Shameless 5x01

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Die vierte Staffel der Showtime-Dramedy Shameless war die bisher beste der Serie. Das abscheuliche Familienoberhaupt Frank Gallagher schrammte darin haarscharf am Tod vorbei, was von Darsteller William H. Macy so herausragend gespielt wurde, dass man sich glatt wünschte, die Figur würde am Leben bleiben. Zu diesem Zeitpunkt wusste die Serie lange nicht, was sie mit ihrem Hauptcharakter anfangen sollte - nun wurde ihm jedoch - wortwörtlich - neues Leben eingehaucht.
You shut up. It's summer!
Trotz eines herausragenden Abschlusses einer glänzenden Staffel gab es für manche Zuschauer - mich eingeschlossen - einen Wermutstropfen: Im Nachgang zu den letzten Szenen konnten es sich die Autoren in Lazarus nicht verkneifen, doch noch einmal Jimmy-Steve-Jack (Justin Chatwin) auftauchen zu lassen. Er ließ sich von einer Bekannten vor das Haus der Gallaghers chauffieren, nur um dann nichtssagend ins Leere zu starren. Für alle Jimmy-Fans war das wohl ein besonders spannender Cliffhanger, ich hätte hingegen auch gut ohne seine Rückkehr leben können.
Im Auftakt zur fünften Staffel taucht Jimmy nun aber nicht auf. Vielleicht haben es sich die Autoren doch noch einmal anders überlegt, vielleicht wollen sie uns Zuschauer aber auch nur noch länger auf die Folter spannen. Der Beginn einer jeden Shameless-Staffel war indes nie wirklich besonders tempo- oder ereignisreich und auch Milk of the Gods macht da keine Ausnahme. In Chicago ist wieder einmal Hochsommer, die Figuren gehen ihren neuen und alten Leben nach, ihre Handlungsbögen werden vorbereitet.
Es gibt viele kleine Hinweise, wovon die neue Staffel handeln wird. Fiona (Emmy Rossum) und Ian (Cameron Monaghan) joggen an einem neu eröffneten Yogastudio vorbei und vermuten dahinter eine Geldwäscheoperation. Als Lip (Jeremy Allen White) vom Unicampus nach Hause in die Ferien aufbricht, wird schon an den Fahrgästen in der U-Bahn ersichtlich, in welchem Teil der Stadt er sich gerade befindet. Über die gesamte Episode hinweg versuchen Abgesandte einer Immobilienfirma, die von den Bewohnern der South Side stets als Zeugen Jehovas betitelt werden, die Hauseigentümer zum Verkauf zu animieren. Das Stadtviertel gehöre mittlerweile eben zu den angesagtesten der Metropole.

Nicht schwer zu erraten also, dass der Themenkomplex „Gentrifizierung“ eine zentrale Rolle spielen wird. Ist man von diesem Thema als Bewohner einer Großstadt, der mit solchen Entwicklungen nahezu täglich konfrontiert ist, zwar angetan, so stellt sich doch die Frage, wie ein solcher Handlungsbogen mit den höchst dramatischen Entwicklungen aus der letzten Staffel - bei denen es gerade um Leben und Tod, Freiheit und Gefangensein, ging - mithalten soll.
We're respectable now. Remember?
Eine erste Shameless-Episode kann und muss diese Frage nicht beantworten. Hier geht es - der Jahreszeit entsprechend - meist gemächlicher, vor allem aber beschwingter zu. Milk of the Gods beginnt und endet mit Szenen im Gallagher'schen Swimmingpool. Fiona baut diesen anfangs mit ihrem neuen Chef Sean (Dermot Mulroney, der Jeffrey Dean Morgan ersetzte) auf. Sie flirtet dabei offensiv mit ihm, worauf er aber nicht reagiert. Auch bei ihren späteren Flirtattacken wird er nicht weich - im Gegenteil, er besteht sogar darauf, dass sie im Restaurant die gesamte Rechnung fürs Familiendinner bezahlt.
Eigentlich hätte es Fiona gar nicht nötig, Sean so unnachgiebig anzumachen, schließlich kann sie sich selbst kaum vor Angeboten retten. Sowohl der Sänger einer Rockband als auch eine mysteriöse großzügige Trinkgeldgeberin (Dichen Lachman) machen ihr eindeutige Avancen. Die eindeutige Sexofferte von erstgenanntem bläst sie am Ende jedoch gegen ein nächtliches Pooldate mit ihrem Chef und der Familie in den Wind. Gefeiert wird dabei der Sommer, was Fiona den verärgerten Nachbarn auch wortstark mitteilt. „Totally shameless“ eben.
Trotz des gemächlichen Beginns macht die Serie hier schon wieder all das besonders gut, was sie am besten kann. Es sind die vielen kleinen absurden, bisweilen grotesken Charaktermomente, die zu Beginn noch für laute Lacher, gegen Ende einer Staffel aber stets für emotionale Magenschläge sorgen. Im Auftakt zur fünften Staffel ist es nun Franks Enkelsohn Chuckie (Kellen Michael), dessen Aktionen mir die Freudentränen in die Augen treiben. Einmal steht er neben Frank im Bad und fragt ihn aus, wofür er all diese Tabletten nehme. Frank erklärt es ihm widerwillig, muss währenddessen aber hauptsächlich darüber staunen, wie lange Chuckie urinieren muss.

Ein anderes Mal zerstört Chuckie mutwillig Sheilas (Joan Cusack) kostbare Hummelfigur, weil er darin den einzigen Weg sieht, seinen Frust über die Kalamitäten seiner Mutter Sammy (Emily Bergl) zu verarbeiten. Wenngleich der kleine pummelige Junge nun also als comic relief-Figur bestens funktioniert, ist auch der schwächste Erzählbogen dieser Episode mit seinem Charakter eng verzahnt. Der Streit zwischen Sheila und Sammy um die Gunst ihres Ehemanns beziehungsweise Vaters geht hier in die nächste Runde, hätte für mich aber gerne mit Franks Überleben am Ende der letzten Staffel abgeschlossen sein dürfen.
Daddy, you caught me. Am I in trouble?
Der mit neuem Lebensmut ausgestattete Frank arbeitet indes emsig an dem Getränk, das dieser Episode den Namen verleiht. Er hat sich in den Kopf gesetzt, das stärkste Bier zu brauen, das jemals von Menschenhand hergestellt wurde. Über den Verlauf der Episode hat es den Anschein, als hätten sich die Autoren vorgenommen, einen nuancierteren Blick auf ihre Hauptfigur zu werfen.
Frank ist zwar immer noch das alte Ekelpaket, jedoch ist er etwas umgänglicher und nicht so überzeichnet böse wie in vergangenen Staffeln. Am Ende kehrt er jedoch genau dahin wieder zurück, weil er es nämlich nicht aushalten kann, das eigene Gesöff zu probieren. Bleibt zu hoffen, dass sich die Autoren den Frank aus dem Großteil der Episode zum Vorbild nehmen. Großes Interesse an weiteren Alkoholeskapaden des Gallagher-Patriarchen habe ich jedenfalls nicht.
Spannender kündigen sich da schon die Handlungsbögen um Ian und Lip an. Erstgenannter spielte in der vierten Staffel keine große Rolle, nun haben die Serienmacher wohl verstanden, wie beliebt er und sein Seriengeliebter Mickey (Noel Fisher) bei den Zuschauern sind. Ian ist bei seinem Freund eingezogen und überträgt seine Haushaltskenntnisse auf die neue Patchworkfamilie.

Mickey geht währenddessen zur „Arbeit“, was für ihn nichts anderes bedeutet als das, was er schon immer gemacht hat, um an Geld zu kommen: schwerste Kriminalität. Ian kämpft indes mit psychischen Problemen, die ihm wohl von seiner Mutter vererbt wurden. Fiona schlägt ihm eine Therapie vor, er jedoch schiebt seine Schwierigkeiten auf übermäßigen Drogenkonsum.
Life is different now
Lip hat nach seinem ersten Jahr an der Uni und der Rückkehr an die South Side ungewohnte Anpassungsprobleme. Mit den Hängengebliebenen aus der Nachbarschaft will er eigentlich nichts mehr zu tun haben - zumindest ist es für ihn kein verlockendes Angebot mehr, sich mittags schon zuzudröhnen. Gleichzeitig ist er jedoch zu ängstlich, seiner Unifreundin Amanda (Nichole Bloom) Zugeständnisse einer richtigen Beziehung zu machen - obwohl er es eigentlich doch will.
Die größte Veränderung durchlaufen wohl die Nachbarn der Gallaghers. Vee (Shanola Hampton) und Kevin (Steve Howey) haben Schwierigkeiten damit, sich in ihren neuen Rollen als mehrfache Eltern zurechtzufinden. Dabei kommt es zu einer unvorhergesehenen Entwicklung. Kevin scheint nämlich stärkere Muttergefühle entwickelt zu haben als seine Ehefrau. Jedenfalls vermisst sie ihr früheres Leben, während er voll darin aufgeht, seinen Töchtern das bestmögliche Aufwachsen zu ermöglichen.
Bei einem solch großen (und stetig weiter wachsenden) Ensemble wie dem von Shameless ist es nicht weiter verwunderlich, dass manche Charaktere im Auftakt zu kurz kommen. So erfahren wir von Carl (Ethan Cutkosky) fast nichts, während Debbie (Emma Kenney) mit der Fassung ringt, weil sie von ihren zwei besten Freundinnen plötzlich nicht mehr beachtet wird. Milk of the Gods ist ein solider Auftakt in eine neue Staffel - mit manch vergessenswertem Handlungsbogen und vielen rabiaten, düster-witzigen, ganz einfach schamlosen und deshalb sehr, sehr lustigen Szenen.
„Are you my father?“ „Don't think so, kiddo.“ Armer Chuckie.
Verfasser: Axel Schmitt am Montag, 12. Januar 2015Shameless 5x01 Trailer
(Shameless 5x01)
Schauspieler in der Episode Shameless 5x01
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