Pretty Little Liars 6x03

Pretty Little Liars 6x03

Die Bemühungen der Liars, zurück in den Alltag zu finden, werden dank A abermals zunichte gemacht. In Songs of Experience gelingt die Inszenierung eines undurchdringlichen Chaos voller dunkler Familiengeheimnisse, imaginärer Freunde und seltsamen Begegnungen mühelos - und macht Hoffnung auf mehr.

Spencer und Jason in „Pretty Little Liars“ / (c) ABC Family/Eric McCandless
Spencer und Jason in „Pretty Little Liars“ / (c) ABC Family/Eric McCandless

Offenbar wurden die Stoßgebete des vorangehenden Reviews erhört, denn Songs of Experience überrascht mit einem soliden Plot und unerwarteten Wendungen, an denen es der fünften Staffel mehr als gelegentlich mangelte. Während wir zu Beginn der Episode also zunächst Hanna (Ashley Benson), Emily (Shay Mitchell), Spencer (Troian Belissario) und Aria (Lucy Hale) bei ihren Bemühungen begleiten, zurück in einen sicheren Alltag zu finden, nimmt die Handlung mit den neusten Erkenntnissen ohne Vorwarnung an Fahrt auf. Neben neuen Informationen über Sara Harvey (Dre Davis) wird auch den Verwicklungen um Andrew (Brandon W. Jones) eine entscheidende Richtung gegeben, die die Zuschauer trotz allem im Vagen lässt und weiterhin Raum für Spekulationen ermöglicht.

Die Implikationen und Andeutungen, die mit dem Handlungsstrang um die Familie DiLaurentis und einen gewissen „Charlie“ einhergehen, scheinen dementsprechend den ersten großen Anstoß zum vielbeschworenen „Summer of Answers“ darzustellen. Abseits der erhofften Enthüllungen ist darüber hinaus aber vor allem die persönliche Entwicklung von Alison von Interesse. Leider bestätigt sich in dieser Hinsicht - zumindest bis zum jetzigen Zeitpunkt - die bemängelte Figurenzeichnung: Für eine zweite Chance, einen neuen Start und eine Weiterentwicklung bedarf es offensichtlich mal wieder einem handfesten love interest.

Who are you?

Während Aria über alten Fotos von Andrew grübelt und mithilfe von Ezra (Ian Harding) herausfindet, dass er adoptiert wurde, stellt sich die Frage nach der eigenen Identität bei Alison subtiler und indirekter - und selbstverständlich unter anderen Vorzeichen. Schon in der vorangegangenen Episode deutete sich eine Art „Selbstfindungskrise“ ihrerseits an, oder, etwas entschärfter formuliert, die Suche nach einem Platz im Mikrokosmos Rosewood.

Zuletzt führte Alison diese Suche in die Kirche und gleichzeitig in die Arme von Lorenzo (Travis Winfrey), Tobys (Keegan Allen) neuem Partner. Dass ihr dieser ziemlich enthusiastisch begegnet, lässt bei Alison unweigerlich Zweifel aufkommen - und zwar an sich selbst. Zurecht taten sich viele Zuschauer bislang schwer damit, dieser mehr als ambivalenten Figur die neuerliche, reuevolle Selbstreflexion abzukaufen. Über mittlerweile fünf Staffeln wurde ein missgünstiger, egoistischer und hinterhältiger Charakter konstruiert, dessen Einflussbereich weit über den der klassischen Highschool-Queen-Bee hinausreichte. Trotzdem oder gerade deshalb ist es nun nicht nur logisch nachvollziehbar, sondern auch zwingend notwendig, dass bei Alison eine Art Sinneswandel einsetzt. So war es dann auch durchaus möglich, Empathie für sie aufzubringen - sowohl in den Gesprächen mit Spencer („It's all my fault. (...) It always comes down to me.“), als auch in den Szenen um Lorenzo. Als er ihr vorschlägt, als Freiwillige junge Mädchen im Fußball zu trainieren, schwingt trotz der vordergründigen Selbstironie ein gewisses Maß an Resignation mit: „Being a leader of girls... that hasn't worked out well for me.“ Obwohl sich Spencer in Konfrontation mit Toby selbst die Frage stellen muss, ob sie Alison wirklich vertraut, erinnert sie Letztgenannte schließlich, dass jede eine zweite Chance verdient hat - und trifft damit selbst die Entscheidung, ihr Misstrauen gegenüber Alison abzulegen.

Während Alison nach ihrem zukünftigen Ich sucht, kratzen Emily und ihre Mutter Pam (Nia Peeples) an den Narben der Vergangenheit aus Sara Harveys Leben. Das Drohvideo, das Aria, Spencer, Hanna und Emily später bei Dr. Sullivan (Annabeth Gish) erhalten, stellt dann jedoch alles bisher Gesehene in Frage: Who is Sara Harvey?

Imaginary Friends

Ab dem Zeitpunkt des Drohvideos, das die vier in der Praxis der Psychologin Dr. Sullivan erhalten, überschlagen sich die Ereignisse derart, dass sich erst im Nachgang und am Ende der Episode herauskristallisiert, was hier eigentlich gerade angedeutet und gezeigt wurde. Allem Anschein nach ist nun erstens klar, dass Mr. DiLaurentis (Jim Abele) gelogen hat (gut, das war es auch schon vorher) - und ihm der Name Charles, besser gesagt Charlie, nicht unbekannt ist. Schockierender als die Tatsache, dass nun Gewissheit herrscht über die Verbindung dieser noch immer unbekannten Person zur Familie DiLaurentis, ist der Umstand, dass Ken seinen Sohn Jason (Drew Van Acker) im Kindesalter psychisch manipulierte: Jason erzählt Spencer von „Charlie“, einem imaginären Freund, der eines Tages verschwand - genauer gesagt, verschwinden musste. Der doppelte Cliffhanger am Ende der Episode (die Konfrontation von Ken mit dem Foto, so wie A vor dem Wohnzimmerfenster) verfehlte seinen Zweck dann ebenso wenig: Bisher beweist die sechste Staffel, dass sich Spannung auch ohne den Griff in die Horrorfilmtrickkiste erzeugen lässt.

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Dass die Verstrickungen dieser Familie wohl mit das ergiebigste Potential der Serie darstellen, wurde bereits festgehalten. Daher ist es umso erfreulicher, dass spannungstechnisch auch auf anderer Ebene ordentlich nachgezogen wurde, und das nicht zu wenig. Allem Anschein nach hat sich Emily mit Sara Harvey nämlich eine durchaus ernstzunehmende Psychopathin ins Haus geholt. So musste man nur Eins und Eins zusammenzählen, um festzustellen, dass das Drohvideo von ihr gedreht wurde: Als die vier verängstigt und besorgt um Saras Leben in Emilys Zimmer stürmen, befinden sich unter der Bettdecke Kissen, und als wir Sara später mit Pixie-Cut im Halbdunkel auf der Fensterbank sitzen sehen, dürfte klar gewesen sein, wer hier wen bedroht. Nun wäre es voreilig und sehr wahrscheinlich falsch, daraus den Schluss zu ziehen, dass Sara tatsächlich A ist - und damit verantwortlich für die Folter im Puppenhaus. Naheliegender ist die Annahme, dass sie um die Aufdeckung ihrer nur angedeuteten familiären Hintergründe fürchtet - skizziert wurde ein kaltes, herzloses Elternhaus, doch die Gründe, warum Sarah von Zuhause weglief, bleiben bisher im Dunkeln. Warum aber will sie vor der Psychologin nicht erwähnt werden? Ist überhaupt sicher, dass wir es hier mit „Sara Harvey“ zu tun haben? Besteht nicht doch noch die Chance, dass eine gewisse Bethany Young zu Sara Harvey wurde?

Auch die Handlungsfortschritte in Bezug auf Andrew sind doppelbödiger, als sie zunächst erscheinen. Zwar ist nun einigermaßen sicher, dass er nicht für die Entführung Monas und der Mädchen verantwortlich gemacht werden kann, und das ist mehr als begrüßenswert. Trotzdem bleibt der passende Zufall seiner Adoption rätselhaft, und im Gesamtgeschehen bedeutet seine Unschuld andererseits, dass A noch immer irgendwo draußen schwarze Kapuzenpullis und Porzellanpüppchen sammelt.

Die ereignisreiche Episode endet allerdings nicht nur mit dem bereits erwähnten Cliffhanger. So wird mit den Szenen um Spencer, Aria und Hanna noch einmal der Bogen zu dem schweren Trauma geschlagen, dessen Linderung nicht in Sicht zu sein scheint: Spencer greift zur Schlaftablette, Arias Gedanken kreisen weiter um Andrew und Hanna steht verloren in ihrem kargen Zimmer. Die zaghafte Annäherung der vier in Form eines erstmaligen Gesprächs über die wohl rein psychische Folter in den Einzelzellen scheint dabei kaum Trost gewesen zu sein.

Fazit

In Songs of Experience gelingt die Art von subtilem Spannungsaufbau und die Einbindung von interessanten Wendungen, die die fünfte Staffel vermissen ließ. Nach dieser Episode erstrahlt nicht nur Andrew, sondern auch Sara Harvey in einem gänzlich anderen Licht: Der eine unschuldig, die andere zumindest so schwer traumatisiert, als dass sie zu mehr als fragwürdigen Methoden greift. Gleichzeitig erhalten wir immer tiefere Einblicke in die düsteren Geheimnisse der Familie DiLaurentis. Was die Erkenntnisse über den gar nicht mal so imaginierten „Charlie“ mit der durchaus psychisch labilen Alison machen werden, wird dabei ebenso spannend werden.

Letztgenannte scheint sich seit geraumer Zeit in einer Phase der Selbstreflexion zu befinden, die ihrer Figur eine nennenswerte Chance zu einer interessanten Weiterentwicklung ermöglicht. Weshalb sich die Verbindung zu Tobys Partner Lorenzo dabei bisher als konstituierend und damit unbedingt notwendig erweisen muss, bleibt allerdings fraglich.

Promo zur Episode 6x04 der Serie „Pretty Little Liars“:
Verfasser: Hannah Klein am Mittwoch, 17. Juni 2015

Pretty Little Liars 6x03 Trailer

Episode
Staffel 6, Episode 3
(Pretty Little Liars 6x03)
Deutscher Titel der Episode
Geliebte Lügen
Titel der Episode im Original
Songs of Experience
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Dienstag, 16. Juni 2015 (Freeform)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Dienstag, 26. Januar 2016
Autor
Joseph Dougherty
Regisseur
Norman Buckley

Schauspieler in der Episode Pretty Little Liars 6x03

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