Orphan Black 2x06

In To Hound Nature In Her Wanderings mündet der erquickliche Ausflug von Sarah (Tatiana Maslany) und ihrer Schwester Helena viel zu früh in der nächsten Eskalation. So hätte man den beiden ungleichen Zwillingen noch stundenlang dabei zusehen können, wie sie sich langsam näher kennenlernen. Allerdings ist es nicht ohne Reiz, mit Hilfe von Ethan Duncan (Andrew Gillies) tiefer in die Entstehungsgeschichte der Klone aus Orphan Black einzutauchen.
Endlich Leben
In der Episode gelingt es ausgesprochen gut, Helenas Charaterzeichnung voranzutreiben. Der Klon mag aufgrund seiner schrecklichen Vergangenheit zwar gewisse zwischenmenschliche Defizite aufweisen. Dennoch stellt Helena eine ausgereifte Menschenkenntnis unter Beweis, indem sie Sarahs Aufrichtigkeit trotz der tränenreichen Versöhnung hinterfragt: „If you knew where Swan Man was, you would leave me behind“ („Wenn du wüsstest, wo sich Swan Man befindet, würdest du mich zurücklassen“).
Trotz der fast greifbaren Skepsis zwischen Helena und Sarah sind sie doch untrennbar mit einander verbunden, was sehr hübsch durch die Positionierung der beiden in ihrem mutterleibartigen Zelt hervorgehoben wird. Helena wohnt eine derartig kindliche Unschuld inne, dass man nicht darum herumkommt, sie mit jeder Szene tiefer ins Herz zu schließen. Furchtbar charmant trällert sie, nicht gänzlich textsicher, zu Radiomusik oder erwärmt die Zuschauer und Sarah gleichermaßen durch Schattenspiele für sich. Als Helena in einem Pub schließlich an den grundsympathischen Jesse (Patrick J. Adams) gerät, leiht sie sich aus den Existenzen ihrer Schwestern Eckpunkte für ihren eigenen Lebenslauf. Obwohl auch die anderen Klone in der Vergangenheit leiden mussten, wird hier wieder ersichtlich, dass Helena von allen das Schlimmste hatte durchmachen müssen. Nie hatte sie die Gelegenheit, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, weswegen ihr die neugewonnene Freiheit ebenso vergönnt sein sollen wie die verschiedenen Alkoholika. Regelrecht euphorisch begegnet man zudem ihrer Annäherung mit dem vielleicht ersten Fremden, der aufrichtig an ihr als Mensch beziehungsweise als Frau interessiert ist.
Handlanger unter sich
Doch nicht nur die Schlägerei, die sich im Umfeld der Kämpfernatur und Ex-Auftragsmörderin Helena entspinnt, lässt jede Illusion von Normalität zerplatzen. Denn als Paul (Dylan Bruce) im Dämmerlicht der Kneipe auf Mark (Ari Millen) trifft, wird wieder unmissverständlich herausgestellt, wie sehr die Klone entmenschlicht und entrechtet werden. Paul schockiert durch seine unterkühlte Distanz zu Sarah so weit, dass der verblendete Mark von beiden Männern hier fast den liebenswürdigeren Eindruck macht. Dennoch ist man mehr als besorgt, als Helena sich erneut in die Obhut der Prolethianer begibt, um zu ihren „Kindern“ gebracht zu werden.
In der Klinik
Fast ebenso erquicklich wie die leichtherzige Interaktion zwischen Sarah und Helena ist die von Alison und Vic (Michael Mando) geraten, dem die „Flaschenversteckerin“ in ihrer Entzugsklinik begegnet. Die Tatsache, dass Alison den Kontakt zu Sarahs Exfreund sucht, ist bezeichnend. Ohne den hohen Grad ihrer Isolation und der Stress, den es für sie bedeutet, von ihren Kindern ferngehalten zu werden, hätte sie den Umgang mit einem derartig makelbehafteten Individuum sicherlich gemieden.
Obwohl es unterhaltsam ist, wie hier zwei vollkommen gegensätzliche Charaktere aufeinandertreffen, wohnt diesem Erzählstrang doch ein kleiner Wermutstropfen inne. Zwar rechtfertigt die Tatsache, dass Vic im Auftrag von Angie (Inga Cadranel) agiert, warum er und Alison so „zufällig“ aneinander geraten. Auf der anderen Seite hat sich Angies Figur - im Gegensatz zu der von Art (Kevin Hanchard) - noch nicht vollends im ohnehin sehr dicht bevölkerten Orphan Black-Universum etablieren können. Dementsprechend würde man wohl lieber mehr Zeit mit anderen Charakteren verbringen als mit der verhältnismäßig blassen und austauschbar erscheinenden Polizistin.
Ein verlockendes Team
Während Angie wenig mehr ist als eine Randerscheinung, kann man am Beispiel von Art und Felix (Jordan Gavaris) sehr schön erleben, wie gut in ihrem Falle die Charakterzeichnung funktioniert hat. Auch wenn sie nicht mit einem der Klone interagieren, sind die beiden Männer bereits so lebendig und greifbar geworden, dass sie einen auch eigenständig in ihren Bann ziehen.
Felix, der sich von dem Schock seiner Verhaftung mit Wodka erholt, macht hier einen ebenso authentischen Eindruck wie Art, der sich mit voller Inbrunst in die Nachforschungen stürzt. Obwohl der Humor in To Hound Nature In Her Wanderings großzügig auf die Mehrheit der Handlungsstränge verteilt ist, tragen die Szenen von Art und Felix auch dank der exquisiten Chemie zwischen den beiden Schauspielern Gavaris und Hanchard eine Extraportion Charme in sich.
Zusammenhalt im Club der Klone
Cosimas Erzählstrang profitiert weniger durch die ausgeweitete Rolle, die Scott (Josh Vokey) nun darin einnimmt, als durch die Gefühle, die in ihrem Gespräch mit Sarah zur Geltung kommen. Während Cosima zunehmend zu realisieren scheint, dass ihre Krankheit für sie den Tod bedeuten könnte, ist es schön, dass ihr dabei durch den Zusammenhalt mit den anderen Klonen der Rücken gestärkt wird: „Gemeinsam sind wir stärker.“
Mrs S
Mrs. S (Maria Doyle Kennedy) stellt in Orphan Black nach wie vor eine Größe dar, die sich kaum berechnen lässt. So macht ihre Verbindung zu Rachels Adoptivvater Ethan Duncan (Andrew Gillies) klar, wie tief sie in die Verschwörungen im Umfeld von Project LEDA verwickelt ist. Auf der anderen Seite begeistert die „Pussy Riot“-Sympathisantin, indem sie sich schützend und furchtlos zwischen Paul und Sarah in Stellung bringt.
Fazit
Durch den ausgezehrten Wissenschaftler Duncan und Sarahs Nachforschungen im Cold River-Archiv wird so deutlich wie selten zuvor hervorgehoben, dass die Klone das Ergebnis von menschenverachtenden Experimenten sind. Da man im Verlauf der Serie in den Genuss kommen konnte, die verschiedenen Doppelgänger in all ihren Eigenheiten kennenzulernen und als vollwertige Menschen ins Herz zu schließen, verliert man immer wieder die Hintergedanken aus den Augen, die überhaupt zu ihrer Kreation führten. Bilder von entstellten Embryonen, bei denen es sich ja in gewisser Weise um die Vorgänger von Sarah und den anderen handelt, sorgen hier ebenso für Beklommenheit wie Duncans Angabe, dass es das Ziel von Project LEDA gewesen sei, kleine Mädchen zu kreieren. Obwohl ich mich davor grusele, noch mehr über die Funktion zu erfahren, die die Klone erfüllen sollen, bin ich doch schon zu stark von dem Schicksal der Frauen betroffen, um jetzt noch die Augen vor der Wahrheit verschließen zu können.
Spätestens mit der Episode To Hound Nature In Her Wanderings kann man den Kreativen hinter Orphan Black nicht länger böse dafür sein, dass sie Helena von den Toten zurückgebracht haben. Ebenso staunend und fasziniert, wie sie die Welt betrachtet, die sich ihr für kurze Zeit öffnet, beobachtet das Publikum seinerseits Helena. Maslani und eine ausgeklügelte Inszenierung machen es möglich, dass ihr Intermezzo mit Jesse in keinem Falle überzeichnet daherkommt, sondern im Gegenzug tief berühren kann. Gleiches gilt für die Passagen zwischen Sarah und Helena im Zelt, die bestechend natürlichen wirken.
Als in dieser Episode altbekannte Charaktere in neuen Konstellationen an einander geraten, scheint sich die in der Serie dargestellte Welt auf verlockende Weise zu verdichten. Die Arbeit der Drehbuchautoren und der Schauspieler trägt gleichermaßen Früchte, da man trotz der Vielzahl von Handlungssträngen und Interessensgruppen nie die Übersicht oder gar das Interesse verliert.
Nachdem Dr. Aldous Leekie (Matt Frewer) in der jüngeren Vergangenheit dank seiner Zugeständnisse gegenüber Cosima für die Herzen der Zuschauer erwärmt wurde, werden er und die Neologisten innerhalb des Dyad Institutes nun von Duncan schwer belastet. Doch selbst wenn sich in Gestalt von Leekie nun tatsächlich ein schärferes Feindbild herauskristallisieren sollte, besteht sicherlich nicht die Gefahr, dass die Geheimnisse von Orphan Black in nächster Zeit erschöpft sein könnten.
Verfasser: Thordes Herbst am Montag, 26. Mai 2014(Orphan Black 2x06)
Schauspieler in der Episode Orphan Black 2x06
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