Fringe 4x22

Fringe 4x22

Finale! Und nichts weniger als die Existenz beider Universen steht auf dem Spiel. Das Serienjunkies-Review zur Episode Brave New World (2) der US-Serie Fringe.

Brave new World - „Fringe“ / (c) FOX
Brave new World - „Fringe“ / (c) FOX

Die letzte Folge einer Staffel war bei Fringe bislang immer etwas besonderes. Ob Olivia (Anna Torv) in There's More Than One of Everything im Paralleluniversum über die Twin Towers staunt, ihr Leben in Over There (2) von ihrem Doppelgänger übernommen wird oder Peter (Joshua Jackson) in The Day We Died plötzlich verschwindet - beim Zuschauer fiel die Kinnlade herunter und im Internet waren erstmal nur Varianten von OMG! und WTF? zu lesen. Brave New World (2), die letzte Episode der vierten Staffel, stand damit unter erheblichen Erfolgsdruck. Können uns die Autoren auch dieses Mal von den Socken hauen?

Um es direkt am Anfang zu sagen: nein. Aber das durfte man auch nicht erwarten.

Als der Fuchs den Spannungsbogen fraß

Schuld daran ist die Folge Letters of Transit, in der uns die Autoren einen Blick in eine Zukunft gegeben haben, in der die Fringe-Truppe gegen die Observers kämpft. Kritiker in den USA sprachen damals in Anlehnung an einen Spielzug beim American Football von einem Hail Mary, einer Verzweifelungstat, um die Serie für eine weitere Staffel zu retten. Zwar hat das geklappt. Der Preis dafür war, einen großen Teil der Spannung für den Rest dieser Staffel zu zerstören. Wer hat wirklich noch an die Vernichtung der beiden Universen oder den Tod von Astrid (Jasika Nicole) geglaubt? Daher der „Puff“ statt des „Knalls“.

Gedankenexperiment: Gehen wir davon aus, dass Letters of Transit nicht als 19. Folge, sondern als letzte gesendet worden wäre. Alle folgenden Episoden rücken dann eine weiter vor, und Brave New World (2) wäre die vorletzte. Das hätte viel von der Spannung gerettet: Den Autoren wäre zum Beispiel durchaus zuzutrauen gewesen, Olivia und Peter als Adam und Eva eine „schöne neue Welt“ aufbauen zu lassen. Hätte Fox nicht so lange mit der Ankündigung der fünften Staffel gezögert, hätte diese viel logischere Reihenfolge eingehalten werden können und für uns Zuschauer wäre es spannender geworden. Vielen Dank auch.

Fringe als langer, ruhiger Fluss

Unter diesen Umständen muss man den Autoren zugute halten, dass sie gar nicht erst versucht haben, großartig noch Pseudo-Spannung aufzubauen. Brave New World (2) ist im Gegenteil eine ruhige Folge. Es wird viel geredet - oder im Fall von William Bell (Leonard Nimoy), viel gepredigt. Harte Action ist selten. Viel von dem Reiz liegt für die Hardcore-Fans darin, ihre Spekulationen bestätigt zu sehen: Die Angriffe und Vorfälle sollten tatsächlich Olivias Fähigkeiten immer weiter antreiben, sie ist tatsächlich schwanger, Walter Bishop (John Noble) ist tatsächlich an allem Schuld, wenn auch indirekt.

Das heißt nicht, dass die Episode ohne Überraschungen ist. Dass Jessica Holt (Rebecca Mader von Lost) wieder auftaucht und zu den Bösen gehört, war nicht unausweichlich. Dass Olivia (Anna Torv) sterben muss, ist seit Monaten klar, aber bei der Umsetzung stockt trotzdem der Atem. Die Szene zeigt eine Kaltblütigkeit bei Walter, die an Walternate erinnert. Dazu kommen eine Reihe von Details für Feinschmecker: Allein wie Walter Peter (Joshua Jackson) eine Ohrfeige gibt, spricht Bände über ihre Beziehung.

Alice Schwarzer, bitte melden

Überhaupt verbringen wir für ein Finale erstaunlich viel Zeit mit den Figuren. Bells (Leonard Nimoy) lange Reden sind unumgänglich, denn er ist ein Bösewicht und sie sind eine Variante der The Reason You Suck Speech. Aber Peter und Olivia bekommen von den Autoren neben ihren Kuschel-Szenen einen gemeinsamen Sprung ins Ungewisse geschenkt, der symbolisch für jede Partnerschaft sein könnte. Walter und Astrid (Jasika Nicole) sind nicht nur wie Vater und Tochter, endlich kann er ihren Namen. Diese Momente fallen unter closure, dem emotionalen Abschluss. Sie zeigen deutlich, wie die Episode angelegt wurde, um notfalls als letzte der Serie dienen zu können.

Als Feministin wäre ich allerdings erbost über diese Folge. Olivia klagt, dass sie ihr ganzes Leben von den beiden Wissenschaftlern manipuliert und gesteuert wurde. Verständlich. Was ist danach ihr entscheidender Beitrag zur Lösung der Krise? Sich von Walter in den Kopf schießen zu lassen, ohne jede Vorwarnung, ohne dass sie die Chance bekommen hätte, sich heldenhaft zu opfern. Sie bleibt bis zum Ende ein Objekt, über das Bell und Walter verfügen, schafft es bis zum Schluss trotz aller Superkräfte nicht, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Vielleicht nicht eine Botschaft, die man von der Serie erwartet hätte.

Die unvermeidbare Anspielung auf Oz

Auch anderen weiblichen Figuren wird übel mitgespielt. Astrid wird im Krankenhaus nicht wie eine FBI-Agentin dargestellt, sondern wirkt von ihrer Sprache, ihrem Tonfall, ihren Blicken und ihren Tränen wie ein verängstigtes, kleines Mädchen. Es wundert, dass Jasika Nicole diese Szenen so mitgemacht hat, denn sie sind für ihre Figur schlicht respektlos. Vielleicht tröstet es etwas, dass die beste schauspielerische Leistung von einer Frau vorgelegt wurde: Rebecca Maders Vorstellung als Tote im postmortalen Verhör ist das Zeug, aus dem Alpträume gemacht werden, und gruseliger als das Durchhämmern der Kugel durch Olivias Hinterkopf.

Dann wäre da noch Nina (Blair Brown). Bekanntlich kommen amerikanische Fernsehserien nicht länger als eine Staffel ohne eine Anspielung auf „The Wizard of Oz“ aus. Auch dieses Mal ist es wieder so weit: „You've had the power all along“, sagt Nina im Hubschrauber zu Olivia, und man erwartet fast einen Kameraschwenk auf deren roten Schuhe. Nur dass der Zauberer hinter dem Vorhang dieses Mal echte Macht hat und nicht listig, sondern geisteskrank ist.

Türen, die offen bleiben

Besonders bei Fringe muss man allerdings mit Oz-Vergleichen aufpassen. Als Olivia und Boliva in Worlds Apart über Regenbögen sprachen, haben auch viele auf den Klassiker getippt. Allerdings war da wegen Olivias Rat „look up“ eigentlich die Schlussrede von „The Great Dictator“ gemeint, in dem nicht nur von Regenbögen die Rede ist, zu denen man hinaufschauen soll, sondern auch von einer glanzvollen Zukunft, die allen gehört. Entsprechend sollte man auch hier nicht zu weit gehen und Nina gleich zur guten Hexe erklären. Am Ende von Staffel vier wissen eigentlich verblüffend wenig über sie.

Wir werden uns in einem gesonderten Eintrag mit der vierten Staffel als Ganzes beschäftigen und danach noch wild und haltlos über die fünfte spekulieren. Hier sei nur bemerkt: Die Autoren habe sich viele Hintertüren aufgehalten. Olivia mag einen großen Teil ihres Cortexiphans abgefackelt haben, aber halt nicht alles (und außerdem kann man ihr wohl neues spritzen). Dann kann sie auch wieder zwischen den Welten reisen - wie vermutet sind die Barrieren nicht so dick, wie man uns hat glauben lassen wollen. Bell lebt noch, irgendwie, irgendwo, irgendwann, wenn auch schwer krebskrank, am Leben gehalten durch Cortexiphan.

Und die neue Cortexiphan-Fähigkeit der Woche ist ...

Was uns zum Gemeckere bringt. Vielleicht bin ich ein schlechter Mensch, aber als Olivia als Energiequelle feststand, war mein erster Gedanke, wer sie jetzt töten wird. Alternativ hätte sie wie gesagt anbieten können, Selbstmord zu begehen und damit die Kontrolle über ihr Leben gewinnen können. Aber nach wie vor sind die FBI-Agenten bei Fringe so lieb wie die Munchkins. Weiter wären die Autoren gut beraten, sich in Zukunft auf die christlich-jüdische Mythologie zu beschränken: Bells Satz über „Nirvana“ ergibt vorne und hinten keinen Sinn und passt auch nicht zu der restlichen Rede. Hier war wohl „Paradies“ gemeint.

Ach ja, und Cortexiphan kann jetzt auch noch die Progression von Krebs verlangsamen. Als ob wir daran gezweifelt hätten.

Fazit

Brave New World (2) war beim besten Willen keine spannende Folge. Ein WTF gab es nicht wirklich und nur der Kopfschuss war ein OMG wert. Im Gegensatz zu den Schlussepisoden der früheren Staffeln kam nicht der Drang auf, auf den Tisch zu springen oder den ganzen Bekanntenkreis anzurufen, um auf sie einzureden, dass sie Fringe gucken müssen, jetzt sofort. Wir sind im Kopf schon zu sehr in Staffel fünf.

Aber es war eine ausgesprochen schöne Folge. Wichtige Fragen wurden beantwortet und die Figuren sind am Ende für ihre Mühen mit einem Moment des Friedens belohnt worden, wenn nicht sogar des Glücks - klassische poetic justice. Dass es die Ruhe vor dem Sturm ist, nimmt dem nichts. Und die Autoren haben erneut demonstriert, dass sie verantwortungsvoll mit dem Material umgehen, den Zuschauer respektieren und ihn nicht mit offenen Fragen hängen lassen. Allein dafür muss man diese Serie lieben.

Weil die Episode so schön war, schließen dieses Mal mit einem Gedicht: Den ersten Zeilen von Lake Isle of Innisfree von William Butler Yeats, dem Stück, das Bell als Teil seines Wahns aufsagt.

I will arise and go now, and go to Innisfree,
And a small cabin build there, of clay and wattles made;
Nine bean rows will I have there, a hive for the honeybee,
And live alone in the bee-loud glade.

Das klingt wie ein guter Ort, um die Monate bis Staffel fünf zu verbringen.

Auch in Zukunft werden bei Serienjunkies.de regelmäßig Reviews zur Serie „Fringe“ erscheinen. Diese werden von einem Gastautoren geschrieben.

Verfasser: Bernd Michael Krannich am Montag, 14. Mai 2012
Episode
Staffel 4, Episode 22
(Fringe 4x22)
Deutscher Titel der Episode
Schöne neue Welt (2)
Titel der Episode im Original
Brave New World (2)
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 11. Mai 2012 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 20. August 2012
Autoren
Jeff Pinkner, J.H. Wyman, Akiva Goldsman
Regisseur
Joe Chappelle

Schauspieler in der Episode Fringe 4x22

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