Fringe 4x21

Fringe 4x21

Im ersten Teil des Finales bekommt das Böse ein neues Gesicht. Droht unseren Helden trotz ihrer jüngsten Erfolge ein Schachmatt? Das Serienjunkies-Review zur Episode Brave New World (1) der US-Serie Fringe.

Kriegsrat in der Episode Brave New World 1 / (c) FOX
Kriegsrat in der Episode Brave New World 1 / (c) FOX

Eigentlich, so müsste man meinen, kann David Robert Jones (Jared Harris) einpacken, denn die Fringe-Agenten haben immer wieder sein Pläne durchkreuzt und nehmen reihenweise seine Handlanger fest. In Brave New World (1) müssen sie sich allerdings fragen, ob ihre Siege wirklich Siege waren, oder ob sie Opfer einer genialen Strategie geworden sind. In der vorletzten Folge von Staffel vier wird das Tempo angezogen.

Dieser Hund jagt noch

Siehe da, siehe da, William Bell (Leonard Nimoy) lebt in dieser Zeitlinie doch. Mehr noch, sein angeblicher Tod bei einem Autounfall war ein Selbstmord wegen einer Krebserkrankung. Jetzt wissen wir endlich, warum Jones nie als Bösewicht überzeugen konnte: Er war nur ein Handlanger für Bell, eine wichtige Figur auf dem Spielbrett, sicher, aber ohne den großen Durchblick. Damit hat sich wieder etwas bestätigt: Dass man nie den Glauben an die Fringe-Autoren verlieren sollte.

Man muss ihnen auch zugute halten, dass sie Andeutungen - wenn auch zum Teil sehr subtile - in diese Richtung gegeben haben. Schach wurde mehrfach in der Serie erwähnt - zum Beispiel (wenn auch falsch) in Nothing As It Seems. Im Zusammenhang mit Alt-Nina (Blair Brown) war von pawns - Bauern - die Rede. Dass Bell schwer krank war, wissen wir seit Staffel eins, als Olivia bei ihrer ersten Begegnung in There's more than one of everything sein Sauerstoffgerät sieht.

Handlungsstränge im Schlussverkauf

Etwas frustrierend bleibt, dass wir zunächst wenig von Bells Hintergrund, Zielen und vor allem über seine Beweggründe erfahren. Stattdessen gibt es gleich zwei Katastrophen der Woche: Der Angriff mit Naniten und die Sonnenwaffe. Beide hätten je problemlos das Thema einer eigenen Folge sein können. Der Verdacht drängt sich auf, dass die Autoren angesichts des damals noch drohenden Serienendes schnell noch beide Plots in dieser Episode unterbringen wollten, nach dem Motto „Schlussverkauf, alles muss raus“.

Das ist bedauerlich, denn die Geschichte mit den Naniten wurde unter Wert verkauft. Der Anfang von Brave New World (1) gehört zu den stärksten der gesamten Serie, von der Auswahl der Musik (Billy Idol, „Eyes Without a Face“) über die gespenstischen Aufnahmen der Rolltreppen hin zu den zwei falschen Fährten - zuerst scheint Kaffee der Auslöser zu sein, dann Handy-Strahlung (dass dabei massiv Werbung für einen gewissen Netzbetreiber gemacht wurde, dämpft nur etwas die Begeisterung). Die Psi-Kräfte von Olivia (Anna Torv) machen einen Sprung - nur was der Angriff erreichen sollte, das weiß keiner. Warum mit so einem großen Aufwand ein paar Leute töten, wenn man eigentlich ganze Universen auslöschen will?

Olivia - Superwoman oder Superwaffe?

Das wurde für den Zuschauer erst klarer, als die zweite Katastrophe drohte: Die Sonnenwaffe. Dieser Teil der Folge war schlicht schlecht - mehr dazu weiter unten - mündete aber darin, dass die Kräfte von Olivia (Anna Torv) einen zweiten großen Sprung gemacht haben.

Nehmen wir diese Entwicklung und kombinieren sie mit Bells Vortrag über Schach, können wir immerhin eine Theorie über seinen Plan aufstellen: Die Waffe ist in Wirklichkeit Olivia und Bell will sie zur Explosion (oder etwas in der Art) bringen. Alt-Nina hat ihr Cortexiphan verabreicht und mit der gespielten Folter ihre Fähigkeiten auf eine höhere Stufe gehoben. Die Naniten und die Sonnenwaffe hätten dann auch nur dieses Ziel: Ein level up bei Olivia zu erzwingen. Das würde auch erklären, warum Bell seine Figuren auf diese Weise opfert und die scheinbaren Rückschläge ihn nicht aus der Ruhe bringen. Dazu würde ebenfalls der Hinweis in Letters of Transit passen, dass Bell Olivia etwas unverzeihliches angetan haben soll. Und vom Observer wissen wir, dass sie sterben muss, in jeder Zukunft.

Ja, das ist Spekulation, aber das gehört zum Spaß dazu. Erst am Freitag werden wir wissen, wie weit ich damit daneben liege.

Cortexiphan - hält auch Milch länger frisch!

Während wir bei Cortexiphan sind: Eine der Grundregeln bei Science Fiction und Fantasy ist dass der Autor am Anfang die Regeln seines Universums festlegt - es gibt doch Vampire, sagt uns „Twilight“ - und sich dann für die restliche Geschichte innerhalb dieses Rahmens bewegt.

Fringe spielt mit dieser Konvention, in dem eine Steigerung eingebaut wurde. Es gehört zu den Meta-Regeln der Serie, dass die Technologien immer abgefahrener und die wissenschaftlichen Durchbrüche immer abenteuerlicher werden, bis zu dem Punkt, an dem sie - um den britischen Autor Arthur C. Clarke zu zitieren - nicht mehr von Zauberei zu unterschieden sind. Bei Fringe sind die fliegenden Monster in Nothing As It Seems der bisherige Höhepunkt dieser Entwicklung, denn nach den Gesetzen der Physik sind sie eigentlich unmöglich.

Angriff der Maschinengeister

Selbst unter diesen Bedingungen sind die eskalierenden Fähigkeiten von Cortexiphan eine Beleidigung für den Zuschauer. Wir hatten beim Review von Worlds Apart im Scherz gesagt, dass acht von zehn Fringe-Autoren auf das Wundermedikament schwören, um einen schnellen Handlungsbogen zu schlagen. Die Quote ist jetzt auf neun von zehn gestiegen: Plötzlich erfahren wir, dass es auch Zellgewebe regeneriert. Wenn das verdächtig danach klingt, als könnte man Tote zum Leben erwecken - vielleicht, sagen wir mal, durch einen Cortexiphan-Zitronenkuchen mit Schweinehirn - dann können wir die schwere Schussverletzung von Astrid (Jasika Nicole) mit Gelassenheit verfolgen. „I wouldn't eat it“, sagt Walter zwar, aber wir ahnen es schon, Cortexiphan wird es wohl richten, denn Cortexiphan kann im Zweifelsfall alles.

Überhaupt, in dieser Folge gibt es eine Menge „plötzlich“. Da ist das Öl, das plötzlich unter Boston zu finden sein soll, Satelliten, die Bell plötzlich unter seiner Kontrolle hat und ein Unfalltod, der plötzlich doch keiner war. An sich ist gegen keinen dieser Punkte etwas einzuwenden. Sie kommen nur sehr, nun, plötzlich. Es wäre zum Beispiel kein Problem gewesen, das Öl bei einem Gespräch zwischen Olivia (Anna Torv) und Bolivia einzuführen - du, wir haben was gefunden, vielleicht guckt ihr auf eurer Seite auch mal nach. Oder den Selbstmord von Bell am Anfang der Staffel als Änderung in dieser Zeitlinie zu präsentieren, vielleicht als weitere Belastung für Walter. So grenzen diese Enthüllungen an deus ex machina und verstärken den Eindruck, dass große Teile dieser Episode aus Resten zusammengezimmert wurden.

John Noble is Our Master Now

Langsam wird es Zeit, das Lob für die Leistung von John Noble als Textbaustein abzuspeichern. Wie in den vergangenen Folgen hat er die besten Sprüche („I'm human, what are you?“), die besten kleinen Gesten (wie er über die Naniten-Leiche steigt) und die besten emotionalen Konflikte (während seines Besuchs in der Psychiatrie). Walters „Peace out“ verdient es, zu einem Internet-Meme zu werden. Streckenweise entsteht der Eindruck, dass er und nicht Olivia die Hauptfigur von Fringe ist. Das ist natürlich unfair, denn das Drehbuch bietet Anna Torv gerade nicht die Gelegenheit zu solchen Glanzmomenten nach ihren starken Szenen in früheren Staffeln. Trotzdem, im Moment kann man bei Fringe zwischen Szenen mit und ohne Noble unterscheiden. Die ohne Noble wirken vergleichsweise fade.

Allerdings bringen sie die Haupthandlung weiter. Seit Letters of Transit wissen wir, dass es an dem Kind von Peter (Joshua Jackson) und Olivia liegt, unsere Welt zu retten. Entsprechend ist alles wichtig, was uns dem Geburt ihrer Tochter Etta (Georgina Haig) näher bringt, einschließlich der Entscheidung, dass ihr gemeinsames Haus ein Kinderzimmer haben soll. Ein Teil von mir ist über diese Entwicklung traurig, denn sie hat der Serie etwas von ihrer Romantik genommen. Für den Zuschauer ist nicht mehr die Hoffnung auf einen Sieg der Liebe der Grund, Peter und Olivia zusammen sehen zu wollen. Wie bei einem Königspaar geht es jetzt auch darum, dass sie unbedingt einen Erben hervorbringen müssen.

Olivia, wenn man dich fragt, ob du eine Göttin bist ...

Ich muss zum Ende noch einmal über die Szenen mit der Sonnenwaffe meckern. In Fringe ziehen die Agenten, egal in welchem Universum, nicht allein los, sondern rufen sofort nach backup. So soll das auch sein. Dieses mal - man könnte auch sagen, plötzlich - wollen Peter und Olivia die Welt im Alleingang retten. Wie praktisch, denn dann kann kein Scharfschütze Jones vom Dach holen. Unklar bleibt auch, warum nicht mit einem Anruf der Strom im Straßenblock abgestellt wird. Wenigsten reden sollte man über diese offensichtliche Alternative, selbst wenn die Antwort „zu gefährlich“ lautet. Jones hat offenbar keinen Ahnung von Schach, sonst würde er wissen, dass gegnerische Figuren „geschlagen“ und nicht „geopfert“ werden.

(Und am Rande bemerkt: Peter muss sich sofort von Olivia trennen. Wie bitte kann man mit einer Frau sein Leben verbringen wollen, die Anspielungen auf „Ghostbusters“ nicht versteht? Er hätte doch Bolivia nehmen sollen.)

Fazit

Wegen meiner Besessenheit für das Handwerkliche hinterlässt Brave New World (1) bei mir einen gemischten Eindruck. Zu viele Dinge wirken improvisiert, der Abschnitt mit der Sonnenwaffe gehört zu den schwächeren der Serie und Cortexiphan droht zu einem ähnlich überstrapazierten plot device zu werden wie Kryptonit bei „Superman“. Wer seine Prioritäten anders setzt, dürfte dagegen viel Gefallen an der Episode gefunden haben. Der Anfang ist erstklassig und es werden zentrale Fragen schlüssig beantwortet, einschließlich der, warum Jones 20 Folgen lang nicht wie ein Mastermind gewirkt hat. Wir können jetzt wenigstens spekulieren, wie Bell die Welt vernichten will, haben erneut eine fantastische Leistung von John Noble gesehen und bekamen jede Menge Action geboten.

Die Autoren von Fringe haben dabei dem zweiten Teil des Finales eine große Last aufgebürdet, denn es gibt viel zu erklären. Das muss kein Problem sein. Sie haben uns in den vergangenen drei Staffeln immer wieder Abschlussfolgen geliefert, die mit einem Hammer geendet haben. Die Zeit bis Freitag zieht sich jetzt schon.

Auch in Zukunft werden bei Serienjunkies.de regelmäßig Reviews zur Serie „Fringe“ erscheinen. Diese werden von einem Gastautoren geschrieben.

Trailer zur nächsten Episode von 'Fringe' - Brave New World (2)[videosj=fringebnw2-trailer]

Verfasser: Bernd Michael Krannich am Montag, 7. Mai 2012
Episode
Staffel 4, Episode 21
(Fringe 4x21)
Deutscher Titel der Episode
Schöne neue Welt (1)
Titel der Episode im Original
Brave New World (1)
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 4. Mai 2012 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 20. August 2012
Autoren
J.H. Wyman, Jeff Pinkner, Akiva Goldsman
Regisseur
Joe Chappelle

Schauspieler in der Episode Fringe 4x21

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