Game of Thrones 4x08

The Mountain and the Viper - schon allein aufgrund des Titels der aktuellen Episode von Game of Thrones fiebern wir als Zuschauer in dieser Woche natürlich insbesondere einem Ereignis entgegen. Endlich kommt es zum Kampf zwischen Oberyn Martell (Pedro Pascal) und Gregor Glegane (Hafthor Julius Bjornsson), dessen Ausgang nicht nur über das Schicksal der Kontrahenten, sondern auch über das von Zuschauerliebling Tyrion Lannister (Peter Dinklage) entscheiden wird. Doch gerade weil nicht nur diese letzten aufregenden und schockierenden Minuten es in sich haben, sondern bereits zuvor alle Stärken der Serie voll ausgespielt werden, ist „The Mountain and the Viper“ wohl die bisher stärkste Episode der vierten Staffel.
Den Tod im Blick
Der Angriff der Wildings auf Mole's Town hat sich nach den vergangenen Raubzügen des freien Volkes bereits angedeutet und vermittelt narrativ wenig Neues. Mit Hilfe eines hervorragenden und selbstbewussten Tracking Shots zu Beginn der Sequenz, gelingt Regisseur Alex Graves allerdings ein stimmungsvoller Einstieg, der den Zuschauer auch nach einer Woche Pause direkt in die dreckig-düstere Welt von Game of Thrones zurückholt.
Und obwohl auch hier wieder einmal Dorfbewohner wie Fliegen (wahlweise auch Käfer) sterben, hat der brutale Überfall auf das Bordell als eine der wenigen Szenen der aktuellen Episode einen Hauch von Menschlichkeit zu bieten. Ygritte (Rose Leslie) lässt Gilly (Hannah Murray) und ihr Baby einen weiteren Moment in dieser Welt verweilen, auch wenn es eine Welt ist, in der das Blut mittlerweile sogar durch die Dielen an der Decke tropft.
Die Frage, welchen Sinn das Leben in einer solchen Welt hat und inwiefern deren Bewohner selbst nur Spielfiguren im Prozess von Ursache und Wirkung sind oder sich tatsächlich eine eigene Identität schaffen können, steht mehr oder weniger im Fokus aller folgenden Geschehnisse von The Mountain and the Viper. Die Brüder der Nightswatch wissen sich zwar noch moralisch zu unterstützen, blicken dem Tod im Angesicht von 100.000 Wildlingen allerdings bereits mit offenen, teils ängstlichen Augen entgegen.
Ramsay Snow (Iwan Rheon) auf der anderen Seite hat sich längst dazu entschlossen, den Tod als willkommenen Freund anzusehen. Die Allgegenwart des Sensenmannes geht Hand in Hand mit der Tradition des Hauses Bolton, deren Wappen nicht umsonst ein Folterkreuz ist und deren Feinde durch das Abziehen ihrer Haut malträtiert werden - wie es der Zuschauer auf Moat Cailin extrem grafisch dargestellt bekommt. Dabei ist es natürlich bezeichnend für Game of Thrones, dass es gerade eine Figur wie Ramsay ist, die als einer der wenigen immer wieder ein Lächeln im Gesicht hat. - Auch wenn das beste Lachen der Folge sicherlich von Arya Stark (Maisie Williams) kommt, deren Stimme weit in den Schluchten der Vale erhallt.
In der aktuellen Episode hat Ramsay natürlich allen Grund zum Lachen, erhält er doch von seinem Vater Roose (Michael McElhatton) endlich das Recht, sich selbst offiziell als Bolton bezeichnen zu dürfen. Während der einstige Bastard sich also endlich jene Identität angeeignet hat, nach der er bereits seit Jahren strebte, befindet sich der einstige Prinz der Iron Islands weiter in einem Limbo, in dem ihm eine klare Selbstwahrnehmung abhanden gekommen ist. Ein großes Lob muss man an dieser Stelle dabei erneut Alfie Allen aussprechen, der insbesondere bei der Nachrichtenübergabe an die Besatzer in Moat Cailin eine beinahe Gollum-artige Performance abliefert.
Unruhe im Paradies
Trotz zahlloser Malträtierungen seit dem frühen Kindesalter scheint sich Grey Worm (Jacob Anderson) auf der anderen Seite der Meerenge überraschend klar über seine eigene Identität zu sein. Dabei gelingt es den Machern die Anfangs scheinbar etwas unnötige Liebesgeschichte zwischen ihm und Missaindei (Nathalie Emmanuel) sowohl inszenatorisch als auch narrativ auf eine interessante Art weiter zu spinnen. Der männliche Blick, der in Game of Thrones so oft - und zu Recht - als reine Hascherei nach Aufmerksamkeit kritisiert wurde, drückt bei Grey Worm dessen lang unterdrückte Gefühle aus. Und auch wenn er sich im anschließenden Gespräch weiterhin strikt weigert, seine frühen Kindheitserinnerungen als einen Teil von sich zu akzeptieren, so sieht er alles, was danach kommt, unweigerliches als sein Schicksal an. Und dafür scheint er, zumindest momentan, dankbar zu sein.
Jorah Mormont auf der anderen Seite gelingt es nicht, seine eigene Vergangenheit hinter sich zu lassen. Als die Wahrheit über seine einstige Spionagetätigkeit ans Licht kommt, wehrt er sich bitterlich gegen die scheinbar unausweichlichen Folgen - und kann das Geschehene trotz aller Worte doch nicht ungeschehen machen. Die spannende Konfrontation zwischen Daenerys Targaryen und ihrem einstigen Vertrauten lebt dabei nicht allein durch den Dialog der Drehbuchautoren Benioff und Weiss, sondern vornehmlich durch die Blicke und Stimmen der beiden Darsteller Emilia Clarke und Iain Glen. Während Glen verzweifelnd den Blickkontakt sucht und die Stimme immer wieder hebt, starrt Clarke als enttäuschte Anführerin über ihren Untergebenen Hinweg und senkt ihre Stimme, bis nur noch Flüstern zu hören ist. Dass beim finalen „go“ die Gänsehaut garantiert ist, obwohl die Liebe Jorahs für seine Khaleesi stets im Hintergrund behandelt wurde, muss man der Serie dabei umso höher anrechnen.
Lady of the Vale
Sich eine Identität zu schaffen beziehungsweise eine Transformation abzuschließen, darum geht es auch in den Sequenzen innerhalb der Eyrie, wo die Lords der Vale dem Tod ihrer Herrscherin nachgehen wollen. Für Littlefinger (Aidan Gillen) ist es dabei sichtlich nicht einfach zu schlucken, dass die Anführer der alten Adelshäuser ihn abfällig mit „Baelish“ ansprechen, während der ambitionierte Intrigant in King's Landing doch längst als gemachter Lord durchging. Kurz scheint an dieser Stelle der steile Aufstieg Littlefingers vorbei, würde just in diesem Moment nicht die einst gepflanzte Saat sprießen. Nach dreieinhalb Staffeln als Spielball im Krieg um den Eisernen Thron nimmt Sansa ihr Schicksal selbst in die Hand und rettet sich vor einer ungewissen Zukunft.
Spätestens als Sansa schließlich komplett verwandelt als junges Ebenbild ihrer Mutter und neue Lady der Vale die Treppen hinabsteigt, muss man den Machern auch an dieser Stelle noch einmal für ein hervorragendes Casting gratulieren. Sophie Turner spielt gelingt die Verwandlung vom naiven Prinzesschen zur egoistischen Mitstreiterin im Spiel der Throne beeindruckend mühelos.
Der Stein und der Käfer
Bevor wir mit der Kamera auf den sonnendurchfluteten Platz in King's Landing treten, auf dem schließlich über das Schicksal von Tyrion Lannister entschieden wird, ziehen wir uns ein weiteres Mal mit dem Gefangenen und dessen Bruder in dunkle Kerkerzelle zurück. Tyrions Monolog über Cousin Orson, der Zeit seines Lebens nichts lieber tat, als wehrlose Käfer zu zerquetschen, dürfte dabei nicht nur bei Jaime für verwunderte Blicke gesorgt haben. Bei genauer Ansicht schnüren die Autoren an dieser Stelle die Themen der Episode aber abermals treffend zusammen.
Welche Agenda können wir in einer Welt verfolgen, in der Menschen andere Menschen wie Fliegen zerquetschen? Nach mordenden Wildlings und barbarischen Boltons ist es der Mountain selbst, der beim schockierenden Ende Oberyns dieses Bild mehr als grafisch auf den Bildschirm bringt. Tyrion stellt die große Frage des „Warum“, welche die Figuren in der aktuellen Episode auf verschiedene Weisen für sich zu beantworten versuchen. Ein Ramsay handelt aus Tradition, eine Sansa aus Egoismus, eine Dany aus verletztem Stolz und ein Oberyn aus Rache. Dieser Wunsch nach Rache ist es auch, die dem grandiosen Kämpfer aus dem Süden schließlich zum Verhängnis wird. Als Zuschauer bleiben wir geschockt zurück, mit der Ankündigung des Todes von Tyrion im Rücken. Aber sind die beiden wirklich mehr als zwei zerquetschte Käfer an einem Strand aus toten Insekten?
Fazit
Game of Thrones setzt zum ersten Streich an, was verspricht ein grandioses dreiteiliges Staffelfinale zu werden. The Mountain and the Viper überzeugt durch Alex Graves' grandiose Inszenierung, die mit tollen Kamerafahrten und prächtigen Landschaftsaufnahmen die visuelle Qualität der Serie noch einmal auf ein neues Niveau zu hieven scheint. Narrativ werden zahlreiche Transformationen der Figuren perfekt ausgespielt, und es scheint fast so, als würden wir an uns einer entscheidenden Bruchstelle innerhalb der Geschichte befinden. Während sich Arya Stark mit lautem Gelächter einem tödlichen Nihilismus hinzugeben scheint, legt sich ihre Schwester Sansa ihren eigenen neuen Panzer zu, der ihr endlich dabei helfen soll, nicht mehr nur Spielfigur zu sein.
Diese Transformationen werden nicht verhindern, dass Menschen links und rechts weiter wie Insekten zermalmt werden. Der grausame Tod von Oberyn lässt uns dies gleich schmerzhaft wissen. Tyrions Frage nach dem „Warum“ ist deshalb durchaus berechtigt. Und auch wenn wir nicht erwarten sollten, dass Game of Thrones uns eine einfache Antwort liefert, so ist doch klar, dass die Show aktuell eine der unterhaltsamsten Verhandlungen dieser Frage ist, welche in Serienform produziert wird.
Verfasser: Thomas Zimmer am Montag, 2. Juni 2014(Game of Thrones 4x08)
Schauspieler in der Episode Game of Thrones 4x08
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