Orphan Black 1x06

In der Welt von Orphan Black grassiert weiterhin die Paranoia. Während das Misstrauen sich auf Seiten von Alison (Tatiana Maslany) in einer - gelinde gesagt - drastischen Herangehensweise manifestiert, entscheiden sich Cosima und auch Sarah dazu, dem Vertrauen den Vortritt zu lassen. Während die Episode Variations Under Domestication viele humoristische Elemente bereithält, kommen auch Kampf- und gar Foltereinlagen nicht zu kurz. Auch eine Prise zaghafter Romantik findet den Weg in die Handlung...
Zu Gast bei Familie Hendrix
Beth wurde von ihrem eigenen Freund überwacht und musste immer wieder Experimente über sich ergehen lassen. Diese erschreckende Erkenntnis führt auf Seiten von Alison, die in ihrer vorstädtischen Welt ein beschaulicheres Leben gewohnt ist, zu einer sehr harschen Reaktion. Niemanden scheint es stärker zu überraschen als sie selbst, dass sie ihren Ehemann Donnie (Kristian Bruun) - ihr high-school-sweetheart - mit einem Golfschläger niederstreckt. Ist der dickliche Mann, mit dem sie eine Familie gegründet hat, in Wirklichkeit ihr persönlicher „Beobachter“?
Die Art und Weise, wie Alison vor ihrem gefesselten Ehemann mit den verschiedenen Bastelscheren hantiert, führte aufseiten der Rezensentin zu einem deutlich hörbaren Prusten. So ist das Verhalten der Hausfrau eine herrliche Persiflage auf jede Foltervorbereitungsszene, die jemals inszeniert wurde. Alisons Gebrauch der Heißklebepistole passt ausgezeichnet zu einer Frau, die an die Grenzen ihres Fassungsvermögens getrieben wird und diese Extremsituation mit der Hilfe von Einflüssen aus dem Fernsehprogramm bezwingt. Trotz der stümperhaften Umsetzung, in der fraglos eine humoristische Wirkung mitschwingt, bleibt Folter immer noch Folter. In ihrem drastischen Verhalten gibt Alison einen Hinweis darauf, dass ihr Leben unter anderen Umständen auch anders hätte verlaufen können. So scheint sie das „Abenteuer Folter“ insgeheim auch ein klein wenig zu genießen...

Doch Alison lebt nun einmal nicht als Spezialagentin in Afghanistan, sondern mit zwei Kindern in „Suburbia“. Doch auch hier können sich Ausnahmezustände anbahnen - zum Beispiel in Form einer Nachbarschaftsparty zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt!
Neben Alisons unverkennbar dunkler Seite wird im Handlungsverlauf auf sehr clevere und subtile Weise ihre Hausfrauenroutine hervorgehoben. So bringt der Klon das Bändchen, an dem sie ein dekoratives „Off Limits“ Schild befestigt hat, um Donnie vor den Partygästen abzuschirmen, noch gewissenhaft mit einer Schere zum dekorativen Aufkringeln.
Durch ihr eigenes Potential zum Bösen und die unheilige Kombination von Alkohol und Tabletten übermannt, überlässt Alison es Sarah und Felix (Jordan Gavaris), die Heerscharen aus neugierigen Partygästen zu bändigen und generell die Lage zu retten.
Welten stoßen zusammen
Was man bereits hätte ahnen können, entpuppt sich als Wahrheit: Donnie ist tatsächlich „just... Donnie“. Zum Glück für Alison löst sich ihre folternde Eskapade in Donnies Schuldgefühl darüber auf, seine Frau eine Zeit lang betrogen zu haben. Größere Probleme als der sensible Pornofreund bringen da schon die Männer aus dem Leben von Beth und Sarah mit sich, die sich zu einem erquicklichen Stelldichein im Hause Hendrix zusammenfinden. Vic (Michael Mando), der sich nicht erst seit dem Verlust seines Fingers als eine der tragischsten Gestalten von Orphan Black entpuppt hat, muss neuerlich den Prügelknaben spielen. Gegen den aufgeputschten Militärfreak Paul kann er ungefähr so viel ausrichten wie ein morscher Baum gegen einen Tornado. Für Vic bleibt zu hoffen, dass er lernt, sich aus den Belangen der Klone herauszuhalten - bevor von ihm nur noch sein Torso übrig ist.
Die Gefahr durch den gierigen Kleinkriminellen ist dank einer Nagelpistole zwar vorerst gebannt. Doch Paul stellt ein gänzlich anderes Kaliber dar, weswegen Sarah schon fast nichts anderes übrig bleibt, als ihn ins Vertrauen zu ziehen. Dass sie Beths nach wie vor undurchsichtigem Freund nun die Wahrheit über die Klone gesteht, erweist sich - zumindest vorläufig - gleich in mehreren Aspekten als Glücksfall für die Handlung von Orphan Black. Zum einen verliert die Serie nicht eine ihrer vielversprechendsten Heldinnen an Pauls diabolischen Tablettencocktail, mit dem er wahrscheinlich eine weitere Lügengeschichte Sarahs bestraft hätte. Zum anderen könnte sich ein derartig fähiger Handlanger wie Paul noch als Segen für die „Orphans“ erweisen. Auf Hilfe sind die genetischen Ebenbilder definitiv angewiesen: Neben den religiösen Fanatikern aus dem Umfeld von Helena und den Wissenschaftlern, die sie als Laborratten missbrauchen, tritt in der Episode Variations Under Domestication scheinbar noch eine weitere mysteriöse Gruppierung in Erscheinung.

No risk, no fun?
Cosima hat es satt, sich in ihrer Existenz auf bloßes „Geek-Monkey-Tum“ zu beschränken. Obwohl sie ahnt, dass Delphines (Evelyne Brochu) freundliche Art mit Hintergedanken verbunden sein könnte, lässt sie sich auf die attraktive Frau ein.
So geschickt Cosima im Umgang mit wissenschaftlicher Materie ist, so unzulänglich erweist sich in diesem Zusammenhang ihre Menschenkenntnis. Statt sich mit Cosima an gestohlenem Rotwein und Gefühlsaufwallungen zu erfreuen, begibt sich Delphine - nach einem sehr intimen Abschiedsküsschen - schnurstracks zu dem etwas überzeichnet daherkommenden „Neolutionisten“ Dr. Aldous Leekie (Matt Frewer). In Anbetracht seines verdächtigen Forschungsgebietes ist es keine Überraschung, dass der Wissenschaftler keine dramaturgische Randerscheinung darstellt. Es liegt ebenfalls auf der Hand, dass sich das Interesse Leekies aus dem Wissen speisen muss, dass Cosima ein Klon ist. Die Frage, die der Cliffhanger dieser Episode aufwirft, ist also vielmehr, was er mit Cosima und ihren Doppelgängerinnen vorhat. Arbeitet er insgeheim mit ihren Schöpfern zusammen oder handelt der unheimliche „Neolutionist“ im Alleingang?
Fazit
Die Handlung von Orphan Black schreitet in dieser Episode etwas langsamer voran. Dafür gibt es allerhand amüsante Begebenheiten und auch Tatiana Maslany ist - wie immer - in Hochform. In Sarahs wütendem Rüffel an den gefesselten Donnie, mit dem sie sehr vehement Alisons Lebensentwurf verteidigt, wird deutlich, dass die Doppelgängerinnen trotz der unverkennbaren Unterschiede näher zusammenrücken. Eine möglichst stabile Alliaz ist in Anbetracht der vielen undurchsichtigen Interessensgruppen im Umfeld der Klone essentiell.
Mit Dr. Leekie kommt ein Element in die Handlung, das - abseits der Tatsache, dass wir es bei den „Orphans“ ja mit Klonen zu tun haben - bislang am stärksten dem Science-Fiction-Genre entspricht. Die weißen Augen von dessen Jüngern sind zwar selbstverständlich ebenso Geschmackssache wie der hochtrabende Wissenschaftler selbst. Aber wenn man ihn mit der bezaubernden Cosima vergleicht...? Komm schon, Delphine!
Kleine logische Makel wie die Tatsache, dass Vics Schreie in einem vollgestopften Haus ungehört verhallen, werden durch humoristische Glanzleistungen wie Alisons Aussage, Donnie sei momentan „tied up“ und „einfach alles“, was Felix macht, wieder wettgemacht. Zum Thema Felix: Wo ist er hin? Ob er sich wohl mit Chad (Eric Johnson), dem „quirlig“ anmutenden Ehemann von Alisons Freundin Aynsley (Natalie Lisinska) aus dem Staub gemacht hat? Da man zu diesem Zeitpunkt jeder Figur im Umfeld der Klone ein finsteres Doppelleben unterstellt, könnte sich dies durchaus als Glücksgriff erweisen...
Verfasser: Thordes Herbst am Mittwoch, 5. Juni 2013(Orphan Black 1x06)
Schauspieler in der Episode Orphan Black 1x06
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