The Orville 2x02

© zenenbild der „The Orville“-Episode „Primal Urges“. (c) FOX
Vorwort
Diese Episode sollte eigentlich im Rahmen der ersten Staffel laufen, wurde aber von FOX verschoben und hat nun hier als zweite Episode der zweiten Staffel ihren Platz gefunden. Dies stellt übrigens eine - wenn auch unbeabsichtigte - Parallele zur ersten Staffel von Star Trek: Voyager dar, bei der damals gleich vier Episoden ins zweite Jahr verschoben wurden.
Was passiert?
Die Crew beobachtet aus nächster Nähe das Sterben einer Welt, während Bortus den schleichenden Tod seiner Beziehung zu Klyden zu großen Teilen mitverschuldet...
Dies & das
- Für Wellesley Wild ist es das erste Drehbuch zur Serie. Er machte sich bisher insbesondere durch seine Arbeit an Family Guy einen Namen.
- Auch Regisseur Kevin Hooks feiert sein Debüt: Der Veteran (der auch als Schauspieler arbeitet) war für viele Episoden von Prison Break verantwortlich und lieferte beispielsweise den Film „Passagier 57“ sowie Episoden zu 24, Alias, Lost oder The X-Files ab.
- Chad Coleman kehrt in dieser Episode erneut als Klyden zurück, außerdem sehen wir Kelly Hu als Admiral Ozawa und Mike Henry als Dann.
Spruch
„This is insane! I can't have a normal ship with normal people?“ (Captain Mercer)
Das hättest du bei „Star Trek" sicher nicht gesehen
Heute im Holodeck-Porno-Angebot: „We got twins, inter-species, shuttle bay three ways, chubby Krill housewives, battle cruise toilet cams...“
Bortus Superstar
Nach seinem Ausflug zum alljährlichen Wasserlassen in der Auftaktepisode steht Bortus (Peter Macon) heute schon wieder im Rampenlicht, allerdings eher unbeabsichtigt. Da die Episode für die erste Staffel fertiggestellt worden war, musste man sie nun irgendwie sinnvoll einfügen und entschied sich für den Slot direkt nach dem Auftakt. Dadurch wirkt der gute Bortus natürlich ein wenig überrepräsentiert, was aber zu verschmerzen ist, da er vergangene Woche trotz des auf ihn zugeschnittenen Aufhängers eigentlich eher in den Hintergrund trat.
Im Grunde haben wir es hier mit einer schönen, klassischen A-/B-Handlung zu tun, bei der eine vordergründige Mission der Crew beleuchtet wird, die sich mit einer Charakterstudie überschneidet. Das makabere Schauspiel, einer Welt beim Sterben zuzusehen, wird aber schnell zu etwas ganz anderem, während Bortus und Klyden sich mit Veränderungen in ihrer Beziehung befassen müssen und die Crew sich spannenden Fragen zur Auslebung der Eigenheiten anderer Spezies an Bord ausgesetzt sieht.

Die vordergründige Mission (die durchaus das Zeug zur A-Handlung gehabt hätte) tritt sehr stark in den Hintergrund und bleibt lange Zeit nur leidig interessant, da das größere Drama im stillen Moclaner-Kämmerlein abläuft. Dabei wäre es durchaus spannend gewesen, alles über den Planeten und die Geschichte zu erfahren, anstatt nur hier und da einen Brocken samt One-Liner von Gordon oder Kelly hingeworfen zu bekommen. Insbesondere der kurze Disput um die richtige Aussprache eines Namens wirkte inmitten der Krise ausnahmsweise mal völlig deplatziert und unnötig. Hier fehlt es der Serie manchmal noch an der letzten Konsequenz, Drama Drama sein zu lassen und Comedy nur im richtigen Moment („Daydrink?" - „Daydrink!") einzusetzen.
So setzt sich das Storypuzzle an dieser Front eher behäbig zusammen. Von der sterbenden und unbewohnten Welt zur Idee, dort noch schnell Rohstoffe abzubauen bis hin zur Entdeckung einer unterirdischen Zivilisation geht es konstant weiter und führt schließlich zur großen Abschlussmission, die dann auch Bezug auf den zweiten Handlungsstrang nimmt.
Oops, he did it again!
Diese dreht sich, wie bereits angedeutet, um Bortus. Wir wussten bereits, dass die Ehe zwischen ihm und Klyden (Chad L. Coleman) seit der Geburt des gemeinsamen Kindes (Stichwort: junge Eltern und ihre Sorgen) und der geschlechtsverändernden Operation auf der Heimatwelt erste Risse erhalten hatte. Hier nun erleben wir die Fortsetzung. Bortus verlässt zwar immer häufiger früh seinen Posten, kehrt aber dennoch sehr spät ins gemeinsame Quartier zurück, um dort wortkarg und todmüde ins Bett zu fallen und seinen Partner obendrein über erfundene, wichtige Aufgaben auf der Brücke zu belügen. Was ist hier los?
Die Antwort ist überraschend: Bortus besucht inzwischen fast täglich den Simulator (das Holodeck), um dort verschiedene Sexszenarien mit virtuellen Moclanern durchzuspielen. Das geht sogar so weit, dass er sich von einem außerirdischen Crewmitglied ein individuelles Gruppensexprogramm programmieren lässt (welches dann auch den unvermeidlichen Virus ins Bordsystem einschleust, den solche Pornos eben mit sich bringen...).
Wir verstehen schnell: Bortus hat ein Problem und dieses wird später in der Episode dann auch explizit benannt: Pornosucht! Die Episode macht keinen Hehl daraus und verfolgt das Thema durch alle Phasen. Zunächst fordert der unwissende Klyden noch ohne Ergebnis seine ehelichen Rechte ein, es folgt der Streit vor dem gemeinsamen Kind am Küchentisch, schließlich versucht er - ganz nach der Tradition seines Volkes - Bortus zu töten (was einer Scheidung gleichkommen würde).
Dieser brutale Akt führt zu einem kurzen Intermezzo, in dem Ed (Seth MacFarlane) und Kelly (Adrianne Palicki) sich fragen, wie weit das Verständnis für andere Kulturen auf einem Raumschiff der Union gehen darf. Alleine diese Frage hätte sicher wieder für eine ganze Episode herhalten können, wird hier aber mit der Flucht in den Alkohol eher als Randnotiz abgetan. Bortus ist dem Tod entkommen und verteidigt derweil seinen Partner und bittet darum, ihn nicht zu bestrafen.
So wird das brisante Thema viel zu schnell fallengelassen. Ed lässt Klyden frei, schickt Bortus in eine Zwangspause, erteilt Klyden eine letzte Warnung und verdonnert das Paar zur Partnerberatung bei Dr. Finn. Denn, obwohl Klyden Bortus eigentlich töten wollte (offen bleibt: wie kam er überhaupt auf die Krankenstation?), wollen die beiden kurz darauf ihre Beziehung doch wieder in den Griff bekommen. Hier springt das Drehbuch arg forsch voran und erwartet, dass man einige unlogische Entwicklungen ignoriert oder schluckt.

Das Gleiche gilt auch für den nächsten Schritt: Obwohl Bortus brav zum Treffen geht, lügt er Klyden kurz darauf wieder an, um sein Sexprogramm zu spielen. Diesmal jedoch dringt Klyden in den Simulator ein (erneut bleibt offen: wieso und auf welche Weise gelingt diesem das eigentlich? Er ist nicht einmal ein Offizier und dürfte keinen Zugang zu einem laufenden Programm erhalten, oder?), ertappt seinen Partner und ist erneut wie vor den Kopf gestoßen. Bortus ist ein schlimmer Finger und ganz offensichtlich pornosüchtig! Und weiter geht's mit der Partnerberatung - diesmal aber mit einem erweiterten Thema.
An dieser Stelle stößt das etwas sprunghafte Drehbuch dann auch auf Gold und hält inne. Bortus gibt zu, wann seine Probleme angefangen haben. Er konnte die Entscheidung, Topas Geschlecht zu verändern, letztlich doch nicht akzeptieren und gibt seinem Partner Klyden (der damals den Hardliner gespielt hatte) die Schuld. Dieser Umstand hat ihn von seinem Partner sexuell entfremdet und er flüchtete sich zunehmend in seine Phantasiewelten. So gut der Ansatz ist und so wichtig es ist, die Geschichte rund um Topas nicht zu vergessen, so einfach macht es sich das Drehbuch mit der Herleitung für das aktuelle Problem. Sicher kann ein solches Ereignis zu großen Problemen in einer Partnerschaft führen; ob es jedoch unbedingt die Flucht in eine Pornosucht sein muss, sei mal dahingestellt. Das schmälert aber nicht, wie wichtig es ist, solche Fragen überhaupt zu stellen!
Bortus nagende Selbstvorwürfe, ob er härter um Topas Weiblichkeit hätte kämpfen müssen, sollten dann auch gerne weiter ausgearbeitet werden. Inzwischen hat sich die Serie so viel Vertrauen verdient, dass man damit durchaus rechnen kann. Viel mehr Zeit, sich in den vorliegenden 48 Minuten mit den weiteren Implikationen des Themas zu befassen, bleibt aber ohnehin nicht. Denn an dieser Stelle verschmelzen die beiden Handlungsstränge und Bortus muss sein Leben riskieren...
The Final Countdown
Denn plötzlich ist die Krise groß, die Zeit drängt und 75 Individuen warten auf Rettung. Nur Isaac und Bortus können die Strahlung aushalten und müssen runter zum Planeten. Das führt zumindest zu einem gut geschriebenen Monolog, in dem Bortus - sehr reflektiert, vielleicht zu reflektiert - seine Sucht beschreibt. In der Kürze der Zeit ist das aber besser als nichts.
Die Rettungsmission bietet wunderschöne visuelle Effekte und kulminiert in der Erkenntnis, dass man nur 30 Personen wird retten können. Die kleine Gemeinschaft muss entscheiden. Zurück bleiben 45 Lebewesen, die dem Tod geweiht sind. Hier entsteht dann auch endlich eine Parallele zwischen den Handlungssträngen, als Bortus den Wert von Familie erkennt und mit sich nimmt. Das Drehbuch ist an dieser Stelle 100 Prozent Hollywood, als der wackere Offizier sich mehrfach umschaut und bis zur allerletzten Sekunde wartet, um endlich die Flucht anzutreten. 3, 2, 1... boom.
Das Schicksal der verlorenen Kultur und der Überlebenden bleibt danach offen. Vielleicht erfahren wir in zukünftigen Abenteuern, wie es mit ihnen weitergeht.
Dass die Orville auch noch in den Sog gerät und kurz vor der Zerstörung steht, ist mehr als generisch. Dafür begeistern aber die Versuche von John und Isaac, inmitten der Holo-Lustoase des Bortus den Virus zu stoppen. Herrlich und „The Orville“, wie man es liebt.
Für seine Taten muss Bortus sich schließlich noch verantworten und erntet zunächst verbale Prügel vom Chef und schließlich ein Lob für seinen Mut und Einsatz. Es scheint, als habe er seine Lektion gelernt. In der letzten Szene spricht er sich mit Klyden aus, geht erneut auf das schwierige Thema Topa ein und zeigt besten Willen, die Zukunft gemeinsam mit seiner kleinen Familie zu gestalten. Erneut stark vereinfacht und gestrafft, aber auch schön und versöhnlich. Probleme sind eben dazu da, gelöst zu werden - insbesondere in Familien.

Beobachtungen
Erneut sind Nebenfiguren wie Klyden, Topa und Dann mit dabei. Dazu gesellt sich auch noch ein stark getrickster neuer Alien aus dem Maschinenraum, der in seiner Freizeit gerne Porno-Content für den Simulator vertickt.
Der Seleyanische Whiskey ist definitiv etwas, woran die Barkeeper unserer Zeit arbeiten sollten: ein echtes Schauspiel! In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der Umgang von Kelly und Ed eher in die erste Staffel gepasst hätte und weniger direkt nach die Ereignisse rund um Cassius vergangene Episode.
Technisch betrachtet
Eine visuell wunderschön umgesetzte Episode zeigt uns mal wieder den sense of wonder, der so viele Sternenflottenoffiziere zu ihrem Job gebracht haben mag. Auch wenn das eigentliche Schauspiel morbide ist, so verdeutlicht es doch auch die entfesselte Kraft des Universums. Spektakulär!
Insbesondere Penny Johnson Jerald spielt erneut wunderbar auf. Ihre Dr. Finn wäre auch eine wunderbare Ärztin für jede Trek-Serie gewesen.
Das Drehbuch von Wellesley Wild nimmt gekonnt Rückbezüge zur Episode About a Girl und setzt insbesondere Bortus, Klyden und Dr. Finn gekonnt ein. Für Ed, Kelly, Gordon, John, Alara, Isaac und Dann bleibt dabei naturgemäß nur wenig Zeit. Trotzdem erhält jeder seinen Moment. Die Kombination von Weltraumphänomen und Pornosucht ist natürlich ein wenig wackelig, stört das Geschehen aber nur am Rande. Dass einige Entwicklungen zudem etwas unklar bleiben, gibt Abzug in der B-Note.
Die Regie von Kevin Hooks überzeugt in ruhigen Szenen wie auch den Actionsequenzen. Der Score umspielt das Treiben mal dezent, dann wieder episch. Schön!
Gib dem Kind einen Namen
„Primal Urges“: Der Title versucht sich in Doppeldeutigkeit - so schildert Bortus den Ausgangspunkt seiner Pornosucht (etwas gewagt) als Folge eines Urbedürfnisses und auch der Überlebenswille des sterbenden Volkes ist wie der Kreislauf aus Geburt und Tod ein Urbedürfnis von Lebewesen und dem Universum an sich. Das ist zugegeben weit hergeholt, aber immer noch besser als ganz flache Titel. Vielleicht wollten die Autoren aber auch einfach nur die Bortus-Geschichte im Titel einfangen. In diesem Fall sei mir meine ausufernde Fantasie verziehen.
Fazit
Typisch Orville: Die Serie behält stets ihre Figuren im Blick, vergisst keine Entwicklungen und scheut sich auch nicht vor überraschenden Themen, die andere Genreserien nicht mit der Kneifzange anfassen würden. Dabei bleibt sie aber leider auch nicht konsequent stilsicher und mischt zwei Handlungsstränge, die auch auf den dritten Blick nur ganz am Ende zusammenpassen wollen. In der Summe erhalten wir somit ein erfreulich ehrliches Charakterportrait sowie eine etwas vernachlässigte Nebenhandlung, die immerhin durch Schauwerte punkten kann. Das reicht locker für eine starke Episode!
Der offizielle Trailer zur „The Orville"-Episode „Home" (2x03):Hier kannst Du „The Orville: Staffel 2“ bei Amazon.de kaufen
Verfasser: Björn Sülter am Samstag, 5. Januar 2019The Orville 2x02 Trailer
(The Orville 2x02)
Schauspieler in der Episode The Orville 2x02
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?