selbst zu sabotieren. Nun sind es also er und Kevin, die mit dem Spice, das ihnen als Gras verkauft wurde, einen kollektiven Ausbruch von temporärem Wahnsinn in ihrem Wohnheim auslösen. Er bekommt die Situation dank der Hilfe seiner neuen Mentorin Helene (Sasha Alexander) jedoch bald wieder unter Kontrolle. Schöner Nebeneffekt: Dank Helenes Standpauke schickt er Kevin nach Hause zu Vee - so hat dieser von Beginn an wenig nachvollziehbare Handlungsbogen auch endlich ein Ende.
Der neue Erzählstrang um Frank ist ein weniger eklatanter Fehlgriff, funktioniert aber auch nur bedingt. Die Geschichte um die sterbende Bianca (Bojana Novakovic) ist sehr ordentlich geschrieben, hinreißend gespielt und dramaturgisch nachvollziehbar. Weniger nachvollziehbar ist, dass sich Frank auf einmal in sie verliebt. Ich hätte es begrüßt, wenn er eine Art väterliche Zuneigung zu ihr verspüren würde. Aber eine Liebesbeziehung zwischen den beiden? Das kommt mir ein bisschen zu weit hergeholt vor.
Die wenig aufregende Episode South Side Rules endet mit einem Knall und der Hoffnung, dass sich die Handlungsbögen zum Ende der Staffel noch einmal zuspitzen. In Ians Fall ist das garantiert, beim Rest fällt es mir noch schwer, den großen emotionalen pay off am Ende zu erahnen. Was auch immer die Autoren sich dafür ausgedacht haben - eines hoffe ich inständig: Bitte lasst Debbie nicht schwanger werden!
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 23. März 2015(Shameless 5x10)
Schauspieler in der Episode Shameless 5x10
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