Pretty Little Liars 6x02

In Kontrast zur nervenaufreibenden und spannungsreichen Flucht aus dem Auftakt der sechsten Staffel von Pretty Little Liars, kehrt mit Songs of Innocence wieder mehr Ruhe in die Erzählung ein. Dabei gelingt es den Autoren leider nur teilweise, die Zwischen- und Untertöne auf der emotionalen Ebene zu treffen. Zu oft wird auch abseits von Effekthascherei, Schockmoment und dem großen Knall auf eine bestmögliche Projektionsfläche der einzelnen Figuren gesetzt, statt den Charakteren endlich etwas mehr Tiefe zu verleihen.
Die jeweiligen Verhaltensweisen, die Hanna (Ashley Benson), Aria (Lucy Hale), Spencer (Troian Belissario) und Emily (Shay Mitchell) in Bezug auf die Verarbeitung des Erlebten an den Tag legen, überraschten kaum bis gar nicht, im Gegenteil. Abgesehen von einigen Tendenzen hinsichtlich der Entwicklung von Emily war somit nahezu alles, was den Zuschauern in „Songs of Innocence“ präsentiert wurde, vorhersehbar. Dank der immer gleichen Problemkonstellationen gelingt es daher nur schwerlich, emotionale Spannung aufzubauen. Die Figuren treten auf der Stelle - oder werden immer wieder zurückgeworfen in alte Verhaltensmuster.
I want a big wall between before and after
Wie bereits oben angedeutet, überrascht der jeweilige Umgang der Mädchen mit den Qualen im Puppenhaus wenig. Sicherlich ist eine gewisse Stringenz hinsichtlich der Figurenzeichnung im Rahmen einer langlebigen Serie und im Sinne der Logik nur konsequent. Doch einmal mehr stört die Überbetonung und das Beharren auf relativ überschaubaren Charakterattributen.
Zusammengefasst zeigt sich das oben beschriebene in „Songs of Innocence“ dann dergestalt: Spencer ist schlau, aber labil - folglich bewegt sie sich nach der Rückkehr zu ihrer Mutter wieder an der Grenze zur Drogenabhängigkeit. Aria ist impulsiv, gefühlsbetont und oft naiv - und lässt sich zu einer Falschaussage bei der Polizei in Bezug auf Andrew hinreißen. Anstelle einer neuen Frisur (oder eines Umstylings) verpasst Hanna ihrem Zimmer einen neuen Anstrich. Dass sich Emily am Waffenschrank ihres Vaters bedient, ist dann allerdings tatsächlich einigermaßen überraschend - vor allem aber deshalb, weil ihrer Figur wohl am wenigsten Aufmerksamkeit beigemessen wurde, und sich demnach mehr Potential für Entwicklung ergibt.
Selbstverständlich ist all das zugespitzt und heruntergebrochen auf das Augenscheinliche. Zudem ist beispielsweise nicht klar, ob sich Spencer wirklich für Arias Medikamente entscheidet. Im Gesamten verbleibt allerdings das Gefühl, dass sich die vier auf der immer gleichen (breitgetretenen) Stelle bewegen, und das ist mehr als schade. Dabei hätte eine Figur wie Emily, wie zumindest ansatzweise in dieser Episode ersichtlich wurde, durchaus das Potential zu interessanteren Handlungssträngen, gleiches gilt für den Rest (vor allem deshalb, weil Arias Naivität langsam aber sicher gehörig auf die Nerven geht).
Trotz alledem bleibt auch Positives hervorzuheben. Sei es die mehr oder weniger subtile Kritik an den Waffengesetzen in den USA (Emily: „It makes you the same, as what you're afraid of“), die nur angedeuteten und damit völlig ausreichenden Flashbacks in Bezug auf die erzwungene, gegenseitige Folter im Puppenhaus, oder die größtenteils solide schauspielerische Leistung des Casts (toll: Nia Peeples als besorgte Mutter von Emily). Wermutstropfen bleibt allerdings das Fehlen von Mona (Janel Parrish) in dieser Episode. Bleibt zu hoffen, dass sie sich wirklich außerhalb der Stadt bei ihrer Mutter befindet - Pam Fields zweideutige Aussage dürfte geübte Zuschauer zumindest ansatzweise daran zweifeln lassen.
No Charles DiLaurentis in this family
Auf der gesamten Plotebene geschieht erwartungsgemäß in dieser Episode relativ wenig. Das ist aber auch gut so, da die Traumaverarbeitung folgerichtig im Vordergrund der Ereignisse steht. Derweil bestätigt sich durch die Festnahme Andrews (Brandon W. Jones) einmal mehr, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit nicht A (beziehungsweise Charles) sein kann. Dieser Umstand dürfte den meisten Zuschauern bewusst sein, daher kam in dieser Episode unweigerlich der Wunsch auf, die Autoren mögen sich das Ganze doch bitte einfach sparen - natürlich ist die Funktion dieser Storyline aber logisch nachvollziehbar.
Neben dem an sich schon etwas holprig und überstürzt aufgebauten Handlungsstrang (Andrew war von heute auf morgen Hauptverdächtiger, es werden sämtliche Beweise bei ihm gefunden usw.), wirken die Reaktionen der Mädchen aber ebenso wenig glaubwürdig. Warum Andrew als Charles jetzt genau Sinn ergeben soll, kann Aria auch nicht wirklich schlüssig erklären, und dass es erst Sara Harvey (Dre Davis) braucht, um die Andrew-Theorie zu überdenken - nun ja, lassen wir das. Es wäre in jedem Fall wünschenswert, wenn darauf verzichtet würde, alles Folgende entlang der Andrew-Storyline aufzubauen. Da sich die Mädchen - allen voran Spencer - aber dazu entschließen, der Polizei die zentrale Information (Charles) wieder einmal vorzuenthalten, muss wohl vom Gegenteil ausgegangen werden.

Andererseits macht diese (mitunter nervige) Heimlichtuerei bekanntlich den Reiz der Serie aus und eröffnet bildlich gesprochen Fenster und doppelte Böden, unter denen mitunter dunkle Familiengeheimnisse lauern. Tatsächlich scheint das große Potential und die Stärke von Pretty Little Liars vor allem in der Skizzierung einer bigotten, den schönen Schein wahrenden Vorstadthölle zu liegen, deren Bewohner alles andere als aufrichtig und friedlich gesinnt sind - sowohl in Bezug auf die Erwachsenen (Eltern), als auch hinsichtlich der Teenager von Rosewood. Richtig interessant wird es dann aber vor allem in direkter Konfrontation mit den jeweiligen Leichen im Keller dieser Figuren. So auch in Songs of Innocence und der Szene, in der Alison ihren Vater (Jim Abele) überraschend direkt nach Charles DiLaurentis fragt, und dieser selbstverständlich keine Antworten liefern kann (und will). Wird der angekündigte „Summer of Answers“ seinem Namen gerecht, erwartet uns also hoffentlich ein weiterer Einblick in die Verstrickungen der Familie DiLaurentis.
Merkwürdig herausgehoben und relativ unnötig im Rahmen dieser Episode gestaltete sich dann das Einführen einer neuen Figur, respektive dem ersten love interest für Alison seit ihrer Rückkehr nach Rosewood. Lorenzo (Travis Winfrey), Tobys (Keegan Allen) Partner bei der Polizei, ist neu in der Stadt und zeigt sich sofort angetan von der berühmt-berüchtigten Alison DiLaurentis. Abgesehen davon, dass man zunächst jeder neuen Figur irgendeine Art von Misstrauen entgegenbringt, stellt sich die Frage, warum es wirklich immer irgendeiner Form von Beziehungswirrung bedarf, wenn den Hauptfiguren ein neuer Impuls, eine neue Facette verliehen werden soll.
Der Anspruch der Autoren, ihre Heldinnen als selbstbewusste, unabhängige junge Frauen darstellen zu wollen, ist lobenswert - sie werden ihm aus letztgenanntem Grund allerdings leider oftmals nur bedingt gerecht. Sicherlich gelingt ihnen vieles aus eigener Kraft und eigenem Antrieb - auf der Ebene der persönlichen Entwicklung und einem angestrebten Level von Zufriedenheit im Rahmen der Psychospielchen durch A, bedurfte es in der Vergangenheit allerdings fast immer der Verknüpfung einer „starken Schulter“ als plot device. Sicherlich gilt all das nicht für durchweg jeden Handlungsstrang und jede Plotentwicklung - eine gewisse Tendenz ist allerdings durchweg zu beobachten und abseits der genannten Gründe fällt das ewige Hin und Her oftmals einfach schlicht auf die Nerven (man denke an Aria und Ezra (Ian Harding) oder zuletzt Toby und Spencer).
Fazit
In Songs of Innocence steht die Verarbeitung der Qualen in Charles' Puppenhaus im Zentrum des Geschehens. In Flashbacks stellt sich dabei heraus, dass sich die Freundinnen mittels Stromschläge gegenseitig foltern mussten - und verständlicherweise nachhaltig traumatisiert sind. Während sich Spencer erneut gefährlich nah an der Grenze zur Drogenabhängigkeit bewegt, Aria zu impulsiv-naiven Übersprungshandlungen neigt und Hanna ihr altes Kinderzimmer umgestaltet, übt sich Emily an der Schusswaffe ihres Vaters. Die größtenteils einseitige Betrachtung und Abhandlung der Hauptfiguren fiel in diesem Zusammenhang einmal mehr negativ auf. Trotz der wenig tiefgreifenden Darstellung der Verarbeitung des Erlebten ist der Handlungsstrang als solcher positiv zu bewerten; nicht zuletzt deshalb, da noch immer einige offene Fragen in Bezug auf das Puppenhaus bleiben und damit Stoff für Weiteres.
Abseits dessen tut sich in Bezug auf das Geheimnis um Charles ein immer größer werdender Abgrund auf. So werden die kommenden Episoden hoffentlich vor allem auf die dunkle Familiengeschichte der DiLaurentis' bauen - und somit auf den angekündigten „Summer of Answers“.
Promo zur Episode 6x03 der Serie „Pretty Little Liars“: Verfasser: Hannah Klein am Mittwoch, 10. Juni 2015Pretty Little Liars 6x02 Trailer
(Pretty Little Liars 6x02)
Schauspieler in der Episode Pretty Little Liars 6x02
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