Fringe 4x18

Fringe 4x18

Endlich darf auch Walter mal auf die andere Seite. Und wir erfahren, was die große Gefahr ist - sorta, kinda, maybe zumindest. Das Serienjunkies-Review zur neuen Episode der US-Serie Fringe.

John Noble als Walter Bishop in „Fringe“: In der Episode The Consultant in alter Form / (c) FOX
John Noble als Walter Bishop in „Fringe“: In der Episode The Consultant in alter Form / (c) FOX

Nach Lincoln Lee (Seth Gabel) ist jetzt Walter (John Noble) an der Reihe, als Berater - The Consultant - im Paralleluniversum an einem Fall mitzuarbeiten. Dort sucht Bolivia (Anna Torv) verzweifelt nach dem Verräter in den eigenen Reihen, der Alt-Lee auf dem Gewissen hat. Und die Macher von Fringe lüften endlich etwas von dem Geheimnis um die Machenschaften des Bösewichtes David Robert Jones (Jared Harris).

Welcher Zusammenbruch wird's denn?

Das Wichtigste zuerst: Nach 18 von 22 Folgen bekommen wir doch schon eine Vorstellung davon, was die „Große Gefahr“ dieser Staffel ist, oder zumindest sein könnte: In den letzten Sekunden erklärt Walter, dass Jones in der Lage ist, die beiden Universen zu ... nun ... äh ...

Richtig klar wird das immer noch nicht. Walter sagt wörtlich: „He could collapse both universes.“ Das könnte heißen, dass er beide Universen jeweils „einstürzen“ lassen kann; sie wären dann zerstört. Oder er könnte beide „ineinander fallen“ lassen. Dann gäbe es nur noch ein Universum, gebildet aus den beiden jetzigen. Ein Blick zu den amerikanischen Fringe-Fans zeigt, dass die Muttersprachler auch nicht weiter wissen.

Etwas Quantenphysik ...

Ich sage: Jones hat einen Weg gefunden, um die zwei Universen zu verschmelzen. Dazu passt der Begriff des wave function collapse , dem „Zusammenbruch der Wellenfunktion“, aus der Quantenphysik: Dabei werden zwei Eigenzustände zu einem Zustand reduziert (hier kommt offenbar Schrödingers Katze ins Spiel). Dazu passt Walters Handbewegung - er zieht die Hände zusammen - und das Gerede über Schwingungen. Auch das Experiment in der Folge Welcome to Westfield geht in diese Richtung.

Schaut man sich das Ergebnis dort an, könnte die genaue Bedeutung von to collapse am Ende schnurz sein: Alles war zerstört.

Was uns zur Frage führt, warum Jones so etwas würde machen wollen. Was ist sein Ziel? Was ist seine Motivation? Was ist das für ein Mann in dieser Zeitlinie? Und vor allem, warum müssen wir uns in den letzten Folgen der vielleicht letzten Staffel überhaupt noch mit diesen Fragen beschäftigen? So schön die Figuren und ihre Psychen in den vergangenen 17 Episoden herausgearbeitet wurden, der Spannungsbogen müsste eigentlich schon stehen. Wäre es so schwer gewesen, Jones irgendwann am Anfang der Staffel etwas wie „If I have to die, everyone will die“ oder meinetwegen auch „Now I am become Death, the destroyer of worlds“ sagen zu lassen? Es wird immer schwieriger, diese Unsicherheit nicht als ein klarer, für die Serie vielleicht fataler handwerklicher Fehler der Autoren zu sehen.

... und etwas Bibelkunde

Wenn wir schon mit religiösen Zitaten von Physikern wie J. Robert Oppenheimer um uns werfen: In dieser Folge wird wieder über Gott geredet, was bei Fringe gerne passiert, wenn Walter länger im Bild ist. Seine Variante von Römer 1,18 ist dabei auffällig unvollständig. Er sagt:

The wrath of God is revealed from heaven against all unrighteous men

Tatsächlich aber geht der Satz in der King James Bible weiter:

For the wrath of God is revealed from heaven against all ungodliness and unrighteousness of men, who hold the truth in unrighteousness

(18Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Wesen und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.“) Es geht nicht um ungerechte Menschen allgemein, sondern um solche, die sich der Wahrheit in den Weg stellen. Auch wenn wir uns hier hart an der Grenze zur Überinterpretation bewegen: In dieser Folge bekommen die Leute, die sich von der Wahrheit abgewandt haben -- Alt-Nina (Blair Brown) und Alt-Broyles (Lance Reddick) -- tatsächlich Ärger.

Dein Sohn oder das Universum?

Alt-Broyles ist dabei nach Alt-Nina und Alt-Lee die nächste Figur, die die Autoren vor dem Endspiel vom Brett nehmen. Wir erfahren, dass er von Jones erpresst wurde, der als Einziger seinem schwer kranken Sohn helfen kann. Die philosophische Frage der Episode lautet damit: Wie weit würdest du gehen, um dein Kind zu retten? Walter sagt mit einer erstaunlichen Offenheit, dass er jetzt, im vollen Bewusstsein aller Konsequenzen, vielleicht doch bereit wäre, für Peter (Joshua Jackson) wieder beide Universen in Gefahr zu bringen. Bei Alt-Broyles setzt sich am Ende dagegen die primary motivation der Figur durch, sein Gerechtigkeitssinn. Er stellt sich unserem Broyles und opfert seinen Sohn.

(Eigentlich hätte man an dieser Stelle von Walter eine Anspielung auf Abraham erwarten können, der bekanntlich von Gott aufgefordert wurde, seinen Sohn Isaak zu opfern. Kommt vielleicht noch.)

Im Rahmen der Gesamthandlung ist das nach der Festnahme von Alt-Nina ein zweiter Rückschlag für Jones: Er hat seinen Maulwurf verloren. Aber da wir als Zuschauer Jones' Pläne nicht kennen, wissen wir dummerweise auch nicht, wie schwer er getroffen ist - nur eine Fleischwunde, wie man bei Monty Python sagen würde, oder ist vielleicht sein ganzer Plan hin? Die Sicherheitsvorkehrungen an der Maschine dürften jetzt deutlich verstärkt werden. So oder so ist der Ausgang dieser Folge nicht wirklich förderlich für die Spannung.

Sherlock Holmes und Freizeitdrogen

Zerstörte Welten, Gottes Zorn und kranke Kinder -- das ist alles schwere Kost und passt eigentlich nicht zum Ton der Episode, die besonders am Anfang eine der witzigsten seit langem war. An erster Stelle muss Walter erwähnt werden, der fast wieder seinem alten Ich ähnelt. Ob er einem humorbefreiten Soldaten fröhlich von seinem Drogenkonsum erzählt oder zähneknirschend zugeben muss, dass ein Flugzeugabsturz ein Flugzeug voraussetzt: Hier haben sich die Autoren auf die Dialoge besonnen, die in den ersten Staffeln begeistert haben. Walters Zusammenspiel mit Bolivia ist zauberhaft, besonders wenn man bedenkt, wie die Beziehung der beiden angefangen hat.

Wir erfahren eine große Zahl von trivialen, aber trotzdem faszinierenden Fakten über das andere Universum: Es gibt keine Flugschreiber, keine Kissen aus viscoelastischem Schaum und - kaum zu glauben - kein Sherlock Holmes. Dafür werden dressierte Dachse als Haustiere gehalten. Es wäre schön, wenn jemand mit Ahnung von US-Militäruniformen sich genauer die von Bolivia am Anfang der Episode anschauen könnte: Zwar sind die Fringe-Abzeichen an ihrem Kragen klar zu erkennen, aber es würde nicht wundern, wenn hier mehr Details versteckt sind.

Die Meckerliste beginnt mit der plötzlichen Fähigkeit von Walter, mit nur zwei Kabeln und ein paar Stimmgabeln herauszufinden, aus welchem Universum jemand stammt. Das habe ich aufwändiger in Erinnerung. Auf Liberty Island - in der Szene mit dem Auflauf - spricht der Wachsoldat Bolivia sein Mitgefühl wegen des Todes von „Agent Lee“ aus. Aber auf der anderen Seite gehört Fringe zum Militär, und Alt-Lee war „Captain“. Entweder ist der Soldat verwirrt, oder der Tod von Alt-Lee wurde auf der anderen Seite vertuscht, oder es ist schlicht ein Fehler.

Fazit

Ich bin mir nicht sicher, ob ich diese Folge für eine der besten der Staffel halten oder an ihr verzweifeln soll. In vielen Punkten - der bizarre Fall der Woche, der Umgang der Figuren miteinander, der Humor, die Einzelheiten aus dem Paralleluniversum - zeigt sie das Beste von Fringe. Gleichzeitig bleibt die Gesamthandlung weiter frustrierend und Jones droht, zu einem Comic-Bösewicht der schlimmsten Sorte abzurutschen. Am Ende siegt der Spaß, aber mit einem bitteren Nachgeschmack. Wer haut uns da noch raus?

Auch in Zukunft werden bei Serienjunkies.de regelmäßig Reviews zur Serie „Fringe“ erscheinen. Diese werden von einem Gastautoren geschrieben.

Trailer zur Fringe-Episode "The Nineteenth"
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Montag, 16. April 2012
Episode
Staffel 4, Episode 18
(Fringe 4x18)
Deutscher Titel der Episode
Der Berater
Titel der Episode im Original
The Consultant
Erstausstrahlung der Episode in den USA
Freitag, 13. April 2012 (FOX)
Erstausstrahlung der Episode in Deutschland
Montag, 13. August 2012
Autor
Christine Lavaf
Regisseur
Jeannot Szwarc

Schauspieler in der Episode Fringe 4x18

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