Fringe 4x17

Nach seinem Höllentag in der vergangenen Episode von Fringe steht Agent Lincoln Lee (Seth Gabel) wieder im Mittelpunkt: In Everything In Its Right Place reist er zur anderen Seite und hilft bei einem Mordfall aus, der, welch Wunder, irgendwie seltsam ist. Der enge Kontakt mit Bolivia (Anna Torv) und seinem Gegenstück Alt-Lee zwingt ihn, sein Leben zu überdenken. Nicht umsonst lautet der Twitter-Hashtag für diese Episode #FaceYourself.
An dieser Folge habe ich wieder gemerkt, dass mein Gehirn anders funktioniert als das normaler Menschen. Die lachen über den Wer-ist-Batman-Dialog und wenden ihre Aufmerksamkeit dann der eigentlichen Geschichte zu: Die gute Nachricht von der Heilung der Risse zwischen den Welten, der Heldenempfang für Lee im Paralleluniversum, sein längst überfälliger Entwicklungsschub. Sie haben nicht eine Stimme im Hinterkopf, die unablässig sagt: Die Sache mit Batman, die stimmt nicht, natürlich gibt es ihn, das wissen wir doch ...
Geh doch nach drüben
Und das ist gut so, denn viel wichtiger ist in dieser Episode die Linderung der langen Leiden des Lincoln Lee. Sein Leben in unserer Welt konnte man vergangene Woche mit drei Buchstaben zusammenfassen: FML, fuck my life. Diesmal gibt Olivia ihm auch noch sein symbolschwangeres Indianer-Ding zurück. Dabei wird nochmal klar, dass sie sich nicht im Geringsten an ihr Treffen erinnert -- Whatever, würde in einer Gedankenblase über ihrem Kopf stehen. Mehr noch, sie lässt Lee für die Kuh stehen. Wie tief kann ein Mann noch sinken? Besser, sich in die andere Welt zu flüchten, selbst wenn man dort mit einer unangenehmen Frage konfrontiert wird: Warum ist mein Gegenstück so viel cooler als ich?
Wir sind wieder bei einer, wenn nicht der, Kernfrage von Fringe: Wieso entwickeln sich Menschen auf eine gewisse Weise? Wir haben im Lauf der Serie schon mehrere Antworten erhalten. Olivias Persönlichkeit wurde von Chemie und Psychofolter geprägt und Peter (Joshua Jackson) ist nicht umsonst von der griechischen Mahnung fasziniert, ein besserer Mann zu sein als der eigene Vater. Walternate (John Noble) und Alt-Nina (Blair Brown) mussten ohne einen William Bell (Leonard Nimoy) auskommen, Alt-Astrid (Jasika Nicole) hat schlicht Pech gehabt. Und dann war da noch der Junge, der mit anschauen musste, wie seine Eltern bei einem Raubüberfall in Gotham City auf offener Straße ermordet wurden.
Amerikaner sprechen von einer Gabelung auf der Straße des Lebens, the road not taken, nach einem berühmten Gedicht von Robert Frost. Entsprechend tauchte das als Name einer zentralen Folge der ersten Staffel auf (der Titel dieser Episode ist übrigens eine Anspielung auf ein englisches Sprichwort).
Der Sieg des freien Willens
Aber bei den Lees scheint es kein Schlüsselerlebnis, keine große Abweichung im Lebenslauf gegeben zu haben. Diesen Fall hatten wir noch nicht. Er glaube an den freien Willen, sagt Alt-Lee -- „Maybe I just made a choice to become the man I wanted to be“. Ein Mensch, zeigt uns Fringe diesmal, ist nicht nur ein Spielball des Schicksals, sondern hat die Chance, sich selbst zu verändern. Alt-Lee zeigt uns, dass es in der Serie diesen freien Willen gibt.
Das scheint wiederum ein Schlüsselerlebnis für unseren Lee zu sein, der diese Lebensphilosophie in einer vorbildlichen Transferleistung sofort dem Bösewicht der Woche predigt. Der philosophiert darüber, dass Menschen gebraucht oder wenigstens vermisst werden wollen, was genau auf Lee zutrifft. Der Tod von Alt-Lee beweist Lees Verwandlung: Statt nach Hause zu gehen, wo er mit Peter (und einer Kuh) um Olivias Aufmerksamkeit konkurrieren muss, kehrt er zur Bolivia zurück. Alt-Lee muss für die Liebe sterben oder wenigstens die Chance auf Liebe. Das ist im Rahmen der Serie, um ein Zitat aus The Dark Knight Returns zu entfremden, ein guter Tod.
In dieser Episode wird das Paralleluniversum als ein Ort gezeigt, der - abgesehen von gewissen Comic-Problemen - durchaus mit unserer Welt mithalten kann. Man kann sogar argumentieren, dass Lee mit der frechen und lebensfrohen Bolivia besser dran ist als mit der Spaßbremse Olivia, die einen ganzen Steinbruch an Psycho-Ballast mit sich schleppt. Wenn es in der anderen Welt wenigstens noch Spider-Man gibt, bietet sich für Bolivia in einer der kommenden Folgen der Spruch der Sprüche an: „Face it, tiger, you just hit the jackpot“.
Spannung weiter Fehlanzeige
Ach ja, die Gesamthandlung. Die Guten scheinen David Robert Jones (Jared Harris) eine empfindliche Niederlage zugefügt zu haben. Allerdings wissen wir immer noch nicht, was er genau plant. Das Universum zerstören? Die Menschheit versklaven? Arkham Asylum besetzen? Nach zwei Staffeln, in denen es um nichts weniger als die Existenz des Universums ging, bleibt kurz vor Ende der vierten immer noch offen, was wirklich auf dem Spiel stehen soll. Der Serie würde es gut tun, wenn wir wenigstens die Dimension der Bedrohung erahnen könnten. Denn bei aller Begeisterung für die Entwicklung der Figuren, richtige Spannung will nach wie vor nicht aufkommen.
Die Meckerliste ist dieses Mal kürzer. Dass Bolivia eine Scharfschützin ist, die aus den unmöglichsten Entfernungen und Winkeln trifft, ist Teil des Kanons und geht in Ordnung. Dass Normalsterbliche vom Dach aus ohne Stativ so gut treffen können, ist weniger glaubwürdig. Die Polizei im anderen Universum zeigt eine erstaunliche Bereitschaft, Junkies irgendwelche bizarren Geschichten abzukaufen.
Was uns wieder zu Batman zurückbringt.
Batman Returns
Gehen wir zurück zum Ende von Staffel zwei und schauen uns den zweiten Teil von Over There an, als Peter eine Wohnung im alternativen Universum besichtigt. Dort hängen alternative Versionen von berühmten Comics an der Wand. Und darunter ist ganz eindeutig das Heft, in dem Batman stirbt (in unserer Welt war es Superman, der mit dieser Black Bag Edition geehrt wurde). Batman gab es also sehr wohl im anderen Universum, zumindest bis die Zeitline umgebaut wurde.
Womit Fringe ein neues Rätsel hat: Warum ist mit Peter auch Batman aus der Welt verschwunden? Ist er etwa in der wirklichen Wirklichkeit Bruce Wayne?
Auch in Zukunft werden bei Serienjunkies.de regelmäßig Reviews zur Serie „Fringe“ erscheinen. Diese werden von einem Gastautoren geschrieben.
Verfasser: Bernd Michael Krannich am Montag, 9. April 2012(Fringe 4x17)
Schauspieler in der Episode Fringe 4x17
Was bedeutet eigentlich „TBA“ in der Anzeige bei Episodenführern?