Mad Men 6x01

Der Titel der Auftaktepisode der sechsten Staffel von Mad Men gibt die dramaturgische Orientierung der gesamten Folge vor: The Doorway. Roger Sterling (John Slattery) darf sich erst über seinen Therapeuten lustig machen, bevor er sich vor diesem unweigerlich psychologisch entblößt. In nur schwer verständlicher Form gibt er seine kruden Metapher zum Besten, wodurch er schnell verrät, dass er in seinen stillen Stunden - und das sind gewiss nicht viele - verzweifelt auf der Suche nach dem Sinn des Lebens ist.
Der ewige Kindskopf
Offensichtlich hat er diesen noch nicht gefunden. Also vertreibt er sich die Zeit damit, Sprüche zu klopfen, Kollegen jovial aufzuheitern und den Zuschauer mit der einen oder anderen Referenz aus der unendlichen Weite des Popkosmos zu beglücken. Dieses Mal erwischt es Don Draper (Jon Hamm), der gerade frisch gebräunt und gut erholt aus dem Hawaii-Urlaub zurückgekehrt ist. Er muss sich von Roger fragen lassen, ob er von Ernest Borgnine mit einem Klappmesser verfolgt wurde.

Sterling spielt damit auf eine Szene aus dem Hollywoodklassiker „Verdammt in alle Ewigkeit“ („From Here to Eternity“) aus dem Jahre 1953 an („God, how I love that movie“). Die Szene wurde auch schon bei The Simpsons in der Episode Boy-Scoutz 'N the Hood parodiert, als Ernest Borgnine sich selbst sprach und sein Charakter in der Serie versuchte, einen Bären mit einem Schweizer Taschenmesser zu verjagen.
An Don jedenfalls prallen Rogers Frotzeleien ab, genau wie die kleinen Sticheleien durch Pete Campbell (Vincent Kartheiser), der sich einen Spaß daraus macht, Don gleich am ersten Arbeitstag an seine ausgedehnten Mittagsschläfchen zu erinnern. Auch für einen kurzen amüsanten Einwurf ist Campbell zu haben: „So, they treat you like King Kamehameha?“ Mad Men startet mit so vielen kleinen Anspielungen und Querverweisen, dass die Tableiste des Browsers schnell aus allen Nähten zu platzen droht.
Schon zu Beginn der Episode bekommt man so größte Lust, sich in Dante Alighieris „Göttliche Komödie“ zu vertiefen, nur weil Draper im Voice-over daraus vorliest. Konzentriert blättert Don im ersten Teil - „Inferno“ - des Hauptwerks des italienischen Dichters, während Ehefrau Megan (Jessica Paré) luftige Belanglosigkeiten von sich gibt. Die beiden befinden sich zwar im Weihnachtsurlaub auf Hawaii, doch können weder regelmäßiger Sex, Drogenkonsum oder die Meeresbrise Don auf fröhliche Gedanken bringen. Der Beau bleibt merkwürdig schweigsam.
Der ewige Zweifler
Hinzu kommt eine nächtliche Begegnung mit einem Soldaten, der Don merkwürdigerweise darum bittet, an seiner Hochzeit im allerkleinsten Kreis am nächsten Morgen teilzunehmen. Über ihre erste offensichtliche Gemeinsamkeit, der Teilnahme an Kriegen - Don in Korea, Dinkins in Vietnam - kommen sie ins Gespräch. Für Don ist das jedoch alles andere als erleichternd. Die gesamte Zeit scheint eine dunkle Wolke über seinem Kopf zu hängen. Erst zum Ende der Episode wird diese auch mit einem Spruch garniert: „In life, we often have to do things that just are not our bag.“
Spätestens da wird deutlich, um was es sich in der neuen Staffel von Mad Men drehen wird. Don Draper befindet sich in einer tiefen Sinnkrise. Seine Vergangenheit holt ihn immer wieder ein, der große Lebensbetrug zehrt an seiner psychologischen Konstitution. Während er jedoch im Gegensatz zu Sterling viel zu stolz ist, sich vor einem Psychologen zu offenbaren, nagt sich das schlechte Gewissen Stück für Stück in den Vordergrund seines Denkens. Dies führt auch dazu, dass er seine eigene Zukunft infrage stellt. Deutlich wird dies vor allem durch die Traumsequenz, in der er sich vorstellt, der Concierge (Ray Abruzzo) seines Apartmentgebäudes falle plötzlich tot um.

Auch Drapers Exfrau Betty (January Jones) darf einer interessanten Begegnung beiwohnen. Ihre aufmüpfige und sich mitten in der Pubertät befindende Tochter Sally (Kiernan Shipka) hat eine Freundin zur Übernachtung eingeladen. Zuerst äußert sich Betty in verstörend makabrer Weise gegenüber ihrem Ehemann Henry Francis (Christopher Stanley) über das 15-jährige Mädchen. Dann begegnet sie dieser des Nachts am Küchentisch: Beide können nicht schlafen. Was sich jedoch als belanglose Konversation im Halbschlaf ankündigt, hat es plötzlich in sich.
Erst einmal raucht die Kleine ganz ungeniert eine Zigarette, dann eröffnet sie Betty ihre düstere Sicht der Welt, vor allem des klassischen amerikanischen Familienmodells in der Vorstadt. Sie wolle viel lieber in New York wohnen und dort ein aufregendes Leben führen. Mit einiger interpretativer Fantasie lässt sich schlussfolgern, dass anhand der Figur erste aufkeimende Ansätze des modernen Feminismus behandelt werden.
Vielleicht ist sie aber auch nur ein verzogenes Gör. Trotzdem bringt sie Betty - analog zu Don - zum Nachdenken: „Why don't you just be the way you are?“ Zudem scheint sie für ihr Alter über eine besondere Reife, Intelligenz und vor allem Menschenkenntnis zu verfügen: „People are naturally democratic if you give them a chance.“ Betty jedoch fällt dazu nicht mehr ein als folgender lapidarer Kommentar: „Are you on dope?“
Die Episode ergeht sich also zu großen Teilen in philosophischer Reflexion. Daneben wird gleichzeitig das tägliche Geschäft porträtiert. Peggy Olson (Elisabeth Moss) darf sich mit einem allzu sensiblen Kunden herumschlagen und Roger Sterling erhält die Nachricht vom Tod seiner Mutter, was ihn aber nicht sonderlich aus der Bahn zu werfen scheint. Beide sorgen für mehrere witzige Momente, wie überhaupt der ganze Auftakt trotz schwermütiger Thematik doch recht entspannt daherkommt.
Fazit
Serienschöpfer Matthew Weiner hat sich höchstselbst dem Schreiben des Drehbuchs für den Auftakt der sechsten Staffel angenommen. Er schafft dabei eine gelungene Mischung aus lockerer Einführung der Figurenkonstellationen und erster Andeutung der dramaturgischen Stoßrichtung der kommenden Folgen.
Die zahlreichen Referenzen und Querverweise, die sich auf nahezu alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens beziehen - Politik, Kunst, Geschichte, Medizin - sind in ihrer Vielzahl unmöglich auf begrenzter Seitenanzahl unterzubringen. In Peggys Worten: Die einzelne Auflistung käme einem gigantischen non sequitur gleich.
Das Erzähltempo ist ruhig, die Aufnahmen routiniert inszeniert. Kleine Details in der Bildkomposition bringen das Retroherz zum Springen, aber das ist bei Mad Men nun wirklich keine neue Nachricht.
Don Draper wird sich also höchstwahrscheinlich die Sinnfrage stellen. Zu erwarten ist daher auch, dass seine Ehefrau Megan, die als Schauspielerin erste Erfolge feiert, darunter zu leiden haben wird: „What's the difference between a husband knocking on a door and a sailor getting off a ship? About ten thousand volts.“ Ach Don, „we just ,want you to be yourself'.“
Verfasser: Axel Schmitt am Dienstag, 9. April 2013(Mad Men 6x01)
Schauspieler in der Episode Mad Men 6x01
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