Pretty Little Liars 6x10

Hat wirklich irgendjemand damit gerechnet? Theorien über eine Transgender-Storyline schwirrten zwar, soweit die Wahrnehmung, zumindest zu Beginn der sechsten Staffel immer mal wieder in Fanforen umher - kamen aber nie so Recht zum Tragen. Verfechter_innen der „Wren ist A“-Theorie erhielten dagegen großen Zuspruch; Gleiches gilt für die Variante mit Toby (Keegan Allen) oder Aria (Lucy Hale). Jetzt also das - Trommelwirbel - Charles ist Charlotte, Charlotte ist A, CeCe Drake (Vanessa Ray) ist Charlotte.
Marlene King und ihre Autor_innen machen sich damit ein vor allem in den USA medial gerade sehr präsentes Thema zu eigen, kurz: die Vielfalt von Geschlechtsidentitäten. Transsexuelle Personen wie Caitlyn Jenner oder Laverne Cox (Orange Is the New Black) dürften vielen in diesem Zusammenhang bekannt sein; gerade Letztgenannte gilt aktuell gewissermaßen als Ikone und role model der LGBTQ-Szene. Im Fall von Pretty Little Liars wagen sich die Autor_innen mit dem Aufgreifen dieser Thematik aber auf sensibles Terrain. A aka der Psychopath der Serie, der große Bösewicht und Schuldige an so viel Erlittenem ist eine transgender/transsexuelle Person. Klingt im ersten Moment, salopp gesagt, ziemlich daneben angesichts der hart erkämpften Fortschritte der Szene um Akzeptanz und gegen Diskriminierung. Aber halt - so einfach ist es dann doch nicht.
Game Over
Zumindest ansatzweise kann behauptet werden, dass die Autor_innen um Sensibilität bemüht waren. Schließlich präsentieren sie uns mittels Flashbacks eine lange Kausalkette an Gründen, wieso, weshalb und warum Charlotte beziehungsweise CeCe zu der Person wurde, die die Liars über Jahre folterte und quälte. Und zwar nicht, weil sie eine von der „Norm“ abweichende Geschlechtsidentität lebt. Vielmehr (unter anderem) aus der Ablehnung heraus, die sie hauptsächlich seitens des eigenen Vaters erleiden musste: Wohl wissend, dass der Vorfall mit der Badewanne samt hilfloser Alison (Sasha Pieterse) ein Unfall und keine Absicht war, entschied sich Ken DiLaurentis (Jim Abele) sein Kind in die Psychiatrie abzuschieben - und zwar deshalb, weil der kleine Charles lieber Charlotte sein wollte. Dort trifft Charlotte auch auf die geheimnisumwobene Bethany Young (hier als Kind: Jessica Belkin), die übrigens für den Tod von Mrs. Cavanaugh, Tobys Mutter, verantwortlich war.
Insgesamt gehen sämtliche Erklärungen kaum über die Reichweite der guten, alten Küchenpsychologie hinaus (fiese Eltern, vor allem herzloser Vater, viele Medikamente, keine Liebe, Ablehnung durch das Umfeld). Und trotz der notwendigerweise eingefügten Graustufen bleibt die Frage, ob die Autor_innen, die gerade auch durch die Darstellung einer lesbischen Protagonistin ihren Teil zur Repräsentation der LGBTQ-Szene beitragen, ebendieser Szene durch Game Over, Charles nicht unabsichtlich einen Bärendienst erwiesen haben.
Wird der Fokus nun aber auf die große Enthüllung an sich gelegt, ist klar, dass sich die Meinungen hier spalten werden. Ist der erste Schock einmal überwunden, fügen sich die Puzzleteile allerdings erstaunlich gut ineinander, tatsächlich ergibt hier einiges endlich mal Sinn: Die Ermordung von Mrs. Cavanaugh und Officers Wilden (As einziger „echter“ Mord), Mrs. DiLaurentis seltsames Verhalten, der Mord an Bethany Young durch Mona und allen voran die wichtigste Frage: Warum all das? Die Anwort: Aus Liebe. Absurder, pathologischer Liebe, versteht sich - glaubt man Charlotte, trieb sie Monas (Janel Parrish) Spiel vor allem aus Rache an den Mädchen so weit - aus Rache dafür, dass sie die totgeglaubte Schwester (beziehungsweise Freundin) nicht vermissten. Leider war es das auch schon fast mit den sinnvollen, positiv zu bewertenden Erkenntnissen rund um das Big A Reveal. Was bleibt, sind pretty little plot holes und andere Merkwürdigkeiten.
Pretty Little Plot Holes
Vorangestellt sei ein vielleicht nicht ganz so wichtiges Detail, aber dennoch: Kommen die Ereignisse um die Ermordung von Mrs. Cavanaugh durch Bethany Young zeitlich hin? Bethany und Charles/Charlotte waren laut Flashback zu diesem Zeitpunkt erst ca. 12 Jahre alt. Erinnern wir uns an die Storyline um Toby und Emily (Shay Mitchell) zurück, war der Tod der Mutter erst wenige Monate her (davon ausgehend, an dieser Stelle wurde nichts durcheinandergebracht).
Neben der ebenso seltsam anmutenden Erläuterungen seitens CeCe, mit ihrem Bruder (!) Jason (Drew Van Acker) eine Scheinbeziehung geführt zu haben, ist das wohl größte Ärgernis der Episode die Enttarnung von Sara Harvey (Dre Davis) als Red Coat und als Black Widow. Diese beiden Handlungsstränge, so unterschiedlich sie sind, eint aber folgende Annahme: Beiden Storylines ist aus Entfernung anzusehen, dass hier nach dem Motto „was nicht passt, wird passend gemacht“ verfahren wurde. Während heikle Inzesttabus mit einem entsetzten „He's my brother!?“ gerade noch so umschifft werden, ist diese Szene das beste Beispiel dafür, dass CeCe als A erst seit kurzer Zeit feststeht.

Spiegelbildlich verhält sich dieser Umstand zu dem Ärgernis Sara als Black Widow/als Red Coat.
Ärgerlich ist diese Entscheidung einerseits deshalb, weil Sara erstmals in der sechsten Staffel in Erscheinung tritt, und damit neben A eine der wichtigsten unbekannten Identitäten füllt. Andererseits stört der Fakt, dass in „Game Over, Charles“ an keiner Stelle Erwähnung fand, wie überhaupt CeCe und Sara aufeinandertrafen und was die Motivation Letztgenannter für all das war.
Zu guter Letzt, zumindest im Rahmen dieses Reviews, bleibt die Frage nach den eingesperrten Müttern. Im Vergleich zu der hochinteressanten Backgroundstory um Charles/Charlotte ist diese Storyline natürlich unbedeutend; die Auslassung beziehungsweise das „Nicht-Zu-Ende-Erzählen“ von losen Fäden ist ein gängiges, aber ebenso störendes Muster von Pretty Little Liars.
Fazit
Mit Game Over, Charles wird A endgültig enttarnt. Auf der Ebene der Rezeption dieser Episode kann die Frage aufgeworfen werden, inwiefern in diesem Rahmen sensibel mit der Transgender-Thematik umgegangen wurde - für beide Seiten gibt es berechtigte Argumente. CeCe Drake als Charlotte ergibt mit einigen Abstrichen jedenfalls Sinn: Als große Schwester, die von ihren Eltern verstoßen und versteckt wurde. Die Skizzierung einer Familientragödie konnte in diesem Zusammenhang über weite Strecken überzeugen.
Neben kleineren Logiklücken störte vor allem aber die Besetzung von Sara Harvey als Red Coat so wie als Black Widow. Beide Figuren hatten maßgeblichen Anteil an ausschlaggebenden Entwicklungen, weshalb die Entscheidung für einen relativ neuen Charakter doch als enttäuschend zu bewerten ist.
Eine durchaus ambivalentes Sommerfinale beendet den ersten Teil der sechsten Staffel. Der Zeitsprung-Sneak-Peak am Ende dieser Episode schürt Hoffnungen und weckt in jedem Fall das Interesse: Alison DiLaurentis als Lehrerin und Ehefrau fünf Jahre später markiert einen gänzlich neuen Ansatz, der verspricht, spannend zu werden.
Promo zur Episode 6x11 der Serie „Pretty Little Liars“: Verfasser: Hannah Klein am Mittwoch, 12. August 2015Pretty Little Liars 6x10 Trailer
(Pretty Little Liars 6x10)
Schauspieler in der Episode Pretty Little Liars 6x10
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