Orphan Black 1x05

Alle Klone, die die Welt von Orphan Black bevölkern, weisen ihre ganz spezifischen Charakteristika auf. Sarah (Tatiana Maslany) begeistert vor allem durch ihre Straßenschläue, die warmherzige Cosima (auch Tatiana Maslany) brilliert durch ihr Fachwissen. Während selbst die wahnsinnige Helena (wer hätte es gedacht: Tatiana Maslany) als Opfer von perfiden Manipulanten Sympathien weckt, wächst der Rezensentin auch zunehmend die auf den ersten Blick anstrengende „Soccer Bitch“ Alison (na, wer wohl?) ans Herz.
Ode an die Soccer-Mum
Bereits in der vorangegangenen Episode Effects of External Conditions (1x04) hatte Alison im Umgang mit Kira (Skyler Wexler) bewiesen, dass ihr Herz am rechten Fleck ist, und dass sie zudem über ein ausgeprägtes Improvisationstalent verfügt. In der nun fünften Episode der Serie darf sie erneut als Comic Relief fungieren, indem sie vehement die Avancen ihres warmduschenden Ehemannes Donnie (Kristian Bruun) abschmettert. Darüber hinaus sorgt sie auch dadurch für einen bleibenden Eindruck, indem sie erst Sarahs Exfreund Vic (Michael Mando) mit Pfefferspray und Elektroschocker zu Leibe rückt und sich dann energisch daran macht, in Bezug auf ihren eigenen Ehemann investigativ tätig zu werden. Ihre misstrauischen Schnüffeleien fügen sich sehr harmonisch in den paranoiden Grundton ein, den diese Folge von Orphan Black innehat.
Verdacht und WTF
Dass Paul (Dylan Bruce) sein eigenes Haus zu Beginn der Episode so verstohlen betritt wie ein Einbrecher, wirkt zunächst wie ein billiger Trick, um Spannung zu erzeugen. Doch im Zusammenhang mit der Flut aus neuen Andeutungen und handfesten Erkenntnissen, die die rasch voranschreitende Handlung mit sich bringt, macht sein bedächtiges Auftreten wieder Sinn: Im Anschluss an die prickelnde Dusch-Sequenz und eine hübsche vogelperspektivische Betrachtung von Sarah und Paul sorgen wirre Traumbilder der schlafenden Kleinkriminellen für eine erste Verunsicherung der Zuschauer, die im Zuge dieser Episode auch nicht mehr abreißt. Nachdem man die Momentaufnahmen einer medizinischen Untersuchung zunächst entweder schlichtweg als Traum oder als Zeichen von Sarahs besonderer Verbindung zu Helena interpretieren würde, manifestiert sich in ihnen der wohl krasseste WTF-Moment, den Orphan Black bisher zu bieten hatte: Eine Elektrode im Mund von Sarah weist zweifelsfrei nach, dass die nächtlichen Untersuchungen tatsächlich stattgefunden haben!

Die generell etwas hysterische Alison zieht daraus einen beängstigenden Schluss: „We are like lab-rats in an illegal experiment!“ Und weil diese erbgleichen Laborratten allem Anschein nach direkt aus ihrem unmittelbaren Umfeld überwacht werden, begeben sich die Klone und die Zuschauer daraufhin gleichermaßen auf die Suche nach den „Beobachtern“.
Zwei Frauen und Fragen über Fragen
Obwohl sich in der Welt der Doppelgängerinnen doch gerade das komplette Chaos entfaltet, bleibt hie und da noch Platz für moralische Bedenken - darüber, dass Sarah mit Beths Freund geschlafen hat, oder in Bezug auf die Frage, ob es legitim ist, Beths private Briefe an Paul zu lesen.
Sowohl bei Sarah als auch bei Alison werden die Zuschauer im Zuge der Spurensuche immer wieder auf falsche Fährten geführt: Eigentlich hätte es Paul kaum entgehen können, wenn seine Bettnachbarin mitten in der Nacht für irgendwelche Experimente ausgeliehen worden wäre. Auf der anderen Seite wirkt seine erstaunte Reaktion über das wundersame Verschwinden von Beths Narbe doch so echt! Getreu der Frage „Wer ist eigentlich Paul?“ beäugt man nach und nach misstrauisch seinen Arbeitsplatz, sein spionierendes Treiben, seine Sekretärin, seinen militärischen Hintergrund und überhaupt alles.
Das gleiche Spiel vollzieht sich nicht minder abwechslungsreich auf Seiten von Alison: Besteht Donnies einzige Sünde am Ende vielleicht tatsächlich nur in dem heimlichen Konsum von Pornos? Aber was verbrennt der so duckmäuserisch anmutende Vorstädtler dann so konspirativ in der Dunkelheit?
Paranoia
Zu diesem Zeitpunkt ist die Rezensentin selbst so paranoid, dass sie sogar auf Seiten des grundsympathischen Felix (Jordan Gavaris) Verschwörungsgespenster sieht. Zum Glück ist der junge Mann, der vor seiner Tür steht, dann doch kein diabolischer Hintermann, sondern lediglich der nervöse Colin (Nicholas Rose) aus der Leichenhalle. Obwohl der Pathologe tatsächlich eine Affäre mit Felix beginnt, kann von einer totalen Entwarnung jedoch noch keine Rede sein. Das gleiche Misstrauen bringt man auch dem französischen Neuzugang Delphine (Evelyne Brochu) entgegen, der das Interesse von Cosima auf sich zieht. Handelt es sich bei ihr lediglich um ein harmloses love interest, oder ist die Wissenschaftlerin vielleicht doch ein gewichtiger Bestandteil der Anti-Klon-Verschwörung?

Offene Karten
Am Ende darf zumindest Vic in den Genuss von gleich zwei unabwendbaren, knallharten Wahrheiten kommen. So erfährt er nicht nur, dass seine Exfreundin Sarah noch lebt, sondern auch, dass sie ihn nie geliebt hat. Man muss seiner Figur dabei trotz der offenkundigen Makel unweigerlich ein wenig Mitleid entgegenbringen. Schließlich muss Vic nicht nur eine herbe Enttäuschung von der Frau hinnehmen, die er tatsächlich geliebt zu haben scheint, sondern wird fortan dazu gezwungen sein, neunfingrig durchs Leben zu gehen...
Auch in Bezug auf Paul gibt es am Ende scheinbar valide Erkenntnisse: Der vormals so blasse Charakter fungierte nicht nur als Beths Beobachter. Es wird zudem auch die Möglichkeit nahegelegt, dass die Polizistin sich seinetwegen das Leben nahm. Pauls offenkundiges Schuldgefühl bezüglich Beths Selbstmord könnte den Orphans noch gelegen kommen, um durch ihn Zutritt in die Welt der Hintermänner zu erhalten...
Fazit
Die Episode Conditions of Existence bringt derartig viele unerwartete Wendungen mit sich, dass man schon fast von einer Überdosis an Überraschungen sprechen könnte. Diese machen in der Welt von Orphan Black am Ende aber allesamt einen stimmigen Eindruck und treiben die Handlung auf unterhaltsame Weise in rasanter Geschwindigkeit voran.
Die ausgeprägte Spannung wird glücklicherweise von Zeit zu Zeit aufgelockert. Neben dem bewährten Mittel des Humors, kommen bei der ersten echten Wiedervereinigung von Kira und ihrer Mutter dabei auch große Gefühle zum Einsatz. Eine andere erquickliche Abwechslung zum Irrsinn der Klonwelt stellt zudem Vics atmosphärische Auseinandersetzung mit seinem Koks-Dealer dar, die Orphan Black zeitweise in ein Gangster-Format verwandelt.
Bis zur nächsten Episode können sich die Zuschauer die Zeit mit einer Reihe von neuen Fragen vertreiben: Wie haben die Hintermänner Paul zur Zusammenarbeit gezwungen? Und wer ist der Mann, der sich in einem schummrigen Raum um die entkräftete Helena kümmert?
...und last, aber ganz sicher not least: TATIANA MASLANY.
Verfasser: Thordes Herbst am Mittwoch, 5. Juni 2013(Orphan Black 1x05)
Schauspieler in der Episode Orphan Black 1x05
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?