Secret State 1x03

Secret State 1x03

Auch in der dritten Episode gelingt es Secret State mühelos, die Spannung hochzuhalten. Bei einem kleinen Ausflug in die Welt globaler Wirtschaftssysteme bekommt Premierminister Dawkins schmerzlich zu spüren, welch geringe Einflussmöglichkeiten Regierungsoberhäupter heutzutage auf den globalen Finanzsektor haben.

Premierminister Tom Dawkins (Gabriel Byrne) scheinen die Probleme über den Kopf zu wachsen in „Secret State“ / Foto:  (c) Channel 4
Premierminister Tom Dawkins (Gabriel Byrne) scheinen die Probleme über den Kopf zu wachsen in „Secret State“ / Foto:  (c) Channel 4
© remierminister Tom Dawkins (Gabriel Byrne) scheinen die Probleme über den Kopf zu wachsen in „Secret State“ / Foto:  (c) Channel 4

London ist unbestritten eines der größten Finanzzentren der Welt. Das Zugpferd der britischen Wirtschaft wird angeführt vom Banken- und Finanzsektor und die englische Regierung ist bereit, zu beinahe jedem Mittel zu greifen, um Trader, Broker und Manager vor zu starker Regulierung zu schützen. Das Ergebnis dieses Deregulierungswahns, der seine Ursprünge in den frühen 1980er Jahren mit dem Aufkommen der neoliberalen Wirtschaftstheorie genommen hat, ist eine seit über vier Jahren andauernde weltweite Rezession. Dennoch gelingt es den führenden Industrienationen dieser Erde nicht, den Banken- und Finanzsektor wirksam einzuhegen, geschweige denn ihn zumindest an den Kosten zur Bewältigung der ökonomischen Krise zu beteiligen.

I love it when a plan comes together

Führend in einer Verhinderung vernünftiger Regulierung ist dabei die britische Regierung. Mit schöner Regelmäßigkeit droht der britische Premierminister mit Austritt aus dem europäischen Wirtschaftssystem. Er kann dabei auf eine breite Unterstützerbasis der traditionell euroskeptisch eingestellten britischen Bevölkerung zählen. Dies muss jedoch noch lange nicht bedeuten, dass sie jegliche Deregulierungen und neoliberalen Auswüchse gutheißt. Und so bekommt man mal wieder den Eindruck, dass die Autoren von Secret State ihrem Premierminister Tom Dawkins (Gabriel Byrne) regelmäßig in den Mund legen, was sie sich von ihren realen Entscheidungsträgern sehnlichst wünschen: Mut und Durchhaltevermögen im Angesicht der vermeintlich übermächtigen Finanzökonomie.

Durch die aggressive Vorgehensweise von PetroFex sieht sich Dawkins dazu gezwungen, drastische Schritte einzuleiten und das Einfrieren sämtlicher Konten von PetroFex in England anzuordnen. Dabei hat er jedoch nicht mit dem Widerstand aus den vermeintlich eigenen Reihen gerechnet. Statt die Konten einzufrieren, transferiert der Chef der Royal Caledonian Bank (RCB), Sir Michael Rix (Anton Lesser), sämtliches PetroFex-Vermögen auf ausländische Konten. Dawkins lässt sich davon jedoch nicht einschüchtern. Nachdem es kurz so scheint, als würde er im Angesicht des aalglatten Rix jeglichen Kampfeswillen verlieren, denkt er sich eine kreative Lösung aus und betritt einen ungewöhnlichen Pfad.

Er macht sich die potenzielle Wirtschaftskraft und gleichzeitig hohe Armutsrate der zweitgrößten Bevölkerung der Erde, der Indiens, zu Eigen. Zusammen mit dem indischen Kohleminister Jitin Mukerjee (Kriss Dosanjh) verkündet er einem völlig perplexen Publikum seinen Plan für ein ungewöhnliches Joint Venture. Die RCB, die schon zu 88 Prozent dem britischen Staat gehört, soll mithilfe der indischen Regierung vollständig geschluckt werden. Gleichzeitig wurde vereinbart, dass die Inder das englische Pfund gegen einen Angriff der globalen Finanzindustrie und eine damit einhergehende massive Abwertung absichern. Zuvor hatte Dawkins angedacht, den Internationalen Währungsfonds (IWF) für diese Aufgabe zu gewinnen, jedoch dürfte das bilaterale Abkommen mit Indien weitaus bessere Zukunftsaussichten haben als eine Offenbarung an die Währungshüter des IWF.

Für den Deal ist der Premier bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Er stellt sich gegen das allgemein vorherrschende politisch-gesellschaftliche Klima der Besinnung auf den Umweltschutz und verkündet, Großbritannien werde aus sämtlichen internationalen Klimaschutzabkommen austreten, die Indien einen zu schnellen Ausstieg aus der Energiegewinnung aus Kohle abverlangen. Weiterhin werde die RCB künftig einzig und allein dem Wohl der britischen und indischen Bevölkerung verpflichtet sein. Die Ressourcen der Bank würden nahezu ausschließlich in ein Forschungs- und Entwicklungsprojekt der beiden Staaten zum schnelleren Ausbau erneuerbarer Energieversorgung fließen. Und Indien habe solange keine Repressionen zu erwarten, bis seine Bevölkerung vollständig mit Energie versorgt sei.

Die Nachricht sorgt bei den nichtsahnenden Protagonisten und beim Zuschauer gleichermaßen für Konfusion. Einen Staatsmann, so voller Gestaltungswillen, revolutionärem Elan und Nichtbeachtung eines scheinbaren öffentlichen Konsenses wagt man sich nicht einmal im Traum vorzustellen. Auch die Wendung, die sich die Autoren ausgedacht haben, kommt innerhalb des Plots äußerst schlüssig daher. Natürlich kann man dies nicht als realistischen Ereignisablauf betrachten, für den Verlauf der Geschichte ist es jedoch ein vorzüglicher erster Höhepunkt.

Might help you get back on Tommy's trampoline

Ein weiterer Lichtblick in Secret State ist Dawkins alter Kumpel Tony Fossett. Douglas Hodge spielt den dauerbesoffenen ehemaligen MI5-Agenten mit so viel Verve und Witz, dass man ihn als Zuschauer einfach in sein Herz schließen muss. Seine Kooperation mit der ihm unbekannten, ihn abhörenden MI5-Analystin Agnes Evans (Ruth Negga) ist von einer überwältigenden Zärtlichkeit und seltsamen Vertrautheit gekennzeichnet. Es bleibt zu hoffen, dass Tony nach den Ereignissen der aktuellen Episode wieder zu Kräften kommt und Tom Dawkins ihm weiterhin Vertrauen schenkt.

Fazit

Den Autoren von Secret State gelingt es scheinbar mühelos, das hohe Niveau der Anfangsepisoden aufrechtzuerhalten. Sie schaffen es sogar, dramaturgisch plausibel auf ein neues Level zu klettern. Das bilaterale Abkommen zwischen Indien und Großbritannien ist innovatives Fernsehen in Reinform und schafft eine optimierte Projektionsfläche für Staatsmänner und deren Politikverständnis.

Auf die Gefahr hin, sich als Rezensent zu weit aus dem Fenster zu lehnen, soll an dieser Stelle trotzdem auf die zentrale Rolle Tony Fossetts hingewiesen werden. Seine Figur kann als Abziehbild der englischen Gesellschaft verstanden werden: ein sich leicht paranoid aus der Realität flüchtender, eigentlich gutherziger Protagonist, dem seine eigenen Ambitionen und die ständig steigenden Erwartungen seiner Umwelt irgendwann über den Kopf gewachsen sind und der sich von den vielen hypermodernen und individualisierten Anforderungen überfordert fühlt.

Neben der komplexen Charakterzeichnung trauen die Autoren dem Zuschauer einige weitere nicht gerade selbstverständliche Begriffsdeutungen zu. Um die makroökonomischen zwischen- und innerstaatlichen Zusammenhänge vollständig nachvollziehen zu können, ist beinahe schon ein wirtschaftswissenschaftliches Grundstudium vonnöten.

Dennoch ist Secret State zu keinem Zeitpunkt davon bedroht, das Zuschauerinteresse zu verlieren. Für die an wirtschaftswissenschaftlichem Detailwissen wenig Interessierten bietet es eine spannende Geschichte mit vielen ambivalenten Charakteren, inklusive ihres Helden. Den Rest, der sich in diversen sonstigen Medien mühevoll ein rudimentäres Grundwissen über ökonomische Zusammenhänge erarbeitet hat, belohnt die Serie mit dem Verständnis solcher Begriffe wie Credit Default Swaps (CDS). Allesamt Argumente, die Secret State zu einem wahren Fernsehvergnügen machen.

Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 27. November 2012
Episode
Staffel 1, Episode 3
(Secret State 1x03)
Titel der Episode im Original
Episode 3
Erstausstrahlung der Episode in Großbritannien
Mittwoch, 21. November 2012 (Channel 4)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Donnerstag, 6. Februar 2014
Autor
Robert Jones
Regisseur
Ed Fraiman

Schauspieler in der Episode Secret State 1x03

Darsteller
Rolle
Gabriel Byrne
Sylvestra Le Touzel
Gina McKee
Stephen Dillane
Douglas Hodge

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