Orphan Black 2x10

Das Staffelfinale By Means Which Have Never Yet Been Tried kann ebenso mit einer Fülle von fundamentalen neuen Erkenntnissen aufwarten wie mit großen kleinen Momenten für die verschiedenen Klone. Während die Verschwörungs-Komponente von Orphan Black weiterhin sehr undurchsichtig bleibt, ist die Sehfreude doch ungebrochen.
Klon-Männer
Eigentlich hätte man sich in Anbetracht der Geschichte der Königstochter und Vierfachmutter Leda aus der griechischen Mythologie denken können, dass im Universum von Orphan Black irgendwann auch männliche Klone in Erscheinung treten würden. Dennoch ist es eine überraschende Wendung, als Sarah Manning (Tatiana Maslany) und die Zuschauer gleichermaßen erfahren, was - oder besser wer - genau sich hinter dem „Castor“-Ableger des Project Leda verbirgt.
Die Aussicht darauf, in einer dritten Staffel der Serie mit einer ganzen Armada von männlichen Doppelgängern konfrontiert zu werden, weckt gemischte Gefühle. Zum einen wird hier die Angst heraufbeschworen, der Fokus von Orphan Black könnte von den weiblichen Klonen und damit von der brillanten Tatiana Maslany abrücken. Wie die Schauspielerin auch in dieser Episode wieder unmissverständlich deutlich macht, handelt es sich bei ihr schließlich um das unangetastete Highlight der Serie. Auf der anderen Seite ist es aber mehr als beruhigend, dass mit Ari Millen ein Darsteller gefunden ist, der sich der schwierigen Aufgabe der verschiedenen Charakterinterpretationen ebenso für würdig erweisen dürfte.
Mark
Nach dem - zumindest vorübergehenden - Ausscheiden von Henrik Johanssen (Peter Outerbridge) und der Tatsache, dass sich Helenas Wege von Marks und Gracies (Zoé De Grand Maison) getrennt haben, hätte man kaum damit gerechnet, dass den beiden Prolethianern noch eine größere Bedeutung zukommen würde. Dennoch machen die Szenen, die das Liebespaar in ihrer neugewonnenen Freiheit zeigen, keinesfalles einen uninteressanten Eindruck. Dies ist neben den beiden Schauspielern besonders auch den Drehbuchautoren zu verdanken. So sind auch aus diesen vermeintlichen Nebenfiguren in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum greifbare Charaktere herangewachsen. Dementsprechend groß ist auch die Erleichterung darüber, dass sich nach diversen clever-irreführenden Andeutungen ausgerechnet Mark als Klon entpuppt - im Vergleich zu Paul (Dylan Bruce) ist dies sicherlich die bessere Wahl, wenngleich ich doch auch sehr gerne mit verschiedenen Varianten von Art (Kevin Hanchard) konfrontiert worden wäre...
Klon-Kinder
Während es leicht fällt, sich künftige Begebenheiten im Umfeld der verschiedenen „Marks“ auszumalen, ist es schwer zu sagen, welche Richtung die Serie wohl in Bezug auf die kleine Charlotte (Cynthia Galant) einschlagen wird. Glücklicherweise leisten sowohl die Nachwuchsschauspielerin Galant als auch die großartige Michelle Forbes in der Rolle der Ziehmutter Marian Bowles so gute Arbeit, dass man diesem Handlungsstrang optimistisch gegenüberstehen kann.
Klon-Party
Obwohl sein Charakter in diesem Staffelfinale leider nicht sonderlich viel zu tun bekommt, ist es doch schön, dass Art hier noch einmal auf der Bildfläche erscheinen darf. Das hat sich seine Figur im Verlauf der letzten Episoden schließlich mehr als verdient.
Gleiches gilt für Alison, ohne die die Klon-Party in Felix' (Jordan Gavaris) Apartment nicht den gleichen, bestechenden Eindruck hätte hinterlassen können. Die Tanz-Szene begeistert hier gleich auf mehreren Ebenen. Zum einen ist es sehr schön, einmal die Tänz-Stile ansehen zu können, mit denen sich Maslany laut eigener Aussage in ihre verschiedenen Charaktere hineinversetzt. Außerdem kann die Abteilung für Spezialeffekte bei diesem Aufeinandertreffen von gleich vier Klonen wieder einmal ihr ganzes Können unter Beweis stellen. Doch nicht zuletzt begeistert die Szene so ungemein, weil den Doppelgängerinnen hier endlich einmal eine kurze Verschnaufpause von den schrecklichen Komplikationen gegönnt wird, in die sie in der Serie so erbarmungslos verwickelt werden. Doch selbst inmitten der ausgelassenen Freude, die die kleine Familienvereinigung mit sich bringt, wird der Zuschauer durch einen kurzen Blick auf die geschwächte Cosima schnell wieder auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt.
Es stellt hier zwar eine große Erleichterung dar, dass die Wissenschaftlerin nicht nur den Gang ins Licht vertagt, sondern dass ihr mit Kiras (Skyler Wexler) Ausgabe von „The Island Of Dr Moreau“ zudem auch der Schlüssel für den Code zuzukommen scheint, mit dem Ethan Duncan (Andrew Gillies) sein Wissen über die geklonten Gene verschlüsselt hat. Doch während sich Cosima dadurch eine Chance auf Heilung präsentiert, wartet auf eine ihrer Schwestern bereits die nächste Katastrophe.
Klon-napping
Ausgerechnet in dem Moment, in dem sich Helena anschickt, ihrer großen Liebe Jesse nachzuspüren, wird sie - wieder einmal - das Opfer einer Entführung. Es wirkt etwas ermüdend, dass hierbei ausgerechnet Mrs. S (Maria Doyle Kennedy) und der frisch beförderte Paul ihrem Ruf als Doppelagenten zum wiederholten Male alle Ehre machen, indem sie Helena ans Militär ausliefern.
Obwohl es nicht ersichtlich ist, was die Hintermänner wohl mit Sarahs Zwillingsschwester vorhaben sollten, und obgleich die diffus verstrickten Interessen der verschiedenen Mächte dringend etwas mehr Klarheit vertragen könnten, wohnt auch dieser Begebenheit ein gewisser Reiz inne. Schließlich ist Helena immer für eine unterhaltsame Überraschung gut, wenn sie in eine Ecke gedrängt wird. Außerdem könnte eine Befreiungs-Task-Force den anderen Klonen wieder einmal die Gelegenheit zur Zusammenarbeit geben - falls sie Helenas Verschwinden denn dieses Mal überhaupt bemerken sollten.
Fazit
Das Staffelfinale By Means Which Have Never Yet Been Tried ist so spannend wie atmosphärisch. Während man auf die eine oder andere fieberhaft flackernde Abfolge von Schnitten auch gut hätte verzichten können, sind es vielmehr die kleinen Details, die einem die Nackenhaare zu Berge stehen lassen. So setzen Charlottes Beinschiene und Marians beiläufige Erläuterung, dass Kiras kleiner Tante vierhundert (!) gescheiterte Versuche vorangegangen sind, sehr wirkungsvoll ein gruseliges Kopfkino in Gang. Auch die Szenen, in denen Sarah wieder einmal die empathielose Macht von Dyad am eigenen Leibe erfahren muss, stimmen betroffen.
In Orphan Black kommt es zu einer so großen Fülle von neuen Entwicklungen, dass man darüber im Grunde genommen spektakuläre Passagen wie Sarahs Befreiung aus den Fängen von Rachel oder Duncans Selbstmord fast vergessen könnte. Aber eben nur fast. So wird hier zum einen der Charakter des höchst loyalen Scott (Josh Vokey) aufgewertet, der im „Team Cosima“ durchaus als vielversprechender Ersatz für die allem Anschein nach aussortierte Delphine (Evelyne Brochu) herhalten könnte.
Zum anderen bleibt auch die Szene von Duncans Dahinscheiden in Erinnerung, in der bei Rachel auf mitreißende und zutiefst authentische Weise das verlassene Kind zum Vorschein kommt. Hier trifft Maslany ebenso genau den richtigen Ton wie in dem schlichtweg herrlichen Blickwechsel zwischen Helena und ihrem „Schwesternbruder“: „Helena, did you burn down the fish people's ranch?“ („Helena, hast du die Farm der Fisch-Leute abgefackelt?“)
In Gestalt der verschiedenen weiblichen Klone sind dank Tatiana Maslany derartig faszinierende Geschöpfe herangewachsen, dass viele von ihnen wohl auch eine eigene Serie tragen könnten. Hinzu kommen Figuren wie Felix, Art oder auch Mark, die man ebenfalls nicht länger missen möchte. Obwohl einem zwischen Dyad, mysteriösen Militärs und Top Side schon einmal die Übersicht verloren gehen kann, und man inständig hofft, dass sich die Wahrheit, die durch die diversen Geheimnisträger verschleiert wird, am Ende der Verschwörungen für würdig erweist, möchte man der Serie doch in jedem Falle treu bleiben. Der Grundstein für eine vielversprechende dritte Staffel ist nach der vorerst letzten Episoden gelegt. Eine Verlängerung von Orphan Black sollte deswegen ebenso selbstverständlich sein wie die Emmy-Nominierung für ein überaus taktsicheres, gewisses Multitalent:
Making of einer besonders gelungenen Szene
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 23. Juni 2014(Orphan Black 2x10)
Schauspieler in der Episode Orphan Black 2x10
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?