Secret State 1x02

© er gute Hirte: Premierminister Tom Dawkins (Gabriel Byrne) versucht, alle seine SchĂ€fchen ins Trockene zu bringen. / Foto: (c) Channel 4
Kann man Menschenleben gegeneinander aufwiegen? Darf man Kriege und Opferzahlen miteinander vergleichen? Secret State exerziert auf kleiner Ebene durch, was in akademischen und militĂ€rischen Kreisen gemeinhin body count genannt wird und ĂŒber Jahrzehnte einen noch lange nicht beigelegten Streit unter Politikwissenschaftlern und Vertretern anderer wissenschaftlicher Disziplinen auslöste. Innerhalb der diversen ErzĂ€hlstrĂ€nge von Secret State werden die Opfer der Katastrophe von Scarrow mit den Erfolgen im Kampf gegen den Terrorismus aufgewogen.
âDo I look like someone who reads tweets?â
Der neue Premierminister GroĂbritanniens steht dabei zwischen den Fronten. Tom Dawkins (Gabriel Byrne) befindet sich im stetigen Nahkampf mit den eigenen Institutionen. Von allen Seiten wird er mit Entscheidungen konfrontiert, wĂ€hrend im Hintergrund seine politischen Gegner ihre GeschĂŒtze gegen ihn in Stellung bringen. Die Ă€uĂerst komplexen HandlungsstrĂ€nge laufen letzten Endes alle bei ihm zusammen. Der Hauptkonflikt spielt sich dabei weiterhin zwischen der englischen Regierung und dem fĂŒr die Explosion in Scarrow verantwortlichen Erdölkonzern PetroFex ab. Zwischen Dawkins und dem wunderbar arrogant portrĂ€tierten Vorstandsvorsitzenden von PetroFex, Paul J. Clark (Stephen Dillane), entspinnt sich ein spannendes Machtspiel, bei dem sich beide beinahe in einem testosterongeschwĂ€ngerten Hahnenkampf verlieren.
Anhand Clarks Figur wollen die Autoren von Secret State aufzeigen, was im heutigen globalen WirtschaftsgefĂŒge falsch lĂ€uft. Die Macht der weltumspannenden Konzerne hat ein bedenkliches AusmaĂ angenommen, wenn einer ihrer CEOs keinerlei Respekt vor dem Oberhaupt einer der gröĂten Industrienationen der Erde zeigt. Er geht sogar noch weiter und verlangt Dankbarkeit dafĂŒr, dass PetroFex tausende ArbeitsplĂ€tze nach England gebracht habe. Von Reue keine Spur. Ein Bösewicht, der perfekt in das heutige politisch-soziale Klima von Missgunst gegenĂŒber âdenen da obenâ passt.
Ihm stellen die Autoren den scheinbar lupenreinen Staatsmann Dawkins entgegen, dem sie eine Ausstrahlung und Willenskraft von nahezu Churchill'scher Grandezza auf den Leib schreiben. Zu Beginn der Episode tauchen jedoch erste Risse in seiner bisher makellos erscheinenden Vita auf. Die Journalistin Ellis Kane (Gina McKee) konfrontiert ihn mit seiner Vergangenheit im MilitĂ€r. Auch wĂ€hrend diverser Sitzungen im Situation Room kommt seine militĂ€rische Sozialisation zur Sprache. Dort lĂ€sst er sich auch unwissentlich auf einen heiklen moralischen Tauschhandel mit den MilitĂ€roberen und - ultimativ - den FĂŒrsprechern von PetroFex ein.
Now we've got somebody with balls!
Es stellt sich nĂ€mlich heraus, dass PetroFex an einer neuen, besonders leichten Ălsorte arbeitete, die speziell fĂŒr den Drohneneinsatz geeignet sein soll. Als er den Befehl fĂŒr einen Mordanschlag auf den fĂŒhrenden Al Quaida-Terroristen Al-Ghamdi im pakistanisch-iranischen Grenzgebiet gibt, macht er sich angreifbar, denn die Drohne, die den Terroristen letztendlich tötet, ist mit der neuen Ălsorte PFX44 betankt. Er steht nun vor dem Dilemma, gleichzeitig schwerste Anschuldigungen gegenĂŒber dem Ălkonzern erhoben und von dessen neuestem Produkt profitiert zu haben.
Dawkins lĂ€sst jedoch jede strategisch-taktische Ăberlegung an sich abprallen und geht weiter in die Offensive gegen PetroFex. Hier laufen denn auch mehrere ErzĂ€hlstrĂ€nge so langsam aufeinander zu. Die Journalistin Kane, der dauerbesoffene Ex-Geheimdiensthaudegen Tony Fossett (Douglas Hodge) oder die ehrgeizige junge MI5-Mitarbeiterin Agnes Evans (Ruth Negga) sind nur einige der Charaktere, die im Hintergrund an der AufklĂ€rung der verworrenen politisch-militĂ€risch-industriellen Verzahnungen arbeiten. An dieser Stelle sei zudem auf die undurchsichtige Rolle der MI5-Chefin Laura Duchenne (Lia Williams) hingewiesen, deren LoyalitĂ€ten alles andere als eindeutig verteilt sind. Daneben existiert eine GroĂzahl an Nebenfiguren, die meisten angesiedelt in den oberen RĂ€ngen der staatlichen Institutionen.
Sie alle ĂŒberragt jedoch Tom Dawkins, der Patriarch einer ganzen Nation. Nachdem sich die Autoren zu Beginn der Episode einen Zeitsprung erlauben und erstaunenswerterweise auf die naturgegebene Dramaturgie eines Wahlkampfs verzichten, betritt der frisch gewĂ€hlte Premierminister sein Kabinett. Er weiĂ: Nicht nur hier begibt er sich in die Höhle des Löwen.
Fazit
Secret State bleibt zunĂ€chst bei seiner charakterlichen Schwarz-WeiĂ-Zeichnung. Die Rollen von Gut und Böse scheinen mit den beiden groĂen Antagonisten Dawkins und Clark klar verteilt zu sein. Jedoch kommt wohl am Horizont (der bei insgesamt vier Episoden nicht zu weit sein sollte) ein kleines Licht des Zweifels an der staatsmĂ€nnischen Unanfechtbarkeit des neuen Premiers auf.
Ganz im Gegenteil zu CEO Clark, der in seiner unĂŒbertrefflichen Arroganz zu kaum einer gutmeinenden Geste imstande zu sein scheint. In seinem Charakter verarbeiten die Autoren eine weitere weltweit beachtete Kontroverse. Clark erinnert nĂ€mlich mit seinen stĂ€ndigen Verweisen auf die ArbeitsplĂ€tze, die er nach England gebracht habe, an das unsĂ€gliche, immergleiche Lamento der amerikanischen Konservativen und ihres Idioms der job creators.
FĂŒr die heilige Gabe von ArbeitsplĂ€tzen an das darbende Volk wollen sie wie Könige behandelt werden, denen ihre Untertanen zu FĂŒĂen liegen. Gleichzeitig sehen sie in der Erschaffung von Jobs, die einige von ihnen im Gegenzug ja auch steinreich gemacht haben, ihre Verpflichtungen an die Allgemeinheit als erfĂŒllt an und wehren sich vehement gegen jegliche Form zusĂ€tzlicher Besteuerung. Die Krönung des Zynismus ist dann erreicht, wenn sie fordern, das klaffende Loch im Haushaltsbudget mit KĂŒrzungen im sowieso schon einer Industrienation unwĂŒrdigen Sozialsystem zu finanzieren, oder vor laufender Kamera zugeben, dass sich knapp die HĂ€lfte der US-Bevölkerung aus Schnorrern und Schmarotzern zusammensetzt.
Neben der Verarbeitung des kontemporĂ€ren Weltgeschehens zeichnen sich die ersten beiden Episoden auch durch die Fokussierung der Wirkungsweise des sogenannten Fourth Estate aus. Damit bezeichnet man in England die vierte Staatsmacht, die jedoch nicht eindeutig kategorisiert werden kann. Am besten kann diese wohl als Zusammenfassung von Ăffentlichkeit und Medien beschrieben werden. Jedenfalls werden die verschiedenen Taktiken und möglichen Vorgehensweisen der höchsten Politikerkaste im Umgang mit den Medien eindrĂŒcklich dargestellt.
Dawkins' junge, dynamische, attraktive Pressereferentin versucht, ihn davon abzuhalten, PetroFex zum wiederholten Male direkt anzugreifen, wovon dieser sich jedoch wenig beeindrucken lĂ€sst. Gleichzeitig verbreitet seine Ă€rgste Widersacherin im Kabinett, AuĂenministerin Ros Yelland (Sylvestra Le Touzel), ĂŒber Twitter ihre Kritik ĂŒber seine AmtsfĂŒhrung. Auch hier findet er die richtigen Worte, um ihr zu zeigen, wer wirklich das Sagen hat. Einfach ein Mann fĂŒr alle FĂ€lle. Man wĂŒnscht sich schon jetzt mehr als die mageren vier Episoden.
Verfasser: Axel Schmitt am Freitag, 23. November 2012(Secret State 1x02)
Schauspieler in der Episode Secret State 1x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei EpisodenfĂŒhrern?