Game of Thrones 7x04

© aenerys (Emilia Clarke, m.) in „The Spoils of War“ (c) HBO
Im Vorfeld der siebten Staffel von Game of Thrones wurde bekannt, dass die Zuschauer sich in diesem Jahr auf ein paar der längsten Episoden einstellen können, die die Fantasyserie von HBO jemals hervorgebracht hat. Ohnehin hat man in den letzten Jahren den Eindruck gewonnen, dass die Folgen der Mammutproduktion mit Blick auf ihre Laufzeit eher umfangreicher geworden sind. Da überrascht es schon fast ein wenig, dass uns jetzt, in der finalen Phase des Epos, mit The Spoils of War eine der bislang kürzesten Episoden von „Game of Thrones“ erwartet.
Regisseur Matt Shakman (It's Always Sunny in Philadelphia), ein Neuling in der „GoT“-Familie, weiß die gut 49 Minuten Spielzeit aber sehr clever zu nutzen - und präsentiert uns letzten Endes ein Spektakel, das unter die Haut geht. Der finale Akt von „The Spoils of War“ stellt eine der aufregendsten, mit Sicherheit kostspieligsten und mitreißendsten Sequenzen dar, die die Serie je fabriziert hat. Auf dem Weg dorthin serviert man uns eine von außen betrachtet eher verhaltene Familienwiedervereinigung, die jedoch unter der ruhigen Fassade ein extrem emotionales Gewicht in sich trägt, sowie einige Szenen, die sich mit den Ereignissen aus der letzten Folge (The Queen's Justice) beschäftigen.
Stranger things have happened
Tatsächlich sind es diese „Lückenfüller“, die dafür sorgen, dass meine Bewertung der Episode nicht überschwänglich positiv und etwas niedriger ausfällt. Viel gibt es an „The Spoils of War“ eigentlich nicht auszusetzen: das flotte Erzähltempo fesselt einen durchgehend an die Mattscheibe, dezente Charaktermomente rufen uns mal wieder gekonnt die komplexe Historie der Serie und ihrer Charaktere in Erinnerungen. Doch manch eine Szene fühlt sich so an, als würden wir inmitten all der Aufregung ohne Grund kurz auf der Stelle treten, als würden wir sie eigentlich gar nicht benötigen. Dieser sehr subjektive Eindruck entsteht bei mir zum Beispiel beim erneuten Aufeinandertreffen von Cersei (Lena Headey) und dem „Iron Banker“ Tycho Nestoris.
Welch eine Freude es ist, Mark Gatiss erneut in dieser Rolle komplett aufgehen zu sehen! Andererseits fühlt sich dieses Gespräch zwischen den beiden, wie es denn zwischen der Krone und den Financiers von Braavos weitergehen soll, für mich mehr wie eine Art Einschub als eine richtige Szene an. Als würde man schnell ein paar Informationen für uns da lassen, was sicherlich notwendig ist, in der Vergangenheit aber schon etwas organischer gelang. Das erbeutete Gold der Tyrells begleicht auf einen Schlag die Schulden der Krone bei der Iron Bank, diese kontemplieren neue Investitionen in diesem Krieg und freuen sich auf eine Zusammenarbeit mit Cersei, welche wiederum ihre Fühler schon nach weiteren Möglichkeiten ausstreckt (zum Beispiel die Golden Company, eine berüchtigte Söldnerarmee aus Essos), die ihr bei der Erfüllung ihrer Ziele von großen Nutzen sein könnten.
A good heart
Interessant ist das allemal, gleichzeitig lädt man aber auch einfach mal fix ein paar Nebeninformationen ab, die ein klein wenig redundant wirken. Ähnlich geht es mir bei ein paar Szenen auf Dragonstone, wo wir zwar hinsichtlich Jons (Kit Harington) Bemühungen um den Abbau von Dragonglass Fortschritte machen und Daenerys (Emilia Clarke) immer mehr von seinen „Ammenmärchen“ überzeugt wird. Aber ich kann mich auch nicht wirklich dem Gefühl erwehren, dass wir uns bei der Diskussion der beiden, wer denn nun als Erstes nachgibt, etwas im Kreis drehen.
Der kleine Moment mit Missandei (Nathalie Emmanuel) (die ein wenig peinlich berührt ist, als Daenerys bezüglich ihr und Grey Worm nachfragt) hätte derweil genau so oder eventuell sogar besser in die letzte Episode gepasst, um Jon ein anderes Bild von Daenerys zu geben. Nicht falsch verstehen, die Szene ist gut gespielt und wichtig, um Jons Verständnis für seine mögliche Alliierte zu schärfen - ganz zu schweigen von dem glänzend aufgelegten Liam Cunningham, der sichtlich Spaß in seiner Rolle als Berater von „King Jon“ hat -, aber hätten wir das alles nicht schon früher haben können?

A different world
Das klingt jetzt alles vielleicht etwas harsch und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass viele Zuschauer keinerlei Probleme mit diesen kleinen, etwas isolierten Momentaufnahmen in The Spoils of War haben. Möglicherweise ist meine Kritik an diesen auch nur das Ergebnis meiner Sorge, dass wir uns sehr nah an dem vermeintlichen Ende der Saga befinden und die Macher von Game of Thrones ihre begrenzt zur Verfügung stehende Zeit eventuell nicht effektiv genug nutzen. Auf der anderen Seite, und diese überwiegt in „The Spoils of War“, zeigen eben jene Macher aber auch, dass sie ein hervorragendes Gespür für eine sehr effektive Erzählung haben und meine Befürchtungen unberechtigt sind.
Beispiel Winterfell. Zur Überraschung einiger Zuschauer kehrt Arya (Maisie Williams) nun doch in ihre Heimat zurück, begleitet von einem traumhaften Musikstück, nachdem viele fest davon ausgegangen sind, dass sie es ihrem Direwolf Nymeria gleichtut und weiter wild umherstreift, und zwar in Richtung King's Landing. Aber nein, Staffel sieben bleibt die Staffel der Heimkehr und Wiedervereinigung der Starks. Nachdem Arya zwei eher tumbe Wachen an den Toren von Winterfell hinter sich gelassen hat und für einen kurzen Moment ihre Heimkehr genießt, trifft sie nach vielen Jahren in den geschichtsträchtigen Krypten der Familie Stark auf ihre Schwester Sansa (Sophie Turner). Die Emotionen kochen bei Weitem nicht so hoch, wie beim Aufeinandertreffen von Sansa und Jon (die unterschiedlichen Umstände sind auch nicht vergleichbar), die Strahlkraft dieser Szene ist trotz weniger Worte aufgrund vielsagender Blicke aber immens.
Before and after
Es hilft, wenn man sich in Erinnerungen ruft, wo die „Reise“ für beide Charaktere zu Beginn der Serie begann. Die Stark-Schwestern haben sich aufgrund ihrer gegensätzlichen Charaktere nie besonders zueinander hingezogen gefühlt. Sansa träumte stets, eine angesehene Edeldame, treue Ehefrau und Mutter zu werden, während Arya sich vornahm, diesen Weg vehement zu meiden und ein unabhängigeres Leben führen wollte. Nun stehen sich beide nach langer Zeit gegenüber, mustern und beäugen sich, und drücken durch ihre Blicke ihren großen Respekt voreinander aus, weil beide ohne viele Erklärungen wissen, was die jeweils andere für eine beschwerliche Entwicklung hinter sich hat. Doch sie haben allen Herausforderungen getrotzt, sie sind durch diese gewachsen und haben überlebt.
Und die Reise ist noch nicht zu Ende. Sowohl Arya als auch Sansa sind zielgerichtet und fokussiert und verplempern ihre kostbare Zeit nicht mit Erinnerungen an die Vergangenheit, in der alles so simpel und schön gewesen ist. Es handelt sich um ein Paradebeispiel des klassischen „Show, don't tell!“-Prinzips, und es ist ungemein spannend, kleine Gesten, sei es nur eine einfache Umarmung, und vieldeutige Blicke zu interpretieren, zu lesen und sich gedanklich mit dem Werdegang dieser Figuren zu beschäftigen. Gleichzeitig kehrt mit Arya in Winterfell aber auch eine neue Art der Unruhe ein, ein Gefühl, dass sich in diesen Mauern alsbald etwas zutragen könnte, das für große Spannungen sorgen wird.
Daggers in the dark
Bereits letzte Woche schrieb ich, dass Bran (Isaac Hempstead Wright) ein neuer, unberechenbarer Faktor vor Ort ist. Sein kühler Abschied von Meera (Ellie Kendrick) bricht einem fast das Herz, doch er kann offensichtlich nichts für seine Empathielosigkeit, hat er doch seine Persönlichkeit komplett eingebüßt. Auch Arya wird kühl von ihm begrüßt, während gleichzeitig der Eindruck entsteht, dass er Dinge weiß - über die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft -, die früher oder später von großer Bedeutung werden könnten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass der Catspaw-Dolch, mit dem auf Bran in der ersten Staffel ein Attentat verübt werden sollte, in den Händen von Arya nicht noch eine sehr wichtige Rollen spielen wird. Diese Waffe löste eine furchtbare Kettenreaktion aus, es wäre nahezu poetisch, wenn sie zumindest einen Teil davon beenden würde. Vielleicht ja das Leben von Littlefinger (Aidan Gillen), über dessen Machenschaften Bran ganz genau Bescheid weiß, wie das Zitat „Chaos is a ladder...“ andeutet. Dass noch einmal explizit darauf hingewiesen wird, dass der Dolch aus valyrischen Stahl besteht, klingt ebenfalls verräterisch...
Abermals arbeitet Regisseur Matt Shakman mit vielen kleinen, ambivalenten Aufnahmen, die zur Spannung und der unsicheren Situation im Norden beitragen. Aufgelockert wird das Ganze etwas durch den sehenswerten Sparringskampf zwischen „Water Dancer“ Arya und Hünin Brienne (Gwendoline Christie). Letztere hat ihren Schwur gegenüber Catelyn Stark nun erfüllt und staunt nicht schlecht, wie sich Arya (dank ihrer Ausbildung durch „no one“) zu Wehr setzt. Ähnlich beeindruckt ist Sansa, in deren Gesicht sich aber auch andere Emotionen zeigen. Frust und Eifersucht, weil Arya so eine talentierte Kämpferin ist und sie nicht? Argwohn und Misstrauen, aus welchen persönlichen Gründen auch immer? Sansa hat andere Talente, das muss ihr bewusst sein. Der durchtriebene Littlefinger wittert indes mal wieder, dass hier eventuell eine Chance liegen könnte. So scheint es zumindest.

The Queen we chose
Während im Norden von Westeros viele Emotionen sehr subtil vermittelt werden und man als Beobachter sich seinen eigenen Reim aus dem Verhalten der Charaktere machen muss, platzt es auf Dragonstone aus Daenerys (Emilia Clarke) letztlich heraus. Nachdem Jon ihr in den Höhlen unter der Festung nicht nur eine gewaltige Dragonglass-Ader, sondern auch alte Malereien der Children of the Forest und den ersten Menschen von Westeros gezeigt hat, wie sie gemeinsam gegen die White Walker (im Rahmen der Long Night) kämpften, verliert die Mother of Dragons die Geduld. Die Kunde von der De-Facto-Niederlage der Unsullied in Casterly Rock bringt das Fass zum Überlaufen. Sie hat genug von cleveren Plänen und feuert ein paar giftige Kommentare in Richtung Tyrion (Peter Dinklage) ab, dessen Strategie schön nach hinten losgegangen ist. Nun will sie endlich selbst anpacken, doch auch Jon rät ihr, nicht King's Landing zu zerstören, da sie so die Bevölkerung von Westeros nie auf ihre Seite ziehen kann.
Noch bevor Theon (Alfie Allen), der aus guten Gründen ziemlich heftig von Jon am Schlawittchen gepackt wird, ihr von Eurons Angriff und Yaras Gefangennahme berichten kann, ist Daenerys unterwegs, um ihren Alternativplan durchzuführen. Und so beginnt sie eine wilde, feurige Achterbahnfahrt inmitten der zentralen Region The Reach (oder Utah...), wo die Lannister-Armee unter Führung von Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) Ressourcen in Richtung King's Landing abtransportiert. Das Gold ist glücklicherweise schon angekommen, der Tross erstreckt sich jedoch sehr weit und stellt ein einfaches Ziel dar. Was mit ein paar leichten Unterhaltungen beginnt - Bronn (Jerome Flynn) hätte neben seiner finanziellen Entlohnung auch noch ganz gerne Highgarden und macht sich dann auch noch in einer herrlichen kleinen Szene über den Namen „Dickon“ lustig -, nimmt für Jaime und seine Mitstreiter recht schnell eine desaströse Wendung.
Fire and blood
Das bevorstehende Unheil wird durch ein tosendes Beben und zunächst noch weit entfernte Kampfschreie angekündigt, als plötzlich Daenerys' wilde Dothraki-Horde (über die Expressroute von Dragonstone in die Reach gereist) auf den Konvoi zudonnert. Die mickrige Verteidigungslinie der Lannisters und Tarlys ist schnell durchbrochen, auch dank Daenerys, die auf dem Rücken von Drogon Platz genommen hat und mit Drachenfeuer durch die Reihen der feindlichen Truppen fegt. Es folgt ein flammendes Inferno, ein furchtbares Chaos, in dem sich die ungezügelten Dothraki todesmutig in ihre Widersacher stürzen, von denen wiederum viele am lebendigen Körper verbrannt und wortwörtlich pulverisiert werden. Was The Battle of Bastards an Masse hatte, wird hier durch die alles zerstörende Flugechse ausgeglichen, die unantastbar erscheint.
Inmitten des brachialen, brutalen Gefechts tut sich jedoch ein „Held“ hervor: Nicht Jaime ist es, nein, Bronn schlägt sich irgendwie über das brennende Schlachtfeld und macht eine Balliste Qyburns scharf, mit der er letztlich Drogon mitsamt Drachenreiterin Daenerys auf den Boden der Tatsachen holen kann. Was kann Bronn eigentlich nicht? Zuvor macht Daenerys die Erfahrung, dass sie auf dem Rücken ihres Drachen bei Weitem nicht so unbesiegbar ist, wie sie eventuell geglaubt hat. Ihre Berater warnten sie vor einem einzigen Pfeil, der sie zu Fall bringen könnte. Und nun findet sie sich auf dem offenen Feld wieder, wo sie sich fast schon auf dem Präsentierteller befindet.
Fucking idiot
Und das erkennt auch Jaime. Mit einem gezielten Angriff könnte er die Feindin seiner Schwester ausschalten und diesen Krieg beenden. Also prescht er voran und nimmt die Mother of Dragons ins Visier. Aus der Ferne beobachtet Tyrion das Spektakel und die Anspannung steigt nicht nur bei ihm, auch viele Zuschauer hält es wohl kaum noch auf den Plätzen. Manchmal ist man sicher, dass gewisse Darsteller (noch) nicht das Zeitliche segnen, weil sie zu wichtig für die Handlung sind. Im Fall Nikolaj Coster-Waldau beziehungsweise Jaime und hinsichtlich der Gnadenlosigkeit von Game of Thrones ist es in diesem Augenblick aber absolut vorstellbar, dass der Kingslayer gleich abserviert wird. Bevor er Daenerys erreicht, greift Drogon ein und spuckt sein Feuer, Jaime kann gerade noch so von einem unbekannten Reiter (beim genaueren Hinsehen erkennt man Bronn - er schon wieder!) gerettet werden, sinkt dann aber in einem Gewässer aufgrund seiner schweren Rüstung in die Tiefe. Ende.
Das Herz pumpt wie wild, doch diese Aufregung war es definitiv wert. Die mitreißende Schlacht ist hervorragend orchestriert, die musikalische Untermalung wie so oft meisterhaft und das Ausmaß des flammenden Chaos beeindruckend und abschreckend zugleich. Diese Art von set pieces hat die Serie mittlerweile perfektioniert, sei es die sich zuspitzende Struktur einer solchen Schlacht oder die durch Mark und Bein gehenden Schlusspunkte von derartig gewaltigen Großereignissen. Und warum wir so mitfiebern? Weil die Einsätze spürbar hoch sind und die meisten von uns weder wollen, dass Daenerys noch Jaime oder Bronn etwas zustößt. In Kombination mit den starken Momenten in Winterfell reiht sich The Spoils of War weit oben in der Liste der vielleicht besten Episoden der Serie ein. Es reicht für mich persönlich aber nicht ganz, da an anderer Stelle ein wenig geschwächelt wird. Was vom Krieg letztlich übrig bleibt, ob Daenerys' Gegenschlag ein voller Erfolg war und wie es mit Jaime weitergeht, das erfahren wir in der nächsten Episode.
Verfasser: Felix Böhme am Montag, 7. August 2017Game of Thrones 7x04 Trailer
(Game of Thrones 7x04)
Schauspieler in der Episode Game of Thrones 7x04
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