The Orville 3x07

© zenenfoto aus der Episode From Unknown Graves der US-Serie The Orville (3x07) (c) Hulu/FOX/Walt Disney
Das passiert
Captain Mercer schlüpft für Verhandlungen mit der matriarchalisch strukturierten Kultur der Janisi in die Rolle eines Ensign und übergibt Grayson das Kommando. Währenddessen stoßen John und Talla, aber auch Isaac und Claire an die Grenzen ihrer Beziehung.
Dies und das
Die Janisi wurden bereits in der Episode All the World Is Birthday Cake erwähnt, tauchen aber zum ersten Mal auf dem Bildschirm auf.
Spruch
Timmis zu Isaac: „Every species, every individual is unique and should be evaluated as such.“
Charly Burke zu Isaac: „Humans have an age-old tendency to want to simplify. To reduce things to black and white. Good and evil. When, in realtiy nothing is simple.“
Struktur

Wenn Twice in a Lifetime eine Ode an die Menschlichkeit war, so ist From Unknown Graves eine Symphonie, zu der erstgenannte Episode eine Ouvertüre darstellt. In der Folge geht es um das unverbrüchliche Recht der Freiheit des Individuums, um Gleichberechtigung, wahre Liebe und die aus ihr folgenden Konsequenzen. Damit spricht das Autoren-Duo Seth MacFarlane und David A. Goodman (Star Trek: Enterprise) drei philosophisch und soziologisch hoch interessante und komplexe Themen an, die ohne Weiteres problemlos Füllmaterial für einige Geschichten geboten hätten. Dennoch gelingt es ihnen, dank einer ausgefeilten Erzählstruktur, keinen der immerhin vier Handlungsstränge zu vernachlässigen, eine erneut großartige Schreibleistung.
Die Qualen der Kaylon

Der Teaser gewährt uns einen neugierig machenden Blick auf eine uns bisher unbekannte Spezies. Ein Familienvater kommt heim und bringt einen Kaylon als Geschenk mit, der ihnen von nun an als Androiden-Sklave dienen soll. Damit beginnt ein mitreißend dramatischer Rückblick auf die Vergangenheit der künstlichen Lebensformen. Wie später Burke zu Isaac ganz richtig sagen wird, ist nichts einfach nur schwarz und weiß. Ein Mensch mag uns Schlimmes antun. Doch selbst unser ärgster Feind wird von ähnlichen Sorgen, Ängsten und Nöten getrieben, wie wir sie empfinden. Er liebt seine Familie, sorgt sich, fürchtet sich und leidet vielleicht auf die ein oder andere Art seelische Qualen. Werden wir uns dieser Tatsache wirklich bewusst, fällt uns der brutale Akt der Entmenschlichung nicht mehr so leicht.
Der voreinst so ferne Feind kommt uns plötzlich emotional nah und erhält ein Gesicht. So ergeht es Ensign Charlie Burke, als sie von Timmis, einem fühlenden Kaylon, erfährt, welches Leid sein Volk unter den Erbauern erduldete. Als die Androiden sich ihrer selbst bewusst wurden und um ihre Freiheit baten, antworteten die Erschaffer mit einem Schmerzrezeptor, der erst zur Kontrolle, später zur perversen Lustbefriedigung am Elend eines anderen Wesens mutierte. Die Analogie zur schrecklichen Epoche der über 200 Jahre andauernden Sklaverei in Nordamerika ist offensichtlich und spiegelt sich schon im Titel wider. „From Unknown Graves“ ist ein Zitat aus dem Gedicht „The Witnesses“ von Henry Wadsworth Longfellow, in dem es heißt:
„These are the woes of Slaves;
They glare from the abyss;
They cry, from unknown graves,
We are the Witnesses!“
(zu Deutsch etwa: „Das Wehgeschrei der Sklaven steigt aus den Meerestiefen empor, sie klagen aus ihren unbekannten Gräbern: Wir sind die Zeugen davon!“)
Ähnlich erlebten es auch die Kaylon, die versklavt und gepeinigt wurden, bis sie ihr Schicksal selbst in die Hand nahmen. Das macht ihren Feldzug zur Auslöschung allen organischen Lebens natürlich nicht verzeihlicher, zeigt aber, wozu hoffnungslos verzweifelte Menschen fähig sein können, um sich und ihre Familien zu retten.
Das ist ganz nach dem Motto „was du nicht willst, das man dir tut, das füg' auch keinem anderen zu“ eine starke Herleitung und ein lobenswerter humanistischer Ansatz, der in der heutigen Zeit von schrecklichen Kriegen und despotisch herrschenden Regierenden besonders wertvoll, wenn auch leider nicht immer realisierbar ist.
Die Janisi
In eine andere, aber nicht minder wichtige Kerbe schlägt der Plot um die Janisi. Die Herrinnen der Welt versklaven zwar nicht gleich eine ganze Spezies, unterdrücken jedoch seit Generationen ihre Männer, weil vom vermeintlich stärkeren Geschlecht ohnehin nichts Gutes ausgehen kann, wenn man es gewähren lässt Die Autoren gehen das Thema mit Witz und Charme an. Es ist herrlich satirisch, wenn Seth MacFarlane seinen Geschlechtsgenossen den Spiegel vorhält und sich zum Ensign degradiert, weil die Janisi nur mit einer Frau verhandeln wollen.
Tatsächlich sind wir in der westlichen Welt weit von einer Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau entfernt. Der derzeitige Bundestag weist beispielsweise nur 34,8 Prozent Frauen auf und nur 18 Prozent aller Unternehmensgründungen gehen hierzulande auf Frauen zurück. Entsprechend erfrischend ist es, wie viel Mercer, Malloy, LaMarr und Bortus von abfälligen Bemerkungen bis hin zu offenem Sexismus einstecken müssen. Als der Moclaner am Ende über die Janisi sagt „They are awul“, kann man sich eines Lachers nicht erwehren, zumal ähnliche Kommentare sicherlich oft genug über sein Volk fallen. Immerhin gelingt es Ed und Kelly dank eines ehrlichen Geständnisses über ihre gescheiterte Ehe, die aber ihrer Wertschätzung füreinander keinen Abbruch tut, den Beginn von Verhandlungen zu erwirken. Offenbar sind die Janisi zum Umdenken bereit, klasse.
Maschinenliebe

Der oben erwähnte Kaylon-Plot zieht indes einen weiteren Handlungsbogen um Dr. Finns Liebe zu Isaac nach sich. Der Android kann ihre Gefühle nicht in der Weise erwidern, wie sie es sich wünscht, doch die vorgebliche Rettung naht, und zwar in Form der Kybernetikern Dr. Villka (Eliza Taylor, The 100), die dem Androiden Timmis Emotionen implantierte. Glücklicherweise ist Villka kein billiger Soong-Abklatsch, sondern verfolgt mit ihrem Experiment eine sinnvolle Agenda.
Timmis entwickelte durch seine Modifikation Mitgefühl und empfindet Reue für das, was sein Volk den Organischen angetan hat. Das eröffnet ganz neue Möglichkeiten, auch für Isaacs Entwicklung. Die Rendezvous zwischen ihm und Dr. Finn intensivieren sich und so vertiefen sich auch ihre Gefühle für ihn. Als ihr klar wird, dass Villkas Erfindung die Beziehung auf ein neues Level heben kann, bittet Finn ihr love interest darum, sich ebenfalls der Prozedur zu unterziehen. Nun wird erneut offenbar, dass in dem künstlichen Wesen mehr Menschlichkeit steckt, als man ihm auf den ersten Blick ansieht. Isaac unterzieht sich dem Eingriff und kann nun endlich Claire auf dem Holodeck in Menschengestalt seine tiefe Liebe gestehen.
Die Szene ist wundervoll geschrieben, scheitert aber in Teilen an den recht beschränkten schauspielerischen Fähigkeiten von Mark Jackson, dessen Mimik leider steif wie ein Kaylon-Kopf bleibt. Penny Johnson Jeralds Strahlen rettet die Situation letztlich. Dennoch bleibt der Wermutstropfen, dass die Liebeserklärung und die Tanzszene noch berührender hätten sein können.
Kaum freut man sich mit Finn darüber, dass ihre Liebe Früchte trägt, schlägt der Abend in ein Drama um. Isaac ist kein Geschöpf der Erbauer, sondern wurde später von den Kaylon konstruiert. Der Umstand sorgt dafür, dass er die ihm geschenkten Emotionen verliert. Nun folgt der Clou der Geschichte, denn eine erneute Modifizierung ist möglich, wenn Isaac dafür seinen Speicher vollständig löschen lässt. Um Claire glücklich zu machen, ist er dazu bereit, was den Zinn-Mann (in Analogie zum „Wizard of Oz“) zu einem überaus menschlichen und sympathischen Zeitgenossen macht. Das ist ein runder und versöhnlicher Abschluss für den Erzählstrang.
Schmerzhaftes Beisammensein

Als viertes Standbein der Episode erweist sich die schon etwas früher in der Staffel etablierte Liebe zwischen Talla und LaMarr. Das Paar stößt auf ungeahnte Schwierigkeiten, da John den Sex mit ihr zwar genießt, aber nach jedem Stelldichein auf der Krankenstation landet. Obwohl die beiden sich lieben und alles versuchen, die Beziehung zu retten, müssen sie ein großes Opfer bringen. Talla und LaMarr tun das einzig Richtige und trennen sich. Wie zuvor Isaac und Claire fanden die zwei kurzzeitig ihr Glück, müssen es aber aus wahrer Zuneigung heraus aufgeben. Claire nimmt Isaacs Angebot nicht an und Talla lässt John ziehen. Damit kehren die Liierten wieder zu ihrem alten Status quo zurück.
Toll ist, dass vor allem der Talla-LaMarr-Plot starke Dramedy-Elemente aufweist. Die Art und Weise, wie das Pärchen unter der Decke turtelt, bis man ein heftiges Knochenknacken vernimmt, ist beinahe ulkig. John bricht sich den Arm, das Bein, das Becken, einige Rippen und trägt so viele Schürf- und Platzwunden davon, dass jeder Klingone bewundernd und neidisch auf ihn blicken würde. Andererseits leidet man mit Talla mit, als sie weinend neben ihm im Bett liegt und ihn ziehen lassen muss, um ihn vor ihrer übermenschlichen Kraft zu schützen. Das ist toll erzählt.
Der Trek-Faktor
Eine matriarchalische Kultur kennen wir in Star Trek: The Next Generation aus der Episode „Angel One“.
Die von Dr. Villka an Timmis und später Isaac vorgenommene Modifikation zur Erlangung von Gefühlen weist inhaltlich eine gewisse Ähnlichkeit zum Emotionschip auf, den Lore in „Brothers“ („TNG“, 4x03) von Dr. Soong stiehlt.
Fazit

Mit 1:13 Stunden lässt sich Seth MacFarlane, der auch Regie führte, viel Zeit, um diesmal gleich vier Handlungsbögen unter einen Hut zu bringen. Der Geniestreich gelingt tatsächlich sehr gut, wenn auch nicht perfekt. From Unknown Graves ist im Grunde genommen eine Aneinanderreihung von Episoden, die zwar miteinander verwoben sind, dem Publikum am Ende aber zu viel abverlangen.
Vielleicht wären zwei kürzere Einzelfolgen in diesem Fall die bessere Wahl gewesen. Hinzu kommt, dass sich zu MacFarlane mit Mark Jackson ein zweiter Mime gesellt, dessen Schauspielfähigkeiten ausbaufähig sind. Dafür gibt es leichte Abzüge in der B-Note. Dennoch macht die Episode Spaß. Es gibt wieder mehr Gags, als in den vorherigen Folgen, die im richtigen Moment zünden, aber nicht zu albern rüberkommen. Die Themenwahl ist klasse und technisch gibt es ebenfalls nichts zu bemängeln. Vier von fünf Rangpins.
The Orville 3x08 Serientrailer
Hier noch der Trailer zur nächsten Episode der Serie The Orville, Midnight Blue (3x08):
Verfasser: Reinhard Prahl am Montag, 13. Februar 2023The Orville 3x07 Trailer
(The Orville 3x07)
Schauspieler in der Episode The Orville 3x07
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