Pretty Little Liars 6x04

Während sich die Spannung in der vorangehenden Episode zwar subtil, aber konstant steigerte, wird der Plot in Don't Look Now mit umgekehrten Vorzeichen entwickelt: Gleich zu Beginn erfahren die Zuschauer, was es mit Charles und seiner Verbindung zur Familie DiLaurentis auf sich hat. In diesem Zusammenhang gerät der bislang doch recht durchdachte Handlungsstrang leider in eine Schieflage, die sich hoffentlich nur durch einen Mangel an Informationen begründet (und nicht durch das absichtliche Hinauszögern des Plots - hallo, Staffel sieben!).
Mit wenigen Abstrichen kann diese Episode auf anderer Ebene allerdings überzeugen. Häppchenweise werden den Zuschauern erneut Blicke in die Puppenhaushölle gewährt, die vor allem in Bezug auf Spencer (Troian Bellisario) erschüttern. In dieser Hinsicht folgt die Charakterzeichnung zwar noch immer der gewohnten (und bereits kritisierten) Entwicklung. Dank der darstellerischen Leistung von Troian Bellisario sowie den Szenen um Emily (Shay Mitchell) und Sara (Dre Davis) fällt dieser Umstand glücklicherweise weniger ins Gewicht.
Der verlorene Sohn
Im Hause DiLaurentis schlägt die Stunde der Wahrheit. Dabei erinnert die Geschichte von Charles' Vergangenheit nahezu an ein biblisches Gleichnis oder eine alte Fabel im popkulturellen Gewand: Alison (Sasha Pieterse) war etwa ein Jahr alt, als ihre Eltern zugunsten ihrer Sicherheit beschlossen haben, den verhaltensauffälligen Bruder nach Radley abzuschieben (somit wäre an dieser Stelle wohl eher die Rede vom „verstoßenen Sohn“). Der ausschlaggebende Vorfall, so erfahren wir am Ende der Episode von Ken DiLaurentis (Jim Abele), ereignete sich etwa zwei Monate zuvor: So versuchte Charles offenbar, seine kleine Schwester in der Badewanne zu ertränken. Im Alter von sechzehn Jahren beendete er schließlich sein Leben in der geschlossenen Psychiatrie mithilfe Tabletten.
Wenn man so will, ist all das eine Tragödie, zumindest Alison weigert sich bislang standhaft, ihren Bruder abzulehnen, ihn zu verachten. Und ganz verdenken kann man es ihr nicht. Zumindest aus der Laienperspektive, ohne solides Wissen im Bereich der Kinderpsychologie, mutet diese Geschichte ansatzweise seltsam an. Wie kann es sein, dass ein so junges Kind ein derart sadistisches Verhalten an den Tag legt - ohne eine entsprechende Vorgeschichte? Hält man sich die Lebensgeschichten von realen Psychopathen vor Augen, wurden diese in ihrer Kindheit meist schwer psychisch und/oder physisch misshandelt. Bisher wird den Zuschauern das Bild eines Menschen, eines Kindes präsentiert, das sich jeglicher Erklärung entzieht - und damit gleichsam „das Böse“ entwirft. Es wäre wünschenswert, würde dieser Handlungsstrang dahingehend ergänzt werden, denn an Erfindungsreichtum (ob im positiven oder im negativen Sinne) mangelt es den Autoren ja ansonsten auch nicht.
Auch abseits des nachlässig gezeichneten Charakters eines Psychopathen stören einige Punkte in Bezug auf seine Vorgeschichte. Wenn die Familie DiLaurentis tatsächlich erst nach Charles' Einweisung nach Rosewood umzog und somit niemand aus der Stadt von ihm wusste, woher kannte die Familie dann die Apfelfarm, woher die Hastings? Zumindest letztgenannte müssten von dem Kind wissen - zumal die beiden Familien ein weiteres Kind verbindet (Jason (Drew Van Acker)).
Allen voran bleibt aber natürlich die große Frage nach dem Warum - und danach, ob Charles wirklich tot ist. Als Alison und Jason schließlich mit Hanna (Ashley Benson) und Spencer das Haus ihrer Großtante durchsuchen, stoßen sie auf einen Grabstein. Allein Hanna zweifelt Kens Geschichte an. Jason, Alison und Spencer lassen sich hingegen vom Zustand des efeuüberwucherten Grabsteins überzeugen: Das Grab ist alt, Charles also tot. Ein wenig kurz gedacht? Möglicherweise. Doch berechtigterweise wirft Spencer die Überlegung auf, dass Charles in Radley demnach Kontakt gehabt haben muss zu einer Person, die nun seit Jahren sein „Erbe“ antritt.
Die verstoßene Tochter
Trotz der größtenteils verhaltenen, ruhigen Töne, die Don't Look Now anschlägt, wird die Handlung im Gesamtgeschehen bedeutend vorangetrieben. Neben den neuen Implikationen, die Kens Enthüllungen nach sich ziehen, wird auch das Ausmaß des Martyriums, das die Mädchen erleiden mussten, immer greifbarer.
So scheinen sich die vier Freundinnen in einer Abwärtsspirale und gleichzeitig in einem Teufelskreis zu befinden. Das verbleibende Trauma wird verdrängt - und erzeugt dadurch eine Distanz zueinander, deren Überwindung noch in weiter Ferne zu liegen scheint. Vor allem Spencer bewegt sich am Rande eines psychischen Kollaps. Auf der Suche nach Schlaftabletten durchwühlt sie erfolglos den Hausmüll der Montgomerys, greift später aber notgedrungen zu den Haschcookies der Bedienung im Brew. Beängstigend und erschütternd zugleich sind dann allerdings die Flashbacks in ihrer Einzelzelle, die nichts Gutes erahnen lassen, im Gegenteil.
An dieser Stelle gelingt es den Autoren auf beeindruckende Weise, den Mechanismus eines Traumas beziehungsweise einer posttraumatischen Belastungsstörung glaubhaft darzustellen: Wie die anderen hatte Spencer das Erlebte tief in ihrem Innern vergraben. Durch äußere Reize oder „Trigger“ tritt die Erinnerung allerdings wieder blitzartig und nur szenenweise in ihr Bewusstsein - und verunsichert sie zutiefst. In diesen Szenen (und auch in dem Trailer zur kommenden Episode) deutet sich jedenfalls ein weitaus furchtbareres Leiden an als bisher gesehen.

Währenddessen scheint es bei Aria (Lucy Hale) eher bergauf zu gehen, da sie sich schließlich unter Tränen ihrem Vater öffnet. Hanna hingegen stößt noch immer alles von sich, was ihr zu nahe kommt. So fordert sie von Caleb (Tyler Blackburn) ihren Freiraum und das ist aus ihrer Perspektive durchaus nachvollziehbar. Dass er sich rührend um sie sorgt, vor allem aber die Gesamtsituation richtig einschätzt und die Gefahr durch A ernst nimmt, kann Hanna zu diesem Zeitpunkt (noch) nicht vollends wahrnehmen. Diese Entwicklung mag zwar logisch nachvollziehbar sein, dennoch ist sie gähnend langweilig bis nervig. Schon jetzt sind die Möglichkeiten dieses Handlungsstrangs absehbar: Entweder lenkt Hanna mit oder ohne Hilfe der Therapeutin und ihrer Freundinnen ein oder aber es kommt zu einer (vorläufigen) Trennung des lange verschonten Paars.
Dank des Handlungsbogens um Emily und Sara kann im Rahmen dieser Episode über obengenannte Entwicklungen allerdings hinweggesehen werden. Mit den seltsam gespenstischen Szenen im nächtlichen Swimmingpool sowie der ambivalenten Aura, die Sara umgibt, wird der Raum für Spekulationen ein weiteres Mal vergrößert. Emily vertraut Sara und sorgt sich um sie - ihre noch immer nicht einzuordnende Familiengeschichte bleibt allerdings weiter rätselhaft, ihr Verhalten schwer einschätzbar.
Fazit
Mit nicht minder hohem Tempo werden auch in dieser Episode einigermaßen große Handlungssprünge gemacht. Durch Alisons Vater Ken stellt sich heraus, wer Charles DiLaurentis war - er berichtet damit von einer Familientragödie. Über die halbwegs ungereimte, oberflächliche Konstruktion dieses unsichtbaren Charakters und seiner Geschichte kann an dieser Stelle nicht hinweggesehen werden. So haben wir es hier hoffentlich nur mit handlungsinhärenten Lücken zu tun, die sich in den nachfolgenden Episoden schließen werden.
Das unverarbeitete Trauma von Spencer, Hanna, Aria und Emily steht in dieser Episode fast gleichrangig im Zentrum der Aufmerksamkeit. Der soliden darstellerischen Leistung von Troian Belissario dürfte in diesem Zusammenhang ein großer Teil der erzeugten emotionalen Spannung zu verdanken sein: den Zuschauern darf es in dieser Hinsicht wohl schon vor einer Auflösung beziehungsweise Vervollständigung der Flashbacks grauen. Ebenfalls positiv hervorzuheben sind die Szenen zwischen Sara und Emily. Erstgenannte umgibt nach wie vor eine Unergründlichkeit, die aller Wahrscheinlichkeit nach nicht von ungefähr kommt.
Promovideo zur Episode „She's No Angel“ (6x05) der US-Serie „Pretty Little Liars“: Verfasser: Hannah Klein am Mittwoch, 24. Juni 2015Pretty Little Liars 6x04 Trailer
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Schauspieler in der Episode Pretty Little Liars 6x04
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