Shameless 4x12

Die grandiose, von dem wunderbar melancholischen Song „The Cold“ der Band Exitmusic untermalte Abschlussszene der vierten Staffel von Shameless bildet die Essenz des Charakters Frank Gallagher (William H. Macy) perfekt ab. Obwohl er gerade so dem eigentlich schon sicheren Tod entronnen ist, bleibt er von seinem Hochmut beseelt. In die klirrend kalte Winterlandschaft brüllt er seine Erleichterung darüber, noch am Leben zu sein: „That all you got? That's it? I'm still here! You fucker! I'm alive! Frank Gallagher!“
You lost! I win!
Die Szene ist so kraftvoll und effektiv, weil sie erst nach 48 Episoden eingesetzt wird. Über vier Staffeln haben wir nun die einzelnen Mitglieder der Familie Gallagher begleitet. Nie war eine Staffel so düster, so real, so unmittelbar wie die vergangene. Der emotionale Payoff kulminiert in dieser einen Szene, er könnte großer und belohnender nicht sein. Ich habe dabei mehr als nur eine Träne verdrückt. Die Szene beschließt eine tiefschwarze Staffel, die sich viel mehr durch herzzerreißend grausame Handlungsbögen auszeichnete als durch leichten Humor.
Umso erstaunlicher ist es, dass die Produzenten ausgerechnet in diesem Jahr entschieden haben, ihre Serie im Comedy-Segment der Emmy-Awards einzureichen. Die Absicht dahinter scheint klar: Angesichts überbordender Konkurrenz in der Drama-Kategorie rechnen sie sich wohl bessere Chancen im komödiantischen Fach aus. Hauptdarstellerin Emmy Rossum könnte durchaus mit einer Trophäe als beste Hauptdarstellerin nach Hause gehen - auch wenn sie diese eher wegen ihrer Leistungen in dramatischen Erzählsträngen verdient hätte.
Ihr Charakter Fiona macht in der neuen Staffel die radikalste Entwicklung durch. Zu Beginn sieht alles danach aus, als würde sie es endlich schaffen, die gesamte Großfamilie über die Armutsgrenze zu hieven. Sie hat einen sicheren (aka langweiligen) Job, ist sozialversichert, kann pünktlich die Gas- und Wasserrechnungen bezahlen, hat sogar einen Freund, der jede Schwiegermutter in Verzückung versetzen würde (aka langweilig). Doch schneller, als ihr lieb sein kann, kommt das alte Gallagher-Gen zum Vorschein. Fiona schläft mit dem Bruder ihres Freundes. Was jedoch viel schlimmer wiegt: Sie feiert im eigenen Haus mit den Nachbarn Kevin „I've got a magic penis“ Ball (Steve Howey) und Veronica Fisher (Shanola Hampton) eine Koksparty, bei der ihr jüngster Bruder Liam unbeabsichtigt das gesamte Drogentütchen verschluckt und daran beinahe stirbt.

Fiona wandert dafür ins Gefängnis und wird - wenn auch nur kurzzeitig - von ihrer Familie verstoßen. Doch wie ihr ältester Bruder Lip (der unfassbar coole Jeremy Allen White) am Ende ganz richtig anmerkt, hat sie bei all diesen (selbstverschuldeten) Missgeschicken auch eine ganze Menge Glück. Ihr Exfreund holt sie in einem letzten Anflug von Altruismus aus dem Gefängnis, will aber fortan nichts mehr mit ihr zu tun haben. Nachdem es ihr nicht gelingt, die Bewährungsauflagen einzuhalten, muss sie später noch ein zweites Mal dorthin. Jetzt ist es das hoffnungslos überfüllte Gefängnis, das ihre erneute Freilassung ermöglicht.
Fiona - eine echte Gallagher
Sie kehrt zurück in eine Familie, die in der Zwischenzeit gelernt hat, ohne sie zurechtzukommen. Als neues Oberhaupt jongliert Lip die Anforderungen der Uni mit einem Nebenjob, einer reichen, kontrollsüchtigen Freundin und der kurzfristig weiter wachsenden Großfamilie. Sicher, das Geld ist knapp, die Nöte sind groß. Aber mittlerweile befinden sich auch Carl (Ethan Cutkosky) und Debbie (Emma Kenney) in einem Alter, in dem sie Verantwortung übernehmen können - und dies auch ganz selbstverständlich tun.
Debbie hat sich in dieser Staffel in den Kopf gesetzt, es ihren reiferen Freundinnen gleichzutun und endlich ihre Jungfräulichkeit zu verlieren. Sie verabredet sich mit einem älteren Typen, der jedoch erschrickt, als er von ihrem wahren Alter erfährt und jedwede sexuelle Annäherung kategorisch ablehnt. Debbie ist zum ersten Mal verliebt, es ist wunderbar zu sehen, wie sie ständig zwischen diesen Hochgefühlen und den damit einhergehenden Unsicherheiten und Enttäuschungen hin- und herpendelt. Emma Kenney liefert hier eine außergewöhnliche Darstellung, sie könnte bei den Emmy-Awards eine echte Außenseiterchance haben. Als Debbie im Staffelfinale Lazarus die überraschend zurückgekehrte Fiona wiedertrifft, spielt Kenney mit einer emotionalen Wucht, die den Zuschauer völlig in der Geschichte versinken lässt.
Auch der vermeintlich abgebrühte Carl ist erleichtert, als Fiona endlich wieder zu Hause ist, das Frühstück vorbereitet und dafür sorgt, dass sich alle rechtzeitig auf den Schulweg machen. Er hat sich in dieser Staffel ebenfalls zum ersten Mal verliebt - in ein Mädchen, das sogar seine eigene Zügellosigkeit übertrifft. Mit er streift er marodierend durch die Nachbarschaft, erleichtert Mitschüler um ihr Pausengeld, raubt Schnapsläden aus und trinkt Alkohol. So plötzlich sie jedoch in seinem Leben auftaucht, so spontan flüchtet sie daraus auch schon wieder. Außer den eigenen Tränen und Erinnerungen bleibt Carl nichts von ihr.

Fiona und Carl sind die beiden Gallagher-Sprösslinge, die eindeutig in die Fußstapfen ihres Vaters treten. In dieser Staffel stellt sich jedoch heraus, dass Ian (Cameron Monaghan) das schwerbelastete genetische Erbe ihrer Mutter antreten muss. Schon bei seiner Rückkehr wird deutlich, dass er psychisch nicht wirklich stabil ist. Er verbringt endlose Nächte in einem Technoclub, wo er sich prostituiert und mit Drogen zudröhnt. Er wechselt ständig zwischen Hochstimmung und depressivem Jammertal, bis er sich schließlich bei seinem Freund Mickey (Noel Fisher) verkriecht und standhaft weigert, aus dem Bett zu kommen.
Families stick together
Debbie und später auch Fiona wissen sogleich, mit welchen Symptomen er zu kämpfen hat. Wie die Mutter leidet er wohl an einer bipolaren Störung, die diese emotionale Achterbahnfahrt auslöst. Die Geschichte um Ians psychologische Probleme ist denn auch der Cliffhanger für die bereits bestellte fünfte Staffel - abgesehen von der Rückkehr von JimmySteveJack (Justin Chatwin), dessen Wiederauftauchen aber wohl nur eine Frage der Zeit gewesen ist. Schließlich gilt im TV-Geschäft die einfache Faustregel: „Keine Leiche, kein Tod.“
Ians Handlungsbogen sorgte indes für eine der größten Überraschungen dieser Staffel - Mickeys Wandlung vom simplen Straßenrowdy zum sensiblen Verfechter einer toleranten Gesellschaft. Irgendwann realisiert er, dass er kein erfülltes Leben führen kann, sollte er sich nicht über seine sexuelle Identität im Klaren sein. Also verkündet er ganz öffentlich und voller Inbrunst, dass er schwul sei. Sein Gangstervater will ihn dafür sofort verprügeln. Am Ende jedoch ist der Vater verhaftet und Mickey besteht auf den Zusammenhalt der Familien Milkovich und Gallagher, die sowieso schicksalhaft miteinander verbunden zu sein scheinen.
Im Staffelfinale bleibt es übrigens Mickeys russischer Mail-Order-Bride überlassen, den soziologischen Subtext der Serie in einem grandiosen Monolog offenzulegen: „America, is land of choices, yes? Freedom to be me, freedom to be you. McDonald's, Burger King, on one block. You choose: One, both. Shit, maybe we go to Wendy's instead.“ Das Zitat zeigt sehr eindringlich die Perversion des amerikanischen Traums: Unter dem Banner der allzeit bemühten „Freiheit“ ist es in Amerika zu einer Situation gekommen, in der ein verschwindend geringer Bevölkerungsanteil die absolute Freiheit genießt, während die Freiheit des überwältigenden Großteils der amerikanischen Gesellschaft lediglich die Wahl des nächsten Schnellrestaurants beinhaltet.

Das alles wird in Shameless meisterhaft verarbeitet, ohne dass die Serie jemals explizit auf die gravierenden sozialen Missstände im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hinweisen würde. Um bei der Analogie der Schnellrestaurants zu bleiben: Sammis (Emily Bergl) Sohn Chucky (Kellen Michael) ist schwer adipös, weil sie sich keine vollwertige Ernährung leisten kann. Mickeys Schwester Mandy (Jane Levy) arbeitet im Schnellrestaurant, wo sie Lip und seine reichen Freunde von der Uni bedienen muss. Auch Fiona findet nur beim Burgerbrater um die Ecke eine Anstellung, weil sie erst kürzlich aus dem Gefängnis entlassen wurde. Dort kommt sie überdies nur wegen des guten Willens ihrer Bewährungshelferin und des Ladenbesitzers Charlie (Jeffrey Dean Morgan) unter.
Allgegenwärtige Sozialkritik
Im Gefängnis ist sie wegen Drogenbesitz gelandet - ein Handlungsbogen, der auf die skandalöse amerikanische Rechtsprechung in Sachen Drogendelikten verweist. An dieser Stelle sei der exzellente Dokumentarfilm „The House I Live In“ empfohlen, der ebendiese Thematik aufgreift. Dieser Film wirft die These auf, dass die amerikanische Anti-Drogenpolitik in Wirklichkeit das Ziel verfolgt, die ärmste, unterste Bevölkerungsschicht ganz einfach wegzusperren, um soziale Aufruhr zu verhindern. Wenngleich diese These natürlich nicht bewiesen ist, so kann man in Shameless doch viele einzelne Indizien entdecken, die eine solche Theorie stützen würden.
Die Serie verpackt diese Sozialkritik äußerst geschickt in einem Konvolut aus Humor, schreiender Ungerechtigkeit, Sarkasmus und Ironie. Shameless umarmt in der vierten Staffel zwar nach wie vor voller Inbrunst sein asoziales Herz, zum ersten Mal zeigt eine Staffel jedoch auch auf, welche massiven Folgen ein solcher Lebensstil hat: Arme Menschen sterben ganz einfach früher - bestens illuminiert am Beispiel Franks, um dessen Leben ich mir in dieser Staffel ernsthafte Sorgen gemacht habe. Zunächst dachte ich, dass die Autoren den Charakter tatsächlich sterben lassen würden. Ich freundete mich bereits mit der Idee an - ohne Zweifel hätte eine solche Wendung in diese tiefschwarze Staffel gepasst.
Die triumphale Rückkehr Franks sorgte jedoch für den atemberaubenden Abschluss der bisher besten Staffel von Shameless. Armut und der Niedergang der amerikanischen Mittelschicht wurden noch nie so eindringlich, so desolat und gleichzeitig so unterhaltsam dargestellt. Ein grandioser Soundtrack und die wieder einmal exzellente optische Umsetzung unterstützten das Gelingen dieser kleinen Geschichte einer großen Familie aus Southside Chicago. Da fällt es leicht, manch weniger gelungenen Handlungsbogen (Sheila (Joan Cusack) und die amerikanischen Ureinwohner) zu verzeihen. Shameless ist direkt, rau, wuchtig, trifft mitten ins Herz. Die Serie ist fulminante Poesie.
Verfasser: Axel Schmitt am Samstag, 12. April 2014(Shameless 4x12)
Schauspieler in der Episode Shameless 4x12
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