The Orville 1x09

© . Paul Boehmer, Seth MacFarlane und Halston Sage in „The Orville“ / (c) FOX
Was passiert?
Karaokenacht auf der Orville! Doch leider muss man schnell aufbrechen, um einen Streit zu schlichten. Als Experte kommt ausgerechnet Kellys Exaffäre an Bord und wickelt diese erneut um den Finger. Doch dann bekommt sie unerwartete Konkurrenz. Nebenbei geht es auch bei anderen Crewmitgliedern zur Sache und Alara (Halston Sage) und Bortus (Peter Macon) müssen die Situation retten...
Dies & das
Liz Heldens schrieb das Drehbuch. Sie war bisher beispielsweise für Boston Public, Bionic Woman, Deception und Friday Night Lights bekannt. Regie führte Jamie Babbit, die sich ihre Sporen unter anderem bei den Gilmore Girls und Nip/Tuck verdient hat.
Spruch
„Why even call a box a box? Maybe the box wants to do its own thing!“
Das hättest Du bei „Star Trek“ sicher nicht gehört
„Wake up, this whole ship is on drugs!“ (LaMarr)
Das hättest Du bei „Star Trek“ sicher nicht gesehen
Dr. Crusher hatte zwar mal Sex mit einem Geist (Sub Rosa), war dabei aber immerhin alleine im Raum und bekleidet. Dr. Finn hingegen sitzt nackig mitten „in“ Yaphit. Reicht das für Euch als Kopfkino? Es ist schlimmer, als es klingt.
Blau, blau, blau sind alle meine...
Machen wir uns nichts vor: Die Episode ist von vorne bis hinten kein weltbewegendes Meisterwerk intellektueller Fernsehkunst. Schütteln wir diesen Teil der Rezension also direkt ab und machen uns an das, was die Episode (und die Serie) ist und sein will.
Vordergründig geht es um die Beilegung einer Krise zwischen zwei Völkern, die denselben Planeten beanspruchen. Dafür soll die Crew der Orville Vermittler spielen und mit einem Experten zusammen einen Konsens finden. Am Ende stellt sich heraus, dass die Lösung ganz einfach ist und alles nun gut werden kann. Ohne Krieg und ohne weiteres Blutvergießen. Zu diesem Zeitpunkt klingt das alles nach einer typischen „Trek“-Episode.
Dass es sich bei dem angesprochenen Experten jedoch um Darulio (Rob Lowe) handelt, verkompliziert die Angelegenheit drastisch. Dieser hatte nämlich vor einem Jahr mit Kelly Grayson (Adrianne Palicki) geschlafen, wurde dabei von Ed (Seth MacFarlane) erwischt und hat seitdem das Stigma des Ehekillers mit sich herumgetragen.
Man könnte meinen, das Drehbuch macht es sich hier nicht besonders schwer. Und das stimmt! Denn nicht nur führt Darulios erneutes Auftauchen erwartungsgemäß zu Spannungen, die Tatsache, dass er sich (ohne, dass es jemand weiß) mitten in der „Hitze“ befindet und Pheromone ausstößt, die allen den Kopf verdrehen, hat man fast 1:1 aus der „DS9“-Episode Fascination mit Lwaxana Troi importiert. Dort hatte Jake Sisko einst Major Kira nachgestellt, Bashir mit ebenjener Kira herumgeknutscht und die O'Briens Ehestreitigkeiten ausgetragen. Hier nun geht man einen ähnlichen Weg und lässt Bortus und Klyden (Chad L. Coleman) streiten, Finn (Penny Johnson Jerald) mit Yaphit (Norm MacDonald) ins nicht vorhandene Bett hüpfen und entzündet als Sahnehaube ein Liebesdreieck aus Kelly, Ed und Darulio.
Nein, das ist alles nicht neu. Wahrlich nicht. Wo kommt also der 4,5-Sterne-Teil, lieber Herr Rezensent?

Hier isser!
Die Stärken liegen eindeutig in zwei Bereichen: Einerseits ist das Timing des Humors durchweg auf den Punkt. Egal, ob Yaphit mit Akustikgitarre in der Krankenstation aufschlägt oder Dr. Finn einen Vampauftritt hinlegt, der sicher auch Ben Sisko beeindruckt hätte - das macht einfach Spaß.
Dazu kommt das Familienbild vom Blob-Planeten (einfach niedlich), der Running Gag im Fahrstuhl mit dem immergleichen Crewmitglied oder - und hier liegt das Gold begraben - in den Szenen rund um Ed Mercer, der sich wie ein verliebter Teenager aufführt und gegenüber Malloy (Scott Grimes) eine mehr als denkwürdige Rede über Schubladendenken hält, die im Kern „Trek“ alle Ehre macht - toll.
MacFarlane spielt all diese Facetten mit Schwung und Freude und lässt selbst das Augenbrauenzupfen (Parfum nicht vergessen!), die richtige Klamottenwahl, eine Einladung zum Picknick oder peinliche Versprecher zu Highlights werden.
Die zweite Stärke betrifft die Charaktere an sich. Das Geschmachte von Yaphit zieht sich schon über einige Episoden hin, die Kinder von Finn tauchen erneut auf, Bortus, Klyden und das Baby mischen mit, es geht (wie schon oft) um die gescheiterte Ehe von Ed und Kelly, Bortus darf nach seiner Ankündigung vor einigen Episoden („I sing.“) nun immerhin schon zum Mikrofon greifen (aber dennoch noch nicht singen) und Alara erhält erneut Gelegenheit, Kompetenz in einer Krise zu beweisen.
Neun Episoden sind rum und ich mag diese Charaktere einfach!
Nebenbei ist es mehr als erstaunlich, wie freizügig die Serie mit dem von Ed erwähnten Schubladendenken spielt und Vielfalt und Offenheit predigt. Seth MacFarlane und Rob Lowe zusammen im Bett? Kein Problem. Wir hatten ja schließlich auch schon zwei Kerle, die ein Ei ausbrüten. Geht nicht, gibt's hier halt nicht.

Mea culpa?
Nun habe ich mir schon viel Mühe gegeben, doch Ihr fragt Euch immer noch, wie die hohe Wertung zustande kommt? Bin ich vielleicht verrückt geworden? Hat Darulio auch mir mit seinen Pheromonen die Sinne vernebelt? Das überlasse ich ganz Euch.
Hier geht es im Kern darum, welche Ansprüche man an die Serie hegt. Ist die neue Episode gesellschaftskritisch oder politisch brisant? Nie. Zeigt sie ein brandneues, kreatives Konzept? Nein. Ist sie ein Vorzeigemodell für Science-Fiction im TV? Ach was.
Aber sie ist verdammt lustig. Einfach mal 45 Minuten über Absurditäten und Kalauer lachen, schmunzeln und den Kopf schütteln - das tut gut zwischen all den Terroranschlägen, Unfalltoten, Kriegen und Krisen sowie Übergriffen auf Frauen, Kinder oder Minderheiten, die uns von morgens im Radio beim ersten Kaffee bis abends in den Nachrichten um die Ohren fliegen.
Wäre der Alarm zu Beginn der Episode nicht losgegangen, hätte man uns den Genuss einer Gesangsdarbietung von Celine Dions „My Heart Will Go on“ durch Bortus gegönnt. Und auch wenn es hier thematisch definitiv prominent um Liebe oder Verliebtheit geht, muss man diesen Song gar nicht ausschließlich daraus münzen, um den Zauber des Gezeigten zu erklären. Denn mit ein wenig mehr Humor dann und wann haben wir alle auf dieser Welt die Chance, dass unsere Herzen auch weiterhin jede Art von Krise oder Negativmeldung des Alltags überstehen. Bei mir funktioniert das dank Serien wie The Orville ganz wunderbar.
Beobachtungen
Nach der letzten Episode verschwinden die Kinder von Dr. Finn nicht in der Versenkung, sondern erhalten hier einen kurzen Gastauftritt, der zudem absolut Sinn hat.
Endlich wird wieder einmal auf das Baby von Bortus und Klyden eingegangen und dabei gezeigt, dass die Eltern sich mit sehr alltäglichen Sorgen von Erziehungsberechtigten herumärgern müssen. Das ist zwar nicht weltbewegend, sorgt aber für schöne Kontinuität.
Gleiches gilt für die andauernden Avancen von Yaphit, der hier endlich auch zum Zuge kommt. Sein Auftritt mit Blumen und Gitarre („I wanna be your boyfriend.“) ist herrlich kauzig, aber auch grundehrlich. Hier wurde eine kleine Randfigur sehr charmant bis zu diesem Moment aufgebaut. Dass er mit seinen Gefäßen zum Auseinanderfließen in seinem Quartier eindeutig an Odo angelehnt wird, stört nicht. Yaphit ist schon alleine deswegen ein eigenständiger Charakter, weil er eben seine Form auch in der Öffentlichkeit zeigt. Das raubt ihm zwar einen interessanten Layer (der bei Odo ausführlich behandelt wurde), nimmt dem Ganzen aber auch die Brisanz des Abkupferns.
Die Lift-Szenen erinnern an vergleichbare Momente aus Grey's Anatomy, wo ebenfalls oft die Hauptcharaktere ihre komplizierten Beziehungen diskutieren und mit einsteigenden Kollegen leben müssen. Ob uns die neu eingeführte Fahrstuhlmusik erhalten bleibt, muss man abwarten. Ich würde es fast begrüßen.
Hübsch ist am Ende auch, wie Captain Mercer einen unbekannten Crewman aus der Krankenstation belobigt, der mit Alara und Bortus die Situation rund um die verfeindeten Spezies gerettet hatte. Eine Art „Lower Decks“-Moment, der gefällt.
Weniger hübsch ist, dass man den Ehebruch von Kelly nachträglich als CUI („copulating under the influence“) hinstellt - zwar lässt das vage „maybe“ von Darulio alles offen, man impliziert aber, dass nun doch alles gar nicht so schlimm war. Dabei hätte man diese Vorgeschichte durchaus so belassen können, wie sie bisher dargestellt wurde. Der Grund mag sein, dass man Kelly und Ed auf Sicht wieder zusammenbringen möchte und meinte, Sympathiepunkte für Kelly zu benötigen. Das ist jedoch überhaupt nicht nötig gewesen...

Technisch betrachtet
Die Masken von Darulio und von den verfeindeten Spezies sind gelungen wie immer. Dazu kommen atemberaubende Aufnahmen der Orville im Orbit des Planeten. Zugegeben: Die verschiedenen „Trek“-Serien haben diese Art der Visualisierung sicher mit den Jahren überstrapaziert, dennoch merkte ich an der heutigen Episode, wie mir dieses majestätische Gefühl, das Schiff derart in Szene gesetzt zu sehen, fehlt. Danke!
Die Autorin zitiert fröhlich bei Episoden wie Fascination und einem bunten Strauß an bekannt-beliebten Komödien, verknüpft diese Ansätze aber mit dem Innenleben der handelnden Figuren und lässt das Ensemble erstrahlen. Ein Humor-Touchdown!
In Sachen Regie gelingt Babbit eine von starkem Timing geprägte Arbeit, die das Drehbuch ausreizt und die Darsteller zu Bestleistungen bringt.
Schauspielerisch begeistert besonders Seth MacFarlane als verliebter Teenager. Dass er zudem (vor seiner Verwandlung zum Teenager) noch eine tolle Szene als kompetenter Verhandlungsführer und Diplomat auf die Reihe bekommt, ist doppelt bemerkenswert. Doch auch alle anderen beweisen erneut ihr Talent. Sogar Rob Lowe darf viel seriöser spielen als befürchtet und macht Darulio zu einem tollen Charakter. Gleiches gilt für Yaphit, der als Figur zunächst vollkommen sinnlos wirkte, aber zunehmend interessanter wird. Victor Garber erhält obendrauf einen weiteren überzeugenden Auftritt als Admiral Halsey.
Gib dem Kind einen Namen
Cupid's Dagger: Cupido ist der Gott von Leidenschaft, erotischer Liebe, der Zuneigung und des Verlangens. Ein anderer Name für ihn ist Amor. Somit geht es hier um seinen Dolch, den enttäuscht Verliebte metaphorisch spüren, wenn ihre Gefühle nicht erwidert werden.
Fazit
Vollkommen verrückt, aber doch so liebenswert. „The Orville“ hat es in neun Episoden geschafft, dass wir uns für die Figuren interessieren, Anteil an ihren Schicksalen nehmen und uns durch eine Episode wie die vorliegende lachen, obwohl sie thematisch eigentlich jenseits von Gut und Böse ist.
Wir haben es hier in der Summe mit einer Retro-Sci-Fi-Show zu tun, die zumeist vollkommen harmlos daherkommt, willige Zuschauer mit ihrer charmanten Hüllenlosigkeit aber derart potent mitnimmt, dass es eine helle Freude ist.
Cupid's Dagger ist somit zum jetzigen Stand der humorige Höhepunkt einer an starken Episoden wahrlich nicht armen ersten Staffel. Einschalten, abschalten, Freude haben. Die Serie hat's drauf!
Verfasser: Björn Sülter am Freitag, 10. November 2017The Orville 1x09 Trailer
(The Orville 1x09)
Schauspieler in der Episode The Orville 1x09
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?