Orphan Black 1x04

Sarah (Tatiana Maslany), die als Heldin im Zentrum von Orphan Black steht, muss sich in der vierten Episode der Serie gleich mit einer ganzen Reihe von kniffligen Brandherden herumschlagen. Neben den Gefahren, ihre Tochter zu verlieren oder bei ihrer Verkörperung von Beth aufzufliegen, stellt ausgerechnet ein genetisches Ebenbild die größte Bedrohung dar.
Der Racheengel
Das Bild, das der verwundete „Shakira-Klon“ Helena, der so stoisch Sarahs Worte „I am not Beth“ vor sich hin murmelt, mit ihren Narben und den blutverschmierten Gummihandschuhen abgibt, ist furchtbar gruselig. Es ist etwas verwunderlich, dass der kleine Junge, der die Frau im Badezimmer seines Elternhauses ertappt, ihr so anstandslos ins Licht folgt.
Zum Glück für den kleinen Trevor (Jack Fulton) dehnt sich Helenas Hass auf die Klone nicht auf den Rest der Menschheit aus. Als „angry angel“ stellt sie ihren Doppelgängern aus religiösem Fanatismus nach, um Gottes heilige Schöpfung von den abartigen Klonen zu befreien, die in ihren Augen mit Satan im Bunde zu stehen scheinen. Trotz ihrer Mordserie, der zuletzt auch Katja zum Opfer fiel, ist Helena in erster Linie ein Opfer: Der Hass auf die Klone entlädt sich bei ihr in furchtbarer Selbstkasteiung, mit der sie versucht, sich „in den Augen Gottes“ zu rehabilitieren. Die Schnitte, die ihren Rücken verunstalten, wirken dabei wie eine traurige Variante von Engelsflügeln. Überhaupt gibt diese rotäugige Variante Sarahs, die durch bislang unbekannte Hintermänner in eine mordende Marionette verwandelt wurde, in ihrem Wahn ein sehr mitleiderregendes Bild ab. Sarahs Polizeikollegen spekulieren darüber, dass Helena, der „churchy psychopath“, als Kind das Opfer von Missbrauch wurde. Ihr Charakter, der durch Maslany in einer Mischung aus Verletzlichkeit und Wahn porträtiert wird, bringt in ihrem grimmigen Ehrgeiz einige der besten Szenen von Effects of External Conditions hervor.
Eindringling
In einer unerwarteten Wende macht sich Helena, die ihre blonden Locken unter einer Mütze verbirgt, geradewegs auf den Weg in die Höhle des Löwen: Im Polizeirevier gibt sie sich nicht nur als Beth aus, sondern taucht regelrecht in das Leben ihrer „Schwester“ ein. So verspeist sie einen angebissenen Muffin und ordert Beths Freund Paul (Dylan Bruce) herbei, wobei sie ihren Akzent am Telefon geschickt kaschiert.
Als Sarah später zu ihrem Arbeitsplatz zurückkehrt, wird deutlich, dass sie sich bereits ein Stück weit mit der Rolle der Beth identifiziert. So scheint sie Beths Schreibtisch nun als ihr Revier zu betrachten und legt zudem in Bezug auf Paul mittlerweile einen Beschützerinstinkt an den Tag.

Zum Thema Paul: Dass ihm seine Freundin nun besser gefällt, als es bei der echten Beth der Fall war, ist kaum nachvollziehbar. Sollte diese Einschätzung etwa alleine in dem einen sexuellen Aufeinandertreffen mit Sarah begründet liegen? Allzu viele andere Gelegenheiten, „die Neue“ kennenzulernen, hatten sich ja bislang nicht ergeben..
Unheilschwangere Andeutungen
Als sich „Soccer-Bitch“ Alison und Sarah auf Grundlage des zurückgegebenen Geldes und ihrer Mutterschaft etwas näher kommen, offenbart sich der Grund dafür, warum Gemma (Millie Davis) und Oscar (Drew Davis) keine Ähnlichkeiten mit ihren Eltern aufweisen: Die beiden sind im Gegensatz zu Sarahs leiblicher Tochter Kira (Skyler Wexler) adoptiert. Diese Tatsache lässt aufgrund von Sarahs außergewöhnlicher Herkunft die Sorge aufkommen, dass mit dem Mädchen genetisch betrachtet etwas nicht stimmen könnte...
Doppeltes Lottchen
Neben den vielen und teils lebensbedrohlichen Nachteilen, die eine Existenz als Klon in der Welt von Orphan Black nach sich zieht, gibt es auch positive Seiten: Während sich Sarah bemüht, als Beth sich und ihre genetischen Ebenbilder zu beschützen, kann Alison als ihre Vertreterin bei Mrs. S (Maria Doyle Kennedy) einspringen.
Verschwörung
Auf mitreißende Weise verwirren sich mehrere verlockende Erzählstränge, die nicht nur Sarah allesamt ins unabwendbare Verderben zu bugsieren scheinen: Helena ringt Beth - also Sarah - auf einem Video das Geständnis ab, Maggie Chan absichtlich getötet zu haben. An dieser Stelle sind bereits so viele Unsicherheiten gesät, dass man sich auf einmal nicht mehr sicher sein kann, dass tatsächlich Beth die Frau erschossen hat. Die Tatsache, dass Helenas Messer das gleiche Symbol wie der Nacken der toten Asiatin aufweist, kündet ebenso von einer weitreichenden Verschwörung wie der Unbekannte, der die entkräftete Osteuropäerin am Ende der Episode mit sich nimmt. Helenas Niedergang wird dabei durch den Einsatz von Tiefenschärfewechseln sehr gekonnt und stimmig inszeniert und verhilft Effects of External Conditions zu einem beklemmenden Ausklang.

Altruistische Alison
Auch in der vierten Episode von Orphan Black kommt erquicklicher Humor nicht zu kurz. Neben dem nacktärschigen Witz-Garrant Felix (Jordan Gavaris) zeichnet dieses mal ausgerechnet die prüde Alison dafür verantwortlich: Obwohl Tatiana Maslany offensichtlich alle Klone gleichermaßen verkörpert, ist es für die Zuschauer sehr offenkundig, dass wir es im Hause von Mrs. S nicht tatsächlich mit Sarah zu tun haben, sondern mit einer Alison, die dadurch einige Sympathien gewinnt. Dabei fällt es immer schwerer zu glauben, dass der kiffende Nerd Cosima und Psycho-Helena tatsächlich nicht von zwei verschiedenen Darstellerinnen porträtiert werden. Welch großes Kunststück, das Maslany damit vollbringt!
Clevere Kira
Während Alisons Bemühungen, als Sarah durchzugehen, sogar die kritische Mrs. S überzeugen können, kann sie Kira nicht täuschen: „You are not my mother.“ Vielleicht kann man die Tatsache, dass dem Mädchen der Schwindel sofort auffällt, noch irgendwie durch einen töchterlichen Instinkt rechtfertigen. Doch dass sie dann auch noch geistesgegenwärtig „mitspielt“ und sich von Alison mit den Worten „Bye mommy“ verabschiedet, scheint von einem derartig kleinen Kind doch reichlich viel verlangt. In Anbetracht der neuen Brisanz, die Kiras Mitwisserschaft in die Handlung bringt, kann über diese unplausible Begebenheit aber leicht hinweg gesehen werden.
Fazit
Die Episode Effects of External Conditions kommt einem rasanten Ritt nahe, bei dem den Science-Fiction-Elementen durch die Einbindung in den Polizeialltag geschickt zu einem größeren Maß an Glaubhaftigkeit verholfen wird. Immer wieder kann Orphan Black die Zuschauer mit unvorhersehbaren Wendungen bescheren, wobei besonders Sarahs Kündigung als Cop hervorzuheben ist. Nach Helenas Besuch im Revier ist ihre Entscheidung zwar mehr als nachvollziehbar, doch nun bleibt den Orphans vorerst das Wissen über den polizeilichen Ermittlungsstand verwehrt.
Auch an der Klon-Front gibt es interessante Entwicklungen. Neben den Anzeichen, die auf eine mächtige Verschwörung hinweisen(„Maggie helped make you“), bringt Helenas religiöser Eifer ein Element mit sich, das so unerwartet wie verlockend ist. Die Tatsache, dass der blonde Klon ausgerechnet zu Sarah eine besondere Verbindung wahrnimmt, verleitet ebenso zum mitfiebern wie der Charakter des Art (Kevin Hanchard), der nach Beths aktuellster Unberechenbarkeit sicherlich nicht untätig verharren wird. Ach, und Maslany, Maslany, Maslany...
Verfasser: Thordes Herbst am Dienstag, 4. Juni 2013(Orphan Black 1x04)
Schauspieler in der Episode Orphan Black 1x04
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