Pretty Little Liars 6x01

Bereits das durchweg mitreißende, weil gelungen inszenierte Finale zur fünften Staffel konnte über einige Durststrecken aus vorangehenden Episoden hinwegtrösten. Mit Game on, Charles, dem Auftakt zur sechsten Staffel, wird das Spannungslevel gehalten, im Gesamten sogar gesteigert und übertroffen. So gelingt es den Autoren, das Potential des bislang grausamsten Settings dieser Serie auszuschöpfen - auch hier mit einigen Zitaten von großen Psychothrillerklassikern. Die Inszenierung eines menschlichen Puppenhauses wird nicht überstrapaziert, da den jungen Damen schon in dieser Episode (überraschenderweise) die Flucht glückt.
So geht es Schlag auf Schlag und wie gewohnt zeigt sich, dass diese Serie ein wahres Fest für Hobbyverschwörungstheoretiker darstellt. Letzteres bezieht sich natürlich auf die der gesamten Serie zugrunde liegende Frage nach As Identität. A hat zwar mittlerweile einen Namen (Charles DiLaurentis) - doch abgesehen von einigen wenigen Hinweisen noch keine Geschichte. Dass Emily (Shay Mitchell), Spencer (Troian Bellisario), Aria (Lucy Hale), Hanna (Ashley Benson), Mona (Janel Parrish) und einer gewissen Sarah Harvey (Dre Davis) die Flucht aus dem Puppenhaus schon jetzt gelingt, darf nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, dass sich lang ersehnte Antworten auf die Ausgangsfrage noch in weiter Ferne befinden.

Hush little baby, don't say a word...
Kontrolle, Überwachung, Manipulation, psychische und physische Folter: Charles lässt seine Gefangenen in der eigens zu diesem Zweck errichteten Puppenhausfestung mehr leiden als jemals zuvor. Die Frage nach dem Wie ist, wie Spencer längst richtig erkannt hat, schon lange zugunsten der Frage nach dem Warum verblasst. Abgesehen davon ist sie abseits der Plotebene mühselig: Mittlerweile sollte man sich als geübter Zuschauer an mal mehr, mal weniger große Logiklücken gewöhnt haben. Diesen Umstand zu akzeptieren fällt nicht immer leicht. Doch im Fall von „Game on, Charles“ steht eindeutig anderes im Vordergrund.
Denn allein die „Strafe“ für den ersten Fluchtversuch der Liars kratzt bedenklich an jeder Grenze der eigenen Belastbarkeit: Spencer, Aria, Mona, Hanna und Emily müssen ihre Puppenzimmer gegen ein eingezäuntes Freiluftgefängnis eintauschen - ohne Nahrung und ohne Wasser harren sie etwa drei Tage aus, bis Charles sie in „Einzelzellen“ verfrachtet. Positiv hervorzuheben ist an dieser Stelle einerseits, dass diese drei Wochen im „Kerker“ nur angedeutet wurden, so dass ausreichend Raum für Interpretation und spätere Hinweise bleibt.
Andererseits wurde, in Anlehnung an „Das Schweigen der Lämmer“, mit den Szenen um Mona am Boden eines Brunnenschachts das Repertoire an dargestellten Emotionen endlich erweitert. Letztlich fällt Janel Parrishs Rolle im Allgemeinen eine größere Charakterbreite zu. Der schizophrene Wechsel von Alison zu Mona, von nackter Angst zu herzzerreißender Verzweiflung beeindruckte in dieser Episode fast am meisten.
Ähnlich emotional verhielt es sich aufseiten der Liars, als sie von Charles schließlich aus ihren Zellen entlassen werden. Als sie sich in einem weiteren Puppenzimmer wiederfinden, scheint klar, was Charles plant: einerseits die Ankunft der echten Alison (Sasha Pieterse) und andererseits die Ermordung von Mona. Als Hanna schließlich eine Zeitung in der Hand hält, in der Berichte über ihre verzweifelten Familien zu lesen sind, zeichnet sich erstmals ab, was nach der später dann gelungenen Flucht folgen muss: ein mindestens mittelschweres Trauma, dessen Reichweite bisher nicht absehbar scheint.
Who is Charles DiLaurentis?
Als Emily nach der dramatischen - gleichwohl aber einer einem durchaus klugen Plan folgenden - Flucht Alison gegenübersteht, eröffnet diese Frage einen abermals erweiterten Raum für Spekulationen. Wer ist Charles? Und ist er tatsächlich mit Alison und Jason (Drew Van Acker) verwandt? Im vorangehenden Staffelfinale wurden die Filmaufnahmen der Apfelfarm wohl von sämtlichen Ereignissen rundherum überdeckt. Doch nun, da Spencer Charles mit dem Entzünden sämtlicher Erinnerungsstücke an seine Kindheit erpresst und den Mädchen die Flucht deshalb schließlich gelingt, lohnt sich ein erneuter Blick auf das bisher Gesehene. So stellt sich unweigerlich die Frage, ob die auf den Aufnahmen gezeigten Kinder tatsächlich Alison, Charles und Jason sein können.
Ist der Altersunterschied zwischen Alison und Jason nicht eigentlich bedeutend größer? Davon ausgehend, dass auch zwischen Alison und Bethany ein paar Jahre liegen müssten, ergibt sich durchaus Anlass zur Annahme, dass es sich bei dem Baby um Bethany handelt - und nicht um Alison. Nur einer der kleinen Jungen küsst seine Schwester - Charles. Jessica DiLaurentis wollte von Bethany stets „Tante Jessica“ genannt werden - es würde also durchaus passen.
Doch, selbst wenn all das stimmt, bleibt immer noch die Frage nach dem Warum. Darüber hinaus irritiert natürlich ein weiterer clue dieser Episode. Bereits in den ersten Szenen ist ein zweites Alison-Double zu sehen. Als sich das sichtlich am Rande mentaler Zurechnungsfähigkeit bewegende Mädchen einer Polizisten am Ende allerdings als Sara Harvey vorstellt, ist die Verwirrung groß. Wer war noch mal Sara Harvey? Richtig, ein weiteres Entführungsopfer, das Emily bereits in einer der ersten Staffeln indirekt kennenlernte. Lose Fäden, tausend neue Fragen, große Verwirrung: Pretty Little Liars at its best.
Neben all diesen neuerlichen Unklarheiten geht im Nachhinein nahezu unter, dass Andrew offiziell die Nummer eins auf der Liste der Verdächtigen der Polizei ist. Somit ist indirekt eigentlich klar, dass er es nicht sein kann - zum Glück, möchte man meinen. Schließlich wäre eine Auflösung in diese Richtung mehr als unbefriedigend. Die Annahme liegt nahe, dass Andrew entweder allenfalls als Helfer von Charles in all das verstrickt ist oder auf eigene Faust versucht, den Mädchen zu helfen (so könnte er die Tagebücher, die Tanner (Roma Maffia) in der Hand hält, lediglich gefunden haben).
Abseits der Ereignisse im Puppenhaus sind auch die Szenen um Alison, Toby (Keegan Allen), Ezra (Ian Harding) und Caleb (Tyler Blackburn) positiv zu bewerten. Vor allem erfreut (und überrascht), dass ihre Ermittlungen auf eigene Faust zum ersten Mal auf Anhieb gelingen - und es am Ende sogar zur mehrfachen Versöhnung kommt, sowohl zwischen Spencer und Toby, zwischen Ezra und Aria, als auch bei Emily und Alison.
Fazit
Mit Game On, Charles gelingt ein spannungsreicher Auftakt zur sechsten Staffel gleich in mehrfacher Hinsicht. Während die Autoren einerseits sämtliche Register ziehen, um das Potential des Puppenhaussettings auszuschöpfen (wie etwa in Bezug auf Mona im Buffalo-Bill-Brunnen), wird sich andererseits gegen eine zähe Verlängerung dieses Handlungsstrangs entschieden - zugunsten der zentralen Frage nach A.
In dieser Hinsicht werden weiterhin gewohnt verwirrende Fährten gelegt. Auszuschließen ist bis zu diesem Punkt kaum etwas - einmal abgesehen von der „Andrew ist A“-Theorie. Dank der zahlreichen neuen Hinweise und Fragen (Wer ist Sara Harvey? Was hat sie mit der gesamten Geschichte zu tun?) ist nun zumindest ansatzweise absehbar, worum sich die kommenden Episoden drehen werden - allen voran dürfte die Verarbeitung des Erlebten wohl aber Priorität haben.
Potential birgt die sechste Staffel aber außerdem aufgrund der Rückkehr von Mona Vanderwaal. Ihre Rolle stellt in vielerlei Hinsicht eine Bereicherung für die Serie dar - dies zeigt sich auch in der aktuellen Episode.
Trailer zur Episode „Songs of Innocence“ (6x02) der US-Serie „Pretty Little Liars“: Verfasser: Hannah Klein am Mittwoch, 3. Juni 2015Pretty Little Liars 6x01 Trailer
(Pretty Little Liars 6x01)
Schauspieler in der Episode Pretty Little Liars 6x01
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