Game of Thrones 2x10

Undank ist der Welten Lohn: Da hat Tyrion (Peter Dinklage) King's Landing durch seinen Einsatz und seine Strategie vor dem sicheren Untergang gerettet. Doch als er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, ist er nicht nur um eine ziemlich hässliche Wunde im Gesicht reicher, die er offenbar einem Häscher seiner Schwester verdankt, er ist auch seinen Job als rechte Hand des Königs los. Joffrey (Jack Gleeson) ernennt seinen Opa Tywin (Charles Dance) zu Tyrions Nachfolger und lässt ihn als Retter der Stadt feiern. Tyrions einziger Trost: Lord Varys, immerhin einer der einflussreichsten Spieler hinter den Kulissen der Macht, hat seine Freundschaft zu ihm nicht vergessen. Und auch Shae (Sibel Kekilli) hält zu ihm.
Margaery Tyrell (Natalie Dormer) kommt unterdessen ihrem Ziel, Königin zu werden, einen bedeutenden Schritt näher. Nachdem sie und ihr Bruder sich im Kampf gegen Stannis (Stephen Dillane) auf die Seite der Lannisters geschlagen haben, will ihnen Joffrey jeden Wunsch erfüllen. Und Margaerys Wunsch lautet, seine Gemahlin zu werden. Joffrey ziert sich. Immerhin ist er doch Sansa (Sophie Turner) versprochen. Doch sein Rat überzeugt ihn mit reichlich Sophisterei, dass er sich an dieses Versprechen gar nicht halten müsse...
Eine schwere Nachfolge
Valar Morghulis hat ein großes Problem: Nach der überragenden, mitreißenden Vorgänger-Folge Blackwater kann sie fast nur wie ein Antiklimax wirken. Leider kann auch die längere Laufzeit des Staffelfinales nicht dafür entschädigen, dass es einen etwas inkohärenten Eindruck macht.
Offenbar wollten die Macher zum Ende hin noch so viele Handlungsstränge wie möglich in die Folge packen. Die Schwierigkeit ist jedoch: Die schiere Zahl an Figuren und Plots macht es - gerade dem Nicht-Leser der Romanvorlage, der für die Figurenbindung ausschließlich auf die TV-Folgen angewiesen ist - sehr schwer, eine emotionale Bande zu allen aufzubauen. Dadurch verpufft Einiges an dramatischer Wirkung. Robbs (Richard Madden) Blitzhochzeit oder auch Stannis' Blick ins Feuer seien dafür als Beispiele genannt.
Mikroskopische Handlungsschritte
Gerade, nachdem man in Blackwater auf so eindrucksvolle Weise gezeigt hat, wie kraftvoll man in dieser Serie erzählen kann, wenn die Handlung einmal etwas stärker (räumlich/zeitlich) verdichtet wird, fallen in Valar Morghulis die Nachteile einer all zu ausladenden Erzählweise ins Auge. Da irgendwie jeder Handlungsstrang der Staffel noch einmal aufgegriffen werden soll, bleibt für viele Figuren nur eine einzelne Szene übrig. Da den Autoren im Gegensatz zu vielen vorangegangenen Episoden auch kaum eine tiefer liegende thematische Verknüpfung gelingt, kann einem das Resultat bisweilen mehr wie eine bloße Aneinanderreihung vorkommen - und einem dadurch nur noch mehr auffällt, wie mikroskopisch die Fortschritte in der Handlung ausfallen.
Da sind Brienne (Gwendoline Christie) und Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) nun schon seit einigen Folgen unterwegs, ohne dass sie King's Landing wirklich näher zu kommen scheinen oder sich etwas gravierend in ihrem Verhältnis ändert. Ja, der Kampf mit den drei mordlustigen Soldaten trägt Brienne möglicherweise einen etwas größeren Respekt seitens des Lannister-Sprößlings ein (so könnte man jedenfalls seinen Blick nach dem Kampf deuten). Wirklich sicher ist aber auch das nicht.
Unterschiedliche Perspektiven
Es sei noch einmal ausdrücklich betont, dass es den Lesern der Buchvorlage hier möglicherweise ganz anders geht. Dadurch, dass sie selbst mit den (in der TV-Serie) geringsten Nebenfiguren bereits Hunderte von Seiten verbracht haben, ist ihre Bindung an die Personen und Geschehnisse natürlich eine viel höhere. Dem reinen TV-Zuschauer stellt sich dagegen die Schwierigkeit, dass durch die enorme Verdichtung Vieles an den Rand gedrängt und einer größeren Aufmerksamkeit entzogen wird, was eigentlich wichtig wäre, um die volle dramatische Wirkung genießen zu können.
Nehmen wir dafür nur einmal den Cliffhanger als Beispiel: Visuell ist der Aufmarsch von Zombies in der Game of Thrones-Variante natürlich ungemein beeindruckend. Zugleich kann einen aber auch ein gewisses Gefühl der Leere beschleichen. Mit Ausname von Jon Snow (Kit Harington) und Ygritte (Rose Leslie) ist den Figuren und Geschehnissen jenseits der Mauer ja kein besonders großes Gewicht zugekommen. Jedenfalls nicht genug, um ein bedeutendes emotionales Investement der Zuschauer hervorzurufen. Zu wenig Raum nahmen Sam (John Bradley) und die anderen ein (nicht genug, um sich auch nur deren Namen zu merken). Zu wenig wurde der Fokus auf das Geheimnis um die first men gelenkt, als dass es den Zuschauer wirklich fesseln könnte (Noch mal: Das wird den Kennern der Vorlage aller Wahrscheinlichkeit nach ganz anders ergehen).
Macht ist...
Nun soll dieses Review aber keinesfalls in einen Verriss ausarten. Vieles davon ist natürlich das berühmte Jammern auf hohem Niveau. Selbstverständlich wartet auch Valar Morghulis mit vielen großartigen Momenten auf. Dazu gehören insbesondere die Szenen, in denen sich die Folge Zeit für einzelne Figuren nimmt: So fühlen wir mit Tyrion, dessen Schicksal einen so schlagartigen Wandel vollzogen hat. Da hat er einen Großteil der zweiten Staffel damit verbracht, sich eine vermeintlich sichere Machtposition in King's Landing aufzubauen, nur um mitzuerleben, wie diese zu Staub zerfällt und er sich von Grand Maester Pycelle (Julian Glover) verhöhnen lassen muss. All sein kluges Taktieren, welches ihm nach eigenem Bekunden so viel Spaß bereitet, hat ihm nicht geholfen. Am (vorläufigen) Ende hat sich doch wieder durchgesetzt, was Cersei (Lena Headey) schon in The North Remembers gesagt hat: „Power is power.“
Dieser Punkt müsste auch Theon (Alfie Allen) langsam klar werden. Er kann sich noch so sehr in die große Pose des Kamikaze-Kriegers werfen. Es bleibt eine Rolle, die er vorspielt. Wirkliche Macht besitzt er nicht. Am Ende kann er einem fast ein bisschen leid tun, wie er von seinen eigenen Leuten eins über den Schädel gezogen bekommt. Vor allem weil er in der Szene mit Maester Luwin (Donald Sumpter) dem wirklich ein Stück weit die Tragik seines Lebens verstänlich macht: der Gefangene, von dem man auch noch erwartet hat, dass er dafür dankbar ist und der deshalb die Verachtung seiner eigenen Familie zu spüren bekommt. Er hätte wohl besser Luwins Rat folgen und zur Night's Watch gehen sollen, um einen Neuanfang starten. Das hätte ihm eine weitere Erniedrigung und Luwin das verfrühte Ableben erspart.
Fazit
An die Brillanz der ersten Staffel kommt die zweite nicht ganz heran. Das lässt sich leider nicht verhehlen. Die Umsetzung war nicht minder hochwertig, die Schauspieler (allen voran Mr. Dinklage) nicht minder talentiert. Woran es jedoch ein wenig gefehlt hat, ist die dramaturgische Stringenz. Die zweite Staffel war weniger dicht, weniger fokussiert. Nicht nur konnte man den Eindruck gewinnen, dass sich manche Handlungsstränge nicht vom Fleck bewegten, es war bisweilen schwer zu erkennen, wohin sie sich überhaupt bewegen sollten.
Wiederholt hatten die Produzenten gesagt, dass Game of Thrones nicht nur als Literaturverfilmung, sondern auch aus sich heraus als Fernsehserie funktionieren soll. Diesem Anspruch ist die zweite Staffel nicht ganz gerecht geworden. Dass es sich trotz dieser dramaturgischen Schwachpunkte um eine der bemerkenswertesten Serien der letzten Jahre handelt, soll darüber aber nicht im Mindesten in Zweifel gezogen werden.
Verfasser: Christian Junklewitz am Dienstag, 5. Juni 2012Game of Thrones 2x10 Trailer
(Game of Thrones 2x10)
Schauspieler in der Episode Game of Thrones 2x10
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