Game of Thrones 2x01

Vorbemerkung: Zwei Zuschauer sehen niemals exakt das Gleiche. Das gilt bei „Game of Thrones“ mehr noch als bei jeder anderen Serie. Je nach dem, ob man die Romane gelesen hat und die Serie damit als Literaturverfilmung sieht, oder man die Vorlage nicht kennt und damit die TV-Serie nur aus sich allein heraus versteht, entstehen zwei vollkommen verschiedene Lesarten. Diese Reviews werden in Unkenntnis der Vorlage und nur bezogen auf die Fernsehserie geschrieben.
Tyrion (Peter Dinklage) trifft als neue rechte Hand des Königs in King's Landing ein, wo sich seine große Schwester (Lena Headey) und sein Neffe (Jack Gleeson) kaum weniger freuen könnten, ihn zu sehen. Zumal er sie daran erinnert, dass sie einst drei Starks hatten, die sie gegen Jaime (Nikolaj Coster-Waldau) hätten eintauschen können. Aber nachdem Joffrey ja unbedingt Ned (Sean Bean) einen Kopf kürzer machen musste - und Arya (Maisie Williams) ihnen entwischt ist, haben sie nur noch eine Stark, die sie zum Tausch anbieten können.
Cersei setzt deshalb alles daran, Arya wiederzufinden. Ihr Sohn sieht darin weniger eine Priorität. Er macht lieber einen auf Herodes und lässt alle illegitimen Nachkommen von König Robert ausradieren, welche seinen Anspruch auf den Thron gefährden könnten. Nicht dass er einen hätte. Schließlich ist er selbst kein Nachfahre von Robert. Welch böses Gerücht! Und Roberts Bruder Stannis (Stephen Dillane) müht sich nach Kräften, es in alle Welt zu verbreiten. Stannis sieht sich nämlich selbst als legitimen Thronfolger an. Zur Seite steht ihm dabei die mysteriöse Melisandre (Carice van Houten), welche nicht nur den einen Gott des Lichts predigt, sondern auch einen überraschend starken Magen beweist...
Modernes, junges Fernsehen zeichnet sich durch schnelle Schnitte und Szenenwechsel aus. Das gehört zu den Binsenweisheiten der Medienbranche. Umso bemerkenswerter ist es, dass Game of Thrones sich dazu vollkommen konträr verhält. Die Serie ist, was ihre Szenenfolge und -länge angeht, von einer geradezu aufreizenden Langsamkeit, die jedoch auf gar keinen Fall mit Langeweile verwechselt werden darf. Im Gegenteil: GoT ist ein geradezu monumentaler Beweis dafür, dass es keiner formalen Hektik bedarf, wenn man etwas zu erzählen hat, das der gebannten Aufmerksamkeit des Publikums wert ist.
Dabei kommt auch die Handlung als solche bestenfalls schleichend voran, ohne große, spektakuläre Wendungen. Arya ist immer noch unterwegs gen Norden (gemeinsam mit einem von Roberts unehelichen Kindern, wie wir erfahren). Robb (Richard Madden) hat ein paar erfolgreiche Schlachten gegen die Lannisters geführt und ist immer noch damit beschäftigt, neue Bündnisse zu schließen. Und Jaime wartet weiter darauf, gegen die Stark-Mädchen ausgetauscht zu werden. An der grundlegenden Situation der Figuren hat sich seit dem Ende der ersten Staffel also kaum etwas geändert.
Es sind eher die kleinen Wendungen, die Verschiebungen im Verhältnis der Figuren zueinander, welche die Episode unterhaltsam machen: Da ist Tyrion, der kleine Bruder, der genüsslich seiner großen Schwester, die - im buchstäblichen wie im übertragenen Sinne - immer auf ihn herabzublicken pflegte, ihre Fehler unter die Nase reibt - und das auch noch aus einer überlegenen Machtposition heraus. Überhaupt kommt Cersai in The North Remembers ziemlich unter die Räder: Denn auch über Joffrey verliert sie mehr und mehr die Kontrolle. Dass er sie für die Ohrfeige nicht hat hinrichten lassen, muss nach seinem Verständnis wohl schon als Großzügigkeit, ja mithin als die gute Tat des Tages gelten.
Für das emotionale Erleben der Zuschauer ist sein Part von kaum zu überschätzender Bedeutung: Ohne ihn wären die Lannisters nur wie jeder andere Clan, der für seinen Machtanspruch intrigiert und Kriege führt. In Joffrey kulminiert jedoch alles, was an den Lannisters falsch und böse ist. In ihm kommen ein absoluter Wille zur Macht und eine von jedem Gewissen befreite Grausamkeit zusammen.
Dass er darüber hinaus auch noch das Ergebnis einer inzestuösen Verbindung zwischen Bruder und Schwester ist, gibt ihm außerdem noch die Aura des Widernatürlichen, des Monströsen (seine naziblonden Haare tun natürlich noch das Ihrige dazu). An Joffrey richtet sich damit ganz maßgeblich der moralische Kompass in der Serie aus - nämlich weg von ihm. Egal wohin. Mag Stannis Robb auch für einen Dieb halten und selbst mit einer zwielichtigen Predigerin verbunden sein - allein dadurch, dass er Joffreys Anspruch auf den Thron öffentlich zu delegitimieren versucht, sammelt er bereits Pluspunkte.
Das Rundschreiben, welches Stannis aufsetzen lässt, könnte in der Zukunft auch noch eine wichtige Rolle in dem kleinen philosophischen Streit zwischen Cersai und und Petyr (Aidan Gillen) spielen: Petyr sagt „Wissen ist Macht“, Cersai ist jedoch davon überzeugt, dass nur (handfeste) „Macht Macht ist“. Sie scheint zunächst die besseren Argumente in der Hand zu haben - in Gestalt von vier Soldaten. Gleichzeitig begibt sie sich jedoch auch in eine etwas widersprüchliche Situation: Immerhin ist es Wissen (über den Aufenthaltsort von Arya), welches sie dringend zum Machterhalt benötigt und welches Petyr ihr verschaffen soll.
Derweilen hat auch Daenerys (Emilia Clarke) die Notwendigkeit von Wissen erkannt: Statt mit ihren Leuten und ihren Drachen (seit wann sind die denn im Plural? am Ende von Fire and Blood sahen wir doch nur einen...) einfach nur hilflos durch die Wüste zu irren, schickt sie Kundschafter aus, die ihr den richtigen Weg weisen sollen.
Es sind nicht zuletzt solche thematischen Verbindungslinien, welche Game of Thrones so interessant und spannend machen. Der Auftakt zur zweiten Staffel ist auf jeden Fall rundum gelungen.
Promo zur nächsten Folge: 2x02 The Night Lands
Verfasser: Christian Junklewitz am Montag, 2. April 2012Game of Thrones 2x01 Trailer
(Game of Thrones 2x01)
Schauspieler in der Episode Game of Thrones 2x01
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