Fringe 5x01

Fringe ist wieder da - und mit was für einem Auftakt! In der Folge mit dem griffigen Namen Transilience Thought Unifier Model-11 (hier TM11 genannt) geht es zurück in die düstere Welt des Jahres 2036 aus Letters of Transit. Die Observer haben die Macht an sich gerissen und unsere Helden lösen keine mysteriösen Fälle mehr, sondern leisten dem übermächtigen Feind in einer fremden Umgebung verzweifelt Widerstand. Noch besteht Hoffnung ...
Back to the future
Wir erinnern uns: Die eigentliche letzte Folge von Staffel vier, Letters of Transit, wurde als 19. ausgestrahlt, weil damals die Fortsetzung der Serie auf der Kippe stand. TM11 setzt hier nahtlos an: Peter Bishop (Joshua Jackson), Astrid Farnsworth (Jasika Nicole) und Walter Bishop (John Noble) wachen in einem heruntergekommenen safe house auf. Walter ist geistig fit - man muss ihn nicht einmal daran erinnern, sich Hosen anzuziehen. Bei ihnen ist die Tochter von Peter und Olivia Dunham (Anna Torv), Etta (Georgina Haig). Olivia selbst fehlt. Sie ist vor 21 Jahren verschwunden, also 2015.
Fringe ohne Olivia, das ist wie „Resident Evil“ ohne Milla Jovovich, und damit beginnt die fünfte Staffel so, wie schon die vierte angefangen hatte: mit der Suche nach einer Hauptfigur. Daneben werden sofort weitere Ziele aufgestellt: Es müssen die verschlüsselten Einzelteile eines „Masterplans“ zusammengetragen werden, der zum Sieg über die Observer führen soll. Um gleich noch etwas Druck aufzubauen, erfahren wir, dass die Observer Kohlenmonoxid in die Luft pumpen, was in „einigen Jahren“ unumkehrbar werden und die Lebenserwartung der Nicht-Observer-Menschen auf etwa 45 Jahre reduzieren wird. Staffel fünf baut in den ersten zehn Minuten mehr Spannung auf als andere Serien in der ganzen ersten Episode.
Die Sache mit den Eierstöcken
Gleichzeitig erfahren wir Stück für Stück mehr über das Leben in der Zukunft. Die Autoren wissen durch die Parallelwelt der früheren Staffeln genau, wie viel Hintergrund sie dem Zuschauer auf einmal zumuten können, ohne dass die Handlung stockt. Wie damals wird das lustig verpackt: Astrid verteidigt gegenüber dem 3D-Scrabble-Computer das Wort „naugahyde“ und alle regen sich sich über die fürchterlichen egg sticks auf. Es wird interessant zu sehen, was die Übersetzer daraus machen, denn „Eierstöcke“ sind im Deutschen doch etwas anderes. Eierstäbe? Eierstangen?
Nimmt man das Wissen aus Letters of Transit hinzu, bestätigt sich das Bild von einer düsteren Zukunft. Big Observer ist überall und eine Handvoll Walnüsse ist 3.000 Dollar wert (wobei die Frage aufkommt, was das nach 24 Jahren Inflation überhaupt heißt). Auf den Straßen liegen Trümmer, die Autos sind matt und dreckig und durch die Stadt sind Wellblechzäune gehauen worden. Der deutsche Zuschauer mag hier nicht ganz so beeindruckt sein - ehrlich, Leute, die Berliner Mauer war wesentlich stabiler - aber es entsteht schon die richtige postapokalyptische Stimmung. „The battle to save mankind is about to beginn“, heißt es zwar am Anfang, aber schaut man sich die Lage an, kommt einem eher ein Zitat aus Battlestar Galactica in den Sinn: „The war is over. We lost.“
Freude am Verhör
Die schlechtesten Szenen der Folge sind die auf dem Schwarzmarkt, denn hier driften wir in die schlimmsten „Mad Max“-Klischees ab: Das XXX-Porno-Schild im Hintergrund, die ungewaschenen und unrasierten Bürger ohne Tischmanieren, das ist alles etwas dick aufgetragen. Es fehlt nur noch, dass jemand wie in „Demolition Man“ Rattenfleisch verkauft. Wenn das eine Hommage an „Blade Runner“ gewesen sein soll, ist sie missglückt. Das kann Fringe besser.
Offensichtlich haben die Autoren ihre Energie in die Verhörszene gesteckt - der Satz „We have been looking for you“ ist der Auftakt zu einer weiteren Glanzleistung von John Noble. Was der Mann in dieser Folge für glaubwürdige Verwandlungen durchmacht, ist unfassbar. Es spricht für die Autoren, dass sie große Teile der Handlung auf seine Schultern gelegt haben.
Schneewittchen und der Bücher-Zwerg
Bei Walter finden wir auch das stärkste Element der Episode: Der Wandel von der klassischen Musik in seinem Kopf vor dem Verhör zu „Only You“ von Yazoo, das er nach seiner geistigen Verstümmelung auf einer zerkratzten CD in einem zerstörten Auto hört - ohne Hosen. Musik gibt uns die Hoffnung zurück, selbst nachdem wir befürchten müssen, dass der Masterplan für immer verloren ist. Im Vergleich dazu wirkt das Motiv der Pusteblume am Anfang, das sich am Ende in dem jungen Löwenzahn wiederfindet, fast abgegriffen. Beides zeigt eine handwerkliche Sorgfalt bei der Erzählung, die wir bei vielen Serien in den vergangenen Monaten vermissten.
Transilience Thought Unifier Model-11 ist eine ernste Folge, wie es sich für eine Staffel gehört, die während einer brutalen Besatzungszeit spielt. Trotzdem gibt es witzige Szenen wie den Borg-Ausspruch des Observers oder Walters Schwärmerei über den Science-Fiction-Autor Isaac Asimov. Olivia als Schneewittchen im Bernstein-Tisch des liebeskranken Buchhändlers Edward Markham (Clark Middleton) ist wunderbar. Die Episode liefert noch mehr gute Zitate als üblich, von „Killing our enemies is one thing. Saving the world is another“ bis zu „It's always the red wire. Unless it's the white wire.“
Der Cortexiphan Cold Turkey
Neben dem Schwarzmarkt der Klischees gibt es nicht viel zu meckern. Die Folge ist nichts für Leute mit Chemie-Kenntnissen: Kohlenmonoxid ist in der Luft eher kurzlebig, weil daraus Kohlendioxid und Ozon entsteht. Die Stelle erinnert uns an den kleinen Observer-Jungen aus Inner Child, der auch nicht mit dem Sauerstoffgehalt unserer Luft zurechtkam (und dessen weitere Geschichte noch erzählt werden muss). In der ganzen Folge fiel nicht einmal das Wort „Cortexiphan“, wofür man nach der vorherigen Staffel dankbar sein muss. Schockierenderweise wissen wir immer noch nicht, was mit der Kuh Gene passiert ist - aber diese Frage könnte eine persönliche Obsession sein.
Wichtiger als die Kritik ist, was die Autoren alles geschafft haben. Entgegen meinen Bedenken haben sie den Übergang vom „Monster der Woche“-Mystery-Format zum Widerstandsfilm ohne Qualitätsverlust geschafft. Sie haben sich insbesondere nicht gescheut, Fringe die dafür notwendige Brutalität zu geben, während bislang eher chirurgisch-induzierter Ekel im Vordergrund stand. Unklar bleibt, wie gut sich Etta ins Team einfügen wird, wenn sich die erste Begeisterung auf allen Seiten über das Wiedersehen gelegt hat. Die Figur braucht jetzt vor allem Platz, um sich zu entwickeln - die Kehrseite von Walters fantastischen Szenen ist die Zeit, die damit den anderen Figuren genommen wird.
Fazit
Ich habe einen Bekannten, der gerade mit Fringe anfängt und sich nach den ersten Folgen beschwert hat, dass alles irgendwie ein Abklatsch von The X-Files sei. Ich habe ihn fassungslos angestarrt, bis ich mich erinnerte, dass die Serie tatsächlich so begann. Transilience Thought Unifier Model-11 zeigt, wie weit sich die Handlung entwickelt hat.
Sie ist dabei klar eine der stärksten Episoden der Serie - am Ende mag man kaum glauben, dass nur die üblichen 45 Minuten vergangen sind. Daher gibt es hier die volle Punktzahl. Wenn alle Folgen der Staffel fünf so gut werden, können wir jetzt schon anfangen, den Wahnsinn zu beklagen, dass sie die letzte sein soll.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Montag, 1. Oktober 2012(Fringe 5x01)
Schauspieler in der Episode Fringe 5x01
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