Orphan Black 2x05

Der Titel Ipsa Scientia Potestas Est entstammt erneut den Werken von Francis Bacon und bedeutet so viel wie „Denn die Wissenschaft selbst ist Macht.“ Er passt gut zu der neuesten Episode von Orphan Black, in der sich die Machtverhältnisse durch neu gewonnenes Wissen verschieben. Während sich unerwartete Allianzen formieren, erhält der Zuschauer wieder abwechselnd die Gelegenheit, mitzufühlen, sich zu amüsieren und zu staunen.
Rachel
Rachel (Tatiana Maslany) verfügt seit ihrer Kindheit über das Wissen, ein Klon zu sein. Obwohl sie im Zuge dieser Erkenntnis eine mächtige Sonderstellung im Dyad Institute einnehmen konnte, betrachtet sie sich dennoch als ein Studienobjekt. Die ausgesprochene Härte, die sie dabei an den Tag legt, hat ihre Figur bislang eher wie einen Roboter wirken lassen, nicht wie ein fühlendes Wesen.
Zwar macht sie sich durch ihre „tough decisions“ („harten Entscheidungen“) in Bezug auf Cosima auch in Ipsa Scientia Potestas Est nicht unbedingt beliebt. Doch an anderer Stelle gewährt die Serie auch Einblicke in die menschlichere Seite des Klons. Zum einen ist Rachel sichtlich getroffen, als sie sich von ihrem ermordeten Beobachter Daniel (Matthew Bennett) verabschiedet. Zum anderen wird mit ihrer Sexualität eine weitere menschliche Facette offenbart.
Aus der Tatsache, dass Paul (Dylan Bruce) für Rachel dabei mehr als attraktives Requisit fungiert als ein Partner, könnte man allerlei Schlüsse ziehen. Kompensiert sie durch ihre dominante Kontrolle vielleicht die dehmütigende Ohnmacht, die mit ihrem Dasein als „Subjekt“ einhergeht? In jedem Falle ist man gespannt zu erfahren, was nach der behüteten Kindheit wohl mit Rachel geschehen ist, das sie ihrer Empathie so stark berauben konnte. Mit etwas Glück werden wir bereits in der nächsten Episode Genaueres erfahren. Schließlich befinden sich Helena und Sarah nun auf dem Weg zu Rachels Adoptivvater...
Tatiana und das Team
Immer wieder wird man von Maslanys vielschichtigem Spiel überwältigt. Sarah weint anders als ihre Zwillingsschwester. Die kalte Beherrschtheit Rachels steht wiederum in einem so krassen Kontrast zu Helenas kindlich-verbitterten Verhalten, dass man regelmäßig von der Erkenntnis überrumpelt wird, dass wir es hier mit ein und derselben Schauspielerin zu tun haben. Neben Maslany sind dafür selbstverständlich auch die Stylisten und die Fachmänner für die Spezialeffekte verantwortlich, die sich in dieser Episode von Orphan Black wieder einmal selbst übertreffen. Besonders eindrucksvoll ist in diesem Sinne die Versöhnungsszene von Helena und Sarah gelungen, in der Helena endlich, endlich etwas menschliche Nähe zuteil wird.
Helena und Felix
Während die Serie Alison in ihrer Entzugsklinik bedauerlicherweise keinen Besuch abstattet, ist es vor allem Helena und Felix (Jordan Gavaris) zu verdanken, dass dennoch der Humor nicht gänzlich zu kurz kommt. Helenas kulinarische Präferenzen sind dabei ebenso unterhaltsam wie die Art und Weise, in der sie ihre Bruderschwester Felix erschreckt. An anderer Stelle bringen die beiden Figuren aber auch eine tiefe Traurigkeit in die Handlung.
Während Helena noch völlig vom Missbrauch durch die Prolethianer traumatisiert ist, wird Fe das Opfer von Paul. Dank einer Glanzleistung von Jordan Gavaris beschwört es empörtes Mitleid herauf, ihn derartig verängstigt zu sehen wie in dem Moment, in dem Paul seine Fingerabdrücke auf einer Mordwaffe positioniert.
Gute Männer, schlechte Männer?
Wo wir gerade von Paul sprechen: Was hat es nur mit ihm auf sich? Wie konnte er nur in derartig kurzer Zeit von Sarahs Verbündetem zu Rachels Vollstrecker und Sexspielzeug mutieren? Während der Ex-Soldat durch den Übergriff auf Felix den Unmut von so manchem Zuschauer auf sich ziehen dürfte, zeigt sich Dr. Aldous Leekie (Matt Frewer) überraschend sympathisch. Zwar dürfte er mindestens so sehr am Fortschreiten seiner Forschung interessiert sein, wie an Cosimas Wohlergehen. Dennoch ist man dem Wissenschaftler doch dankbar dafür, dass er die potenziell lebensrettende Behandlung auch gegen Rachels ausdrücklichen Willen fortsetzt.
An einem anderen Ort erfüllen sich die Befürchtungen, dass auch der so großzügig und fürsorglich erscheinende Cal Morrison (Michiel Huisman) ein dunkles Geheimnis verbergen könnte. Der Blick auf eine versteckte Waffe und allerlei verdächtigen Papierkram in seinem Wohnmobil wird durch die entsprechende akustische Untermalung zwar zu einer dramatischen Wendung hochstilisiert. Dennoch macht ein Revolver durchaus Sinn, wenn man sich im Umfeld von Sarah Manning befindet. Die Hoffnung, dass Cal zu den „Guten“ gehört, muss man dementsprechend also noch nicht aufgeben. Wer weiß, vielleicht ist er ja „nur“ ein gewöhnlicher Krimineller aus dem Drogenbusiness. So fühlte ich mich beim Anblick seiner Gasmaske unweigerlich an einen gewissen Heisenberg erinnert...
Fazit
Es ist äußerst gelungen, wie in Ipsa Scientia Potestas Est der Sex zum Einsatz kommt. Auf Seiten von Rachel trägt die Sequenz maßgeblich dazu bei, dass man sich ein etwas genaueres Bild über den Klon machen kann, der sonst so verschlossen daherkommt. Die Szene mit Felix und dem Leichenbeschauer Colin (Nicholas Rose) trägt auf der anderen Seite eine charmante Leichtigkeit in sich und gewährt homosexueller Liebe mit der Selbstverständlichkeit Raum, die sie verdient.
Die Art und Weise, wie Paul momentan in Orphan Black porträtiert wird, ist - gelinde gesagt - verwirrend. Dennoch räume ich der Serie noch etwas Zeit ein, um die Entwicklung seines Charakters auf eine schlüssige Weise zu rechtfertigen.
Während man die Anwesenheit von Alison sträflich vermisst, sorgen die Prolethianer durch die drakonische Bestrafung von Gracie (Zoé De Grand Maison) für Aufsehen. Beim schaurigen Anblick der zugenähten Lippen hofft man inständig, dass Helena nicht noch einmal in die Fänge der Fanatiker geraten wird.
Wie im Falle von Paul muss sich die Serie auch in Bezug auf Cal erst noch beweisen. Bislang wirkt der Waffenfund nicht sonderlich vielversprechend, und es bleibt zu hoffen, dass Kiras (Skyler Wexler) Vater zumindest mit den Belangen der Klone nichts zu tun hat.
Trotz kleiner Problemstellen kann man den Fortgang der Handlung kaum erwarten. Schließlich befinden sich Helena und Sarah auf der Spur ihres Schöpfers, dem „Swan Man“ („Schwanenmann“). Alleine das Wissen um seine Existenz bedeutet, dass die Machtposition der übrigen genetischen Duplikate gegenüber Rachel gestärkt wird. Zudem wäre es äußerst interessant, mit seiner Hilfe mehr über die Besonderheiten im Erbgut der Klone zu erfahren. Für die beiden Zwillingsschwestern wünscht man sich nur, dass „der Ort der Schreie“, an dem sich der Wissenschaftler befinden soll, seinem Namen keine Ehre machen wird...
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 19. Mai 2014(Orphan Black 2x05)
Schauspieler in der Episode Orphan Black 2x05
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